(von und ‚Rückmeldung‘) bezeichnet eine empirische, wissenschaftliche Methode zur Aufzeichnung von physiologischen Parametern und Rückmeldung dieser Informationen an den Probanden durch Hör- oder Sehinformation.Hans-Christoph Diener: Migräne. Hinweise und Ratschläge für Patienten. Edition Medizin (VCH Verlagsgesellschaft), Weinheim / New York 1987, ISBN 3-527-15353-5, S. 66. Dabei werden körpereigene, biologische Vorgänge mit technischen, oft elektronischen Hilfsmitteln beobachtbar gemacht.
Biofeedback ermöglicht die empirische Messbarkeit von verhaltenstherapeutischen und lerntheoretischen Ansätzen. Die Einsatzmöglichkeiten der Behandlungstechnik sind vielfältig. Über kurative Ansätze hinaus findet Biofeedback auch Anwendung im Bereich des Peak-Performance-Trainings (Mentaltraining im Spitzensport) und des Coachings. Es wird häufig zur Entspannung, aber auch zur Rehabilitation, zum Beispiel von erlahmten Muskeln, eingesetzt. Biofeedback hat nichts mit Bioresonanztherapie zu tun.
Theorie Körpereigene innerliche Regulationsvorgänge sind dem Bewusstsein häufig nicht direkt zugänglich. Folglich kann bei Imbalancen (Ungleichgewichten) auch nicht bewusst auf den Regelkreis eingewirkt werden. Biofeedback macht Körperfunktionen (wie zum Beispiel Puls, Blutdruck, Gefäßweite, Schweißsekretion, Hautwiderstand bzw. Hautleitwert, Hirnströme oder Muskelaktivität) mittels physiologischer Messungen bewusst wahrnehmbar. Dies geschieht im Allgemeinen durch Töne (Lautstärke, Tonhöhe oder Klangfarbe) oder Visualisierungen (z. B. Zeiger oder Balkengraphiken). Der Anwender versucht aufgrund dieser Rückkopplung eine Verbesserung der Regulation durch operante Kontrolle zu erzielen.
Signalquellen Für die bewusst wahrnehmbare Darstellung kommt eine Reihe von biologischen Istwerten in Frage. Diese werden nichtinvasiv gemessen, in einem Analog-Digital-Wandler konvertiert, gemittelt und verstärkt und schließlich graphisch oder akustisch aufbereitet. Im Einzelnen können erfasst werden:
Atemmuster (Atemfrequenz, Atemamplitude) Blutdruck Gewebeglukose (Kontinuierlich messender Glucosesensor) Puls (Frequenz, Amplitude und Variabilität) Sauerstoffgehalt des Blutes Hauttemperatur Hautwiderstand Muskelpotentiale (mit Hilfe der Elektromyografie) Gehirnströme
Die technische Ausführung reicht von tragbaren kleinen Geräten, die häufig nur einen Parameter erfassen und rückmelden, über Vaginal- und Rektalelektroden bis hin zu Mehrkanalgeräten, die mehrere Signale gleichzeitig hochfrequent aufzeichnen. Teilweise erfolgt die Übertragung kabellos mittels Bluetooth-Technik, so dass der Proband/Patient sich während der Therapie ungehindert bewegen kann.
Für viele der Anwendungen gilt, dass nicht unbedingt ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen dem „Organ“ der Erkrankung und dem für die Therapie gewählten Messwert bestehen muss; so wird etwa für das Biofeedback bei Depressionen häufig die Herzratenvariabilität als Istwert genutzt.
Praxis Eine mögliche Umsetzung in der Praxis sieht folgendermaßen aus: Der Proband sitzt vor einem Computerbildschirm. An seinem Finger ist ein Messsensor angebracht, der den Hautleitwert und damit indirekt den Grad der Anspannung des autonomen Nervensystems misst. Ein Monitor zeigt den Messwert und gibt dem Proband eine Rückmeldung über seine aktuell ablaufenden physiologischen Regelmechanismen. Gleichzeitig kann die Atemkurve oder der Grad der Muskelanspannung an Stirn und Nacken erfasst werden. Ein Pulsamplituden-Messgerät an der Schläfenarterie (A. temporalis) bietet weitere Informationen (wichtig bei der Behandlung von Migränepatienten, s. u.). Der Bildschirm zeigt die erhobenen Werte als Kurvendiagramm oder anders graphisch aufbereitet. So werden psychophysiologische Zusammenhänge verdeutlicht. Beispielsweise kann verfolgt werden, welche Auswirkungen Erinnerungen an schöne oder schwierige Situationen auf Atmung, Hautleitwert und Herz-Kreislauf-System haben. Das beobachtbare Reaktionsmuster ist individuell verschieden.
Diese Rückmeldung führt dazu, dass der Behandelte sich selbst besser kennenlernt und Entspannung von Anspannung unterscheiden lernt. Oft genug zeigen die Messwerte, dass Muskeln angespannt sind, der Atem flach geht, die Handflächen schwitzen oder das Herz schnell schlägt, obwohl das dem/der Betroffenen nicht bewusst ist. Das Biofeedback dient einer Bewusstseinsschärfung für eigene innere Zustände. Man spricht von einer Erhöhung der Interozeptionsfähigkeit.
In einem zweiten Schritt sollen die Parameter mittels Übungen verändert werden. z. B. den Hautleitwert zu senken, die Muskelanspannung zu drosseln, das Atemmuster gleichmäßig und ruhig werden zu lassen. Der Weg zur Erreichung des Ziels ist dabei nicht vorgegeben. Biofeedback kann mit Entspannungsverfahren wie dem autogenen Training, Yoga, achtsamkeitsbasierten Methoden oder progressiver Muskelentspannung problemlos kombiniert werden. Die sofortige Rückmeldung über den Erfolg der eingesetzten Technik erhöht die Motivation, einmal Begonnenes fortzuführen und zu perfektionieren. Letztlich geht es darum, die Einflussnahme auf das vegetative Nervensystem auch ohne Hilfsgerät zuverlässig im Alltag anzuwenden, um schwierige Situationen besser zu meistern, ohne Beschwerden zu entwickeln.
Die Dauer einer Biofeedback-Therapie ist abhängig vom zu behandelnden Störungsbild. Einer Studie zufolge sollte die Therapie solange durchgeführt werden, bis bestimmte vorher definierte Zielkriterien erreicht wurden. Vor der Behandlung sollten folgende Fragen geklärt werden:
Welche physiologischen Regelkreise/Signalquellen sind vom Störungsbild am ehesten betroffen bzw. welche eignen sich am besten zur Behandlung? Welches psychologische Phänomen steht im Vordergrund des Störungsbilds (z. B. Ärger, Angst usw.)? Welche Phasen des jeweiligen Phänomens sind ggf. stärker oder weniger stark betroffen (Phasen der Stressreaktion)?
Einsatzbereiche Entsprechend der Fülle der ableitbaren Parameter sind die klinischen und praktischen Anwendungsmöglichkeiten vielfältig. Sie umfassen
Schmerzsyndrome (MigräneS. Evers, A. May, G. Fritsche, P. Kropp, C. Lampl, V.Limmroth, … H. C. Diener: Leitlinie der Deutschen Migräne-und Kopfschmerzgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. In: Nervenheilkunde, 2008, 27, S. 933–949. und Spannungskopfschmerz;Nestoriuc et al.: Biofeedback treatment for headache disorders: a comprehensive efficacy review. In: Appl Psychophysiol Biofeedback, September 2008; 33 (3): S. 125–40, PMID 18726688.Andrasik: Biofeedback in headache: an overview of approaches and evidence. In: Cleve Clin J Med., Juli 2010, 77 Suppl. 3, S. 72–6. PMID 20622082. chronischer Rückenschmerz; temperomandibuläre Störungen) Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie hohen BlutdruckGreenhalgh et al.: The effects of biofeedback for the treatment of essential hypertension: a systematic review. In: Health Technol Assess, Oktober 2009; 13 (46), S. 1–104; PMID 19822104. (ergänzend zu medikamentöser Therapie), Raynaud-Syndrom psychosomatische Beschwerden Verstopfung ADHS, Epilepsie Vaginismus Erektile Dysfunktion TinnitusNeurofeedback for treating tinnitus. Dohrmann et al., Prog Brain Res, 2007; 166: S. 473–85, PMID 17956812. neuromuskuläre Rehabilitation Schluckbeschwerden Stressmanagement, Peak-Performance-Training
Wirksamkeit
Eine Vielzahl an Studien hat sich mit der Wirksamkeit von Biofeedback bei verschiedenen Störungsbildern beschäftigt. Die US-amerikanische Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback hat 2002 eine Bewertungsskala analog zu anderen Fachgebieten entwickelt.Eficacy. How we rate the efficacy of our treatments or how to know if our treatments actually work. Webseite der Association for Applied Psychophysiology and Biofeedback, 2011. (Abgerufen am 6. Mai 2016) Tan, Shaffer, Lyle, & Teo haben 2016G. Tan, F. Shaffer, R. Lyle, & I. Teo (Eds.). (2016): Evidence-based practice in biofeedback and neurofeedback. ISBN 978-0-9842979-6-2 folgende Übersicht gegeben:
Stufe 1, nicht empirisch unterstützt: In dieser Stufe finden sich Indikationen, welche nur durch nicht peer-reviewte anekdotische Berichte und/oder Fallstudien gestützt werden. Tan et al. wiesen dieser Kategorie folgende Punkte zu: Schmerz und Spastik aufgrund des Vernachlässigens von Mikro-Pausen, Komplexes regionales Schmerzsyndrom, Trigeminusneuralgie. Stufe 2, möglicherweise wirksam: Diese Wirksamkeitsstufe erfordert zumindest eine Studie mit einer ausreichenden statistischen Aussagekraft und klar identifizierten Zielparametern, aber ohne randomisierte Zuordnung zu einer Kontrollgruppe innerhalb der Studie. Indikationen, welche dieser Stufe zugeordnet wurden, sind: Zerebralparese, Schmerz vom Karpaltunnel-Syndrom in Zusammenhang mit Spannung im Oberarm und der Nackenmuskulatur, Myofaszialer Schmerz/Triggerpunkt bezogener Schmerz, Schleudertrauma, PMS und Menstruationsbeschwerden, Schmerz von spastischen Muskeln und Muskelspasmen, COPD, Koronare Herzkrankheit, Diabetes Mellitus: Claudicatio intermittens, Funktionaler/Wiederkehrender Bauchschmerz, Hyperhidrose, Immunfunktion, Schlaganfall, Vasovagale Synkope. Stufe 3, wahrscheinlich wirksam: Die Zuordnung zu dieser Stufe erfordert mehrere Beobachtungsstudien, klinische Studien, Wartelisten-Kontrollstudien, sowie within-subject und intra-subject Replikationsstudien, welche die Wirksamkeit demonstrieren. Die Indikationen, welche diese Anforderungen erfüllten sind: Alkohol/Substanz-Missbrauch, Arthritis, Asthma, Autismus, Chemobrain, Muskelbezogener Schmerz im unteren Rücken, Verkrampfung und Phantomschmerz, Schmerzsyndrome des Beckenbodens, Subluxation der Patella und Patellofemoraler Schmerz, Krebsbezogener Schmerz, Diabetes Mellitus: Diabetische Geschwüre, Fazialisparese, Fibromyalgie, Schlafstörungen, Reisekrankheit (Motion Sickness), Leistungssteigerung, Posttraumatische Belastungsstörung, Repetitive-Strain-Injury, Tinnitus, Schädel-Hirn-Trauma und PTBS, Harninkontinenz bei Kindern, Männern und Frauen. Stufe 4, wirksam: Um dieser Stufe zugeordnet zu werden, muss eine Indikation sechs Kriterien erfüllen: signifikante Überlegenheit im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mit randomisierter Zuordnung, bzw. mindestens gleiche Wirkung im Vergleich zu einer Behandlungsmethode mit anerkannter Wirksamkeit Überlegenheit oder Äquivalenz in mindestens zwei unabhängigen Settings Einschlusskriterien reliabel und operational definiert Messgrößen valide und klar spezifiziert Angemessene Datenanalyse Diagnostik, Behandlungsvariablen und Prozeduren klar definiert, unabhängige Replikation der Studie möglich
Indikationen, die diese Anforderungen erfüllen, sind: Kopfschmerz bei Erwachsenen, Angst und Angststörungen, Muskelbezogener orofacialer Schmerz, Nicht-kardialer Brustschmerz, Haltungsbezogene Schmerzprobleme, Verstopfung, Depressive Störungen, Diabetes Mellitus: Glykämische Kontrolle, Epilepsie, Erektile Dysfunktion, Fäkalinkontinenz, Bluthochdruck, Reizdarmsyndrom, Präeklampsie, Morbus Raynaud, Schmerz durch Kiefergelenkkrankheiten (TMJD).
Stufe 5, wirksam und spezifisch: Signifikante Überlegenheit in mindestens zwei Settings gegenüber glaubwürdiger Sham-Therapie, medikamentösen oder bona-fide-Behandlungen (Ausdruck des angelsächsischen Schrifttums für Behandlungen von ausgebildeten Fachpersonen, auf Basis von anerkannten Prinzipien und Veröffentlichungen).
Institutionalisierungen In Österreich und Deutschland gibt es eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung für Biofeedback.