mini|Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator, Darstellung auf dem Frontispiz eines Cassiodor-Manuskripts aus dem Jahr 1177
Cassiodor, lateinisch Cassiodorus (vollständiger Name Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator, kurz Cassiodorus Senator; * zwischen 484 und 490 in Scylaceum, Bruttium; † um 580 im Kloster Vivarium bei Scylaceum), war ein spätantiker römischer Staatsmann, Gelehrter und Schriftsteller.
Leben Cassiodor stammte aus einer alten und hochangesehenen Familie der senatorischen Reichsaristokratie, die vor seiner Zeit bereits in den beiden Hauptstädten des Römischen Reiches, Rom und Konstantinopel, wichtige Amtsträger gestellt hatte. Die Familie, deren Ursprünge in der syrischen Provinz des Imperiums lagen und die es zu beträchtlichem Reichtum gebracht hatte, besaß später vor allem in Süditalien (bei Squillace, Kalabrien) umfangreiche Ländereien. Der Urgroßvater, der Großvater und auch der Vater, die alle ebenfalls Cassiodorus hießen, bekleideten – wie später er selbst – hohe Staatsämter. Ein Fragment aus einem verlorenen Werk Cassiodors, das so genannte Anecdoton Holderi,Hermann Usener: Anecdoton Holderi. Ein Beitrag zur Geschichte Roms in ostgothischer Zeit. Bonn 1877 (Digitalisat). beschreibt in knapper Form seinen Werdegang.
Cassiodors Urgroßvater hatte sich um die Verteidigung der Küsten Siziliens und Unteritaliens gegen die Kriegsflotten des in Karthago residierenden Vandalenkönigs Geiserich verdient gemacht. Der Großvater desselben Namens war tribunus et notarius (eine Art Geheimsekretär) unter Valentinian III. gewesen; er hatte mit dem römischen Heermeister Aëtius zusammengearbeitet und war gemeinsam mit dessen Sohn Carpilio als Unterhändler zu Attila gesandt worden, als dieser Italien bedrohte. Cassiodors Großvater zog sich später nach Bruttium ins Privatleben zurück, wo die Familie ihre Ländereien besaß.
Nachdem bereits sein Vater nacheinander Odoaker und dem Ostgotenkönig Theoderich gedient hatte, wurde Cassiodor im Jahr 507 in unverhältnismäßig jungen Jahren zum quaestor sacri palatii im italischen Ostgotenreich ernannt (507 bis 511). In dieser Funktion war er verantwortlich für die Abfassung der amtlichen Schreiben in stilisierter lateinischer Kanzleisprache. Vorher war er bereits als consiliarius für seinen Vater tätig. Im Jahr 514 war Cassiodor consul ordinarius und von 523 bis 527 magister officiorum. All diese spätrömischen Ämter waren, da die staatliche Infrastruktur Italiens intakt geblieben war, auch von den Ostgoten nach ihrer Eroberung Italiens (ab 489) beibehalten worden. Vereinzelt gab es Spannungen zwischen Goten und Römern. Cassiodor setzte sich dabei maßgeblich für die Aussöhnung zwischen beiden Gruppen ein. 514 war er zudem consul ordinarius. Nach Theoderichs Tod 526 leitete Cassiodor unter der Regentschaft von dessen Tochter Amalasuntha die Zivilverwaltung Italiens als praefectus praetorio und patricius (533 bis 537/538). Nach den Thronwirren nach König Athalarichs Tod und dem Beginn der oströmischen Wiedereroberung Italiens (siehe Justinian und Gotenkrieg (535–554)) zog er sich um 540 von den Staatsgeschäften zurück. Er hielt sich anschließend längere Zeit in Ravenna und Konstantinopel auf. Seinen mit Papst Agapit abgestimmten Plan, in Rom eine christliche theologische Hochschule zu gründen, wie die Schule von Nisibis im Osten,Vgl. Cassiodor, Institutiones divinarum et saecularium litterarum 1, praef. 1. konnte er – infolge der Kriegswirren in Italien während des Gotenkriegs – nicht verwirklichen und ging zurück nach Süditalien.Siehe Jacques-Paul Migne: Patrologia Latina LXX, 1105 f.
552 erlosch das ostgotische Königtum, und 554 wurde Italien wieder der direkten kaiserlichen Herrschaft unterstellt. Als nahezu Siebzigjähriger gründete Cassiodor im selben Jahr auf seinen väterlichen Erbgütern am Strand des Meerbusens des heutigen Orts Squillace in Kalabrien das BildungsinstitutHeinrich Schipperges: Cassiodorus, Senator Flavius Magnus Aurelius. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 233 f., hier: S. 233. und Kloster Vivarium. Das Monasterium Vivariense erhielt seinen Namen von den zahlreichen Fischbecken, die dort in den Felsen ausgehöhlt und angelegt worden waren. Vielfach wurde in der älteren Literatur angenommen, er sei selbst als Mönch in das Kloster eingetreten und dort Abt geworden. Diese Annahme stützt sich auf schriftliche Äußerungen Cassiodors, die zwar in diesem Sinne interpretierbar sind, jedoch keine sichere und eindeutige Schlussfolgerung zulassen. Er spricht wiederholt von seiner conversio, die nach Beendigung seiner politischen Laufbahn eingetreten sei. Im Vorwort zu seinem großen Psalterkommentar heißt es: „Möge Gott uns die Gnade erweisen, dass wir den Acker unseres Herrn, unermüdlichen Zugtieren gleich, mit der Pflugschar der Observanz und der klösterlichen Übungen durchfurchen.“ Auch nennt er die Klosterbrüder mehrfach „meine Mönche“ (monachi mei). Außerdem ist bekannt, dass er es den Mönchen zur Pflicht gemacht hatte, von ihm selbst gesammelte Handschriften abzuschreiben, wodurch er zum Retter bedeutender Schriften und somit zum Vermittler zwischen Antike und Mittelalter wurde.Friedrich Bautz (Hrsg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 1. Hamm 1996, Sp. 953–955. Demzufolge müsste er gegenüber den Mönchen weisungsberechtigt gewesen sein.
Passagen seiner Werke lassen aber auch die Schlussfolgerung zu, dass er außerhalb des Klosters gewohnt haben dürfte. So unterscheidet er deutlich zwischen seiner Privatbibliothek und der Klosterbibliothek. In der neueren Forschung hat sich daher weitgehend die Auffassung durchgesetzt, Cassiodor sei nie Abt oder Mönch gewesen.Die Gründe für diese Annahme sind eingehend dargelegt bei André van de Vyver: Cassiodore et son œuvre. In: Speculum. Band 6, 1931, S. 244–292, hier: S. 260–263. Seiner Auffassung folgen u. a. Vito A. Sirago: I Cassiodoro, Soveria Mannelli 1983, S. 108f.; Rudolf Helm: Cassiodorus. In: Reallexikon für Antike und Christentum Bd. 2, Stuttgart 1954, Sp. 915–926, hier: Sp. 919–920; Åke Fridh: Cassiodor. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 7, 1981, S. 657–663, hier: 659; Walter Eder: Cassiodorus. In: Der Neue Pauly, Bd. 2, Stuttgart 1997, Sp. 1004–1007, hier: Sp. 1005; Wolfgang Bürsgens (Hrsg.): Cassiodor: Institutiones divinarum et saecularium litterarum. Freiburg i. Br. 2003, S. 20; Arnaldo Momigliano: Cassiodoro. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Bd. 21, 1978, S. 494–504, hier: S. 499; Charles Pietri, Luce Pietri (Hrsg.): Prosopographie chrétienne du Bas-Empire, Teil 2: Prosopographie de l’Italie chrétienne (313–604), Bd. 1, Rom 1999, S. 407; Salvatore Pricoco: Spiritualità monastica e attività culturale nel cenobio di Vivarium. In: Sandro Leanza (Hrsg.): Flavio Magno Aurelio Cassiodoro. Soveria Mannelli 1986, S. 357–377, hier: S. 360 und 373. Gegenteiliger Auffassung war noch Hans Thiele: Cassiodor, seine Klostergründung Vivarium und sein Nachwirken im Mittelalter. In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige. Bd. 50 (1932), S. 378–419. Mit der Klostergründung, die sich an den monastischen Schriften des Johannes Cassianus orientierte, verfolgte Cassiodor offenbar das Ziel, dem lateinisch-weströmischen Mönchtum eine ähnlich gut ausgearbeitete theologische Grundlage zu geben, wie sie das oströmisch-griechische bereits besaß (siehe auch Schule von Nisibis) und bereitete damit die Basis für wissenschaftliche Tätigkeiten der Klöster, wie sie etwa aus dem Bestand ihrer Bibliotheken hervorgeht.
Werke und Bedeutung mini|Cassiodor, Institutiones divinarum et saecularium litterarum in einer Handschrift des späten 8. Jahrhunderts. Bamberg, Staatsbibliothek, Ms. Patr. 61, fol. 29v
Am Ende der Spätantike hatte es unwiederbringliche Bücherverluste gegeben, so dass erhebliche Teile der antiken lateinischen Literatur im Westen des Imperium Romanum verloren gegangen waren. Gerade der Gotenkrieg ab 535, der Italien schwer verwüstete, hatte hier noch einmal zu dramatischen Einbußen geführt. Als herausragende Leistung Cassiodors wird daher angesehen, dass er – neben Boëthius und Martianus CapellaSiehe Dietrich Benner, Jürgen Oelkers (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Pädagogik, Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2004, S. 642 und Hermann Weimer: Geschichte der Pädagogik, 3. Auflage, G. I. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1910, S. 15. und in der Nachfolge von Quintus Aurelius Symmachus und Quintus Aurelius Memmius Symmachus – bedeutendes Schrifttum und Bildungsgut der Antike erhielt und dem lateinischen Westen des Frühmittelalters vermittelte. In Kenntnis der Handschriften der antiken Literatur verfasste er mit seiner Schrift Institutiones divinarum et saecularium litterarum unter anderem einen Literaturführer, in dem er sowohl wissenschaftliche Schriften der Antike als auch Schriften der Kirchenväter und der Bibel empfiehlt, und eine Anleitung für das sorgfältige Abschreiben religiöser und ausdrücklich auch profaner Handschriften nach zuverlässigen Vorlagen und erklärte deren Vervielfältigung und Sammlung zur Aufgabe der Mönche. Die Abschriften wie deren Vorlagen ließ er archivieren und zu einer Bibliothek zusammenfassen. Daneben wurden auch Übersetzungen und Exzerpte angefertigt, was angesichts des zunehmenden Schwunds griechischer Bildung im lateinischsprachigen Westen eine entscheidende Voraussetzung für die Überlieferung griechischer Literatur im Abendland darstellte. Seine wichtigsten Schüler waren Bellator, Mutianus Scholasticus und Epiphanios Scholastikos, dessen auf den griechischen Kirchenhistorikern Sokrates Scholastikos, Sozomenos und Theodoret basierende lateinische Historia ecclesiastica tripartita weite Verbreitung erlangte.
Cassiodor gilt zudem als Schöpfer des christlichen mittelalterlichen LehrplansJosef Dolch: Lehrplan des Abendlandes. Ratingen 1959, S. 78 und sogar der mittelalterlichen Pädagogik.Erna Patzelt: Die karolingische Renaissance. Beiträge zur Geschichte der Kultur des frühen Mittelalters. Ergänzt um ein Gesamtregister und einige Abbildungen. Zusammen mit Cyrille Vogel: La reforme culturelle sous Pépin le Bref et sous Charlemangen. 2. Auflage, Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1965, S. 54. Mit seinen Institutiones als einer Studienordnung schuf er eine der konstitutiven Voraussetzungen für die abendländische Schule. Die didaktische Absicht zielte auf ein Bewusstsein des systematischen Zusammenhangs in einer Synthese von heidnischer Wissenschaft und christlichem Glauben. Er rettete die klassischen Studien im ersten Lehrplan des Abendlandes ins Kloster. Die Institutiones erfuhren nach der Auflösung des Klosterseminars in dem neu entstandenen abendländischen Kulturraum eine konsekutive Überlieferung in verschiedene Erscheinungsformen der Schule.Siehe Günter Ludwig: Cassiodor. Über den Ursprung der abendländischen Schule. Frankfurt a. M. 1967, S. VII, 1, 4, 161-166. Cassiodor betonte zudem die Notwendigkeit der Pflege der Medizin im Benediktinerorden.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 17. Die Historikerin Erna Patzelt nennt für das sich anschließende 7. Jahrhundert das einflussreiche Wirken von Prudentius und Isidor von Sevilla.