Napoleons Ägyptenfeldzug, auch bekannt als Ägyptische Expedition, war ein Feldzug einer französischen Expeditionsarmee unter dem Kommando Napoleon Bonapartes, der von 1798 bis 1801 stattfand. Das Hauptziel des Unternehmens war, Ägypten von der osmanischen Herrschaft zu befreien und gleichzeitig die Position Frankreichs im Nahen Osten zu stärken. Napoleons Truppen landeten im Juli 1798 in Ägypten und trotz einiger anfänglicher Erfolge endete der Feldzug für die Franzosen letztendlich in einem Fiasko. Durch die Niederlage in der Seeschlacht von Abukir war Napoleon in Ägypten isoliert.Darüber hinaus verstärkten lokale Widerstandsbewegungen ihren Kampf gegen die französische Besatzung. Schließlich entschied sich Napoleon, Ägypten zu verlassen, und kehrte im Jahr 1799 nach Frankreich zurück, um sich der politischen Situation in Europa zu stellen. Seine in Ägypten verbliebenen Truppen mussten sich aber schließlich am 2. September 1801 den Briten ergeben. Damit endete die Ägyptische Expedition. Begleitet wurde Bonaparte von der Commission des sciences et des arts, einer Gruppe von 167 Wissenschaftlern. Die Ergebnisse der Expedition wurden in der mehrbändigen Text- und Bildsammlung Description de l’Égypte (dt. Beschreibung Ägyptens) dokumentiert, die den Grundstein für die spätere Ägyptologie legte.
Ausgangslage mini|hochkant=1.2|Ägyptenexpedition unter dem Befehl von General Bonaparte. (Gemälde von Léon Cogniet, 1794–1880, Louvre)
Vorgeschichte Der Frieden von Campo Formio hatte den Ersten Koalitionskrieg zu Gunsten Frankreichs beendet. Damit war Großbritannien das einzige einflussreiche europäische Land, das sich noch im Krieg mit der französischen Republik befand.D. G. Chandler: Dictionary of the Napoleonic Wars. London 1979, S. 78. Nach den Niederlagen bei St. Vincent und Camperdown, die eine Invasion Englands unmöglich machten, suchte die französische Regierung nach weiteren Methoden, um Großbritannien zu schwächen.
Die Entscheidung für Ägypten mini|hochkant=1.2|Ägypten zur Zeit Napoleons, 1798
Ägypten stand seit dem frühen 16. Jahrhundert unter osmanischer Oberhoheit. Französische Kaufleute waren dort seit dem 15. Jahrhundert stark vertreten, und Frankreich unterhielt gute Beziehungen zu den Osmanen. Ismail Bey, der mamlukische Shaykh al-balad, der Ägypten im Namen der Osmanen regierte und den Franzosen wohlgesonnen war, starb jedoch 1791 während einer Epidemie in Kairo. Seine Rivalen, Ibrahim Bey und Murad Bey, übernahmen die Macht und gingen gegen die Franzosen im Land vor. Immer mehr Repressionen ausgesetzt baten die französischen Kaufleute um Intervention.
Frankreich hatte somit zwei formale Anlässe zum Eingreifen: Zum einen war das Königreich Frankreich seit 1536 Verbündeter des Osmanischen Sultans und konnte behaupten, dessen Autorität wiederherstellen zu wollen. Zum anderen konnte Frankreich seit der Französischen Revolution argumentieren, auch den Ägyptern die Freiheit vom Joch der feudalen Mamlukenherrschaft bringen zu wollen. Bei der Entscheidung des Jahres 1798 handelte es sich um ein komplexes Gemenge geostrategischer, wirtschaftlicher, politischer und persönlicher Interessen, verbrämt mit den Idealen der Französischen Revolution.Petry, Daly: The Cambridge History of Egypt. Band II. Cambridge University Press, Cambridge, 1998, S. 118 f. Napoleon betrachtete die Einnahme Ägyptens als den wichtigsten Schritt, um die massiven wirtschaftlichen Vorteile, die Großbritannien aus dem Handel mit Indien zog, zu neutralisieren und Großbritannien zu Zugeständnissen zu zwingen.Cole: Napoleon's Egypt: invading the Middle East. Palgrave Macmillan, New York, 2007, S. 13. Im August 1797 schrieb er in einem Brief an das Direktorium:
Die Einnahme Ägyptens hätte den Franzosen die Kontrolle über das östliche Mittelmeer und das Rote Meer verschafft, was zu erheblichen Einbußen für die britische Wirtschaft geführt hätte. Außerdem hätte auf eine erfolgreiche Invasion Ägyptens ein direkter Angriff auf britisches Territorium in Indien folgen können. Nachdem sich Frankreich und Spanien 1796 miteinander verbündet hatten, sah sich die Royal Navy 1798 gezwungen sich aus dem Mittelmeer zurückzuziehen.S. E. Maffeo: Most Secret and Confidential: intelligence in the age of Nelson Chatham Publishing, London 2000, S. 227.O. Warner: The Battle of the Nile. Macmillan, New York 1960, S. 41., S. 224.
Der Präsident des Direktoriums schrieb aus Gründen der Geheimhaltung eigenhändig den Befehl an Napoleon. Es wurde festgehalten, dass die Expedition aus 36.000 Mann der alten, italienischen Armee, Offizieren und Generälen nach seiner Wahl, verschiedenen Wissenschaftlern und Handwerkern bestehen sollte. Das Schatzamt wurde angewiesen, Napoleon jede Dekade 1,5 Millionen Francs zu senden. Darüber hinaus wurde ihm erlaubt, 3 der 8an anderer Stelle werden weitaus höhere Beträge genannt Millionen Francs aus dem „Berner Schatz“ zu entnehmen, den Frankreich sich für sein militärisches Eingreifen zur Errichtung einer Helvetischen Republik von der unterlegenen Eidgenossenschaft hatte zahlen lassen.Adolphe Thiers: Geschichte der Französischen Revolution. Band 6, 2. Auflage, Osiander, Tübingen 1849, S. 174.
Im März 1798 fasste das Direktorium den offiziellen Beschluss, die Expedition nach Ägypten zu starten, und ernannte Bonaparte zum Oberbefehlshaber der Armée d’Orient. Bonaparte wurde damit beauftragt, zunächst Malta zu besetzen und dann zur Eroberung Ägyptens überzugehen. Sobald die Besetzung Ägyptens abgeschlossen war, sollte er die Verbindung mit Indien herstellen und das Rote Meer sichern, was wiederum die Vertreibung der Briten aus dem Orient und eine künftige französische Expedition nach Indien erleichtern würde.
Die Ägyptische Expedition Die Vorbereitung der Expedition Die Vorbereitungen für die Expedition waren verteilt auf Toulon, Marseille, Genua, Korsika und Civitavecchia und wurden im Wesentlichen von Napoleons Stabschef Louis Berthier organisiert. Etwa 300 Schiffe wurden für den Transport requiriert. Für die Eskorte sorgten 13 Linienschiffe und die gleiche Anzahl von Fregatten unter François-Paul Brueys d’Aigalliers. Bis zum 11. Mai war die Orient-Armee auf 30.800 Infanteristen, 3.475 Kavalleristen, 1.660 Artilleristen, 60 Feld- und 40 Belagerungsgeschütze angewachsen.Die Tatsächliche Anzahl der Truppen schwankt. Während Chandler die Gesamtzahl der Soldaten mit etwa 36.000 angibt kommt Keegan nur auf 31.000. Vgl. Keegan: Intelligence in War, Pimlico, London 2004 S. 40. Einschließlich aller Zivilisten (Künstler und Forscher) betrug die Gesamtzahl 38.000.D. G. Chandler: The Campaigns of Napoleon. New York 1966, S. 213 f. Um zu verhindern, dass sich die Nachricht des bevorstehenden Angriffs auf Ägypten vor dem Eintreffen der Flotte verbreitete, sollten alle Handelsschiffe, die den Konvoi während der Überfahrt sichteten, beschlagnahmt und festgesetzt werden, bis die Franzosen Alexandria erreicht hätten.S. E. Maffeo: Most Secret and Confidential: intelligence in the age of Nelson. London 2000, S. 256.
Am 19. Mai gab Napoleon an Bord des Flaggschiffes L’Orient den Befehl zum Auslaufen seiner Invasionsflotte von Toulon. Die Flotte segelte an der Küste der Provence entlang Richtung Genua und von dort weiter in südlicher Richtung nach Korsika. Bis zum 30. Mai blieb die Flotte in Sichtweite der Ostküste, überquerte die Straße von Bonifacio und folgte anschließend der Küste Sardiniens in der Absicht, sich mit den aus Civitavecchia kommenden Schiffen zu vereinigen. Am 3. Juni erreichte Napoleon die Nachricht von der Anwesenheit der Briten in Sardinien, woraufhin er ein Geschwader entsandte, um die Lage zu erkunden. Nachdem die Briten jedoch nicht angetroffen wurden, gab Napoleon den Befehl, nicht länger auf die Schiffe aus Civitavecchia zu warten, sondern ließ seine Flotte nach Südosten abdrehen, wo sie am 7. Juni Mazara del Vallo und Pantelleria passierte. Dort erfuhr Napoleon, dass er von den Briten verfolgt wurde, woraufhin er Kurs auf Malta nahm, das er am 9. Juni erreichte und sich mit den 56 Schiffen aus Civitavecchia vereinigte. Damit war das französische Expeditionsheer komplett und nahm Kurs in Richtung Sizilien. Bereits am 5. Juni umrundete es die Südspitze von Sardinien.S. E. Maffeo: Most Secret and Confidential: intelligence in the age of Nelson. London 2000, S. 259.W. L. Clowes: The Royal Navy, A History from the Earliest Times to 1900. Band IV. Sampson Low, Marston and Company, London 1899, S. 353 ff.
Verlauf mini|Schlacht bei den Pyramiden
Bonaparte traf am 9. Juni auf Malta ein und eroberte die Insel ohne großen Widerstand der Malteserritter, die die Insel seit 1530 beherrschten. Bonaparte verließ Malta am 18. Juni in Richtung Alexandria. In der Nacht vom 22. zum 23. Juni entging er nur knapp den britischen Verfolgern. Am 1. Juli erreichte die Armée d'Orient nach einer sechswöchigen Überfahrt die ägyptische Küste und begann einige Kilometer westlich von Alexandria mit der Landung.F. McLynn: Napoleon: a biography. London 1997, S. 176 f.A. Mikaberidze: The Napoleonic Wars A Global History. Oxford 2020, S. 135 f.
Nach einem kurzen Gefecht am 2. Juli waren die Mamluken besiegt und Alexandria in französischer Hand. Nachdem bis zum 3. Juli sämtliche Truppen an Land waren, traf Napoleon Vorkehrungen, um das Delta zu verlassen und Kairo, die Hauptstadt Ägyptens, einzunehmen. Eine Flottille, beladen mit Proviant, den Kanonen sowie Munition und Ausrüstung, sollte entlang der Küste bis zur Rosetta-Mündung fahren, den Nil anlaufen und ab Rahmaniyyah der Armee flussaufwärts folgen. Um Kairo noch vor der jährlichen Nilschwemme zu erreichen, entschied sich Napoleon, seine Truppen die 72 km bis nach Rahmaniyyah durch die Wüste marschieren zu lassen.
Als die Franzosen am 6. Juli nach Kairo aufbrachen, trugen die Soldaten noch immer dicke Wolluniformen und auch ihre Tornister waren mit Ausnahme von Wasserflaschen mit Ausrüstung vollgepackt. Viele litten an der Ruhr oder an Augenentzündung, andere waren so verzweifelt, dass sie Selbstmord begingen. Die auf den Karten eingezeichneten Dörfer entpuppten sich meist als verlassen und die Brunnen waren von feindseligen Beduinen zugeschüttet.A. Thiers: The History Of The French Revolution. Band V. Bentley & Son, London 1881, S. 281 f.
Kairo
Am 20. Juli war die französische Armee bis Umm Dinar, 29 km nördlich von Kairo, vorgedrungen. Beobachter berichteten, dass sich eine ägyptische Streitmacht unter Murad Bey am Westufer des Nils bei Imbāba versammelt hatte. Weitere ägyptische Truppen unter Ibrahim Bey befanden sich am Ostufer des Nils. Nachdem Napoleon das Schlachtfeld erreicht hatte, griff gegen 15.30 Uhr die 6.000 Mann starke Kavallerie der Mamluken die Franzosen an. In Karrees formiert konnten die Franzosen die Kavallerieangriffe abwehren und schließlich zum Gegenangriff übergehen und die Mamluken in die Flucht schlagen. Murad zog sich mit den Überresten seiner Truppen nach Oberägypten und Ibrahim, Richtung Belbeys zurück, um sich nach Syrien abzusetzen. Die Schlacht kostete die Franzosen nur knapp hundert Tote und Verwundete, während die Mamluken etwa 1.500 an Toten und Verwundeten zu verzeichnen hatten.A. Thiers: The History Of The French Revolution. Band V. London 1881, S. 290 f.
Napoléon erklärte in zwei Proklamationen an die Ägypter und an die Einwohner von Kairo, das Ziel der französischen Invasion sei die Befreiung des Landes von der Sklaverei und Ausbeutung der „Sippschaft“ (race) der Mamluken und ihrer selbstherrlichen Beys. Die Einwohner, ihre Familien, ihre Häuser und Eigentum würden geschützt. Ihre Lebensgewohnheiten, ihre Religion würden geachtet und zur Selbstverwaltung würden Dīwāne eingerichtet, besetzt mit einheimischen Würdenträgern.A. Hugo: France militaire. Histoire des armées françaises de terre et de mer, de 1792 à 1837, Tome 2.(Band 2), Delloye, Paris 1838, S. 246–250.
Abukir