Die Misteltherapie (Therapie mit Viscum album L.-Extrakten) gehört zu den am häufigsten angewandten heilpflanzenbasierten Verfahren in der alternativmedizinischen Krebsbehandlung im deutschsprachigen Raum. Sie basiert auf Anregungen von dem Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner und wurde von der Ärztin Ita Wegman entwickelt. Die aus der Weißbeerigen Mistel hergestellten Präparate wurden erstmals 1917 innerhalb der anthroposophischen Medizin angewendet und werden heute zur Zusatzbehandlung bei malignen Erkrankungen und im Rahmen der Palliativmedizin zur Verbesserung der Lebensqualität eingesetzt. Die Präparate stimulieren unspezifisch das Immunsystem.
Die Wirksamkeit von Mistelpräparaten gegen Krebs ist wissenschaftlich nicht erwiesen.
Geschichte mini|Abbildung der Mistel (Viscum album) im New Kreütter Bůch des Hieronymus Bock 1546Hieronymus Bock. New Kreütter Bůch. Wendel Rihel, Straßburg 1546, Teil III, Kapitel 3: Mistel (Digitalisat) Die Mistel ist eine traditionelle Heilpflanze, Mistelzubereitungen wurden in verschiedenen Behandlungssituationen seit vielen Jahrhunderten eingesetzt. Im ersten Jahrhundert schrieben Pedanios Dioskurides und Plinius der Ältere, die Mistel (ixos, viscum) habe die Kraft, Geschwüre zu erweichen und sie zur Reifung zu bringen.
1543 erwähnt Leonhart Fuchs im New Kreutterbuch (auch: New-KreüterbüchIein) die Anwendung der Mistel bei „Geschwülsten“ in Form eines äußerlich anzuwendenden Breies aus Blättern und Beeren. Auch der deutsche Arzt Hieronymus Bock beschreibt die Mistel in seinem Kreütterbuch als wirksam gegen „Geschwülste“.Leonhart Fuchs. De Historia Stirpivm Commentarii Insignes: Maximis Impensis Et Vigiliis Elaborati, Adiectis Earvndem Vivis Plvsqvam quingentis imaginibus, nunquam antea ad naturae imitationem artificiosius effictis & expressis ; accessit ijs succincta admodum uocum difficilium & obscurarum ... Isengrin, Basel 1542, Kapitel 123 (S. 328): De ixo (Digitalisat); New Kreütterbuch … Michael Isingrin, Basel 1543, Kapitel 124: Mystel (Digitalisat)Hieronymus Bock. New Kreütter Bůch. Wendel Rihel, Straßburg 1546, Teil III, Kapitel 3: Mistel (Digitalisat)
Die Anwendung der Mistel bei Tumorerkrankungen in der Komplementärmedizin geht auf Rudolf Steiner zurück. Ab 1904 erwähnt er die Mistel allgemein in seinen Vorträgen, ab 1920 speziell für die Krebsbehandlung.Paul G. Bellmann und Willem Frans Daems: Ist die Mistel ein altes Krebsheilmittel? In: Sudhoffs Archiv 49 (1965), H. 4, S. 355–363. Schlussfolgerung: „… Unsere Untersuchung stellte sich die Frage, ob die Mistel (Viscum album L.) ein altes Krebsheilmittel sei. Die Durchsicht der uns zugänglichen einschlägigen Literatur ergab dafür keine Anhaltspunkte. Ein Hinweis auf die Einführung der Mistel in die Krebstherapie fand sich erst bei Rudolf Steiner (1920). Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und Medizin. Zwanzig Vorträge, Dornach 21. März bis 9. April 1920, Aufl. 1961, S. 246 ff. Steiner äußerte sich zur krebsheilenden Wirkung der Mistel, nachdem er sich länger als ein Jahrzehnt mit der Pflanze beschäftigt hatte: er erwähnt sie bereits 1904 in seiner Berliner Vortragsreihe „Die planetarische Entwicklung“ (VI. Vortr. vom 31. Oktober 1904).“ Gemäß Steiner sei die Mistel ein „Pflanzentier des Mondes“ voller besonderer Kräfte, die von einem Himmelskörper einer früheren Stufe abstamme; dieser Himmelskörper soll aus Erde und Mond bestanden haben. 1916 weist er auf „die komplementäre Natur von Mistel und Karzinom hin“. Steiner gab an, dass die Mistel von ihrem Wirtsbaum so lebt wie Krebs vom Körper des Patienten. Aus dieser Analogie folgerte er, dass die Mistel bei der Krebsbehandlung wirksam sein könnte.
Ita Wegman nahm diesen Hinweis auf und erarbeitete zusammen mit dem Zürcher Apotheker Adolf Hauser das erste injizierbare Präparat aus Apfelbaummisteln, das ab 1917 zur Behandlung angewendet wurde. 1918 wurde das Präparat von Adolf Hauser unter dem Namen Iscar registriert. 1920 stellte Rudolf Steiner die von Ita Wegman erprobte Misteltherapie erstmals bei einem Fachkurs für Mediziner und Pharmazeuten in Dornach bei Basel vor.Theodor Much: Viva Miraculix: Misteltherapie. In: “Der” veräppelte Patient?, Edition Va Bene, Wien, 2003. S. 117.Christine Murphy: Iscador: Mistletoe and Cancer Therapy. Lantern Books, New York, 2001. S. 52 f.
Laut Steiner seien chirurgische Eingriffe bei Geschwulstbildungen durch eine Potenzierung der Mistel ersetzbar. Die Mistelfrucht müsse mit anderen „Mistelkräften“ mit einer „sehr komplizierten Maschine“ zum Heilmittel gemacht werden. 1920 beschreibt Steiner, wie Gemische aus Sommer- und Wintersaft der Mistel nach anthroposophischer Intention herzustellen seien: Der Extrakt soll im Winter, möglichst zu Weihnachten, und im Hochsommer Ende Juni hergestellt werden. Dann soll der Sommersaft in den in einem rotierenden Gefäß befindlichen Wintersaft herunterfließen. Mit zunehmender Umdrehungsgeschwindigkeit des Rotationsgefäßes nehme die Wirksamkeit des Mittels zu. Damit die Wirkkräfte nach dem Zentrifugieren nicht verloren gingen, habe Steiner empfohlen, die Mischung möglichst in einer Tierblase aufzubewahren.Barbara Burkhard: Anthroposophische Arzneimittel. Eine kritische Betrachtung. GOVI, Eschborn 2000, S. 116f. Gemäß der Postulate Steiners ist die Wirkebene der Mistelpräparate spirituell verortet: im Äther- und Astralleib, deren harmonisches Zusammenspiel durch den Einfluss ahrimanischer Wesen gestört werden könne. Demnach sind es laut Steiner nicht die Inhaltsstoffe der Mistel selbst, stattdessen beruhe die Wirkung auf eine „lichthaft-geistige Qualität“, welche „kosmisch-ätherische Kräfte“ entfalte.
1923 erschien die Monografie der Mistel, ein Gesamtwerk zur Mistel, von dem Botaniker Karl von Tubeuf. 1927 berichtete Wegman von der ersten Arlesheimer Maschine für die Mischung von Sommer- und Wintermistelextrakten. Wegman, Werner Kaelin, Rudolf Hauschka und Lina Kaelin gründeten 1935 den Verein für Krebsforschung (VfK). Der Verein führt die Arbeit Ita Wegmans nach ihrem Tod fort. 1963 gründete dieser Verein in der Nähe des Hauses Hiscia die Lukas-Klinik, die erste anthroposophische Spezialklinik für Tumorpatienten.
Präparate mini|Die Weißbeerige Mistel (Viscum album) mini|Die Frucht der weißbeerigen Mistel
Anthroposophische oder homöopathische In der Botanik werden nach ihren Wirtsbäumen drei Mistelunterarten unterschieden: Laubholz-, Tannen- und Kiefernmisteln.
Die pharmazeutischen Verfahren zur Herstellung der Präparate und ihre Zusammensetzung unterscheiden sich je nach Hersteller, Extraktionsverfahren, Zeit der Mistelernte und Wirtsbaum der Mistel.
Die Herstellung der Iscador-Präparate erfolgt zunächst in den Räumen der Internationalen Laboratorien AG (ILAG), später Weleda, und wurde in den 1970ern vollständig in das Institut Hisica verlegt. Weleda blieb bis 2013 Marketing- und Vertriebspartner für Iscador.
Iscador (Eigenschreibweise: ISCADOR) war bis Mitte des 20. Jahrhunderts das einzige Präparat. Ab 1965 gibt es das Präparat Iscucin des anthroposophischen Arztes Karl Köller, welches später zu Wala gehört. Ab 1971 ist das Präparat Abnobaviscum (Eigenschreibweise: abnobaVISCUM) der Firma Abnoba erhältlich. Die Firma Helixor mit dem gleichnamigen Präparat gibt es ab 1975. 1986 wird das Präparat Isorel in Österreich zugelassen.
Iscador Zur Herstellung des Präparates Iscador erntet der gleichnamige Hersteller zweimal pro Jahr, im Juni und Dezember. Die Pflanzen werden direkt weiterverarbeitet. Iscador ist ein fermentiertes Mistelpräparat: Der Mistelextrakt wird unter Zugabe von milchsäurebildenden Bakterien und Zucker fermentiert und mit isotonischer Lösung verdünnt. Einige Präparate der Firma werden zusätzlich mit Metallsalzzusätzen versetzt.
Es werden Extrakte unterschiedlicher Wirtsbäume angeboten: z. B. Iscador M (von Apfelbäumen) oder Iscador Qu (von Stieleichen). Iscador ist das am häufigsten verwendete Mistelprodukt.
Abnoba Zur Herstellung des Mistelpräparates Abnobaviscum werden Sommer- und Wintermisteln verwendet. Die Extraktion findet unter Luftabschluss statt. Mistelpräparate der Firma Abnoba werden von der Ernte bis zur geschlossenen Ampulle oxidationsgeschützt verarbeitet und besitzen als konzentrierte Extrakte eine helle gelbgrüne Farbe.
Helixor Die Präparate von Helixor sind unfermentierte Frischpflanzenextrakte aus zweieinhalbjährigen Misteltrieben. Die verwendeten Misteln werden vier Mal im Jahr, im Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst geerntet. Es werden drei Produkte vertrieben: Extrakte aus Misteln von der Tannenach eigenen Herstellerangaben, gemäß Literatur von der Fichte (für Helixor A), vom Apfelbaum (für Helixor M) und von der Kiefer (für Helixor P). Der jeweilige Gesamtextrakt entsteht durch die Mischung von Winter- und Sommerextrakt in einem speziellen "Verwirbelungsverfahren", in dem keine weiteren Zusätze hinzugefügt werden.
Wala Es gibt acht Präparate der Firma Wala, die aus Misteln von unterschiedlichen Wirtsbäumen – z. B. der Tanne (Iscucin Abietis), Kiefer (Iscucin Pini) oder Pappel – hergestellt werden. Zur Herstellung werden Sommer- und Wintermisteln verwendet, die zunächst kalt getrocknet und dann, mit einer Misch-Apparatur, zum Gesamtextrakt verarbeitet werden. Anschließend wird der Extrakt verdünnt.
Phytotherapeutische Ergänzend zu den Präparaten der anthroposophischen Therapierichtung entstanden phytotherapeutische Präparate der lektinorientierten Mistelanwendung, die sich auf einzelne Inhaltsstoffe, insbesondere das Mistellektin, beziehen. Diese Variante der Misteltherapie, bei der man sich zwecks Normierung – entgegen der ursprünglichen anthroposophischen Intention – auf das Lektin als wesentliche Wirksubstanz bezieht, wurde aufgrund verabschiedeter arzneirechtlicher Sonderregelungen für die Besonderen Therapierichtungen marktfähig. Die Namen einiger Mistelpräparate weisen auf die Bedeutung hin, die in jüngerer Zeit dem darin enthaltenen Lektin eingeräumt wird, z. B. Lektinol oder Cefalektin. Von diesen phytotherapeutischen Präparaten ist nur noch das Präparat Lektinol verfügbar.H. Rüdiger et al.: Neues aus der Lectinologie. Deutsche Apothekerzeitung-online, 17/2000.
Zulassung der Präparate Zur Anwendung in der Onkologie sind in Deutschland nur Präparate zur subkutanen Injektion zugelassen, Tropfen und Tabletten hingegen nicht. Die Präparate werden unter der Zulassungsart Besondere Therapierichtungen und Traditionelle Arzneimittel zugelassen. Die Mistelpräparate gehören hierbei zu den besonderen Therapierichtungen, nicht zu den Traditionellen Arzneimitteln. Zugelassen werden die Arzneimittel nach wissenschaftlicher Bewertung des aktuellen Kenntnisstandes der Abteilung 4 des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die Zulassung als Arzneimittel ist nicht an die Durchführung moderner Studien geknüpft, Hersteller müssen keine Daten zur Pharmakologie vorlegen.
Anwendung Onkologische Behandlung beinhaltet die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Fachrichtungen, im weiteren Sinne lindernde und unterstützende Maßnahmen, dazu psychologische und Selbsthilfe. Die Misteltherapie kann den etablierten Verfahren in allen Phasen einer Krebserkrankung hinzugefügt werden, wenn der Behandler eine Indikation sieht.Edzard Ernst, M. Pittler, B. Wilder (Hrsg.): The Desktop Guide to Complementary and Alternative Medicine. 2. Auflage. Elsevier 2006, S. 442. Das amerikanische Nationale Krebsinstitut empfiehlt jedoch die Anwendung der Misteltherapie nur im Rahmen von methodisch hochwertigen Studien. Von einer Anwendung außerhalb von Studien wird aufgrund des fehlenden Wirksamkeitsnachweises abgeraten.