Dieser Artikel behandelt vornehmlich die Geschichte der Enzyklopädie in Europa und Nordamerika. Die Entwicklung von Enzyklopädien in anderen Kulturkreisen wird separat dargestellt: Enzyklopädien aus dem chinesischen Kulturkreis, Enzyklopädien aus dem islamischen Kulturkreis.

Überblick Zwar wird das Wort auf das altgriechische enkyklios paideia zurückgeführt, doch entstanden Vorläufer von Enzyklopädien erst im römischen Kulturkreis. Aus dem Altgriechischen konstruierte Wortschöpfungen sind beispielsweise typisch für den Schreibstil Philipp Melanchthons (1497–1560).

Der Begriff Enzyklopädie taucht zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Titel von gedruckten Wissensdarstellungen auf. Die erste bekannte Einteilung der Wissenschaften, die als Enzyklopädie betitelt wurde, ist die Encyclopedia von Johannes Aventinus, die 1517 in Ingolstadt im Druck erschien. Als erstes Gesamtwerk mit ähnlichem Titel gilt der Sammelband Lucubrationes, vel potius absolutissima κυκλοπαιδεία (kyklopaideia) 1538 von Joachim Sterck van Ringelbergh.Robert Collison: Encyclopaedias: their history throughout the ages. Hafner, London 1964. Ein früher Beleg für den Ausdruck findet sich bei Sir Thomas Elyot, The Boke named The Governour, London 1531.Harald Fuchs: Art. Enzyklopädie. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Bd. 5, Stuttgart 1960, Sp. 504. 1559 wurde die Encyclopaedia seu orbis disciplinarum tam sacrarum quam prophanarum epistemon des Paul Scalich gedruckt, und Johann Heinrich Alsteds bekannte Encyclopaedia Cursus Philosophici erschien spätestens 1630.

Meist sind die frühen Werke nach dem systematischen Ordnungsprinzip aufgebaut, das in großer Varianz ausgestaltet wurde: siehe Enzyklopädie (Wissensordnung). Nennenswerte Ausnahme ist einzig die in griechischer Sprache verfasste alphabetisch gegliederte Suda aus dem 10./11. Jahrhundert.

Ende des 16. Jahrhunderts begann Francis Bacon eine methodologisch-systematische Neueinteilung der Wissenschaften. Zunehmende Säkularisierung, Reformation und Aufklärung beeinflussten maßgeblich die Entwicklung der Enzyklopädie, und umgekehrt. Auf einen Baum des Wissens baute zuletzt Denis Diderot seine Encyclopédie auf.

Ab dem 18. Jahrhundert erschienen nationalsprachliche Werke, die die lateinische Sprache ablösten. Auch wurden die ersten Enzyklopädien herausgegeben, die den Stoff lemmatisierten und ihn in alphabetischer Anordnung darboten. Schon 1728 führte Ephraim Chambers in seiner alphabetisch angeordneten Cyclopaedia die Verkettung von Artikeln durch Querverweise ein. Diese Verbindung zweier Ordnungsprinzipien war bahnbrechend und wurde seit dem 19. Jahrhundert zum Standard von enzyklopädischen und anderen Nachschlagewerken.

Geschaffen als Brücke zwischen ansonsten unvereinbaren Prinzipien, wurden Querverweise bald darauf auch zur Umgehung der Zensur genutzt, nämlich in Diderots Encyclopédie. Dieses Werk wurde hinsichtlich der Breite und der Tiefe der Darstellung zum Vorbild aller nachfolgenden Enzyklopädien. Im 18. Jahrhundert entstanden auch die ersten Spezialenzyklopädien.

Die Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende weitere Steigerung der Darstellungstiefe führte die gedruckte Enzyklopädie in eine Sackgasse. Die Werke wurden derart umfangreich und benötigten eine so lange Bearbeitungszeit, dass sie den Bedürfnissen der Interessenten nicht mehr genügen konnten. Sie blieben daher unvollendet. Die Enzyklopädien von Panckoucke und Ersch/Gruber wurden trotzdem zu den größten jemals gedruckten Nachschlagewerken.

In der Krise der Enzyklopädie entstand seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts die Form des Konversationslexikons, das ein schnelles Erscheinen mit hinreichender Tiefe verband. Angesichts des Scheiterns der Großenzyklopädien – das Werk von Ersch/Gruber wurde 1889 eingestellt – steigerten die Konversationslexika ihre Darstellungstiefe ständig, sodass Ende des 19. Jahrhunderts wieder Enzyklopädien zur Verfügung standen.

Etwa ab den 1980er Jahren etablierte sich Englisch als neue Universalsprache in den Naturwissenschaften. Im Zuge der Wissensexplosion der Informations- und Wissensgesellschaft sowie der grundlegenden Verunsicherungen der Postmoderne wird das Fundament der Enzyklopädie in Frage gestellt: Das Paradigma des positiven Wissens wird ebenso diskutiert wie die Prämisse eines in sich abgeschlossenen Wissensraumes. Gleichzeitig bringen aktuelle Technologien wie Internet nie zuvor geahnte Möglichkeiten globaler Erfassung, Speicherung und Vernetzung von Wissen.

Antike: Vorformen der Enzyklopädie Griechischer Kulturkreis Der Begriff Enkyklios paideia („Kreis der Bildung“, lateinisch später orbis doctrinae) findet sich erstmals bei Isokrates sowie den Sophisten. Er bedeutet bei Hippias von Elis (um 400 v. Chr.) „universale Bildung“, die sich ein frei geborener Jüngling anzueignen habe: Grammatik, Musik, Geometrie, Astronomie und Gymnastik.

Die Anfänge der systematischen Enzyklopädie werden meist auf den griechischen Philosophen Speusippos zurückgeführt, den Neffen und Schüler Platons, der die von Platon gegründete Akademie weiterführte: Um 370 v. Chr. entstand eine Untersuchung der im Tier- und Pflanzenreich vorkommenden gleichartigen Erscheinungen, die Spezialenzyklopädie Homoia, von der nur wenige Fragmente erhalten sind.

Auch andere Philosophen, etwa Aristoteles, verfassten Abhandlungen über das Wissen ihrer Zeit, jedoch wurde keine Enzyklopädie geschaffen.

Römischer Kulturkreis Der Staatsmann und Schriftsteller Marcus Porcius Cato der Ältere verfasste um 150 v. Chr., kurz vor seinem Tod, die Libri ad Marcum filium („Bücher an den Sohn Marcus“). Sie behandeln mit pädagogischer Zielsetzung die Fachdisziplinen Landwirtschaft, Medizin, Rhetorik und Kriegswissenschaft, sind also eine frühe (die erste lateinische) Spezialenzyklopädie.

Erster Ansatz einer umfassenden Enzyklopädie waren die Disciplinarum libri IX (kurz: Disciplinæ, um 30 v. Chr.) des Marcus Terentius Varro. Er ergänzte die Fächer der orbis doctrinae um die Medizin und die Architektur. Von seinen 41 Büchern sind nur Fragmente erhalten.

Die älteste nachweisbare alphabetisch gegliederte Enzyklopädie wurde von dem lateinischen Grammatiker Marcus Verrius Flaccus um die Zeitenwende herum verfasst; sein lexikalisches Werk De significatu verborum („Über die Bedeutung der [seltenen lateinischen] Wörter“) ist jedoch verschollen und nur über die Texte des römischen Grammatikers Sextus Pompeius Festus (2. Hälfte des 2. Jahrhunderts) und des Geschichtsschreiber Paulus Diaconus (8. Jahrhundert) bekannt.

Artes liberales Das System der Sieben freien Künste (Septem artes liberales) wurde im 5. Jahrhundert (Datierung umstritten) von Varros spätantikem Nachfolger Martianus Capella in seiner allegorischen Enzyklopädie De nuptiis philologiæ et Mercurii („Über die Vermählung Philologias mit Merkur“) erstmals verbindlich festgelegt: Trivium – Drei sprachliche Fächer, nämlich Grammatik, Dialektik, Rhetorik. Quadrivium – Vier mathematische Fächer: Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik.

Auch der römische Geschichtsschreiber Cassiodor (6. Jahrhundert) und später der spanische Gelehrte Isidor von Sevilla beziehen ihre Arbeiten auf diesen Kanon. De nuptiis philologiæ et Mercurii war im Mittelalter ein bedeutendes Unterrichtswerk und überlieferte so das römische System, dessen Fächeraufteilung erst mit dem Aufkommen von Aufklärung und Humanismus weitgehend aufgegeben wurde.

Die „Naturgeschichte“ Plinius des Älteren Die älteste vollständig überlieferte systematische Spezialenzyklopädie in lateinischer Sprache verfasste der römische Historiker und Schriftsteller Plinius der Ältere. Seine Historiae naturalis libri XXXVII („Naturgeschichte in 37 Bänden“) entstand bis 79 n. Chr. Sie umfasste in insgesamt 2.493 Kapiteln die Themenkreise Kosmologie, Geographie, Ethnologie, Anthropologie, Physiologie, Zoologie, Botanik, Pflanzliche und tierische Heilmittel (Pharmakologie), Mineralogie und Metallurgie.

Dem Verzeichnis zufolge wurden Werke von annähernd 500 Autoren verarbeitet, darunter rund 100 Quellen. Bereits 1469 wurde die Naturalis historia in Venedig gedruckt. Die erste deutschsprachige Übersetzung der Bücher 7 bis 11 (Anthropologie, Physiologie, Zoologie) wurde 1543 in Straßburg unter dem Titel Natürlicher History Fünff Bücher veröffentlicht.

Auch von Varro ist eine Spezialenzyklopädie bekannt, jedoch nicht erhalten: die römische Altertumskunde Rerum humanarum et divinarum antiquitates.

Mittelalter und Renaissance mini|Gregor Reisch: Margarita Philosophica, 1503

Im Mittelalter erschienen zunächst allegorische Lehrbücher der Artes liberales, später Kompendien aller Wissenschaften und Künste, die nach systematischen Ordnungsprinzipien wie dem Sechstagewerk oder dem Katechismus gegliedert waren oder sich am Jahreslauf (Kalender) orientieren. Typische Werktitel sind Thesaurus (Schatz), Gazophylacium (Schatzhaus), Aurifodina (Goldgrube), Promptuarium (Zeughaus), Theatrum (Schauplatz) oder Acerra (Gefäß). Fortschrittlichere Werke verwenden Baummetaphern wie die Arbor porphyriana.

Die mittelalterlichen Werke sind durchwegs systematisch (statt alphabetisch) gegliedert und unabhängig vom Herkunftsland in lateinischer Sprache abgefasst. Nationalsprachliche Enzyklopädien entstehen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Einzige wesentliche Ausnahme ist die byzantinische, in griechischer Sprache verfasste und alphabetisch gegliederte Suda.

Allegorische Lehrbücher der Artes liberales Bedeutende Werke der Artes liberales: Martianus Capellas De nuptiis Mercurii et Philologiae, aus dem 5. Jahrhundert Cassiodors: Institutiones divinarum et saecularium litterarum, aus dem 6. Jahrhundert Gregor Reischs Margarita Philosophica, ein Handbuch der Wissenschaften, das ab 1503 in zahlreichen Ausgaben (auch Nachdrucken von Johann Grüninger) verbreitet war und mehr als 100 Jahre lang als das maßgebende enzyklopädische Lehrbuch für Studenten der Sieben Freien Künste galt.

Systematische Kompendien aller Wissenschaften und Künste mini|Mönchskarte im T-O-Stil:ein wenige Zentimeter großes Schema der Welt mini|„Die Philosophie thront inmitten der Sieben Freien Künste“ – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg

Erste Kompendien aller Wissenschaften und Künste sind ausnahmslos systematisch strukturiert, beschränken sich aber nicht notwendigerweise auf den Fächerkanon der Artes liberales. Es handelt sich dabei um Materialiensammlungen ohne philosophische Aufarbeitung des Inhalts. Die wichtigsten:

Isidor von Sevilla, „der Lehrmeister Spaniens“, veröffentlichte um 630 die Enzyklopädie Etymologiarum sive originum libri XX auch Origines, Originum seu etymologiarum libri XX („Zwanzig Bücher der Ursprünge oder Etymologien“). Er ergänzt die Artes liberales um einen Abriss der damals bekannten Weltgeschichte. Dieses „Grundbuch des ganzen Mittelalters“ (Ernst Robert Curtius) enthält auch eine Radkarte.Die Etymologiae, die über Jahrhunderte hinweg als Standardwerk galten, wurden erstmals 1472 in Augsburg von Günther Zainer gedruckt; Isidors Karte ist damit der älteste Kartendruck des Abendlandes. Rabanus Maurus (auch Hrabanus Maurus), Schüler Alkuins. Der Praeceptor Germaniae („Lehrmeister Deutschlands“) veröffentlichte 847 eine erweiterte Neuauflage einiger Bücher aus Isidors Enzyklopädie: Die 22-bändige De rerum naturis seu de universo wurde erstmals 1473 gedruckt. Wie bereits Isidor kompilierte Hrabanus das Wissen der damaligen Zeit aus Werken antiker und frühmittelalterlicher Autoren. Bemerkenswert ist aber seine Neubewertung der Medizin: Er fordert – vor ihm undenkbar – in seiner Aufstellung klerikaler Bildungsziele erstmals auch medizinische Grundkenntnisse: „Der Mensch, der mit dem Anspruch auftrat, Krankheit heilen zu wollen, machte sich geradezu der vermessenen Ursünde der superbia [Hochmut] schuldig, indem er gleichsam korrigierend in den Heilsplan Gottes einzugreifen trachtete“