mini|Original-Verlagsumschläge der Erstdrucke Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl ist der Titel des vierbändigen Hauptwerks von Uwe Johnson, erschienen zwischen 1970 und 1983 im Suhrkamp Verlag.
Der zeitliche Bogen des 1703 Seiten umfassenden Romans spannt sich vom Ende der Weimarer Republik, vom Aufstieg des Nationalsozialismus, über die Besetzung Mecklenburgs durch die Rote Armee, über die Anfänge der DDR bis zur Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968. Den zweiten Handlungsort, New York, erlebt die Hauptperson Gesine Cresspahl während des Vietnamkriegs und der sozialen Auseinandersetzungen der 1960er Jahre.
Übersicht Die Erzählung begleitet für ein Jahr die anfangs 34-jährige deutsche Bankangestellte Gesine Cresspahl und ihre zehnjährige Tochter Marie vom August 1967 bis zum August 1968 in New York. Gesine und eine Erzähler-Figur, die den gleichen Namen wie der Autor trägt, erzeugen aus dem Strom der täglichen Ereignisse, der Zeitungsmeldungen, Gedanken und Gespräche ein ungewöhnliches New Yorker Tagebuch oder eine subjektive Jahreschronik. In diese werden die Berichte aus dem Leben der Familie Cresspahl in der fiktiven Kleinstadt Jerichow im Mecklenburger Norden von den 1930er Jahren bis zu Gesines Emigration nach New York als wachsende Binnenerzählungen eingefügt.
Mehr als 2/3 der Jahrestage sind eine Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungen der kommunistischen Parteien in Polen und der CSSR sowie der sowjetischen Militäradministration in der DDR. Auch die Jerichow-Erzählungen schildern in zunehmender Ausführlichkeit Gewalt und Willkür der Roten Armee.Gesines Vater wird dreifaches Opfer von administriertem Unrecht, darunter einer mehr als 2-jährigen, fast tödlichen Lagerhaft. Aber ohne einen Fehler einzugestehen soll er postum als Spion der Alliierten geehrt werden - Beispiel eines systemischen Wahnsinns. (Johnson, Jahrestage, S. 842 ff., 1498, 1571) Johnsons systemkritisches Anliegen kondensiert die Erzählung am Ende des 4. Bandes zu einer Liste von, neben anderen, 64 namentlich genannten Opfern hoher Strafen für politische Abweichungen. (Johnson, Jahrestage, S. 1608 ff.) Als Gesine sich entscheidet, die sozialistische Erneuerung in der CSSR im Auftrag ihrer amerikanischen Bank, aber auch aus politischer ÜberzeugungGesine äußert einmal metaphorisch: „Wo ist die moralische Schweiz, in die wir emigrieren könnten?“ (Johnson, Jahrestage, S. 345) Und sie weiß auch, wo man ihrem Ideal am nächsten kommt: „Wenn ihr wissen wollt, was an Sozialismus möglich ist zu unseren Zeiten, lernt Tschechisch, Leute!“ (Johnson, Jahrestage, S. 1288; 616.) zu fördern, beenden die Truppen des Warschauer Pakts am 21. August 1968 diesen Versuch der Reform des Stalinismus – damit hat Gesine eine letzte Hoffnung auf eine sozialistische Heimat verloren.Vor diesen Ereignissen sagt Gesine: „Wenn auch dies nicht gelingt, gäbe ich auf.“ (Johnson, Jahrestage, S. 610.) In getabstract.com wird verallgemeinert: „Gesine steht für die verlorene Generation Deutschlands.“ Nach der Abrechnung mit dem sowjetischen System, nach dem Scheitern des Prager Frühlings und nach der den Roman durchziehenden kritischen Amerika-Sicht bleibt als politische Haltung nur der Gesines Tochter Marie zugeschriebene „ratlose Antikommunismus“:Johnson, Jahrestage, S. 1181. Jedweder Aufbruch zu einer menschlichen Gesellschaft scheint vorerst verstellt. Aber Gesines verehrter „Lehrer für Englisch und Anstand“, Julius Kliefoth, beschließt den Roman mit einem Anflug von Hoffnung: „Im Grund weiß man vom Leben nur eines: was dem Gesetze des Werdens unterliegt, muss nach diesem Gesetze vergehen.“Johnson, Jahrestage, S. 1702.
Die Erzählung bewegt sich in den Tageskapiteln „von außen nach innen“: sie beginnen in der Regel mit Nachrichten aus der New York Times und meist folgen dann die Erinnerungen Gesines an die Ereignisse in Deutschland. So entsteht ein DoppelromanRolf Michaelis: „Simultan-Epos“. über das New York der 60er Jahre und über die fiktive mecklenburgische Kleinstadt Jerichow, über schließlich Gesines Flucht in die den Antisemitismus beschweigende und die Wiederaufrüstung betreibende BRD sowie ihre Emigration in die USA. Die Verbindungslinien zwischen New York und Jerichow als Handlungszentren bestehen im hier wie dort vorhandenen Antisemitismus und Rassismus, in der Stadt New York als Diaspora von Flüchtlingen aus Europa, in der KZ-Nummer auf dem Arm von Gesines New Yorker Nachbarin Mrs. Ferwalter.Vergleiche Andreas Bernard: „In dieser Umgebung (...) nehmen die beiden Zeitebenen des Romans aufeinander Bezug.“
Titel Die „Jahrestage“ sind die im Roman beschriebenen 366 kalendarischen New Yorker Tage vom August 1967 bis August 1968 (1968 war ein Schaltjahr), mitten im Kalten Krieg, im heißen Krieg der USA in Vietnam mit seiner Ausweitung der Kampfmaßnahmen in Nordvietnam, mit täglichem Rassismus, der Bürgerrechtsbewegung, der Korruption und Kriminalität. mini|Allee in Mecklenburg bei Boltenhagen Jahrestage sind aber auch die auf einander folgenden Denktage, Gedenktage, an denen Bedenkenswertes täglich neu geschieht und Erinnerung an längst Vergangenes ihren Platz erhält – so sind die Tage des Jahres 67/68 sowohl Tage der aufmerksamen Beobachtung der Gegenwart als auch des Rückblicks, des Gedenkens an die Ereignisse von vor über 30 Jahren: Gesine hatte früh ihre Mutter, ihren Vater sowie ihren Geliebten und Vater von Marie infolge politischer Umstände verloren – ihre stille Untröstlichkeit ist ein Motiv des sozial fast einsiedlerischen Lebens und ihrer beharrlichen Erinnerungsarbeit.Johnson, Jahrestage, S. 521, 1670. Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“, S. 77 ff., 91, 161 ff.
Die Titelergänzung „Aus dem Leben von ...“ deutet als Unvollständigkeits-Disclaimer schon auf die Fragen der Auswahl, der „Objektivität“ und Zuverlässigkeit heutigen Erzählens hin und damit auf die poetologischen Anlässe zu umfangreichen Diskussionen über die Romanstruktur und Erzählerinstanz der Jahrestage.Seine eigenen poetologischen Überlegungen deutet Johnson z. B. mit der Figur des Deutschlehrers Weserich an, der im Roman Theodor Fontanes Erzählung Schach von Wuthenow analysiert. (Johnson, Jahrestage, S. 1519 ff.)
Entstehung Johnson arbeitete mit Unterbrechungen von 1968 bis 1983 an seinem vierbändigen Hauptwerk, das er am 20. August 1968 enden lässt, dem Tag, bevor die ČSSR von Truppen des Warschauer Pakts besetzt und der Versuch eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ beseitigt wurde.
Das zunächst nur auf einen Band geplante Werk wuchs innerhalb von fünfzehn Jahren auf einen vierbändigen Roman von 1700 Druckseiten, von denen die ersten drei Bände 1970–73 erschienen, der vierte BandDie besondere Funktion des 4. Bandes nach der langen Pause als reflektierende Summe der ersten drei Bände und die hierdurch ausgelösten Diskussionen kommentiert Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“, S. 175 ff. aber erst nach zehnjähriger Pause 1983.
Die Figuren sind z. T. aus anderen Werken Johnsons bekannt: Die Jahrestage haben z. B. die Mutmaßungen über Jakob „zu ihrer Voraussetzung“ und „schreiben diese (...) fort.“ Auch aus dem postum erschienenen Roman Ingrid Babendererde haben Stoff und Personen jenes Erstlings Eingang in die Jahrestage gefunden.Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“, S. 22, Anm. 10 und S. 35
Suche nach dem richtigen Leben Zentrales Thema der Jahrestage ist der Prozess der Erkenntnis einer Welt voller Gefahren, bei dem Erinnern, Erleben und Begreifen Basis der eigenen Lebensentscheidungen werden. Das sei Johnsons altes Thema: „Wie ist richtig zu leben und wahrhaftig zu sprechen in dieser Welt allseitig haftbar machender Systemzwänge, ihrer ideologischen Täuschungen und propagandistischen Sprachregelungen? (...) Und wie erzieht man ein Kind in dieser Welt?“Vergleiche Rolf Becker. Die fraglichen Entscheidungssituationen sind z. B. das politische Engagement, Flucht und Emigration oder die Anpassung an Hierarchien.Johannes Zech zitiert nach Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“, S. 123 f.
Gesines Ziel ist „Bescheid zu lernen. Wenigstens mit Kenntnis“, im „Bewusstsein des Tages“ zu leben.Johnson, Jahrestage, S. 63, 188 f. Nichts soll fehlen zur verständigen „Anwesenheit“ in der Gegenwart, die für Gesine nur als Widerstand gegen eine entfremdete Lebensform möglich ist.Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“, S. 141 f. und Anm. 33 Daher spricht Gesine ihre Kommentare und Geschichten auf ein Tonband „für wenn ich tot bin“, da sie befürchtet, dass ihre Anstrengung, auf der Höhe ihrer Zeit zu leben, selbst für ihre altkluge Tochter Marie noch nicht immer verständlich ist.Johnson, Jahrestage, S. 63, 348, 614 ff.
„Das ist das Thema des gesamten Roman-Zyklus, eine einzige Paraphrase über Politik und Verbrechen, über den Versuch der Menschen, sich zu befreien und über die Vergeblichkeit dieses Versuchs.“Vergleiche Fritz Raddatz. So auch Hanjo Kesting: die Jahrestage erzählen die „Geschichte einer Desillusionierung.“ Ulrich Fries: Uwe Johnsons „Jahrestage“, S. 93: „Cresspahl und Gesine sind die Personen, an denen Johnson zwei Möglichkeiten vorführt, in diesem Jahrhundert das Glück zu versäumen.“ Derselbe S. 143: „Die Summe, die der Roman zieht, ist eindeutig – und deprimierend.“ Lebenschancen werden verteilt durch soziale Hierarchien, Gruppenzugehörigkeit, politische Systeme und ihre Kriege. Daher geht es Gesine darum, „den freundlichen Anblick und Augenblick und Moment mit einem scharfen Rand von Gefahr und Unglück“ zu versehen, um sich entsprechend verhalten zu können.Johnson, Jahrestage, S. 113. Die emotionalen Tiefenströme der Figuren Gesine und Marie sind bestimmt von Angst (ebenda, S. 480, 483, 513 f., 596 f., 614, 672, 840, 1012, 1048 f., 1291, 1303 ...) und Gefahr (ebenda, S. 441, 464, 469, 629, 653, ...). Diese psychische Textur bemerkt auch der von Gesine befragte Psychoanalytiker. (ebenda, S. 1670) Gesine, ihre Mutter, ihr Vater lebten oder leben mehr oder weniger nah am Aufgeben. (ebenda, S. 552, 610, 680, 704, 988, 731, 1042, 1133, 1185 ...) Die emotionalen Tiefenströme der Figuren Gesine und Marie sind bestimmt von GefahrJohnson, Jahrestage, S. 441, 464, 469, 629, 653, ... und Angst.Johnson, Jahrestage, S. 480, 483, 513 f., 596 f., 614, 672, 840, 1012, 1048 f., 1291, 1303 ... Gesine, ihre Mutter und ihr Vater leben oder lebten mehr oder weniger nah am Aufgeben.Johnson, Jahrestage, S. 552, 610, 680, 704, 988, 731, 1042, 1133, 1185 ... Diese psychische Textur bemerkt auch der von Gesine befragte Psychoanalytiker. (ebenda, S. 1670)
Kompass der New York Times Wichtige Passagen des Wegs der Welt-Orientierung führen durch die Seiten der New York Times, sie ist der Anfang aller politischen, sozialen und historischen Erkenntnis.Die Times ist die „erfahrenste Person der Welt“, der „blinde Spiegel der täglichen Ereignisse“, unsere „erprobte Lieferantin von Wirklichkeit“. Johnson, Jahrestage, S. 172, 459, 543. Sie wird von Gesine wie eine Person, eine „ehrliche alte Tante“Johnson, Jahrestage, S. 14 f., 36 f., 577 ff., 1346. erlebt, die durch ihre Vorsortierung der Ereignisse immer auch bevormundende Gouvernante ist, mit der sie sich mehr und mehr auseinandersetzt.Gesine findet in den oft mehr als 50 Seiten der Times die politisch relevanten, aber „versteckten“ Nachrichten (Johnson, Jahrestage, S. 578), wird aufmerksam für Darstellungsvarianten von Fakten (ebenda, S. 546, 571), gewinnt Einsichten in die nicht ausgesprochenen Motive politischer Manöver (ebenda, S. 441) und misstraut Geschichten, die in allem zusammenpassen (ebenda, S. 1295). mini|Hauptsitz der NY Times Lesen ist eine zentrale Funktion der Orientierung in der Welt und das tägliche Studium der Times ist für Gesine – und zunehmend auch für Marie – moralische Pflicht. „Die Zeitungslektüre ist der Kompass für ihre heimatlose Seele.“Vergleiche Heike Mund. Erst die Veröffentlichung in der Times bürgt für die Wahrheit von Nachrichten und damit der Welt, an deren Gegebenheiten man sich orientieren muss.