mini|Leon Kellner Leon Kellner (* 17. April 1859 in Tarnów, Galizien, Kaisertum Österreich; † 5. Dezember 1928 in Wien; Pseudonym: Leo Rafaels) war ein österreichischer Anglist, Zionist, Literaturhistoriker und Volksbildner.

Leben Kindheit, Jugend und Studium Leon Kellner war der Sohn jüdischer Kaufleute, die in bescheidenen Verhältnissen lebten.Soweit nicht anders angegeben, folgen die biographischen Angaben Anna Kellner: Leon Kellner. Sein Leben und sein Werk, Wien 1936, hier S. 7–26. Sein Vater Rafael Kellner war Getreidehändler; seine Mutter Lea KellnerZu ihr siehe Lea Kellner. In: Der jüdische Volksrat 111, 28. Februar 1913, S. 2. stammte aus einer Gelehrtenfamilie und hatte auch selbst eine gute Schulbildung genossen. Als sich die wirtschaftliche Lage ihres Mannes aufgrund des Anschlusses der Region an das Eisenbahnnetz und damit an den überregionalen Handelsverkehr massiv verschlechterte, eröffnete sie einen kleinen Gemischtwarenladen und bestritt so den Lebensunterhalt der Familie.

Wie damals in den frommen jüdischen Familien Galiziens üblich, kam Leon bereits im Alter von drei Jahren in die jüdische Schule, den Cheder. Er erlernte dort das hebräische Alphabet und las in der Thora. Da er sich als begabter Schüler erwies, wurde er vom Lehrer bald mit der Unterweisung seiner jüngeren Mitschüler beauftragt. Als Leon dreizehn Jahre alt war, beschlossen seine Eltern, ihm die deutsche Sprache beibringen zu lassen, da die deutsche Sprache damals im zu Österreich-Ungarn gehörenden Galizien eine große Rolle spielte. Der zu diesem Zweck engagierte Privatlehrer überschritt allerdings die Grenzen seines Auftrages und vermittelte seinem Schüler neben den geforderten einfachen Sprachkenntnissen auch Geographie, Geschichte und Literatur. Seinen Wissensdurst musste Leon gegen große Widerstände aus seiner Familie verteidigen, die sein Eindringen in das nichtjüdische Geistesleben argwöhnisch beäugte und den Unterricht folgerichtig nach einiger Zeit wieder einstellen ließ.

Es folgte eine kurze Zeit familiären Konflikts, der letztlich in der Entscheidung sein Ende fand, den Jungen am angesehenen Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau studieren zu lassen. Die Eltern beauftragten einen fortgeschrittenen Schüler damit, ihn in die Gegenstände des Gymnasialunterrichts einzuführen, und so konnte Leon im Herbst 1876 in die Gymnasialabteilung des Breslauer Seminars aufgenommen werden. Aber schon im zweiten Schuljahr wurde ihm bewusst, dass die dort vermittelten Inhalte nicht seinen Erwartungen entsprachen. Zu traditionell und konservativ erschienen ihm die Vorträge seiner Lehrer. Sein Mentor David Rosin riet ihm daher, die theologische Ausbildung vorerst zu unterbrechen und an ein Obergymnasium zu wechseln. So zog Leon Kellner 1878 nach Bielitz in Österreichisch-Schlesien, um dort die Reifeprüfung abzulegen. Dort lernte er auch seine zukünftige Ehefrau Anna Weiß kennen.

Am Gymnasium war er von den sprachlichen Fächern am meisten angetan, so dass es nahe lag, nach Ablegung der Reifeprüfung ein philologisches Studium in Angriff zu nehmen. Im Herbst 1880 immatrikulierte er sich an der Universität Wien. Zunächst belegte er Veranstaltungen in den klassischen Sprachen, doch da die modernen Sprachen im Lehrberuf ein besseres Auskommen versprachen und er möglichst bald heiraten wollte, verlegte er den Schwerpunkt seiner Studien bald auf die Neuphilologien. Kellner hörte Anglistik bei Jakob Schipper und Alois Brandl, Romanistik bei Adolf Mussafia und Ferdinand Lotheissen, Germanistik bei Richard Heinzel, Jakob Minor und Erich Schmidt, Sanskrit und Vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen bei Friedrich Max Müller, Lautphysiologie bei Ernst Wilhelm von Brücke, Griechische Grammatik bei Wilhelm von Hartel und Orientalische Sprachen bei David Heinrich Müller. Zu Beginn des zweiten Semesters legte er die Aufnahmeprüfung für das Englische Seminar der Universität ab, dem er ab diesem Zeitpunkt als ordentliches Mitglied angehörte. Seinen Lebensunterhalt verdiente Kellner während seiner Studienjahre als Hauslehrer bei mehreren wohlhabenden Familien. 1883 promovierte er bei Schipper zum Dr. phil. über Die Genera Verbi bei Shakespeare.Siehe Gunta Haenicke, Thomas Finkenstaedt: Anglistenlexikon 1825–1990. Biographische und bibliographische Angaben zu 318 Anglisten, Augsburg 1992, s. v. Kellner Leon.

Lehrer in Wien und Troppau Noch im Winter 1883/84 nahm Kellner seine Lehrtätigkeit als Supplent an einer Oberrealschule und an einem Gymnasium in Wien auf.Siehe zu diesem Abschnitt siehe A. Kellner, S. 26–37, 52–70. Da das Einkommen aus dieser Tätigkeit nicht ausreichte, trat er außerdem eine Stelle als Religionslehrer am Franz-Joseph-Gymnasium (heute Gymnasium Stubenbastei) an und übernahm die Neukatalogisierung der Bibliothek der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. Zu dieser Zeit begann mit dem Erscheinen seines Aufsatzes über Schopenhauer als Sprachforscher in Heinrich Friedjungs Deutscher Wochenschrift vom 24. Februar 1884 auch seine publizistische Tätigkeit, die er mit seinen Feuilletons in der „alten“ und der Neuen Freien Presse und dem Neuen Wiener Tagblatt über viele Jahre fortsetzte.

Im Sommer 1885 reiste Kellner zum ersten Mal nach England und verbrachte ab da einige Jahre lang zumindest den Sommer in Großbritannien, um im Britischen Museum seinen philologischen Interessen nachgehen zu können. Im Herbst 1886 absolvierte er die Lehramtsprüfung für die Hauptfächer Englisch und Französisch und für Deutsch als Nebenfach.

Auf der Grundlage der während seiner Englandaufenthalte gewonnenen Forschungsergebnisse konnte sich Kellner im Frühjahr 1890 mit einer Edition von William Caxtons Blanchardyn and Englantine und einer Studie über Caxton’s Syntax and Style für das Gesamtgebiet der englischen Philologie habilitieren. In den darauf folgenden drei Semestern hielt er als Privatdozent an der Universität Wien mehrere Vorlesungen zur englischen Sprach- und Literaturgeschichte. Seine akademische Lehrtätigkeit fand allerdings schon im Herbst 1891 ein vorläufiges Ende, da er zum wirklichen Lehrer an der Staatsoberrealschule in Troppau ernannt wurde. Seine Erfahrungen als Pädagoge hielt er in einer Reihe von Skizzen nieder, die Anna Kellner nach dem Tod ihres Mannes unter dem Titel Meine Schüler veröffentlichte.

Ungeachtet der durchwegs positiven Erfahrungen in Troppau zog es Kellner nach Wien zurück, da er seiner universitären Tätigkeit weiter nachgehen wollte. Im Herbst 1894 erhielt er eine Stelle an der Oberrealschule in Wien-Währing und übersiedelte mit seiner Familie – mittlerweile waren zwei der drei Kinder des Paares geboren worden – zurück in die Hauptstadt. Einer seiner Schüler an der Währinger Oberrealschule war der junge Oskar Kokoschka.Siehe Oskar Kokoschka: Mein Leben, Wien 2008, S. 43 f. Schon im darauf folgenden Jahr konnte Kellner seine Vorlesungen an der Wiener Universität wieder aufnehmen.

Den bedeutendsten Einfluss auf Kellners weiteren Lebensweg hatte die Begegnung mit dem ebenfalls für die Neue Freie Presse tätigen Theodor Herzl, die zu einer engen Freundschaft zwischen zwei Gleichgesinnten führen sollte. Ihren Ausgang nahm diese Beziehung Mitte der 1890er Jahre, als Kellner einen Brief von Herzl erhielt, in dem dieser den Anglisten bat, die Druckbögen der englischen Übersetzung von Herzls Werk Der Judenstaat durchzusehen und sich eine Meinung über deren Qualität zu bilden:Leon Kellner: Herzl und Zangwill. In: Tulo Nussenblatt (Hrsg.): Zeitgenossen über Herzl, Brünn 1929, S. 112–114, 112 f.

Seit diesem Zeitpunkt engagierte sich Kellner intensiv in der zionistischen Bewegung.

Im Schuljahr 1898/99 ließ sich Kellner von seinen Unterrichtspflichten beurlauben und übersiedelte mit seiner Familie nach Großbritannien. Während dieser Monate war er vor allem mit der vollständigen Überarbeitung des inzwischen veralteten englisch-deutschen Wörterbuches von Friedrich Wilhelm Thieme (1. Auflage 1846) für den Vieweg-Verlag befasst. Parallel dazu arbeitete er am Band Shakespeare für die von Rudolf Lothar im Verlag E. A. Seemann herausgegebene Reihe Dichter und Darsteller. Sein Buch Ein Jahr in England 1898–1899, eine Sammlung von Essays Kellners über das Leben in England, erschien im folgenden Jahr im Cotta-Verlag.

Nach seiner Rückkehr nach Wien im Herbst 1899 setzte Kellner seine Lehrtätigkeit an Universität und Schule fort.

Professor und Politiker in Czernowitz Fünf Jahre später, im Frühjahr 1904, erreichte Leon Kellner die Nachricht von seiner Bestellung zum außerordentlichen Professor für englische Philologie an der jungen Franz-Josephs-Universität Czernowitz in der damals österreichischen Bukowina.Siehe zu diesem Abschnitt A. Kellner, S. 71–80. Die Ernennung zum Ordinarius erfolgte im Herbst 1909.Siehe Haenicke: Finkenstaedt, s. v. Kellner Leon. An der Czernowitzer Universität trat er durch die Gründung des Philologischen Vereines hervor, in dem die Vertreter der einschlägigen Disziplinen wöchentlich zum fachlichen Austausch zusammenkamen. Auch an den populärwissenschaftlichen „volkstümlichen Universitätskursen“ war Kellner mit Vorträgen zur englischen Literaturgeschichte beteiligt.

Sein Interesse für die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung blieb auch während seiner Czernowitzer Zeit ausgeprägt. Die politische Landschaft des Bukowiner Judentums befand sich in diesen letzten Jahren der Habsburgermonarchie in einer schwierigen Lage, die maßgeblich vom Konkurrenzdenken der beteiligten Fraktionen geprägt war. 1908 spaltete sich die Bukowiner zionistische Distriktsorganisation von der gesamtösterreichischen Landesorganisation ab, doch die Konstituierung eines eigenen Landeskomitees erfolgte erst 1910. Zum ersten Vorsitzenden wurde Leon Kellner gewählt. Noch im selben Jahr gründete er mit einigen Gleichgesinnten den „Volksrat der Juden“, mit dem er 1911 in den Landtag der Bukowina einzog.Siehe dazu Adolf Gaisbauer: Davidstern und Doppeladler. Zionismus und jüdischer Nationalismus in Österreich 1882–1918, Wien u. a. 1998, S. 354–368.

Als Politiker setzte er sich sowohl für konkrete Verbesserungen der jüdischen Lebensverhältnisse im Kronland als auch für die Stärkung der politischen Vertretung des Judentums ein. Exemplarisch ist in diesem Zusammenhang seine am 13. Jänner 1913 vor dem Landtag gehaltene Rede, in der er für die Anerkennung der Juden als eigenständige Nation eintrat:Rede des Abgeordneten Prof. Dr. Leon Kellner zur Begründung des Antrags auf Aenderung der Landtagswahlordnung (13. Jänner 1913). In: Der Jüdische Volksrat 106, 24. Januar 1913, S. 1 f., 2. Siehe dazu auch Gerald Stourzh: Galten die Juden als Nationalität Altösterreichs? In: Studia Judaica Austriaca. 1984, S. 73–98.

Kellner betonte weiter, dass für ihn die Gründung eines eigenständigen Judenstaates der einzige realistische Weg zur vollen Emanzipation der Juden sei. In diesem neuen Staat sollte jedoch Hebräisch gesprochen werden, nicht Jiddisch, so dass er das Jiddische als Kennzeichen einer jüdischen nationalen Identität ablehnte. Für die Einteilung der Wahlkörper schlug er daher keine eigene jüdische Kurie auf der Basis der jiddischen Sprache vor, sondern einen davon unabhängigen gemeinsamen Wahlkörper für die nichtchristlichen Deutschen und die Juden der Bukowina.

Auf sozialem Gebiet initiierte Kellner die Errichtung einer Handwerkerbank durch die Jewish Colonial Association und regte erfolgreich die Errichtung eines Lehrlingsheimes und einer öffentlichen Bibliothek an. Mit dem Ende des österreichischen Kronlandes Bukowina endete auch Leon Kellners kurze politische Laufbahn.

Lebensabend Kellners Familie, die ursprünglich mit ihm nach Czernowitz gezogen war, kehrte schon 1907 wieder nach Wien zurück.Siehe zu diesem Abschnitt A. Kellner, S. 81–96. Er selbst folgte nach, als Czernowitz im Krieg vom Gegner eingenommen wurde. Seine akademische Laufbahn war damit beendet, denn anders als die meisten seiner Czernowitzer Kollegen konnte er an keiner Universität in „Restösterreich“ Fuß fassen.