Die Große Stalburg, in älterer Literatur auch nur Stammhaus genannt, war ein historisches Gebäude in der Altstadt von Frankfurt am Main. Es lag in der Westbebauung des Großen Kornmarkts (heute Kornmarkt) ungefähr an der Stelle, an der heute das Gebäude des Bundesrechnungshofs in Frankfurt am Main steht. Die Hausanschrift war seinerzeit nach der alten Quartiernummerierung F9, nach der Abschaffung des Systems 1845 hätte dies Großer Kornmarkt 17 entsprochen.Krug 1850, S. 117.

Das Ende des 15. Jahrhunderts erbaute Steinhaus war entsprechend zeitgenössischen Berichten das in Architektur und erhaltener Originalausstattung schönste profane Gebäude der Frankfurter Gotik. Obwohl der Erbauer Claus Stalburg bestimmt hatte, es niemals zu verändern oder abzubrechen, musste es bereits 1789 für den Bau der Deutsch-reformierten Kirche in Frankfurt weichen.

Geschichte Vorgeschichte mini|Hypothetische Bausituation um 1490 Aufgrund einer Vielzahl von urkundlichen Erwähnungen und Bedebucheinträgen lässt sich die topographische Situation am Großen Kornmarkt, der heute nur noch als Kornmarkt bekannt ist, um 1490 gut rekonstruieren. Demnach befanden sich anstelle der Großen Stalburg zuvor vier Altstadthäuser, von Süden nach Norden genannt Zur Krone, Zum Stern, Friburg und Heussenstamm. Den eher kurzen schriftlichen Zeugnissen nach zu urteilen scheint es sich aber um einfache Bauten mit den typischerweise schmalen, aber sehr stark in die Tiefe gehenden Parzellen ohne besondere Funktion gehandelt zu haben.Battonn 1869, S. 80–82.

Bezüglich des Alters, etwa ob die Gebäude noch aus der Erstbebauung des Straßenzuges im 12. Jahrhundert stammten, lassen sich in Anbetracht der frühesten urkundlichen Erwähnung eines der vier Gebäude 1336 keinerlei seriöse Betrachtungen mehr anstellen.Battonn 1869, S. 80; Zitat: […] domum dictam zum Sterne sitam in foro frumenti […]; auch abgedruckt bei Boehmer, Lau, S. 548; dort § 52 des ältesten Insatzbuches, Eintrag vom 1. Januar 1336. Zumindest von der Parzellierung vergleichbare, aber mit Sicherheit im Spätmittelalter oder der frühen Neuzeit vollständig neu erbaute Häuser hatten sich vor allem am nördlichen Ende des Großen Kornmarkts bis zur Zerstörung der Altstadt 1944 erhalten. Die Besitztumsverhältnisse des 14. und 15. Jahrhunderts liegen im Dunkeln, obgleich hier weitergehende Quellenforschungen vermutlich noch heute Klarheit schaffen könnten.

Die Zeit der Erbauung mini|links|Claus Stalburg und seine Frau Margarethe vom Rhein, 1504Urkundlich bewiesen ist dagegen, dass der reiche Frankfurter Patrizier und Ratsherr Claus Stalburg die vier Gebäude wohl in den 1490er Jahren in seinen Besitz brachte, niederlegte und dort bis 1498 einen steinernen Neubau ausführen ließ. Eine Urkunde vom 24. Januar 1498Sage 1959, S. 22; Original im ISG Frankfurt a. M. bei den Hausurkunden zu F9. nennt bereits die nach dem Bauherren benannte Große Stalburg namentlich und in diesem Zusammenhang eine „ander nuwe husung“, so dass das Gebäude spätestens zu diesem Zeitpunkt als fertiggestellt betrachtet werden kann.

Als Baubeginn wird von der vorhandenen Literatur fast geschlossen das Jahr 1496 genannt, Anja Johann nennt, ohne Quellenangabe, 1497.Johann 2002, S. 49. Zumindest die 1496 stützt sich offensichtlich nur auf eine Angabe im zweiten Teil der Frankfurter Chronik von Georg August von Lersner,Lersner 1734, Erstes Buch, S. 204. dessen Aussagen in Anbetracht der geschichtswissenschaftlichen Standards im frühen 18. Jahrhundert zumindest kritisch zu hinterfragen sind. Gemessen an anderen, urkundlich besser dokumentierten Bauprojekten jener Jahre, etwa dem Steinernen Haus, erscheint eine Bauzeit von zwei Jahren jedoch realistisch.

Die geschickte Wahl des Baugrundes ist noch heute und trotz vor allem in der Nachkriegszeit geänderter Straßenverläufe im Stadtbild ablesbar. Der Große Kornmarkt war im mittelalterlichen Frankfurt neben der Fahrgasse und der Neuen Kräme die wichtigste Nord-Süd-Verbindung zwischen dem nördlichen Stadttor Katharinenpforte und dem Leonhardstor am Mainhafen im Süden, von der Bedeutung für den Verkehr in etwa vergleichbar mit der heutigen Kurt-Schumacher-Straße.

Steinerne Häuser in derart prominenter Lage, von denen es in der Stadt ohnehin nur um die zwanzig gab,Voelcker 1937, S. 49. ließen sich insbesondere bei der zweimal jährlich stattfindenden Messe vor allem für die kostbarsten Waren vermieten. Im Vergleich zu den anderen, überwiegend aus Holz verzimmerten, Bauten der Stadt waren sie weit weniger durch ständig drohende Brände gefährdet. Darüber hinaus kehrten in einem Bau wie diesem auch nur zahlungskräftige Messgäste aus der obersten Gesellschaftsschicht ein.

Weitere Geschichte, Abbruch und Nachfolgebebauung Nach dem Tode Claus Stalburgs ging das Haus an seinen zweiten Sohn, Craft Stalburg über, der jedoch selbst ohne Erben blieb und 1572 starb.Battonn 1861, S. 251. Er hatte allerdings noch dreizehn Geschwister, von denen acht das Erwachsenenalter erreicht hatten.Johann 2002, S. 46. Er bestimmte daher in seinem Testament vom 3. August 1567, dass immer der älteste männliche Vertreter der Linie Stalburg das Haus besitzen, und es zugleich unterhalten, aber niemals verändern oder gar abreißen solle.Jung, Hülsen 1902–1914, S. 281 u. 282.

So wurde das Haus von Generation zu Generation weitervererbt, und dem Testament offenbar derart Genüge getan, dass der Zeitzeuge Johann Karl von Fichard noch Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb: „Claus Stalburg […] gab in diesem Hause der Nachwelt das Bild einer luxuriösen Privatwohnung, wie man diese zu Ende des 15. Jahrhunderts als Muster aufstellen konnte.“Battonn 1869, S. 82.

Doch der in Frankfurt sehr fruchtbare vorrevolutionäre Klassizismus hatte nur noch wenig für die Baukunst vorangegangener Jahrhunderte übrig. Trotz eines langsam erwachenden kunsthistorischen Interesses, wie es etwa die Werke von Heinrich Sebastian Hüsgen aus dem späten 18. Jahrhundert bezeugen,Heinrich Sebastian Hüsgen verfasste mit Nachrichten von Franckfurter Künstlern und Kunst-Sachen […]. (1780) und Artistisches Magazin […]. (1790) die ersten Frankfurt-spezifischen kunstgeschichtlichen Abhandlungen überhaupt. wurde flächenhaft mittelalterliche Bausubstanz im neuen Zeitgeist verändert oder, wenn auch relativ zu späteren Zeiten betrachtet noch selten, ganz abgebrochen. So findet sich die Große Stalburg, abgesehen von Lersners Chronik, in keiner größeren Stadtbeschreibung des 18. Jahrhunderts auch nur erwähnt, geschweige denn als bedeutsam vermerkt.Prüfung des Verfassers: keine Erwähnung bei den neben Lersner vier wichtigsten Stadtbeschreibungen des 18. Jahrhunderts, also Faber 1788, Gercken 1788, Moritz 1785/86 u. Müller 1747.

1788 begann die Frankfurter deutsch-reformierte Gemeinde, nach einem Grundstück für den Bau einer Kirche zu suchen. Zwar waren die ersten reformierten Glaubensflüchtlinge, vor allem aus Frankreich und den Niederlanden, schon 1555 nach Frankfurt gekommen und dort sesshaft geworden. Nach heftigen theologischen Auseinandersetzungen mit dem lutherischen Predigerministerium hatte der Rat jedoch 1594 den reformierten Gottesdienst verboten und den Reformierten, mit einer kurzen Ausnahme von 1601 bis 1608, kein eigenes Kirchengebäude im Stadtgebiet zugestanden. Erst am 15. November 1787 gestattete der Rat den beiden reformierten Gemeinden unter strengen Auflagen den Bau eigener Kirchen.

Trotz eines offensichtlichen Interesses des damaligen Stammhalters der Familie, des kaiserlichen Rats und älteren Schöffen Johann Adolph Friedrich von Stalburg, das Haus zu verkaufen, galt zunächst noch immer das Testament von 1561. Der Fall kam somit vor das Schöffengericht, das durch Schiedsspruch vom 22. Dezember 1788 den testamentarischen Willen Craft Stalburgs faktisch aufhob und somit einen Verkauf und Abbruch erst möglich machte.Battonn 1869, S. 87 u. 88, weite Teile der nachfolgend zitierten Gerichtsentscheidung finden sich dort wörtlich abgedruckt.

Laut Begründung des Gerichts lagen hierfür „erheblichste Beweggründe“ vor, so etwa, „dass dieses Haus nach den veränderten Zeiten dem Zwecke schlechterdings nicht mehr entspreche, vielmehr nach seiner innern Einrichtung und nach seinem äussern Ansehen allen bürgerlichen Wohnungen weit hinten anstehe“. Letztendlich ausschlaggebend war jedoch, dass für einen angeblich nötigen Neubau des Hauses, „wenn es zu einer wirklichen Wohnung für den von Stalburg’schen Mannesstamm zugerichtet werden wollte“ laut gutachterlicher Aussage wenigstens 30.000 Gulden zu veranschlagen wären, die deutsch-reformierte Gemeinde jedoch 45.000 Gulden geboten hätte.

mini|Deutsch-reformierte Kirche am Kornmarkt, um 1880Abschließend meinte das Gericht noch, die „Absicht des Fideicommissstifters [Craft Stalburg] sein Haus seinem Mannesstame zur Wohnung zu bestimmen, ware gewiss in allem Betracht erreicht worden, da solches noch nach seinem Tode über 2 Secula hindurch in seiner Bestimmung belassen und jetzo nachdeme der Zahn der Zeit es unbewonbar gemacht hatte, der, durch einen glücklichen Zufall erhaltene so hohe Verkaufspreis von fl. 45,000 zum nämlichen Zwecke dem Fideicommis substituiret ward.“

Nur kurze Zeit später, Anfang 1788, schloss das Presbyterium der deutsch-reformierten Gemeinde den Kaufvertrag, und das Schicksal der Großen Stalburg war mit Zustimmung der Stadt zur Wahl dieses Platzes im Juli desselben Jahres endgültig besiegelt. Das Haus wurde 1789 mitsamt seiner einmaligen und wohlerhaltenen Ausstattung abgebrochen. Einzig das Mittelteil des Hausaltars ging in private Hände nach Hanau über, wo es 1813 beim Einmarsch der Franzosen verbrannte. Die Altarflügel mit der Darstellung Claus Stalburgs und seiner Frau kaufte später das Städelsche Kunstinstitut.Gwinner 1862, S. 46.

Der Neubau im damals modernen klassizistischen Stil – sein Entwurf wird Nicolas Alexandre Salins de Montfort zugeschrieben – erinnerte äußerlich nicht an eine Kirche. Dies war eine Folge der Ratsverfügung, die den reformierten Gemeinden auferlegt hatte, die Fassaden ihrer Kirchenbauten in die Straßenfronten einzufügen und keine Glockentürme zu errichten. Diese Nüchternheit zog jedoch auch Kritik auf sich. Fichard merkte später zu Abbruch und Neubau an: „Die an dieser Stelle hingebaute Kirche, bei deren Anblick der, welcher mit der Bestimmung des Gebäudes unbekannt ist, kaum errathen kann, zu welchem Zwecke hier Kalk und Stein zusammengesetzt wurden, ersetzt diesen Verlust keineswegs. – So wird auch statt eines gediegenen alten Werkes im Bücherschrank oft eine elende Missgeburt neuerer Zeit hingestellt.“ Der Kunsthistoriker und spätere Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt, Philipp Friedrich Gwinner, schrieb 1862: „Ein kläglicheres Zeugniß ihres nüchternen Philister-Geschmacks konnte sich diese Zeit wahrlich nicht ausstellen.“

Mit dem kinderlos gebliebenen Johann Adolph Friedrich von Stalburg starb die Familie Stalburg 1808 im Mannesstamm aus.

Architektur Äußeres mini|Gebäude auf dem Merian-Plan Frankfurts von 1628 1853 erstellte Carl Theodor Reiffenstein in einem Aquarell eine Rekonstruktion des Hauses, die sich wiederum auf Informationen von Johann Georg Battonn und Johann Karl von Fichard stützte, die das Haus noch zu Lebzeiten gekannt und darüber berichtet hatten.Battonn 1869, S. 82–88. Obgleich das Aquarell eigentlich der Illustration eines späteren Werkes über die Goethestätten in Frankfurt diente,Reiffenstein 1877, S. 31. da das südlich der Großen Stalburg anschließende Haus das Geburtshaus der Lili Schönemann war, lieferte der Maler hier auch ein eindrucksvolles Zeugnis von der durch Claus Stalburg öffentlich zur Schau gestellten Pracht.