mini|Aussprache des spanischen Wortes „aljamiado“ mini| („Gedicht auf Joseph“), auch und genannt.Auszug aus Handschrift « B », BNE, Kodex Res. 247, olim Gg. 101.Ein Aljamiado-Text, datiert zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert. Im engeren Sinne versteht man in der Hispanistik unter „Aljamiado-Literatur“ , das heißt der Muslime, die im Verlauf der Reconquista unter die Herrschaft der christlichen Königreiche in Spanien gekommen waren, und , das heißt der zum Christentum zwangskonvertierten Mauren, die nach dem Abschluss der Reconquista von 1502 bis circa 1610 in Spanien lebten. Ihre Literaturerzeugnisse sind sprachlich-inhaltlich spanisch, jedoch schriftmäßig arabisch, also romanischen Spaniern fremd. Und umgekehrt: der Schrift nach sind sie arabisch, sprachlich-inhaltlich aber Arabern fremd.Karima Bouras: La literatura aljamiada, aproximación general. In: Actas del Taller «Literaturas Hispánicas y ELE» Instituto Cervantes de Orán. Orán 29–31 marzo 2009. Hrsg. vom Instituto Cervantes de Orán, 2010, S. 57–66 (cervantes.es [PDF; 120 kB]).
In Analogie zu der islamischen Aljamiadoliteratur wird in der Romanistik der aus dem Hispanoarabischen stammende Begriff Aljamiado auch auf solche romanische Texte angewendet, die im geschrieben sind. Denn die in al-Andalus lebenden Juden benutzten das hebräische Alphabet nicht nur, wenn sie Texte in hebräischer Sprache verfassten, sondern auch dann, wenn sie judenspanische, judäo-katalanische, judäo-portugiesische oder judäo-arabische Texte schriftlich fixierten.
Im weitesten Sinne sprechen Philologen – ganz allgemein – von „Aljamiado-Schreibweise“, wenn eine sprachliche Botschaft in einem Schriftsystem dargestellt ist, das dieser Sprache fremd ist.
Die al-andalusische Aljamiado-Literatur ist für die Romanistik von außerordentlicher Bedeutung, weil in dieser verfremdeten Schreibweise, also in arabischen und hebräischen Zeichen, die ältesten vollständigen Texte iberoromanischer Sprachformen überliefert sind: die mozarabischen Chardschas (). Diese altspanischen Chardschas, Schlussverse arabischer und hebräischer Muwaschschahas, liefern die frühesten Zeugnisse von Lyrik in romanischer Sprache überhaupt.
Semantik und Etymologie „aljamiado“ ist ein spanisches Adjektiv:
Das arabische Etymon „“ des spanischen Adjektivs „aljamiado“ bedeutet im Sinne von „nicht-arabischer Sprache“. Texte in Aljamiado-Schreibweise (spanisch „textos en escritura aljamiada“) sind Sprachdenkmäler, die in arabischer Schrift – doch nicht in arabischer Sprache – verfasst sind.
„aljamía“ ist ein spanisches Substantiv:
Die Fachbegriffe „Aljamiado“ und „Aljamía“ werden synonym verwendet. Man spricht gleichermaßen von Aljamiado-Literatur wie von Aljamía-Literatur.
Aljamiadotexte als Gegenstand interdisziplinärer Forschung Auf der Iberischen Halbinsel koexistierten im Mittelalter drei Kulturen mit jeweils monotheistischer Religion und jeweils eigenem Alphabet: romanische Christen, arabisch-berberische Muslime (Mauren) und Juden. Über mehr als acht Jahrhunderte hinweg – von der islamischen Eroberung der Iberischen Halbinsel (ab 711 Tariq) bis zur Flucht und Vertreibung der Muslime, sephardischen Juden (ab 1492 Alhambra-Edikt) und Morisken (ab 1609 Philipp III.) – waren im maurischen al-Ándalus drei verschiedene Schriftsysteme kulturspezifisch in Gebrauch: das lateinische, das arabische und das hebräische Alphabet. Die islamischen Mauren benutzten in der Regel die arabischen Schriftzeichen auch dann, wenn sie in einer der romanischen Volkssprachen schrieben. Desgleichen verwendeten die Juden das hebräische Alphabet nicht nur, wenn sie Texte in hebräischer Sprache verfassten, sondern auch dann, wenn sie judenspanische, judäo-katalanische, judäo-portugiesische oder judäo-arabische Texte schriftlich fixierten. Deshalb wird in der Romanistik der aus dem Hispanoarabischen stammende Begriff Aljamiado in Analogie zu der maurischen Aljamiadoliteratur auch auf solche romanische Texte angewendet, die in hebräischen Lettern geschrieben sind.
Ein besonderes Problem ergibt sich bei der Entzifferung von Aljamiadotexten, d. h. bei der Retranskription ins lateinische Alphabet. In der Aljamiado-Schreibweise fehlt nämlich die Vokalisierung, die Darstellung der Vokale; denn sowohl das arabische als auch das hebräische Schriftsystem sind Konsonantenschriften. In Konsonantenschriften kann man Vokale zwar durch diakritische Sonderzeichen punktiert darstellen, jedoch fehlen in älteren Texten solche Vokalzeichen meist vollständig, so dass man die romanisch-lateinischen Vokale bei der Lektüre erraten und selbst einsetzen muss. Deshalb erfordert das Studium der Aljamiado-Manuskripte eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Arabisten, Hebraisten und Romanisten. Zur kritischen und exakten Edition der Manuskripte sind Fachkenntnisse in arabischer und hebräischer Paläographie unabdingbar.
Aljamiado-Verse: romanische Chardschas in arabischen und hebräischen Muwaschschahs
Die ältesten Aljamiadotexte, romanische Chardschas in hebräischen und arabischen Muwaschschahas, welche Lyrik in altspanischer Sprache aus dem 11. Jahrhundert in hebräischen und arabischen Schriftzeichen wiedergeben, wurden erst sehr spät wiederentdeckt. 1948 erlebte die romanische Philologie diese Sternstunde. Der junge Hebraist Samuel Miklos Stern entdeckte, entzifferte und veröffentlichte in einem Artikel in französischer SpracheSamuel Miklos Stern: Les vers finaux en espagnol dans les muwassahs hispano-hébraïques. Une contribution à l'histoire du muwassah et à l'étude du vieux dialecte espagnol „mozarabe“. In: al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band 12, 1948, , S. 299–346. zwanzig in hebräischer Aljamiado-Schreibweise verfasste altspanische (mozarabische) Chardschas, auf die er beim Studium hebräischer Muwaschschah-Handschriften aufmerksam geworden war. Der Romanist und Almajiado-Forscher Reinhold Kontzi schildert dies in einem Aufsatz wie folgt:
Samuel M. Stern interessierte sich für die in al-Andalus erfundene arabische Strophengedicht-Gattung, das Muwaššaḥ. So fand er im Vorwort der Muwaschschah-Anthologie des mittelalterlichen ägyptischen Poeten Ibn Sana al-Mulk (1155–1211), Dar at-tiraz,Emilio García Gómez: Estudio del „Dar at-tiraz“. Preceptiva egipcia de la muwassaha. In: al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band 27, Nr. 1, 1962, , S. 21–104. eine Poetik des Muwaschschah. Ibn Sana al-Mulk stellt darin die Theorie auf, dass die Gattung des Muwaschschah im maurischen al-Ándalus erfunden worden sei. Zudem sei die Strophenform von volkstümlichen romanischen Liedern übernommen worden. Um ihren Gedichten ein feuriges Lokalkolorit zu verleihen, hätten die arabische Poeten aus al-Ándalus die Schlussverse der jeweils letzten Strophe, die Harga, in andalusisch-arabischem und sogar in romanischem Dialekt verfasst (Aljamiado-Schreibweise), wohl inspiriert durch die Volkslieder mozarabischer Christinnen.
Als S. M. Stern nun bei der Lektüre mittelalterlicher hebräischer Muwaššaḥs auf rätselhafte Hargas stieß, deren konsonantische Reihenfolge im Hebräischen keinerlei Sinn ergab, erinnerte er sich an Ibn Sana al-Mulks Anthologie Dar at-tiraz, in der von Chardschas in nicht-arabischer Sprache die Rede war, und es kam ihm der Gedanke, dass es sich hierbei um solche altspanische Jarchas handeln könnte.
Am Beispiel der von ihm veröffentlichten Harga Nr. 16 lässt sich die Entzifferung mitverfolgen. im hebräischen Alphabet geschrieben. Die Transliteration aus der hebräischen Konsonantenschrift ins lateinische Alphabet ergibt eine unverständliche, rätselhafte Konsonantenfolge. Es handelt sich weder um hebräischen noch um arabischen Dialekt, in dem die bis dahin bekannten Chardaschs gedichtet sind:Transliteration und Transkription nach: Samuel Miklos Stern: Les vers finaux en espagnol dans les muwassahs hispano-hébraïques. Une contribution à l'histoire du muwassah et à l'étude du vieux dialecte espagnol „mozarabe“. In: al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band 12, 1948, , S. 329. ky fr'yw 'w ky šyr'd dmyby hbyby nwn tytwlgš dmyby Samuel M. Stern versuchte, die Konsonantensequenz zu vokalisieren und dabei kamen altspanische Wörter zum Vorschein. In Erinnerung an Ibn Sana al-Mulks These von romanischen Liedern in orientalischen Jarchas führte er die Transkription fort, und es gelang ihm, die altspanischen Texte zu rekonstruieren:
Qué faré yo o qué serad de mibi habibi non te tolgas de mibi. Übersetzt ins heutige Spanisch: ¿Qué haré yo o qué será de mí? Mi amado, ¡no te apartes de mí!
auf Deutsch: Was werde ich tun oder was wird aus mir werden? Geliebter, geh' nicht von mir! Auf die Entdeckung von romanischer Aljamiado-Lyrik in hebräischen Muwaschschah-Handschriften folgten alsbald Funde romanischer Hargas in arabischen Muwaschschah-Manuskripten. So veröffentlichte der spanische Arabist Emilio García Gómez im Jahre 1952 24 romanische Chardschas, die er, angeregt durch S. M. Sterns Veröffentlichungen, in Muwaschschahas entdeckt hatte.Samuel Miklos Stern: Un muwassah arabe avec terminaison espagnole. In: Al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band 14, 1949, S. 214–218. Und vor allem: Emilio García Gómez: Veinticuatro jaryas romances en muwassahas árabes (Ms. G. S. Colin). In: al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band 17, 1952, , S. 57–127.
1988 veröffentlichte Alan Jones eine textkritische und paläographisch exakte Ausgabe von über 42 bisher in arabischen Muwaschschahas entdeckten romanischen Hargas.Alan Jones: Romance Kharjas in Andalusian Arabic Muwaššaḥ Poetry. A Palaeographical Analysis (= Oxford Oriental Institute Monographs. Band 9). Ithaca Press, London 1988, ISBN 0-86372-085-4 ). So wurden diese Aljamiadotexte vierzig Jahre nach ihrer Entdeckung erstmals – durch Faksimiles der Originalmanuskripte in arabischer Schrift – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Buchstabe für Buchstabe werden mögliche Lesarten, Konjekturen und Emendationen einer jeden Harga erörtert.
Diese romanischen Hargas erinnern motivlich an die volkstümlichen alt-galicisch-portugiesischen cantigas de amigo, in denen verliebte Mädchen die Sehnsucht nach ihrem Geliebten besingen. Bis zur Entdeckung dieser iberoromanischen Jarchas aus dem al-Ándalus des 11. Jahrhunderts galt die altokzitanische höfisch-raffinierte Trobadordichtung Südfrankreichs (12. Jhd.) als das älteste Zeugnis von Lyrik in romanischer Sprache.
Literaturgeschichtlich stellt sich somit erneut die Frage nach dem Ursprung der alt-okzitanischen Trobadordichtung und der romanischen Lyrik überhaupt.Pierre Le Gentil: La strophe „zadjalesque“, „les khardjas“ et le problème des origines du lyrisme roman. In: Romania. Band 84 = Nr. 334, 1963, , S. 1–27 und 209–250.
Diese Aljamiadotexte sind jedoch nicht nur literaturgeschichtlich, sondern auch sprachgeschichtlich für Romanisten von größter Bedeutung. Die mozarabischen Hargas sind die ältesten vollständig überlieferten Texte iberoromanischer Sprachformen und liefern somit das wichtigste Textcorpus des historischen Mozarabisch von al-Ándalus.Josep M. Solà-Solé: Corpus de poesía mozárabe. Las harga-s andalusíes. Ediciones Hispam, Barcelona 1973, ISBN 84-85044-05-3 ().
Aljamiado-Handschriften der Mudéjares und der Morisken