mini|Agrippa von Nettesheim, Darstellung von 1533 Heinrich Cornelius, genannt Agrippa von Nettesheim (latinisiert Henricus Cornelius Agrippa ab/de Nettesheym/Nettesheim; * 14. September 1486 in Köln; † 18. Februar 1535 in Grenoble) war ein deutscher Universalgelehrter, Theologe, Jurist, Arzt und Philosoph. Er zählt in seiner Auseinandersetzung mit Magie, Religion, Astrologie, Alchemie, Naturphilosophie und mit seinen Beiträgen zur Religionsphilosophie und zur enzyklopädischen Erfassung der Magie zu den bedeutenden Gelehrten seiner Zeit.

Leben Studien Heinrich Cornelius stammte aus einer verarmten Kölner Adelsfamilie.Vgl. Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim: Ein Sendtbrieff an Burgermeister unnd Raht der Stat Cöln wider die Sophisten. Peter Schöffer, Straßburg 1535 (Scan 11 und 24) (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München); lateinisches Original vom 11. Januar 1553, verfasst in Bonn Opera In Duos Tomos Concinne Digesta, Bd. II. „Bering“ [= Zetzner], „Lugdunum / Leiden“ [=Straßburg] 1553, Nr. XXVI, S. 1033–1045, bes. S. 1041; vgl. S. 1001, 1035 u. ö. (Google-Books). Er hatte eine Schwester. Über seine Kindheit und frühe Jugend ist nichts bekannt. Die III. Matrikel der Universität zu Köln verzeichnet für den 22. Juli 1499 die Immatrikulation des Henricus de Nettesheym, Sohn des gleichnamigen Vaters, der als Kölner Bürger möglicherweise in den Diensten des Hauses Österreich stand, an der Fakultät der freien Künste.Michael Kuper: Agrippa von Nettesheim - Ein Echter Faust. Zerling, Berlin 1994, ISBN 3-88468-056-0, S. 10. Im IV. Dekanatsbuch der Artistenfakultät wurde Heinrich Cornelius, genannt Agrippa von Nettesheim, am 29. Mai 1500 für das Baccalaureat zugelassen. Ein Eintrag vom 1. Juli 1500 verzeichnet den Beginn der Determination und am 14. März 1502 die Zulassung zur Licentiatenprüfung. Über weitere universitäre Abschlüsse in Köln ist nichts bekannt. Der autodidaktische Studienplan Agrippas umfasste Latein, Astrologie, Theologie, Grundlagen des magischen Denkens, hermetische Bücher, orphische Hymnen, Kabbala, Römisches Recht, Medizin, Mechanik, Optik und Geometrie. 1502 oder 1503 wechselte er den Studienort und reiste nach Paris, von 1507 stammen die ältesten bekannten und erhaltenen Briefe. Daraus geht hervor, dass er mit Persönlichkeiten wie Charles de Bouelles, Germain de Ganay, Germain de Brie, Symphorien Champier und Jean Perréal in persönlicher Beziehung standplato.stanford.edu und mit einigen von ihnen in Paris zeitweise eine Art Bruderschaft (sodalitas) bildete, die er später von Südfrankreich aus im Fall einer Rückkehr nach Paris wiederzubeleben hoffte.Michael Kuper: Agrippa von Nettesheim - Ein Echter Faust. Zerling, Berlin 1994, S. 12.Emmanuel Faye: Philosophie et perfection de l’homme: De la Renaissance à Descartes. Vrin, Paris 1998, S. 86. Mit finanzieller Unterstützung wohlhabender Bürger führte er während dieser Zeit auch seine ersten umfangreichen alchemistischen Experimente durch.

Spanien, Niederlande und England Im Jahre 1508 reiste er mit Freunden nach Spanien und heuerte etliche Söldner an, um nach einem Hilferuf seines Freundes, des Basken Janotus, dessen Burg zurückzuerobern. Nach dem Sieg wendete sich aber das Blatt, weil eine Überzahl an unzufriedenen Bauern die Burg belagerte, die letzte Zuflucht in einem Turm bestand und das Aushungern drohte. Agrippa ließ einen Soldaten, dem er die Schreckensmale der Pest auf das Gesicht künstlich auftrug, unter die belagernden Bauern gehen, die in Panik vor einer Ansteckung das Weite suchten. Agrippa, seinen Freunden und den Söldnern gelang die Flucht. Nach Aufenthalten in Lyon und Autun hielt der von Geldnot geplagte Agrippa im Frühjahr 1509 als DozentTheologische Realenzyklopädie Band 2, S. 191. bzw. Professor an der Universität Dole Vorlesungen über Johannes Reuchlins Werk De verbo mirifico, und zwar auf Einladung des Kanzlers der Universität und Erzbischofs von Besançon Antoine I. de Vergy. Da er anscheinend wieder ein festes Einkommen bezog, wurden seine Vorlesungen kostenlos angeboten.

Die Vorlesungen stießen auf großes Interesse, aber auch auf heftige Kritik von Seiten des Provinzials der burgundischen Franziskaner, Jean Catilinet. Während einer Fastenpredigt in Gent, bei der sich auch die Regentin Margarete von Österreich mit ihrem Hofstaat unter den Zuhörern befand, bezeichnete Catilinet Agrippa als „judaisierenden Häretiker“. Agrippa verließ nach einiger Zeit Dole und reiste nach England. Hier verfasste er ein Jahr später ein in Briefform an Catilinet gerichtetes Rechtfertigungsschreiben, das unter dem Titel Expostulatio cum Joanne Catilineti auch in den gesammelten Abhandlungen von 1529 gedruckt wurde.

Noch in Dole verfasste Agrippa außerdem eine Declamatio de nobilitate et praecellentia foeminei sexus zum Lob des weiblichen Geschlechts. Themen sind historische Leistungen von Frauen, Erziehungskritik und vieles mehr. Eine These lautet, Frauen seien unbestechlich, deshalb sei die Korruptionskultur in Kirche und Staat eine rein männliche Domäne. Agrippa versuchte, sich durch diese Schrift die Gunst Margaretes von Österreich und damit auch eine akademische Festanstellung am Hofe zu sichern. Durch Jean Catilinet, der zugleich Hofprediger war, wurde der Druck der Schrift und auch das ehrenvolle Amt am Hof verhindert.

Ende 1509 zurück in Köln, nahm Agrippa Kontakt zu dem berühmtenphil-fak.uni-duesseldorf.de Gelehrten und Abt Johannes Trithemius des Benediktinerklosters zu Sponheim, der seit 1506 in Würzburg als Abt am Schottenkloster wirkte, auf, dem ein längerer Arbeitsbesuch seitens Agrippas folgte. Während dieser Zusammenkunft verfasste Agrippa mit Johannes Trithemius und auf dessen Anregung hin bis zum Frühjahr 1510 sein dreibändiges Hauptwerk mit dem Titel De occulta philosophia („Über die geheime Philosophie“Magisches in der Bibliothek. In: Einblick.) über die bis dahin bekannte Magie, eine erstmalige systematische Zusammenfassung durch Verifizierung und Klassifizierung dieses Wissens seiner Zeit. „Dieses gelehrte Kompendium von riesenhaften Ausmaßen bildete die Grundlage für den frühen Ruhm und eilfertige Verleumdungen, obwohl auch dieses Werk erst Jahrzehnte später in einer gedruckten Fassung erschien.“ Trithemius hatte dem jungen Agrippa geraten, dieses Werk geheim zu halten und „dem Ochsen Heu, dem Papageien aber Zucker“ zu geben.Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Zum Magie-Begriff in der Renaissance-Medizin und -Pharmazie. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 99–116, hier: S. 114 f.

In diesem Jahreswechsel 1509/10 muss Agrippa, der sich auch für die Mineralogie interessierte, auch als Bergrat für die Stadt Köln tätig gewesen sein, was aus einer Bemerkung im Werk De incertitudine et vanitate scientiarum („Von der Ungewissheit und Eitelkeit der Wissenschaften“) hervorgeht. Kaiser Maximilian I. schickte 1510 viele Repräsentanten nach England, um direkt auf die kommende Politik von König Heinrich VIII. einzuwirken. Agrippa wurde vom Kaiser wegen seiner Sprachbegabung ausgewählt (acht Sprachen beherrschte er, sechs davon fließend) und mit geheimen kaiserlichen Instruktionen nach England geschickt. Hier besuchte Agrippa auch die Vorlesungen des Humanisten John Colet an der Universität Oxford über die Paulusbriefe und ihre Theologie. Einige Zeit verweilte Agrippa auf Einladung des Gelehrten John Colet in dessen Haus in London. Zurück in Köln hielt er 1511 Vorlesungen an der Universität, im Stile einer quodlibetanischen („Was du willst“)-Meinung über Theologie. In dieser Zeit begann der Streit der Kölner Dominikaner, darunter Johannes Pfefferkorn, gegen den Gelehrten Johannes Reuchlin. Agrippa bezog zu diesem Streit auch Stellung und warf den Gegnern Johannes Reuchlins Ungelehrtheit vor. Dieser Streit, der noch jahrelang an vielen Universitäten von vielen wichtigen Gelehrten geführt wurde, reichte bis zu den späteren Dunkelmännerbriefen.

Italien Noch im selben Jahr reiste er nach Italien, um nach eigenen Angaben in Triest als Kaiserlicher Offizier eine schwer bewachte Kriegskasse durch das Land zu begleiten. Ende 1511 nahm er am Konzil zu Pisa teil, auf dem er nach eigenem Bekunden wie eine Vielzahl anderer Theologen unter dem Pontifikat Papst Julius’ II. exkommuniziert wurde. Wahrscheinlich war es eine excommunicatio ferendae sententiae, also eine Exkommunikation auf Grund des öffentlichen Disputs mit Vertretern der Katholischen Kirche. Anfang 1512 reiste er nach Pavia und hielt unter anderem Vorlesungen an der dortigen Universität über den Philosophen Platon und seine Schrift Convivium Phaedrus. Mitte 1512 kämpfte er als Offizier im Heer Kaiser Maximilians I. gegen die Venezianer und wurde wegen Tapferkeit vor dem Feind noch auf dem Kampfplatz zum Ritter, Eques auratus,Institut für Grenzgebiete der Wissenschaft: Lexikon der Paranormologie. ISBN 978-3-85382-081-0. geschlagen. 1513 begleitete er in diplomatischen Missionen unterwegs auch als Theologe den Kardinal von Santa Croce zum Konzil in Pisa, bei dem Giovanni de' Medici zum Papst Leo X. gewählt wurde. Nach der Wahl Papst Leos X. wurde Agrippas Exkommunikation durch eine Rekonziliation aufgehoben. Agrippa, der seine Streitigkeiten mit Gelehrten und Vertretern der Kirche auf dem Konzil versuchte zu bereinigen, nützte auch ein Brief mit Belobigung vom neuen Papst nicht viel, um die Wogen zu glätten. 1514 vertiefte Agrippa sein Wissen und wanderte durch Italien. Im Jahr 1515 hielt er in Pavia Vorlesungen über Hermes Trismegistos und die ihm zugeschriebenen Zauber und Offenbarungsbücher, im Wesentlichen die hermetischen Schriften Picatrix und Pimander aus dem Corpus Hermeticum. Im selben Jahr heiratete Agrippa in Pavia; Name und Herkunft seiner Gemahlin sind unbekannt.

Agrippa von Nettesheim wurde auch zum Doctor medicinae und zum Doctor iuris utriusque an der Universität Pavia promoviert (die jetzigen Forschungsergebnisse lassen ein Für und Wider zu; dass er promoviert wurde, geht aus der Tatsache hervor, dass er von den jeweiligen Stadträten berufen wurde, und das in zumal sehr wichtigen und begehrten Anstellungen, wie Syndikus in der Reichsstadt Metz, Stadtarzt von Freiburg und später Stadtphysicus und Direktor des Stadtkrankenhauses von Genf, die er wohl ohne akademische Titel nicht nur nicht bekommen hätte, sondern die bei der Anzahl seiner gelehrten Gegner auch nicht haltbar gewesen wären). Ende 1515 stand Pavia vor dem Fall der anrückenden französischen Armee, Agrippa verlor sein Hab und Gut und flüchtete mit seiner Frau Richtung Piemont. 1516 verfasste er das Traktat De triplici ratione cognoscendi Deum, wohl auf dem Schloss seines Gönners Marquis de Montferrat. Im Dezember 1516 starb der Abt Trithemius, der mit 2.000 Büchern und Schriften. eine der umfangreichsten Bibliotheken besaß, und setzte Agrippa für einen Teil davon als Erben ein. 1517 wurde Agrippa Vater: Seine Frau brachte einen Sohn mit Namen Aymont auf die Welt. Nach Aufenthalten in verschiedenen Städten in Italien reiste Agrippa 1518 nach Köln. Er bekam das Angebot, als päpstlicher Legat in Avignon tätig zu werden, entschied sich aber für das Angebot als Stadtanwalt und Festredner der reichen Handelsstadt Metz.

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