mini|hochkant=1.2|Spontane Entstehung von Honigbienen aus einem Rinderkadaver, Hortus sanitatis 1536
Spontanzeugung oder Urzeugung, auch Abiogenese oder Archigenese genannt, lateinisch Generatio spontanea, griechisch γένεσις αὐτόματος (génesis autómatos), bezeichnet die Vorstellung, dass Lebewesen aus zuvor unbelebter Materie entstehen können.
Begriff Der Begriff „spontane Erzeugung“ (γένεσις αὐτόματος) wurde von Aristoteles als Bezeichnung für die Entstehung von Lebewesen aus unbelebter Materie eingeführt. Die lateinischsprachigen Gelehrten des Mittelalters sprachen meist von generatio ex putrefactione (Entstehung aus Fäulnis). Der deutsche Begriff ist erstmals bei Johann Gottfried Herder belegt, der ihn in der Form „Urerzeugung“ in seiner Schrift Aelteste Urkunde des Menschengeschlechts (1774) verwendete. Als Fachbegriff wurde „Urzeugung“ von Samuel Thomas von Soemmerring und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling eingeführt.
Drei Theorien der Urzeugung Es gibt drei Theorien der Urzeugung:Philipp Sarasin, Marianne Sommer (Hrsg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02274-5, S. 79–82, 84–87.
In der Antike und im Mittelalter ging man davon aus, dass es sich dabei um einen normalen biologischen Vorgang handle, von dem man annahm, dass er sich ständig überall abspiele. In diesem Sinne betrachtete Aristoteles die Spontanzeugung als die dritte Art der Entstehung von Lebewesen neben der sexuellen und der vegetativen Fortpflanzung, die man vor allem in der vermeintlichen Entstehung von Insektenlarven und anderen Gliederfüßern aus fauliger oder schmutziger Materie bestätigt sah. An seine Lehre knüpfte die mittelalterliche Biologie an. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde diese Theorie widerlegt.
Mit zunehmendem Wissen entstand in der frühen Neuzeit die Theorie der Autogenese, bei der man davon ausging, dass die Urzeugung jeder einzelnen Art nur einmal in früher Vergangenheit aufgetreten sei. Dabei sollten entweder ein, zwei oder mehrere Individuen entstanden sein, die sich dann weiter sexuell reproduzierten. Diese Vorstellung war insbesondere bei deutschen Gelehrten zwischen 1780 und 1860 populär, mit Abstrichen auch in Frankreich und eher selten in England.
Manche Forscher gingen etwa ab 1790 davon aus, dass nur einige primitive „Hauptarten“ auf diese Weise entstanden, die sich dann durch eine von innen getriebene, zielgerichtete Evolution (Orthogenese) zu „höheren“ Lebensformen weiterentwickelten. Diese so genannte Heterogenese war allerdings keine langsame, schrittweise Evolution, sondern durch sprunghafte Änderungen gekennzeichnet. Eine unter deutschsprachigen Geographen verbreitete Ansicht ging von einer Polygenese aus, nach der die Arten (oder ihre Vorläufer) der verschiedenen Floren- und Faunenprovinzen der Erde auch nur dort entstanden sein können.
Einen Sonderfall bildet die moderne Hypothese der chemischen Evolution. Sie betrifft die Entstehung von Leben vor Beginn der biologischen Evolution. Voraussetzung war die vor ca. 4 Milliarden Jahren vorhandene, reduzierende Erdatmosphäre. Daher findet hier aktuell eine Spontanzeugung nicht mehr statt.
Antike In den Kulturen des Altertums wurde die Entstehung des Lebens als Erschaffung oder Zeugung der ersten Lebewesen durch Götter bzw. als göttlich betrachtete Naturkräfte aufgefasst und in Mythen dargestellt. Unter den ersten griechischen Philosophen, den Vorsokratikern, war es in erster Linie Empedokles, der sich mit der Frage der Lebensentstehung auseinandersetzte. Er führte die Naturvorgänge auf sechs Prinzipien zurück: vier Urstoffe (Feuer, Luft, Wasser und Erde) und zwei gleichzeitig auf die Urstoffe einwirkende Kräfte: die Liebe, die für Vermischung der Urstoffe sorge, und den Streit, der die Urstoffe trenne. In manchen Perioden der Erdgeschichte dominiere die Liebe, in anderen der Streit. Die physikalischen und biologischen Vorgänge erklärte Empedokles durch die unterschiedlich starke Durchmischung der Elemente, die ein Ergebnis zeitweiliger Dominanz der Liebe oder des Streits sei. In diesem Rahmen entwickelte er eine Vorstellung von der biologischen Evolution, wobei er die beiden Kräfte Liebe und Streit sowie den Zufall als bestimmende Faktoren annahm. Zunächst hätten sich aus dem Chaos der unterschiedlich vermischten Urstoffe nicht ganze Lebewesen gebildet, sondern nur einzelne Glieder und Organe von Tieren und Pflanzen. In einer späteren Phase seien die Glieder zusammengewachsen, wobei sich groteske Phantasiegebilde ergeben hätten. Erst in einem noch späteren Stadium seien durch derartige Vorgänge auch gut durchmischte „ganzheitliche Gestalten“ entstanden, darunter fortpflanzungsfähige Organismen, deren Bestandteile zufällig so kombiniert gewesen seien, als wären sie zu einem bestimmten Zweck planmäßig geschaffen. Diese zweckmäßig gestalteten und ausgestatteten Lebewesen hätten überlebt und sich durchgesetzt, während sich die Monstren als nicht überlebensfähig erwiesen hätten und zugrunde gegangen seien.Quellentexte mit Übersetzung und Kommentar bei Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen. Einführung, Texte und Kommentare. Studienausgabe. Metzler, Stuttgart u. a. 2001, ISBN 3-476-01834-2, S. 333–336.
Aristoteles (384–322 v. Chr.), der sich intensiv mit der Lehre des Empedokles auseinandersetzte, wurde für die Folgezeit zum Begründer der Lehre von der Spontanzeugung. Er nahm an, dass bestimmte Arten von niederen Tieren im Wasser oder in der Erde unter dem Einfluss von Wärme, Luft und Wasser als Produkte von Fäulnis und Verwesung spontan entstehen. Zu diesen Tierarten zählte er Muscheln, Quallen, Schnecken, Krebse, Würmer, Insekten und sogar Aale. Er beschrieb diesen Vorgang als eine „Kochung“ (pépsis). Seine Überlegung war, dass wenn flüssige Materie erhitzt wird, ihr das Lebensprinzip Wärme zugeführt wird; dadurch erhält sie die Fähigkeit, von selbst Leben hervorzubringen. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung hingegen fällt die Aufgabe, die Wärme zu vermitteln, dem Samen zu.
Später wurden in der antiken Literatur noch weitere Arten genannt, denen man solche Entstehung zuschrieb: Es hieß, dass Läuse aus Schweiß entstehen, Skorpione, Wespen, Schlangen und Mäuse aus Aas und Maden aus faulendem Käse. Die christlichen Kirchenväter übernahmen diese Vorstellung und versuchten sie mit der biblischen Schöpfungslehre in Einklang zu bringen.
Mittelalter Im Mittelalter wurde die Spontanzeugung, für deren Vorkommen die Autorität des Aristoteles bürgte, nicht bezweifelt. Sowohl in der islamischen Welt, wo die Philosophie des Aristoteles stark rezipiert wurde, als auch in Europa galt die Spontanzeugung als Tatsache.
In der islamischen Welt wurde die Urzeugungsvorstellung des Aristoteles zwar akzeptiert, aber bei ihrer Erklärung kam es zu Abweichungen von der aristotelischen Lehre. Im 11. Jahrhundert ging der persische Gelehrte Avicenna wie Aristoteles von der Ewigkeit der Welt aus, die er islamisch als ewige Schöpfung erklärte. Er meinte, die Materie werde unablässig von einem immateriellen „Geber der Formen“ geformt, der ihr jeweils eine bestimmte Form verleihe, sobald in der sich ständig neu mischenden Materie eine dafür geeignete Mischung zustande komme. Dies könne auch außerhalb des Körpers eines sich fortpflanzenden Individuums eintreten, und dann handle es sich um Spontanzeugung. In diesem Sinne akzeptierte Avicenna sogar für den Menschen die Möglichkeit einer Spontanzeugung. Anderer Meinung war im 12. Jahrhundert Averroes; er glaubte zwar ebenfalls an die Spontanzeugung, doch bei ihm übernahmen Gestirneinflüsse die Rolle der Ursache, die Avicenna dem Geber der Formen zugewiesen hatte. Ein Problem bildete dabei für Averroes, der Aristoteliker war, der aristotelische Grundsatz, dass in der Natur Gleiches nur aus Gleichem entsteht. Er hielt wegen Verletzung dieses Grundsatzes bei der Urzeugung die so entstandenen Lebewesen für widernatürlich.Hasse: Urzeugung und Weltbild. 2006, S. 16–18.
In Europa schloss sich im 13. Jahrhundert Thomas von Aquin der Theorie des Averroes an, bei der Spontanzeugung trete die Kraft der Sonne und der anderen Himmelskörper an die Stelle der formenden Kraft, deren Träger bei geschlechtlicher Fortpflanzung der Same sei. Im Unterschied zu Averroes hielt er aber die so entstandenen Lebewesen nicht für widernatürlich.
Im 14. Jahrhundert bestritt der Scholastiker Blasius von Parma die historische Richtigkeit der herkömmlichen Auffassung, wonach bei der Sintflut Noach alle Tierarten in seiner Arche gerettet hat. Dies sei so nicht durchführbar gewesen, da die verschiedenen Tierarten teils untereinander unverträglich seien. Daher sei es plausibler anzunehmen, dass es nach der Sintflut zu einer Neuentstehung von Arten durch Spontanzeugung gekommen sei.Hasse: Urzeugung und Weltbild. 2006, S. 8, 34.
Frühe Neuzeit In der Renaissance folgten die Gelehrten wie im Mittelalter der Vorstellung des Aristoteles von der Spontanzeugung. Eine Spontanzeugung wurde sogar als Alternative zum biblischen Bericht von der Erschaffung des ersten Menschen Adam in Betracht gezogen. Im frühen 16. Jahrhundert vertrat Tiberio Russiliano die Ansicht, die Ureinwohner Amerikas müssten durch Urzeugung entstanden sein, denn sie hätten ihre Siedlungsgebiete nicht auf Booten erreichen können. Wenn man die Frage naturphilosophisch (phisice, also nicht theologisch) betrachte, sei dies auch für den ersten Menschen auf der Erde anzunehmen.Hasse: Urzeugung und Weltbild. 2006, S. 8 f., 34.
Ein weiterer Vertreter der Spontanzeugung war Johan Baptista van Helmont. Er empfahl als Beleg ein Experiment zur Erzeugung von Mäusen: Wenn man ein schmutziges Hemd in die Öffnung eines Gefäßes stopft, das mit Weizenkörnern gefüllt ist, ändert sich nach etwa einundzwanzig Tagen dessen Geruch. Die Zersetzungsprodukte würden Helmont zufolge nun in die Schale des Weizens eindringen und so den Weizen in Mäuse umformen.Reto U. Schneider: Das Buch der verrückten Experimente. Taschenbuchausgabe. Goldmann, München 2006, ISBN 3-442-15393-X, S. 17.
Im 17. Jahrhundert erklärte Pierre Gassendi die Spontanzeugung im Rahmen seines materialistischen Atomismus. Er führte die Existenz von Lebewesen auf das Vorliegen einer für das Leben geeigneten Atomkombination zurück; eine solche Kombination sei nicht nur im Körper eines bereits existierenden, sich fortpflanzenden Wesens möglich, sondern grundsätzlich auch außerhalb. Daher könne neues Leben auch in der Erde aus unbelebter Materie entstehen.Hasse: Urzeugung und Weltbild. 2006, S. 9.
mini|Francesco Redi Eine Gegenbewegung gegen die Spontanzeugungstheorie bildete sich im 17. Jahrhundert, als der Grundsatz sich zu verbreiten begann. Ein führender Vertreter dieser Hypothese war der italienische Arzt Francesco Redi. Mittels eines Experiments widerlegte er 1668 die verbreitete Ansicht, dass Maden in verfaulendem Fleisch spontan entstehen. Er nahm drei Töpfe und füllte sie mit Fleisch. Einen Topf schloss er vollständig ab. Den zweiten Topf ließ er offen und den dritten Topf bedeckte er mit Gaze. Maden erschienen nur in dem offenen, aber nicht in dem verschlossenen Topf. Auf der Gaze des dritten Topfs fand er sich entwickelnde Maden. Die Eier der Fliegen waren wegen ihrer Kleinheit mit bloßem Auge nicht erkennbar. Im selben Jahr publizierte Redi die Abhandlung Esperienze intorno alla generazione degli insetti.Francesco Redi: Esperienze intorno alla generazione degli insetti in der italienischsprachigen Wikisource. Redis Versuche gelten als das erste präzise durchgeführte Paar von Versuch und Gegenversuch in der Geschichte der Biologie.
Aufgrund von Beobachtungen an Pilzen widersprachen Luigi Ferdinando Marsigli und Giovanni Maria Lancisi 1714 in ihrer Untersuchung Dissertatio de generatione fungorum (Abhandlung über die Entstehung der Pilze) der seit der Antike verbreiteten Ansicht, Pilze entstünden aus Fäulnis, wobei das Myzel ein Zwischenstadium zwischen verfaulenden Pflanzen und den Pilzen sei.