Die Eberhard-Finckh-Kaserne (in der Anfangsphase ihres Bestehens als Haid-Kaserne bezeichnet, ab 1965 benannt nach Eberhard Finckh) war von 1958 bis 1993 ein Bundeswehr-Standort des Heeres auf der Hochfläche der mittleren Schwäbischen Alb im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg. Sie lag auf der Gemarkung der Gemeinde Engstingen, etwa vier Kilometer südlich des Teilortes Großengstingen im Grenzbereich zu den Nachbargemeinden Hohenstein-Meidelstetten und Trochtelfingen. Die längste Zeit ihrer militärischen Nutzung war darin bis zur Kasernenschließung das Raketenartilleriebataillon 250 stationiert, ein im NATO-Konzept der nuklearen Teilhabe zwischen Mitte der 1960er und Anfang der 1990er Jahre eingebundener Verband in Südwestdeutschland.
An die Kaserne angeschlossen war das etwa einen Kilometer entfernte, von einer US-amerikanischen Einheit bewachte und gewartete Sondermunitionslager Golf. In den beiden Bunkern des inneren Sperrbereichs dieses Lagers waren von 1967 bis 1991 nukleare Sprengköpfe für taktische Kurzstreckenraketen deponiert.
Die Kaserne und das Atomsprengkopflager rückten in den 1980er Jahren aufgrund mehrerer Aktionen der Friedensbewegung gegen die militärische Präsenz vor Ort ins Blickfeld einer bundesweiten, zeitweilig auch internationalen Öffentlichkeit. Ein wesentlicher Teil der nicht nur atompazifistisch, sondern in einem weiter reichenden Sinn grundsätzlich antimilitaristisch ausgerichteten Demonstrationen im Umfeld der Eberhard-Finckh-Kaserne markierte ab 1981/82 den Übergang der sozialen Massenbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss von der Appellations- und Demonstrationsphase zur Phase der gewaltfreien Aktion bzw. des Zivilen Ungehorsams in der damaligen Bundesrepublik (Westdeutschland), beispielsweise in Form von längerfristigen Sitzblockaden vor militärischen Einrichtungen.
Das Raketenartilleriebataillon 250 wurde Mitte März 1993 aufgelöst, und die Eberhard-Finckh-Kaserne zum 31. Dezember desselben Jahres als Militärstandort formell geschlossen. Das Areal, Anlagen und Immobilien der vormaligen Kaserne werden seit 1995 als Gewerbepark Haid von verschiedenen Unternehmen des produzierenden und dienstleistenden Gewerbes unter dem Dach des Zweckverbandes Gewerbepark Engstingen-Haid, vertreten durch die Bürgermeister Engstingens, Hohensteins und Trochtelfingens, zivilgewerblich genutzt.
Namensgebung mini|hochkant|Nach Eberhard Finckh (1899–1944), einem Angehörigen des Widerstandes der Wehrmacht gegen die NS-Führung, wurde die Bundeswehr-Kaserne in Engstingen-Haid ab 1965 benannt
Der zunächst nur unspezifisch in Bezug auf den angrenzenden Weiler als „Haid-Kaserne“ bezeichnete Bundeswehr-Standort, dessen Areal bereits während des NS-Regimes als Munitionsanstalt militärisch genutzt worden war, wurde ab 1965 offiziell benannt nach Eberhard Finckh (1899–1944).
Finckh war ein Oberst der Wehrmacht und Angehöriger des nach der Schlacht um Stalingrad 1943 auf der Offiziersebene erstarkten militärischen deutschen Widerstands gegen die NS-Führungsspitze. Beim „Unternehmen Walküre“, genauer bei den Putschvorbereitungen im von Deutschland während des Zweiten Weltkriegs besetzten Paris hatte er im Kontext des Attentats Stauffenbergs auf Hitler mit dem Befehl zur Festnahme des der SS unterstellten Sicherheitsdienstes die Ausschaltung der nationalsozialistischen Exekutivstrukturen vor Ort eingeleitet. Nach dem Scheitern des Putsches war er vom „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden.
Die Namensgebung der Haid-Kaserne nach Eberhard Finckh, zwei Jahrzehnte nach dessen Tod, war unter veränderten politischen Verhältnissen im Zuge des Traditionserlasses von 1965 dem Bestreben der damaligen Bundesregierung geschuldet, die neue deutsche Armee in eine Tradition des Widerstandes der Wehrmacht gegen den Nationalsozialismus zu stellen, und sie damit symbolisch vor der auch internationalen Öffentlichkeit als demokratisch legitimierte Armee darzustellen. Der 1983 erfolgende Protest gegen die entsprechende Benennung der Kaserne durch Eberhard Finckhs direkte Nachkommen (Sohn und Töchter)Spiegel-Artikel von 1983 über die Initiative Peter Finckhs, der Eberhard-Finckh-Kaserne den Namen seines Vaters abzuerkennen., die sich der Friedensbewegung gegen die „Nachrüstung“ angeschlossen hatten, blieb – zumal bis zur Auflösung der Kaserne – erfolglos.
Nach der Kasernenschließung 1993 behielt lediglich eine der Haupt-Durchgangsstraßen des nunmehr als Gewerbepark Haid bezeichneten Geländes den Namen „Eberhard-Finckh-Straße“. Die weiteren Straßennamen des heutigen zivil genutzten Areals erinnern an andere bekannt gewordene – nicht nur militärische – auf unterschiedliche Weise Widerstand leistende Gegner oder Opfer des Nationalsozialismus innerhalb Deutschlands.
Von der „Luftmunitionsanstalt Haid“ der Wehrmacht (1938) bis zu den Planungen der Bundeswehr (1956/57) Die militärische Nutzung des Geländes begann bereits mit dem Bau der Luftmunitionsanstalt Haid durch die deutsche Luftwaffe in den Jahren 1938 und 1939, während der Diktatur des Nationalsozialismus. Die Munitionsanstalt (kurz Muna) umfasste eine Fläche von 140 Hektar. Neben den Arbeits-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden, den Arbeiter- und Soldatenbaracken waren 76 Bunker errichtet worden, in denen vorwiegend schwere Munition für die Luftwaffe eingelagert wurde. Während des Zweiten Weltkriegs war an die Muna ein Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager angeschlossen, in das zwischen 200 und 300 Männer und Frauen hauptsächlich aus den von Deutschland besetzten und annektierten Gebieten Polens, Frankreichs und der Sowjetunion deportiert worden waren.„Ein großes Stillschweigen“ – Artikel über eine Forschungsarbeit zu Erinnerungen der Engstinger Bevölkerung an die Zwangsarbeiter in der Muna Haid (Reutlinger General-Anzeiger, 2. Januar 2010, Seite 22 (online)). Ein Teil von ihnen wurde direkt in der Muna eingesetzt, ein anderer Teil – vor allem die französischen Kriegsgefangenen – zu landwirtschaftlichen Arbeiten in den umliegenden Gehöften herangezogen. Während der Hochphase des Muna-Betriebs arbeiteten einschließlich des einheimischen Personals bis zu 600 Personen in der Munitionsanstalt.
Im Februar 1945, etwa drei Monate vor Kriegsende, wurde die Muna von alliierten Aufklärungsflugzeugen als militärische Anlage ausgemacht, daraufhin von amerikanischen Luftwaffenverbänden mehrmals bombardiert und beim letzten Angriff am 8./9. April 1945 schwer beschädigt. Am 23. April 1945 sprengte die Wehrmacht selbst die noch intakten Reste der Muna, um Gerät und Munition nicht den anrückenden alliierten Truppen in die Hände fallen zu lassen. Für die NS-Verwaltung potenziell politisch belastende Dokumente wurden vernichtet. In der Eile der von der deutschen Militärführung befohlenen Zerstörung der Anlagen (Hitlers sogenannter „Nerobefehl“) wurden einige Bunker lediglich verschüttet, Teile der Munition im Gelände verstreut, und unter Schutt und aufgeworfener Erde begraben. Einen Tag später rückten US-amerikanische Militäreinheiten kampflos in Engstingen ein und besetzten kurz darauf das verwüstete Gelände der Muna. Der größte Teil der vor Ort verantwortlichen NS-Verwaltung und der Soldaten der Wehrmacht war geflohen oder untergetaucht.
Unmittelbar nach dem Ende der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs in Europa wurde Mitte Mai 1945 die Hoheit über die Hinterlassenschaft des vormaligen NS-Regimes der französischen Besatzungsmacht in Württemberg-Hohenzollern übergeben. Diese überantwortete 1948 das Gelände dem württembergisch-hohenzollerischen Finanzministerium, nicht zuletzt, um das risikobehaftete Problem der Suche nach und Zerstörung der Munitionsrückstände abzugeben. Die entsprechende Aufgabe lag nun in den Händen des einheimischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes, der bis zur vorläufigen Einstellung seiner Arbeit 1956 laut Angaben des Landessprengmeisters eine Fläche von 172,5 Hektar geräumt, 274 Kubikmeter Erde und Beton bewegt und 498.000 Sprengkörper und Zünder sowie rund 231.000 Infanteriepatronen geborgen hatte.
Parallel zur Arbeit des Kampfmittelbeseitungsdienstes wurde das Gelände der vormaligen Muna saniert, und einige Gebäude neu errichtet. Nach dieser notdürftigen Instandsetzung in den ersten Nachkriegsjahren befand sich auf dem Areal ab 1949/50 eine Lungenheilanstalt für etwa 200 Patienten. Diese Therapieeinrichtung wurde bereits 1953 wieder geschlossen, um Platz für ein Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene, insbesondere aus den von Polen und der Sowjetunion besetzten vormaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches zu schaffen. Das Flüchtlingslager, in dem zeitweilig bis zu 800 Menschen lebten, existierte bis 1959.
Mitte der 1950er Jahre fasste das aus dem „Amt Blank“ neu hervorgegangene Bundesverteidigungsministerium den Beschluss, mit einem Etat von 40 Millionen DM den ersten Kasernenneubau im 1952 gegründeten, aus drei Bundesländern zusammengeschlossenen „Südweststaat“ Baden-Württemberg auf dem Gelände bei Engstingen in die Wege zu leiten. Die ursprünglich von den Besatzungsmächten beschlossene Entmilitarisierung Deutschlands war im Zuge der Ost-West-Konfrontation und des sich daraus entwickelnden sogenannten Kalten Krieges für die an der antikommunistischen Rollback-Politik ausgerichteten Westmächte und die politische Führung der jungen Bundesrepublik obsolet geworden. Unter der CDU-geführten Regierung des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer wurde die Westbindung des Landes beschlossen und mit den Pariser Verträgen vom Oktober 1954 umgesetzt. Die Regierung Adenauer trieb ab Anfang der 1950er Jahre die Gründung einer neuen deutschen Armee voran und setzte diese gegen den Widerstand der Wiederbewaffnungsgegner („Ohne mich-Bewegung“), sozusagen der ersten gesellschaftlich breiten Friedensbewegung in der deutschen Nachkriegsgeschichte, bis 1955 durch. Im selben Jahr trat die Bundesrepublik dem 1949 wesentlich von den USA initiierten Militärbündnis der NATO bei.
Sieben Jahre nach Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland, und wenige Monate, nachdem mit der Bundeswehr eine neue – westdeutsche – Armee gegründet worden war, wurde 1956 mit dem Bau der Kasernengebäude auf dem ehemaligen Engstinger Muna-Gelände begonnen, zunächst noch neben dem Flüchtlingslager, das im letzten Jahr seines Bestehens aus „militärischen Sicherheitsgründen“ eingezäunt war. Als die letzten Flüchtlinge das Lager verlassen hatten, weitete die Bundeswehr das Kasernengelände um die Gebäude des vormaligen Durchgangslagers aus.
Bundeswehr-Standort „Haid“ bzw. „Eberhard-Finckh-Kaserne“ (1958–1993) Kaserne mini|Internes Verbands-abzeichen des RakArtBtl 250 mini|hochkant|Sergeant-Rakete, in Engstingen stationiert zwischen 1965 und 1977 mini|Lance-Rakete, in Engstingen stationiert zwischen 1977 und 1993