Die Filmgeschichte zeichnet die Entwicklung des Films nach, der neben der Musik, der Literatur und der bildenden Kunst eine eigenständige Kunstform darstellt. Die Filmgeschichte erstreckt sich von den frühesten technischen Errungenschaften über die ständige stilistische Weiterentwicklung bis hin zum jetzigen Stand des Films. Dabei wird versucht, die komplizierten Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Politik und Ästhetik aufzulösen.
Vom stehenden zum bewegten Bild mini|Vorführung mit einer Laterna magica um 1760 mini|Serienfotografie eines galoppierenden Pferdes von Eadweard Muybridge (1878)
Die Geschichte der Bewegtbildmedien mit Bildsequenzen, die die Illusion einer Bewegung hervorrufen, begann mit der Filmtechnik, d. h. mit der Aneinanderreihung fotografischer Bilder.Ulrich Schmidt: Digitale Film- und Videotechnik. 2. Auflage. Hanser Verlag, 2008, S. 11. Erste Vorführungen gab es mit der Laterna magica im 18. Jahrhundert. Dieses Gerät konnte eine Reihe von Bildern, die auf eine Glasplatte gemalt waren, ähnlich einem Diaprojektor an die Wand werfen. Die Fotografie wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. Die Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen wurde bereits 1717 entdeckt, doch erst 1826 gelang es Joseph Nicéphore Niépce, ein Bild auf einer Zinnplatte festzuhalten, was mit einer Belichtungszeit von acht Stunden verbunden war. Nach dem Tod von Niépce wurde die Entwicklung von Louis Daguerre weitergetrieben und führte zu den so genannten Daguerreotypien, Unikaten, die noch nicht vervielfältigt werden konnten. Eine Daguerreotypie ist ein seitenverkehrtes Foto-Positiv auf Metall.
1832 wurde das Phenakistiskop erfunden, das beim Betrachter den Eindruck bewegter Bilder erzeugte. Es gab sowohl eine Version des Deutschösterreichers Simon Stampfer als auch eine des Belgiers Joseph Plateau. Es macht sich die Stroboskopische Bewegung zunutze: eine Bewegungsillusion entsteht beim Betrachter, sobald Einzelbilder mit Unterbrechung und in ausreichender Geschwindigkeit aufeinanderfolgen.
1845 entwickelte der Artillerie-Ingenieur Franz von Uchatius den „Nebelbildapparat“, der die Funktionen beider Geräte miteinander verband,Christian Ortner: Die österreichisch-ungarische Artillerie von 1867 bis 1918. Technik, Organisation und Kampfverfahren. Wien 2007, S. 73. für die Projektion längerer Sequenzen allerdings noch ungeeignet war.
Um 1838 experimentierte der Engländer William Talbot mit Papier als Trägermaterial, das er durch Chlorsilber lichtempfindlich machte. Das nasse Papier musste mehr als zwei Stunden belichtet werden, bevor die Umrisse der Abbildung als Negativ erschienen, d. h., dass helle Stellen im Gegenstand dunkel wiedergegeben wurden und umgekehrt. Das Negativpapier konnte anschließend durch Wachs transparent gemacht werden, so dass nach Durchleuchtung und Schwärzung eines zweiten Chlorsilberpapiers das Positiv erschien. Die Erfindung wurde Photo Drawing oder auch Photo Graphics genannt, woraus der Name Fotografie entstand. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei wesentliche Bestandteile der modernen Fotografie entwickelt, nämlich das Negativ-Positiv-Verfahren und die Verwendung lichtempfindlicher chemischer Schichten auf Silberbasis.
Der Durchbruch in Richtung Film gelang im Jahr 1872 dem Fotografen Eadweard Muybridge, der erstmals Serienfotografien eines galoppierenden Pferdes anfertigte. Später erfand er auch ein Vorführgerät für seine Fotografien, das Zoopraxiskop. Ernst Kohlrausch fotografierte ab 1890 Turnübungen in Reihen mit einem selber gebauten Chronofotografen. Weitere von Muybridge inspirierte Erfindungen sind der Elektrische Schnellseher (Tachyskop) des deutschen Erfinders Ottomar Anschütz (1886/87) sowie die Chronofotografische Flinte des Franzosen Étienne-Jules Marey. Mareys wissenschaftlicher Assistent Georges Emile Joseph Démény meldete 1893 seinen Photochronographe zum Patent an, eine der praktischeren Erfindungen auf dem Gebiet.
Der Franzose Louis Le Prince entwickelte in Leeds, England, als Erster eine Filmkamera mit nur einem Objektiv. 1888 drehte er damit die ersten bewegten Bilder, die man aus heutiger Sicht als Film bezeichnen kann (Roundhay Garden Scene, Traffic Crossing Leeds Bridge).
Lichtstarke Objektive und verbesserte lichtstarke Schichten ermöglichten es, die Belichtungszeit weiter zu reduzieren. Eine weitere Revolution ergab sich 1888, als man Nitrozellulose verfügbar für flexible Schichtträger machte. Damit wurde die Fotografie massentauglich und George Eastman begann den Verkauf seiner Kodak-Box. Man konnte 15 Bilder pro Sekunde abspielen, womit ein neues Medium geboren wurde: Die Kinematographie oder Bewegungsaufzeichnung. Thomas Alva Edison und seinem Entwicklerteam gelang es, einen Abspielapparat zu entwickeln. So stellte Edison nach dem Aufzeichnungsgerät Kinetograph von 1891 einen Prototyp des Projektionsgerätes Kinetoskop vor. Der Filmstreifen wurde mit Hilfe einer Perforation (vier Löcher pro Bild) transportiert.Ulrich Schmidt: Digitale Film- und Videotechnik. 2. Auflage. Hanser Verlag, 2008, S. 12.
Die Stummfilmzeit (1895 bis 1927) mini|Kameramänner vor dem Berliner Stadtschloss, 1907
Am 1. November 1895 zeigten die Brüder Skladanowsky mit ihrem Projektor Bioskop im Rahmen eines Varieté-Programms im Berliner Wintergarten neun kurze Filme. Die etwa zehn Minuten lange Veranstaltung war in Europa die erste, bei der Filme vor einem zahlenden Publikum auf eine Leinwand projiziert wurden.
Die meist nur wenige Minuten langen Filme des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurden publikumswirksam beispielsweise in Varieté-Theatern vorgeführt und waren in erster Linie der Mittelschicht vorbehalten. Oft war das Gezeigte eine schlichte Ablichtung von wiederkehrenden Geschehnissen aus dem Alltag dieser Zeit. Es gab aber auch schon erste Humor-Sequenzen, Vorläufer der später beliebten Slapstick-Szenen. Das Interesse an einer inszenierten bzw. dramaturgisch gestalteten Handlung wie in Theaterstücken kam erst langsam auf, denn die Faszination machte vor allem zunächst die vorgeführte technische Möglichkeit zur Herstellung der bewegten Bilder aus.
Laut Ulrich SchmidtUlrich Schmidt: Digitale Film- und Videotechnik. 2. Auflage. Hanser Verlag, 2008, S. 13. gilt die Filmvorführung der Brüder Lumière am 28. Dezember 1895 in Paris als Geburtsstunde des Mediums Film. Die Lumières erfanden Filmtechnik, darunter den 35-mm-Cinématographe, der sowohl Aufnahme-, Kopier- als auch Wiedergabegerät war. Mit diesem Apparat erfolgte die angesprochene Präsentation ihres Filmrepertoires am 28. Dezember 1895 in einem Saal (Salon Indién) des „Grand Café“ nahe dem Place de l’Opéra und den Film »Ankunft eines Zuges« vorführten. Da die Brüder als Fabrikanten und Großbürger über das nötige Kapital und Kontakte zur Wirtschaft verfügten, aber auch durch den damals einzigartigen Vorteil, dass der von ihnen entwickelte Cinématographe die Funktionen von Kamera und Projektor in einem Gerät vereinte, konnte sich ihre Erfindung in den folgenden Jahren behaupten. Als weiterer Vorteil stellte sich die Geschäftspraktik heraus, dass die Apparate der Lumières bis 1897 nicht verkauft, sondern an Schausteller nur verliehen wurden. Diese sahen Filmvorführungen zuerst als Nebenerwerb an, konnten später aber als Wanderkinobetreiber sogar im Haupterwerb Filme präsentieren. Vor dem Ersten Weltkrieg sah sich das Kino heftigen Anfeindungen ausgesetzt. »Kaum einer, der ihn nicht in jenen Tagen verschmäht hat. Alles war gegen den Kintopp. Die Zensur und an ihrer Spitze der Fanatiker Karl Brunner, die Polizei, die Feuerwehr, die Presse, die Sprechbühne, der Klerus, die Lehrer, die Eltern. Der Künstler sagt, der Film wäre ein Attentat auf Nerven und Seele. Die Pädagogen nannten ihn einen Jugendvergifter. Die Moralisten hielten das Kino für den Treffpunkt zweifelhafter Existenzen, weil es noch viel zu sehr im Jahrmarktstrubel und in der Schaubudenmanier steckte.« Aber das Kino und Filmproduzenten erwiesen sich als lebenskräftig sowie respektlose Gesellen. Alles, was ihnen an tragischen und komischen Ideen in den Kopf kam, wurde vor die Kamera gebracht.
Da als erstes französische Filmgesellschaften das wirtschaftliche Potential des bewegten Bildes erkannt hatten, dominierten sie auch bis zum Ersten Weltkrieg den weltweiten Filmmarkt. Großbritannien, Italien, Deutschland, Dänemark und die Vereinigten Staaten konnten erst ab 1914 nennenswerte Marktanteile erobern.
Die Brüder Lumière sahen den Film nur als eine Ergänzung zur Fotografie – sie sprachen von „lebender Fotografie“ – und beschränkten sich in ihrer Arbeit auf die Dokumentation realer Ereignisse. Die Filmregisseurin und frühere Gaumont-Sekretärin Alice Guy-Blaché war die erste, die das narrative Potential des Films zu nutzen wusste. Mit ihrem Film La Fée aux Choux drehte sie 1896, noch vor Georges Méliès, den ersten erzählenden Kurzfilm. Der französische Illusionist und Theaterbesitzer Georges Méliès drehte ab 1896 ausschließlich inszenierte Filme und ist weitaus bekannter als seine Vorgängerin. Für die Umsetzung seiner weitgehend phantastischen Stoffe und Szenen entwickelte Méliès bereits Filmtricks, wie z. B. das Stop-Motion-Verfahren, die noch heute angewandt werden.
Als erster erzählender langer Film gilt der australische Film „Soldiers of the cross“ der Limelight Department Filmstudios. Er handelt von den teils sehr grausamen Geschichten früher Christen, die für ihren Glauben gekämpft haben und gestorben sind. Die Vorführung lief fast zweieinhalb Stunden und hatte ihre Premiere am 13. September 1901 in der Melbourne Town Hall.
Der Brite Arthur Melbourne-Cooper stellte die ersten erzählenden Filme in England her. George Albert Smith präsentierte 1901 mit The Little Doctor zum ersten Mal die Nahaufnahme einer Katze und legte dadurch einen Grundstein für filmisches Erzählen. Durch den Perspektivenwechsel, durch die Variation der Bildgrößen und folglich durch die Montage, die diese Wechsel in einen Rhythmus bringt, entwickelten sich in den folgenden Jahren die Grundzüge der Filmsprache. Als wegweisend für den erzählenden Film wird der 12-minütige Film Der große Eisenbahnraub (1903) von Edwin S. Porter angesehen. In diesem ersten Western wird ein Eisenbahnüberfall von der Durchführung über die Flucht bis hin zum Showdown geschildert.
Mit zunehmendem Anspruch des Publikums blieb es nicht aus, dass auch Literatur und Bühne dem jungen „Moloch“-Film ihren Obolus entrichten mussten. Balzac, Dautet, Defoe, Dumas, E.T.A. Hoffmann, Homer, Hugo, Merimee, Moliere, Prevost, Puschkin, Schiller, Shakespeare (er blieb bis heute der am meisten verfilmte Dramatiker) Sienkiewicz, Stevenson, Strindberg, Swift, Verne und viele andere wurden von den geschäftstüchtigen Produzenten schon vor 1908 »verarbeitet«.
mini|Dreharbeiten in den New-Yorker Edison Studios, ca. 1907 Ab 1910 ließen sich in Hollywood mehrere Filmschaffende nieder (unter ihnen William Fox, Samuel Goldwyn, Carl Laemmle und Adolph Zukor) und schufen die Basis für die spätere „Traumfabrik“. Gründe für die Wahl Kaliforniens waren unter anderem die große Entfernung von den brancheninternen Revierkämpfen an der Ostküste und das sonnige Wetter: Aufgrund des relativ lichtunempfindlichen Filmmaterials und des damaligen Standes der Lichttechnik (Glühlampe) war Tageslicht die wichtigste Beleuchtungsquelle beim Dreh. Auch die „Kunst des Erzählens“ wurde in den 1910er Jahren perfektioniert, auch außerhalb der Vereinigten Staaten. Italienische Monumentalfilme wie etwa Cabiria (1914) setzten Maßstäbe in Sachen Produktionsaufwand. Bekannter und einflussreicher sind jedoch die Filme des Amerikaners D. W. Griffith, aus denen Die Geburt einer Nation (1915) und Intoleranz (1916) als Meilensteine herausragen.
mini|Das Studio Babelsberg in Potsdam bei Berlin wurde 1912 gegründet und war damit das erste große Filmstudio der Welt – und ein Vorläufer zu Hollywood. Es produziert noch immer regelmäßig Blockbuster-Filme. mini|Filmgelände der UFA in Berlin-Tempelhof, 1920