Mit Spracherwerb (auch: Sprachentwicklung) wird in der Regel die Aneignung einer ersten Sprache durch das aufwachsende Kind bezeichnet.

Neben dem einsprachigen Spracherwerb gibt es auch noch den doppelten oder mehrfachen Spracherwerb, den gleichzeitigen Erwerb zweier oder mehrerer Sprachen durch ein Kind. Der Erwerb der ersten oder Muttersprache wird auch als Erstspracherwerb bezeichnet. Als Zweitspracherwerb bezeichnet die Forschung den Erwerb einer zweiten Sprache nach Erwerb der ersten, in der Regel durch Einbeziehung der Lerner in die Alltagskommunikation in natürlicher Umgebung. Erst- und Zweitspracherwerb kontrastieren mit dem Fremdspracherwerb. Hier wird die Sprache in der Regel im Unterricht innerhalb von Bildungsinstitutionen wie der Schule vermittelt, unter Zuhilfenahme eines Lehrplans und didaktischer Konzepte. Man bezeichnet den Fremdspracherwerb deshalb in der Forschung auch nicht so sehr als Erwerb, sondern als Sprachenlernen, wobei die Grenze zwischen Erwerb und Lernen nicht immer klar gezogen werden kann.Udo Ohm: Sprache lernen und erwerben. In: Magazin Sprache des Goetheinstitut unter goethe.de, März 2015, abgerufen am 24. Mai 2020.

Der Erstspracherwerb ist ein Forschungsgegenstand, mit dem sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen befassen, darunter vor allem die Psycholinguistik im Speziellen als auch die Linguistik im Allgemeinen und die Entwicklungspsychologie, ferner die Biologie, die Anthropologie und die Forschung zur nonverbalen Kommunikation.Gisela Klann-Delius: Spracherwerb: Eine Einführung, 3. Auflage. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02632-3, S. VII. Speziell beim Fremdspracherwerb spielt ferner noch die Fremdsprachendidaktik eine wichtige Rolle.

Formen des Spracherwerbs Man unterscheidet im Wesentlichen die folgenden Formen des Spracherwerbs oder der Sprachaneignung:Britta Jung, Herbert Günther: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Beltz, Weinheim/Basel 2004, ISBN 978-3-407-25731-4, S. 56–61. Erwerb der Erstsprache (L1) beim Kind, umgangssprachlich auch Muttersprache genannt, auch wenn noch andere Bezugspersonen als die Mutter eine Rolle spielen können doppelter oder mehrfacher Erstspracherwerb: paralleler Erwerb von zwei oder mehr Sprachen als Kind (Bilingualismus) Erwerb einer Zweitsprache (L2) im „natürlichen“ Kontext Erwerb einer Fremdsprache in gelenkten Lernsituationen (Unterricht, Kurs) Zwischen Zweit- und Fremdsprache wird in der Literatur unterschiedlich differenziert. Einige Forscher bezeichnen jegliche Sprache, die als zweites nach dem Erwerb der Erstsprache gelernt wird, als Zweitsprache. Andere Forscher nennen lediglich Sprachen, die zusätzlich zur Erstsprache in einem Alltagskontext (also etwa auf der Straße, beim Einkaufen oder auf der Arbeit) erworben wird, Zweitsprachen. Klassisches Beispiel für einen solchen Erwerb einer Zweitsprache ist der Deutscherwerb durch Migranten, die im Kindes- oder Erwachsenenalter z. B. nach Deutschland einwandern und dort Deutsch im Alltag erlernen, ohne einen formalen Unterricht zu durchlaufen. Diese Zweitsprache ist also eine zusätzliche Sprache zur Erstsprache, die Minderheiten für die Alltagsbewältigung zusätzlich benötigen. Im Gegensatz zu dieser Zweitsprache ist eine Fremdsprache eine Sprache, so die Forscher, die durch einen gesteuerten Sprachunterricht systematisch gelernt wird.T. Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. Quelle & Meyer, Heidelberg 1990, S. 1285, zitiert in: Britta Jung, Herbert Günther: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Beltz, Weinheim/Basel 2004, ISBN 978-3-407-25731-4, S. 57. Andere Forscher verzichten auf eine Unterscheidung zwischen Zweit- und Fremdsprache und sprechen stattdessen vom ungesteuerten und gesteuerten Zweitspracherwerb. In diesem Zusammenhang wird auch häufig davon gesprochen, dass Kinder und Erwachsene eine Zweitsprache ungesteuert „erwerben“, während eine Sprache in der Schule „gelernt“ wird. Häufig wird die in der Schule gelernte Fremdsprache auch nicht im Alltag verwendet, im Gegensatz zur ungesteuert „auf der Straße“ erworbenen Zweitsprache.Britta Jung, Herbert Günther: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Beltz, Weinheim/Basel 2004, ISBN 978-3-407-25731-4, S. 142.

Phasen Im Erstspracherwerb kann man bestimmte Phasen beobachten, die nacheinander durchlaufen werden und in denen das Kind nach und nach die Laute, den Wortschatz und die Grammatik der Erstsprache erwirbt.Christina Kauschke: Kindlicher Spracherwerb im Deutschen. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-028388-4, S. 23–116.Heike Rohmann, Karin Aguado: Der Spracherwerb: Das Erlernen von Sprache. In: Horst M. Müller (Hrsg.): Arbeitsbuch Linguistik, 2. Auflage. Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-8252-2169-0, S. 268–273.

Pränatal Das Ohr ist eines der ersten Organe, die beim Menschen funktionieren. Eine Woche nach der Befruchtung bilden sich Ansätze der Ohren am Embryo. Nach ungefähr viereinhalb Monaten ist das Hörorgan (Labyrinth mit Cochlea) vollständig entwickelt und hat seine endgültige Größe erreicht. Das ermöglicht dem Fötus erste Spracherfahrungen zu machen. Wegen der intrauterinen Bedingungen (Uterus und Fruchtwasser wirken wie ein Tiefpassfilter) ist die Wahrnehmung vor allem auf prosodische Aspekte, die Sprachmelodie, beschränkt. Es werden tiefe Frequenzen bis 500–700 Hz übertragen, der Druckpegel sinkt signifikant bei steigender Frequenz. Viele der vorhandenen Außengeräusche werden nicht von biologischen Geräuschen überdeckt. Der Pegel von sehr niedrigen Frequenzen (< 300 Hz) erreicht ähnliche Werte wie ex utero. Die mütterliche Stimme und Stimmen in der Nähe der Mutter treten deutlich gegenüber den Hintergrundgeräuschen hervor (sofern sie über 100 Hz liegen) und neben prosodischen Eigenschaften sind auch einige Phoneme verständlich. Die Dämpfung der mütterlichen Stimme ist sehr gering bis hin zu Verstärkung durch die Knochenleitung.

So kommt es, dass Kinder schon direkt nach der Geburt die Stimme ihrer Mutter erkennen können, genauso wie ihre Muttersprache und Geschichten oder Melodien, die sie während der Schwangerschaft oft präsentiert bekamen. Diese Erkennung beruht auf den prosodischen Faktoren, Lautfolgen ohne prosodische Informationen können sie nicht unterscheiden. Aktuelle Studien lassen aber vermuten, dass Kinder im Mutterleib doch schon mehr von der Sprache mitbekommen und dort auch verschiedene Stimmen unterscheiden und Silben voneinander trennen können.M. Mahmoudzadeh, G. Dehaene-Lambertz, M. Fournier, G. Kongolo, S. Goudjil, J. Dubois, R. Grebe, F. Wallois: Syllabic discrimination in premature human infants prior to complete formation of cortical layers. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] Februar 2013, . doi:10.1073/pnas.1212220110. PMID 23440196.

So kann man an der Schreimelodie von Babys aus einem französisch- oder deutschstämmigen Umfeld unterscheiden, woher sie stammen. Erstere präferieren ansteigende Melodiemuster, während letztere häufiger abfallende Muster produzieren.

Von der Geburt bis zum 20. Monat Grundsätzlich bewegen sich Neugeborene oder machen große Augen als Reaktion auf ein lautes Geräusch. Sie drücken außerdem Wohlgefallen oder Unwohlsein durch Lachen, Kichern, Weinen und Lächeln aus.

6 bis 8 Wochen Babys verfeinern ihre Hörfähigkeiten und suchen nach den Quellen von Klängen in ihrer Umgebung, die bestimmte prosodische Merkmale aufweisen. Neugeborene erzeugen Laute reflektorisch, z. B. bei der Nahrungsaufnahme. Von einem bewussten Nachahmen von Lauten kann in dieser Phase noch nicht gesprochen werden. Schreien dient als Ausdruck des Missbehagens und Wunsch nach Versorgung. Durch Reaktionen der Bezugsperson wird die kommunikative Funktion der Sprache kennengelernt und das Schreien wird differenzierter.

Präferenzen von Säuglingen bei der Wahrnehmung der Pausen, bei Unterbrechungen natürlich strukturierter Texte im Vergleich zu jenen künstlicher Texte sowie Präferenzen von Kleinkindern bei Übereinstimmung von Vorgesprochenem und Bild im Unterschied zur Nicht-Übereinstimmung weisen auf ein frühes „grammatisches Verständnis“ der Kinder hin.

2 bis 4 Monate Die neuronalen Strukturen des Babys haben sich so weit entwickelt, dass es inzwischen lacht und erste Laute, zumeist Vokale, und kurze Zeit später auch Silben produzieren kann. Ferner gibt es Urlaute von sich wie beispielsweise gurgeln, lallen, schmatzen, knurren oder Blasreiblaute. Bevor das Baby redet, ist es in der Lage, die Bedeutung von Gebärden (Gebärdensprache) zu erfassen und sich damit auszudrücken. 5 bis 9 Monate Das sogenannte kanonische Lallen (siehe auch: Idiolalie) tritt auf, welches durch Verdoppelung von bekannten Silben gekennzeichnet ist und die Vorstufe zur Wortbildung darstellt. Störungen beim Auftreten des Lallens sind ein guter Prädiktor für spätere Sprachstörungen. Dieses Übungsverhalten wird von Eltern oft freudig überbewertet, wenn das Kind beispielsweise „Mama“ oder „Papa“ sagt und so scheinbar eine Person benennt. Tatsächlich kommen diese Lautketten wahrscheinlich insofern zufällig zustande, als die betreffende Laute leicht zu bilden sind. Das Kind kann Wörter erst später mit Bedeutungen verbinden, wenn phonologische Komponenten der Sprache gefestigt sind. Vielfältige sensomotorische Erfahrungen sind Voraussetzung für das wachsende Sprachverständnis. Ferner kommt es zum Einüben von Satzmelodien und Sprechrhythmen. 10 bis 14 Monate Das Kleinkind bildet erstmals einfache Worte, die für gewöhnlich sehr spezifische „soziale“ Wörter sind und nur kontextgebunden eingesetzt werden, wie „essen“ und „schlafen“. Andere Wörter sind anfangs noch objektkonstant und werden nur bei Sichtkontakt des Genannten artikuliert. Vorläufer sind die Protowörter, bei denen das Kind erstmals Lautäußerungen mit bestimmten Situationen, Gegenständen, Personen und Tätigkeiten verbindet. Das Kleinkind bildet Ein-Wort-Sätze. Es ist kognitiv in der Lage, über Abwesendes zu sprechen.

18 Monate Einige Kinder haben hier die 50-Wort-Marke (expressives Lexikon) erreicht. Dies wird deshalb als wichtig angesehen, da von hier an der Worterwerb deutlich schneller erfolgt, die Wortschatzexplosion findet statt, welche auf der Erkenntnis fußt, dass alle Wörter einen semantischen Gehalt haben und somit alle Dinge benannt werden können. Das Kind befolgt einfache Doppelaufträge. Das 1. Fragealter tritt ein, es werden Was-Fragen (Bezeichnung) und Wo-Fragen gestellt.

Forschungen über das Sprachzentrum im Gehirn zeigen, dass eine ganze Reihe relativ breit verteilter Areale an der Sprachverarbeitung beteiligt sind und dass sich die meisten Sprachverarbeitungsareale im zweiten Lebensjahr in der dominanten Hirnhälfte ausbilden. Das Ohr ist beim menschlichen Embryo bereits nach viereinhalb Monaten als eines der ersten Organe vollständig ausgebildet und kann erste Spracheindrücke erwerben. Gehörlose oder Schwerhörige, die keine Therapie (mit Hörgerät oder Cochleaimplantat) erhalten, verstummen. Für eine nahezu natürliche Sprachentwicklung muss im ersten Lebensjahr mit einer auditiv-verbalen Therapie begonnen werden.

2 Jahre Bis zu diesem Alter haben Kinder normalerweise die „magische 50“ an gesprochenen Wörtern erreicht. Erreichen sie die Mindestzahl von 50 Wörtern nicht, werden sie als Late Talker bezeichnet.S. Weinert & H. Grimm: Sprachentwicklung. In: R. Oerter & L. Montada: Entwicklungspsychologie. 6. Auflage. 2008, S. 510–511. Sie verwenden Alltagswörter, die sie zu Hause gehört haben, und sprechen einfache Zwei-Wort-Sätze. Außerdem lernen sie in diesem Alter ihre ersten Lieder. Wortschöpfungen treten auf und das Kind versteht noch viel mehr Aussagen aus dem vertrauten Alltagsleben als zuvor. Mit ca. 2½ Jahren wird Gebrauch von dem Wort „Ich“ gemacht, ebenso bildet es Echolalien von Sätzen oder aber auch Satzteilen.