mini|Lageplan der Kastelle und der Zivilsiedlung in Nida-Heddernheim mini|Römischer Brunnen am Rande der Siedlung Römerstadt mini|Blick im Kernbereich der ehemaligen Römerstadt nach Norden. Die Tafel weist auf die Zerstörung durch die großflächigen und tiefgreifenden Baumaßnahmen des 20. Jahrhunderts hin. Nida wurde im 19. Jahrhundert als „teutsches Pompeji“ bezeichnet.
Nida war in der Zeit des Römischen Reichs Hauptort der Civitas Taunensium. Die Römerstadt, die auf ihrem Höhepunkt über 5000 Einwohner gezählt haben dürfte, lag am Rand der Wetterau im Nordwesten von Frankfurt am Main, in der Gemarkung des heutigen Frankfurter Stadtteils Heddernheim. Erste Spuren einer zumindest temporären römischen Besiedlung stammen aus der Regierungszeit des Kaisers Vespasian in den Jahren 69 bis 79. Aufgegeben wurde Nida um 260, als die Römer den Obergermanisch-Raetischen Limes und sein Hinterland räumten. Die Ruinen auf dem „Heidenfeld“ dienten über Jahrhunderte als Steinbruch für die umliegenden Dörfer. Die Grundmauern blieben dennoch weitgehend unberührt erhalten, wurden dann aber im 20. Jahrhundert beim Bau der Siedlung Römerstadt und der Frankfurter Nordweststadt fast vollständig zerstört oder überbaut. Der Name der Siedlung ist durch schriftliche Quellen seit römischer Zeit gesichert und leitet sich vermutlich vom noch älteren Namen des benachbarten Flusses Nidda her.
Geschichte Frühe Militärlager und flavische Zeit Dem Gelände am Fluss Nidda hatte die römische Militärführung „besondere strategische Bedeutung bei der Besetzung der Wetterau zugemessen.“Peter Fasold: Ausgrabungen im teutschen Pompeji. Archäologische Forschung in der Frankfurter Nordweststadt. Museum für Vor- und Frühgeschichte, Frankfurt am Main 1997, S. 14. Hierauf deutet unter anderem der archäologische Nachweis von mindestens zehn meist nur kurzzeitig genutzten Militärlagern aus der Zeit um das Jahr 75 hin. Das bedeutendste dieser Kastelle war das „Kastell A“, auch Alen- oder Steinkastell genannt. Die anderen Kastelle sind meist nur sehr ausschnitthaft bekannt und dürften mit Ausnahme des Steinkastells nur sehr kurze Zeit bestanden haben.
Westlich dieses Kastells entstand eine zivile Siedlung, ein sogenannter Vicus. Im frühen Kastellvicus ließen sich zunächst der Truppe nahestehende Personen wie Verwandte, Handwerker, Händler und Gastwirte nieder. Nachdem der Vicus um 90 n. Chr. aus unbekannten Gründen abbrannte, wurde er in großem Stil neu strukturiert und neben die bisherige Ost-West-Hauptstraße trat eine weitere, schräg dazu verlaufende Ost-West-Hauptachse weiter nördlich.Carsten Wenzel: Das »teutsche Pompeji« im 21. Jahrhundert. Perspektiven der Forschung im römischen Nida/Frankfurt am Main-Heddernheim. In: Peter Fasold, Liane Giemsch, Kim Ottendorf, Daniel Winger (Hrsg.): Forschungen in Franconofurd. Festschrift für Egon Wamers zum 65. Geburtstag. Schnell & Steiner, Regensburg 2017, S. 87–100, hier S. 90–92.
Blütezeit im 2. Jahrhundert n. Chr. Für das ursprüngliche Kastelldorf einschneidende Veränderungen fanden zur Regierungszeit des Kaisers Trajan um 110 n. Chr. statt. Die Truppen wurden an den Limes abgezogen, womit zunächst ein Bevölkerungsrückgang verbunden war. Gleichzeitig wurde Nida zum zivilen Verwaltungssitz der Region als Hauptort der Civitas Taunensium. Die Civitas Taunensium gehörte zur römischen Provinz Germania superior („Obergermanien“) und Nida war ein Wirtschaftszentrum im Grenzland des obergermanischen Limes sowie Umschlagsplatz im Handel mit Gebieten außerhalb der römischen Provinz. Ökonomisch bildete Nida den Zentralort der civitas und den Markt für zahlreiche kleine und mittlere Betriebe, unter anderem die zahlreichen Villae rusticae, die sich in dieser Zeit auf den fruchtbaren Böden der Wetterau etablierten.
Die zivile Besiedlung ersetzte in Heddernheim bald die militärischen Strukturen. Ein großer Bereich im Zentrum der Siedlung wurde planiert und diente als Forum. Zwei große Thermen, das Praetorium, mehrere Tempel und ein Theater gehörten ebenfalls zum Stadtbild. Auch ein mit Reliefs verzierter Ehrenbogen hat wahrscheinlich existiert.Die Vermutung bezieht sich auf Funde von Steindenkmälern, darunter das sogenannte Liktorenrelief. Siehe dazu I. Huld-Zetsche: Nida – eine römische Stadt in Frankfurt am Main. S. 18–19. Die städtischen Eliten repräsentierten sich durch zahlreiche Steindenkmäler und lateinische Inschriften. Kunsthistorisch bedeutsam ist ein erhalten gebliebenes, farbiges Steinbild aus einem der so genannten Mithräen, Heiligtümern des Gottes Mithras; das Original befindet sich heute im Museum Wiesbaden, eine Kopie im Archäologischen Museum Frankfurt. In beiden Museen sind auch weitere Fundstücke aus Nida ausgestellt, in Frankfurt beispielsweise die Jupitersäulen und die Dendrophoreninschrift.
Das weitgehend friedliche 2. Jahrhundert war die Blütezeit des römischen Nida, in diese Zeit datieren die meisten Gebäude und Steindenkmäler. Erste Schwierigkeiten betrafen das Grenzland mit den Markomannenkriegen um 170 n. Chr. Zerstörungshorizonte gibt es sowohl aus Nida als auch aus einigen Kastellen und Villen der Umgebung.Dietwulf Baatz in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen, S. 211–212. Der Limes im Taunus wurde durch die Numeruskastelle Holzhausen, Kleiner Feldberg und Kapersburg verstärkt.
Niedergang und Ende im 3. Jahrhundert mini|Kopie des Dativius-Victor-Bogens in Mainz
Zu Beginn des 3. Jahrhunderts erhielt Nida eine eigene Stadtmauer; benötigte Basaltsteine wurden in den Steinbrüchen des heutigen Bockenheim abgebaut, an die die Benennung der Basaltstraße erinnert. Das umfangreiche Bauwerk mit einer Länge von 2.750 m diente einerseits sicherlich repräsentativen Zwecken, zeugt aber andererseits vielleicht auch von einem Behauptungswillen der Bevölkerung in einem unsicherer werdenden Grenzland. Aus anderen rechtsrheinischen Civitas-Hauptorten wie Ladenburg (Lopodunum), Bad Wimpfen, und Rottenburg am Neckar (Sumelocenna) sind ähnliche Baumaßnahmen bekannt.Peter Knieriem in: Egon Schallmayer (Hrsg.): Der Augsburger Siegesaltar – Zeugnis einer unruhigen Zeit (= Saalburg-Schriften. Band 2). Saalburgmuseum, Bad Homburg 1995, S. 39. Das Limessystem allein, das nicht auf militärische Abwehr, sondern auf Kontrollen in Friedenszeiten ausgelegt war, konnte den Städten im Hinterland seit etwa 230 keine ausreichende Sicherheit mehr garantieren. Funde von militaria (militärische Ausrüstungsgegenstände) und Objekten, die Germanen zuzuordnen sind, werden teils als Beleg für Gegenmaßnahmen der Zivilbevölkerung gesehen. Zeugnis dieser für die Bewohner schwierigen Zeit geben ferner mehrere Steindenkmäler. Der Dativius-Victor-Bogen in Mainz wurde von einem Nidenser Ratsherren (decurio) vielleicht als Dank für die Aufnahme im sicheren Mainz gestiftet.Zur Inschrift des Dativius-Victor-Bogens siehe .
Ein schwerer Einfall von Alamannen, die die Abwesenheit der römischen Truppen aufgrund eines Perserkrieges ausnutzten, ist durch Herodian für die Jahre 233/234 n. Chr. bezeugt. Ein Münzschatz, der unter der Schwelle eines Steinkellers verborgen war, weist als Schlussmünze das Jahr 227 n. Chr. auf und dürfte in diesen Zusammenhang gehören.Helmut Schubert: Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland (FMRD). Abteilung V: Hessen. Band 2, 2: Darmstadt: Frankfurt am Main. Mainz 1989, ISBN 3-7861-1552-4, S. 298–299. Kaiser Maximinus Thrax (235 bis 238) konnte die Feinde aber besiegen und die Lage durch einen großen Rachefeldzug tief nach Germanien noch einmal stabilisieren. Eine Inschrift belegt die Wiederaufrichtung einer Jupitergigantensäule im Jahr 240.. Im Jahr 250 ließ die civitas den Friedberger Leugenstein setzen, eines der spätesten römischen Steindenkmäler aus dem Hinterland des Limes vor dessen Aufgabe; dies zeigt, dass es zu diesem Zeitpunkt noch eine funktionierende Civitasverwaltung gegeben haben muss. Aus diesen Jahrzehnten stammt auch ein silbernes Amulett, das im nordwestlichen Gräberfeld von Nida gefunden wurde und dessen lateinische Inschrift auf Jesus Christus Bezug nimmt. Bei dieser 2024 bekannt gewordenen „Frankfurter Silberinschrift“ handelt es sich um das älteste bekannte materielle Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen (das für diese Zeit sonst nur aus späteren Schriftquellen bekannt ist).Frankfurter Silberinschrift: Ältestes christliches Zeugnis nördlich der Alpen gefunden. Pressemitteilung vom 11. Dezember 2024, abgerufen am 11. Dezember 2024.
Die römische Epoche Nidas dauerte bis um 260, als die Römer den Limes aufgaben, um die Reichsgrenze an Rhein und Donau zurückzunehmen, da die Flussgrenzen angesichts der veränderten Lage militärisch weitaus sinnvoller waren (sogenannter Limesfall). Dass das römische Nida bis dahin bewohnt war, ist belegt durch die Münzreihe aus Heddernheim, die mit 14 Münzen des Kaisers Gallienus (253 bis 268) endet. Die jüngste Münze wurde im Jahr 258 geprägt und fand sich im sogenannten Dendrophorenkeller.I. Huld-Zetsche in: D. Baatz, F.-R. Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen, S. 291, dieselbe: Nida – eine römische Stadt in Frankfurt am Main. S. 61. Die vielen Steindenkmäler, die in Brunnen verborgen wurden, lassen an eine planmäßige, nicht fluchtartige Räumung denken.I. Huld-Zetsche, Nida – eine römische Stadt in Frankfurt am Main. S. 38. 61-62. Auch aus den folgenden Jahrhunderten der Spätantike finden sich vereinzelte Spuren menschlicher Anwesenheit auf dem Areal Nidas, die von Planierungen des Areals, der Suche nach römischem Altmetall und möglicherweise auch von in den römischen Gebäuden lebenden Germanen stammen.Alexander Reis: Spätantike Spuren in Nida. In: Derselbe (Hrsg.): Das Rhein-Main-Gebiet in der Spätantike – Beiträge zur Archäologie und Geschichte. Akten der Tagung in Obernburg am Main vom 12.–13. April 2018. Verlag Dr. Faustus, Büchenbach 2022, ISBN 978-3-946387-39-8, S. 135–154. Die Mauern der Ruinen aus römischer Zeit waren noch im 15. Jahrhundert weithin sichtbar, danach wurden sie in Heddernheim und Praunheim als Baumaterial wiederverwendet. Teile der antiken Bausubstanz wurden bereits dadurch zerstört.
Ausgrabungen und Forschungsgeschichte mini|Grabungsfahrzeug des Museums auf dem Baugelände der Nordweststadt, dem Areal der ehemaligen Römerstadt Nida mini|Restaurierter Töpferofen an der Böschung der Rosa-Luxemburg-Straße, Ofen mit quadratischem Grundriss
1823 erfolgten die ersten geregelten Ausgrabungen in der antiken Römerstadt durch den Verein für Nassauische Altertumskunde. Kulturhistorisch bedeutsame Funde gelangten in dieser Zeit, als das Gelände zum Herzogtum Nassau gehörte, in die Sammlung Nassauischer Altertümer, die im Stadtmuseum Wiesbaden verwahrt wird.
Nach dieser frühen Phase der Erforschung gingen weitere Untersuchungen seit der 1878 erfolgten Gründung des Historischen Museums von Frankfurt aus, da Heddernheim 1885 dem preußischen Landkreis Frankfurt zugeschlagen und schließlich 1910 nach Frankfurt eingemeindet wurde. Diese Forschungen sind besonders mit dem Namen Georg Wolff verbunden. Wolff führte im Auftrag der Reichs-Limeskommission (RLK) viele Untersuchungen an den Kastellen, besonders dem großen Steinkastell A, durch.