Ein weites Feld ist ein 1995 erschienener Roman von Günter Grass. Der Titel bezieht sich auf eine von Theodor Fontane im Roman Effi Briest geprägte und seither sprichwörtlich gewordene Redewendung des Vaters der Hauptfigur. Ein weites Feld steht bei Grass für die historisch weit ausgreifenden Perspektiven in dem umfänglichen Roman, dessen Handlung im Kern den Zeitraum vom Fall der Berliner Mauer über den Prozess der Wiedervereinigung bis zum Oktober 1991 betrifft, darüber hinaus aber die Geschichte Deutschlands seit den Befreiungskriegen einbezieht.

Erzählt wird die Handlung aus ostdeutscher Sicht. Hauptfiguren sind der Fontane-Wiedergänger „Fonty“ und dessen „Tagundnachtschatten“ Hoftaller, ein langjähriger Staatssicherheitsoffizier, der Fonty über das Ende der DDR hinaus begleitet und weiterhin oft bestimmenden Einfluss auf ihn ausübt. Örtlicher Ausgangs- und Mittelpunkt der Handlung ist Berlin, das Grass sowohl in der Umbruchzeit des Wiedervereinigungsprozesses teils eingehend veranschaulicht als auch in Rückgriffen auf die Wirkstätten und Aufenthaltsorte Fontanes und seiner Romanfiguren aufleben lässt. Der Roman ist in fünf Bücher gegliedert, jedes Buch wiederum in fünf bis neun mit Überschriften versehene Kapitel unterteilt.

Die bereits vor dem Auslieferungstermin des Buches einsetzende, außergewöhnlich breite mediale Rezeption des rund 780 Seiten umfassenden Werkes zielte zunächst hauptsächlich auf den kritischen Tenor des Romans gegenüber Zustandekommen und Beschaffenheit der deutschen Einheit in Vergangenheit und Gegenwart. Die teils heftige Kritik und ausgreifende Beschäftigung mit den politischen Aspekten des Romans trugen beträchtlich zu dessen Verkaufserfolg bei. Binnen acht Wochen nach Erscheinen ging bereits die fünfte Auflage in Druck. Erst mit einigem zeitlichen Abstand wurde auch den literarischen Aspekten des Werkes mehr Augenmerk gewidmet und Wertschätzung entgegengebracht.

Entstehungszusammenhänge mini|Autor Grass sechs Jahre nach der Romanvollendung Über Fontane zu schreiben, war Grass ein Anliegen geworden, als er mit seiner Frau Ute 1986 einen längeren Aufenthalt in Kalkutta verbrachte, für den sie sich Fontanes gesammelte Werke als Reiselektüre mitgenommen hatte. In dem diesen Aufenthalt reflektierenden und illustrierenden Buch Zunge zeigen schildert Grass Fontanes wiederholtes Auftauchen in den eigenen Träumen.„Ein Paar träumt mir: Ute und der alte Fontane unterm Birnbaum in unserem Garten. Und mich träumte ich hinterm geschlossenen Fenster, entrückt, aber doch nah genug, um zu begreifen: da ist was, da tut sich was, und zwar schon seit Jahren. Sie hat was mit einem vielzitierten Kollegen von dir, ein Verhältnis, in dem du nicht vorkommst, obgleich auch dir seine Romane (weniger seine Balladen) immer wieder lesenswert, unterhaltsam, mehr noch, deren Dialoge beispielhaft sind…“ (Günter Grass: Zunge zeigen. Luchterhand, Frankfurt am Main 1988, S. 13.) Dem Roman Ein weites Feld als Widmung vorangestellt ist: „Für Ute, die es mit F. hat…“

Als eigene Reiselektüre hatte Grass nach Indien unter anderem das Vorabexemplar von Hans Joachim Schädlichs Roman Tallhover im Gepäck. Nach der Lektüre schrieb er Schädlich, dass Tallhover nicht sterben dürfe und dass er selbst sich mit dessen Fortschreibung befassen wolle.„Der Autor gibt seinen Helden auf: Nicht Tallhover, dessen beschlossener Tod mutet erfunden an. Ich werde Schädlich schreiben: nein Tallhover kann nicht sterben.“ (Günter Grass: Zunge zeigen. Luchterhand, Frankfurt am Main 1988, S. 18 f.) Zum Zeitpunkt des Mauerfalls stand Grass somit das Figurenpaar Fonty und Hoftaller sogleich zur Verfügung, um sie im Roman zu Doppelzeugen des Vereinigungsprozesses zu machen.Neuhaus 2012, S. 331 f.

Während der Umbruchphase in der DDR 1989 hatte Grass sich an die Seite der Demokratisierungsbewegung gestellt und schließlich eine schrittweise Konföderation der beiden deutschen Staaten im Sinne der fortbestehenden Kulturnation befürwortet. Doch stemmte er sich vehement gegen die sich alsbald abzeichnende staatliche Einheit, der gegenüber er sich als „vaterlandsloser Geselle“ positionierte: „Nein, ein so unanständig auftrumpfendes, durch Zugriff vergrößertes Vaterland will ich nicht, […] Dieses Vaterland verrate ich jetzt schon; mein Vaterland müsste vielfältiger, bunter, nachbarlicher, durch Schaden klüger und europäisch verträglicher sein.“ Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenke und Antworten auf die deutsche Frage suche, müsse Auschwitz mitdenken. Letzteres habe die Möglichkeit gegeben, „uns selbst in unseren extremsten Möglichkeiten kennenzulernen, die sich nicht wiederholen dürfen.“Zitiert nach Zimmermann 2023, S. 682–684.

Zum Jahreswechsel 1989/90 teilte Grass seiner Frau das Vorhaben mit, ab Februar jeden Monat bis zum September die DDR zu bereisen, um sich das politische Geschehen und die Entwicklungen dortselbst vor Augen zu führen, darunter ein Besuch des Kohlereviers bei Spremberg.Neuhaus 2012, S. 342 f. In Unterwegs nach Deutschland. Tagebuch 1990 notierte Grass im Herbst des Jahres vermehrt Einträge, die einen großen Roman in Aussicht stellten, zunächst unter dem Arbeitstitel „Treuhand“.Rüther 2012, S. 268. Als Verbindungsmann für Recherchen in Berliner Archiven und im Potsdamer Fontane-Archiv gewann Grass den Germanisten Dieter Stolz, der über die Bildlichkeit in Grass‘ Gesamtwerk promoviert hatte.Neuhaus 2012, S. 350. Gotthard Erler half Grass als Gewährsmann für historische Detailtreue.Rudolf Muhs: Im Dienst Theodor Fontanes. Zum Tod des Aufbau-Programmdirektors und Germanisten Gotthard Erler. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Juni 2026, S. 11.

Gestaltungsmerkmale Als Erzähler fingiert Grass gleich eingangs des Romans ein anonymes Kollektiv, das den Hauptakteur unmittelbar ins Feld führt: „Na, Fonty, wieder mal Post von Friedländer? Und wie geht’s dem Fräulein Tochter? Überall wird von Metes Hochzeit gemunkelt, nicht nur auf dem Prenzlberg. Ist da was dran, Fonty?“ (S. 9) Als Gestaltungsmittel des Romans eingeführt werden damit auch von Anbeginn die lockere Plauderei und die briefliche Korrespondenz nach Art der Fontaneschen Romane.

Auf den Spuren des märkischen Wanderers Fontane wandelt oft auch dessen von Grass entworfener Wiedergänger Fonty durch Berlin, um Geschichte und Gegenwart zu verknüpfen.Rüther 2022, S. 283. Im Ganzen habe Grass getreu seinem Lehrer Alfred Döblin, auch einen Berlin-Roman geschrieben, so Peter Wapnewski, „in präziser Beachtung topographischer und sprachlicher Eigenheiten.“Peter Wapnewski: Ein Sack Wörter. Aus: Focus 25. August 1995; in Negt (Hrsg.) 1996, S. 150. Die alte und neue Hauptstadt wird damit laut Rüther – wie vormals Danzig beispielsweise in der Blechtrommel – zum Gedächtnisraum. „Sie verkörpert die Brüche und offene Wunde der preußisch-deutschen Schicksalsgemeinschaft.“Rüther 2022, S. 284.

Fontane, dessen Name im Roman nirgends ausdrücklich genannt wird, ist als „der Unsterbliche“ gleichwohl durchgängig in ihm präsent. Der Leser, so Günther Rüther, komme ihm nahe, spüre seine Anwesenheit.Rüther 2022, S. 283. Den Leuten vom Potsdamer Fontane-Archiv kommt es im Roman vor, als habe sich Fonty das Fortleben seines Vorbilds zum Programm gemacht. „Deshalb nahmen wir ihn nicht nur beim geplauderten und über Seiten und Verskolonnen hinweg zitatseligen Wort, sondern ließen uns überdies von seinem Anblick zu dem Glauben hinreißen: Er täuscht nicht vor. Er steht dafür. Er lebt fort.“ (S. 48)

Als Organisationsprinzip der Darstellung zeigt sich für Jutta Osinski ein Entfalten von Fiktionen. Der Roman fiktionalisiere einerseits das Faktische, speziell das politische und historische Geschehen; andererseits faktualisiere er das Fiktionale, etwa Fontanes Figuren, sodass letztlich niemand mehr wisse, was eigentlich Fakt sei und was wahre Wirklichkeit.Osinski 1996. Mitunter war in Rezensionen von einem postmodernen Roman die Rede, der alle Register der Intertextualität ziehe. Wenn über Fonty gesagt wird: „Für den ist nur wirklich, was er sich ausdenkt“, so zeigt sich für Harro Zimmermann darin das Interesse des Romanciers „an einem mehrdimensional reflektierten Realitätsbild, an einer virtuellen Vergegenwärtigung deutscher (Mentalitäts-)Historie.“ Dieses „nationale Memorialfeld“ sei von übereinander geschichteten und ineinander gefalteten Sinn- und Deutungsperspektiven durchzogen, von denen keine absolut dastehe, sondern „in ein frag-würdiges Wechselverhältnis zu allen anderen gesetzt“ erscheine.Zimmermann 2023, S. 723 f.

Figuren

Fonty alias Theo Wuttke Dreh- und Angelpunkt des Romans ist Fonty, mit bürgerlichem Namen Theo Wuttke, auf den Tag genau hundert Jahre nach Fontane geboren und wie dieser in Neuruppin. Als Fontane-Enthusiast hat er dessen Gesamtwerk einschließlich der Briefe in sich aufgenommen und kann jederzeit passend daraus zitieren. Immer wieder führt sein sich Einfühlen in Fontanes Biographie dazu, dass er ihn selbst verkörpert. Indem sich Fonty mitunter als Fontane gibt, ist auch die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts nebeneinandergestellt. „Er lebt in dessen Wort- und Gedankenwelt und weiß selber nicht so genau, wo seine reale Existenz sich mit der anverwandelten Biographie Fontanes vermischt.“Gotthard Erler: Parallelbiographie. Aus: neue deutsche literatur 6/95, November 1995; in Negt (Hrsg.) 1996, S. 177. Wuttkes beruflicher Werdegang beginnt als Kriegsberichterstatter für Görings Luftfahrtministerium in Frankreich (wo Fontane im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ähnlich verwickelt gewesen war). Einige Nachkriegsjahre ist Wuttke zunächst als Lehrer für Deutsch und Geschichte angestellt und, nachdem er den „pädagogischen Krempel“ hingeschmissen hat, für den Kulturbund als Vortragsreisender mit Schwerpunkt Fontane tätig. Das trägt ihm allerlei kleine Auszeichnungen und das Angebot einer Stelle als Kreissekretär ein, die er aber wegen der Bedingung eines Parteibeitritts ablehnt. Anlässlich der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976, die Fonty mit „Sänger muss man singen lassen“ und „Biermann hier ist besser als Biermann drüben“ kommentiert, gibt er auch die Kulturbundtätigkeit auf. (S. 199–201) Schließlich wird er, von Hoftaller vermittelt, Aktenbote im Haus der Ministerien und bleibt als solcher bis zu seinem Ausscheiden auch bei der Treuhandanstalt beschäftigt.

Hoftaller, vormals Tallhover Fontys ständiger Begleiter und Führungsoffizier Ludwig Hoftaller steht als Spitzel gleichfalls in einer personellen Kontinuität, und zwar zu der Figur des Tallhover, die in Hans Joachim Schädlichs Roman bereits zu Fontanes Lebzeiten im 19. Jahrhundert den obrigkeitlichen Überwachungsdirektiven nachging. Hoftaller weiß über alle gegenwärtigen und vergangenen Aktivitäten Wuttkes Bescheid und setzt ihn mit seinem Wissen häufig unter Druck, zwingt ihn gelegentlich mit Drohungen („wir können auch anders“), seinen Vorgaben zu folgen. Andererseits gibt er sich Wuttke gegenüber häufig kameradschaftlich-fürsorglich, halb als väterlicher Freund.Jörg Magenau: Geheimdienstdossier oder Doktorarbeit? Aus: der Freitag 25. August 1995; in Negt (Hrsg.) 1996, S. 118 f. Peter Wapnewski findet: „Seiner Natur nach gänzlich treulos, ist Hoftaller Wuttke doch betreuend zugetan, mit ihm heillos verbunden wie Täter und Opfer.“Peter Wapnewski: Ein Sack Wörter. Aus: Focus, 28. September 1995; in Negt (Hrsg.) 1996, S. 150.

Den beiden Hauptakteuren gesellen sich zahlreiche Nebenfiguren hinzu. Gotthard Erler stellte fest: „Auch aus dem Familien- und Freundeskreis Fontanes taucht mancher Doppelgänger auf.“Gotthard Erler: Parallelbiographie. Aus: neue deutsche literatur 6/95, November 1995; in Negt (Hrsg.) 1996, S. 178.

Emmi Wuttke,