mini|Erscheinung der Gottesmutter vor der hl. Bernadette in Lourdes, Kirchenfenster in Bourdeilles (Frankreich) Bei Marienerscheinungen handelt es sich um Visionen, bei denen sich Maria, die Mutter Jesu, nach den Berichten der Augenzeugen diesen gezeigt habe. Berichte von Marienerscheinungen sind für die gesamte christliche Ära bezeugt. Bereits Jakobus dem Älteren, einem der Jünger Jesu von Nazareth, soll am 2. Januar des Jahres 40 nach Christus im spanischen Saragossa die Gottesmutter erschienen sein. Von hunderten weiteren Erscheinungen wird berichtet, von denen einige kirchlich anerkannt wurden, andere verworfen. An Orten mit Marienerscheinungen haben sich oft Kirchen, Klöster und Wallfahrtsorte entwickelt.
Phänomen Bei Marienerscheinungen handelt es sich häufig um Visionen der Gottesmutter, die von Botschaften begleitet werden. Im Rahmen der katholischen Theologie handelt es sich um Privatoffenbarungen Gottes durch Maria. Diese können einem kirchlichen Anerkennungsprozess unterzogen werden. Bekannte Beispiele anerkannter Marienerscheinungen sind die von Lourdes und Fátima.
Die sinnliche Wahrnehmung einzelner Erscheinungen ist unterschiedlich. In einigen Fällen wird die Gottesmutter sowohl gesehen als auch gehört, manchmal auch berührt, wie im Fall Catherine Labourés in der Rue du Bac. Die Erscheinungen sind körperlich oder finden im Traum statt. Auch andere Sinneswahrnehmungen, etwa ein häufiger Rosengeruch, sind bekannt. In manchen Fällen ist ausschließlich eine Stimme zu hören (Audition), ohne eigentliche Vision, wie in Neviges oder Kevelaer. Die Botschaften der Erscheinungen sind unterschiedlichster Art. Sie beinhalten sowohl Prophezeiungen als auch Zuspruch in individuellen Lebenskrisen.
Teils wird von einzelnen Erscheinungen berichtet. Andere Marienerscheinungen wiederholen sich, auch mit Ankündigung, so Fátima und Međugorje. Das Ausbleiben wiederholter Erscheinungen wird bisweilen durch Zweifeln der Seher oder durch Zweifel oder Verbote von kirchlichen Stellen erklärt.Elvira Maria Slade: Maria – Die unbekannten Seiten der „Mutter Gottes“. Verlag für Reformatorische Erneuerung, Wuppertal 2003, ISBN 3-87857-318-9.
Die Erscheinungen von Medjugorje stellen die längste Serie angeblicher Marienerscheinungen in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche dar. Von 1981 bis 2021 hätten die Seher insgesamt über 52.000 Mal Schauungen gehabt.mini|Pilger in Međugorje (2006) mini|Beobachter des Sonnenwunders im Rahmen der Marienerscheinungen von Fatima, 1917 Bereits im Mittelalter gab es das Motiv der einfachen Frau, der ein besonderes Erlebnis in Form einer Vision zuteilwird.David Blackbourn: Wenn ihr sie wieder seht, fragt wer sie sei. Marienerscheinungen in Marpingen. Aufstieg und Niedergang des deutschen Lourdes. Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-498-00583-9, S. 32. Hingegen ist das von der Aufklärung geprägte 18. Jahrhundert an Berichten über Marienerscheinungen arm. Im 19. Jahrhundert nahm die Anzahl vor dem Hintergrund einer katholischen Erneuerung und einer gefühlsintensiveren Frömmigkeit wieder zu. In deren Zentrum stand Maria.David Blackbourn: Wenn ihr sie wieder seht, fragt wer sie sei. Marienerscheinungen in Marpingen. Aufstieg und Niedergang des deutschen Lourdes. Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-498-00583-9, S. 62 f.
Den Seherinnen und Sehern des 19. Jahrhunderts sind verschiedene Merkmale gemeinsam: Leben in Abhängigkeit, rohe Behandlung, frühe Trennung von der Familie oder Verlust eines Elternteils, ein Außenseitertum und in den überwiegenden Fällen Armut.David Blackbourn: Wenn ihr sie wieder seht, fragt wer sie sei. Marienerscheinungen in Marpingen. Aufstieg und Niedergang des deutschen Lourdes. Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-498-00583-9, S. 36–46. Die Erscheinung konnten daher emotionalen Halt und Trost bedeuten.David Blackbourn: Wenn ihr sie wieder seht, fragt wer sie sei. Marienerscheinungen in Marpingen. Aufstieg und Niedergang des deutschen Lourdes. Rowohlt, Hamburg 1997, ISBN 3-498-00583-9, S. 43. In den Schilderungen des 19. Jahrhunderts wird hervorgehoben, dass es sich bei den Sehern um Angehörige der ärmsten Schichten handelte. Dies trifft auf Mélanie Calvat und Maximin Giraud, die Seher von La Salette, sowie Bernadette Soubirous aus Lourdes zu.
Marienerscheinungen treten meist bei römisch-katholischen und orthodoxen Christen auf; in vereinzelten Fällen auch bei Nichtchristen, die sich gegebenenfalls aufgrund dieser Erscheinung bekehrten. Manche Erscheinungen werden ganzen Gruppen von Sehern zuteil. Wertung und Beurteilung
Beurteilung seitens der römisch-katholischen Kirche Berichte von Marienerscheinungen, auch solche, die von der Kirche als übernatürlich anerkannt sind, sind nicht Bestandteil der Lehre der katholischen Kirche. Jedem Katholiken bleibt deshalb freigestellt, an die Echtheit einer Marienerscheinung zu glauben oder nicht.
Für die kirchliche Stellungnahme hatten sich verschiedene Beurteilungsformeln etabliert: constat de supernaturalitate – Es steht fest, dass es sich um Übernatürliches handelt. non constat de supernaturalitate – Es steht nicht fest, ob es sich um Übernatürliches handelt oder constat de non supernaturalitate – Es steht fest, dass die Erscheinungen nicht übernatürlich sind.
Normen 1978 Gemäß den inzwischen überholten Normen von 1978 der damaligen Glaubenskongregation (Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmasslicher Erscheinungen und Offenbarungen) hatte die kirchliche Autorität (1) über die Wirklichkeit der Geschehnisse einer mutmaßlichen Erscheinung zu urteilen, (2) eventuell entsprechende Ausdrucksformen zu erlauben sowie (3) „ein Urteil über die Wahrheit und Übernatürlichkeit zu fällen, wo der Fall es erfordert“. Prüfung und Beurteilung wurden üblicherweise durch den Diözesanbischof vollzogen, konnten aber auch anderen Instanzen übertragen werden.Zum Verfahren vgl. Peter Martin Litfin: Zum „Visionsprüfungsverfahren“. Das kirchliche Feststellungsverfahren zum Charakter angeblicher Erscheinungen und/oder Offenbarungen und seine entscheidenden Kriterien, in: Theologisches 35 (2/2005), Sp. 91–104.
2023 richtete der Vatikan eine neue zentrale Beobachtungsstelle für Marienerscheinungen ein, deren Zuständigkeit bei der Internationalen Marianischen Päpstlichen Akademie liegt.
Normen 2024 Seit Mai 2024 wendet das Dikasterium für die Glaubenslehre die neuen Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher übernatürlicher Phänomene an. Durch die neuen Normen wird die offizielle kirchliche Beurteilung dahin verändert, dass sie „nicht mit einer Erklärung de supernaturalitate, sondern mit einem Nihil obstat“ (Unbedenklichkeitsbescheinigung) endet. Das Verfahren wird damit erheblich beschleunigt. Es endet mit einer der folgenden Beurteilungen:
Nihil obstat (‚Es steht nichts entgegen‘) – „Auch wenn keine Gewissheit über die übernatürliche Echtheit des Phänomens geäußert wird, so werden doch viele Anzeichen für ein Wirken des Heiligen Geistes ‚inmitten‘ einer bestimmten spirituellen Erfahrung erkannt, und es wurden, zumindest bis dato, keine besonders kritischen oder riskanten Aspekte festgestellt.“ Es wird dadurch nicht erklärt, dass diese Phänomene übernatürlichen Ursprungs sind. Prae oculis habeatur (‚Es soll weiter beobachtet werden‘) – Neben den positiven Zeichen bestehen „auch einige Elemente der Verwirrung oder mögliche Risiken“. Curatur (‚Es soll Sorge getragen werden‘) – Bei bereits weit verbreitetem Verehrung werden mehrere kritische Elemente festgestellt. Sub mandato (‚Unter der Aufsicht‘) – Aufgrund kritischer Elemente bei Personen aus dem Umfeld der mutmaßlichen Erscheinungen wird die konkrete Seelsorge unter die Aufsicht des Diözesanbischofs oder anderer Autoritäten gestellt. Prohibetur et obstruatur (‚Es soll verboten und unterbunden werden‘) – „Um weitere Verwirrung oder gar einen Skandal zu vermeiden, der den Glauben der Einfachen in Mitleidenschaft ziehen könnte, bittet das Dikasterium daher den Diözesanbischof, öffentlich zu erklären, dass das Festhalten an diesem Phänomen nicht zulässig ist“. Declaratio de non supernaturalitate (‚Erklärung der fehlenden Übernatürlichkeit‘) – Das Phänomen wird als nicht übernatürlich betrachtet. Durch die neuen Normen ist das Verfahren der Beurteilung beschleunigt worden, und bereits 2024 wurden etliche Urteile bekanntgegeben: Nicht zu beanstanden („nihil obstat“) sind die Erscheinungen im französischen Pellevoisin, die Botschaften, die an die italienische Seherin Pierina Gilli ergangen sind, oder die 1968 bezeugten Erscheinungen in Santa Domenica di Placanica in Kalabrien. Hingegen wurden angebliche Marienerscheinungen in Trivignano als „nicht übernatürlichen Charakters“ bewertet, wie auch das angebliche Amsterdamer Phänomen „Frau aller Völker“.
Gesellschaftliche Bewertung Marienerscheinungen werden von den einen als Wunder angesehen, von den anderen generell abgelehnt, entweder als unwichtig für die persönliche Glaubenserfahrung oder als Scharlatanerie oder als Okkultismus. Von Wissenschaftlern werden viele dieser Erscheinungen als Halluzination bewertet. Inzwischen verweisen jedoch in erster Linie Politik- und Sozialwissenschaftler immer wieder auf die spezifischen sozialen Funktionen von Marienerscheinungen im Kontext einer globalisierten Moderne. So sind diese zumeist Ursprung sozialer Bewegungen, die politischen und gesellschaftlichen Widerstand fundieren. In diesem Sinne weisen Erscheinungen stabilisierende Wirkungen auf emotionale Bindungskräfte innerhalb Gesellschaften auf.Angelika Ebrecht, 2009, , in: abgefragt am 28. August 2009.
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