Gegenstand der Bewegungswissenschaft oder Kinesiologie ( ‚Bewegung‘) sind die Bewegungen von Lebewesen, insbesondere die des Menschen.

Da die Bewegung in allen Bereichen des Lebens eine wichtige Rolle spielt, haben sich zu ihrer Erforschung eine Reihe von Teildisziplinen herausgebildet. Sie werden in Fakultäten für Bewegungswissenschaften durch eigene Abteilungen vertreten, die mit je unterschiedlicher Betrachtungsweise Bewegungen naturwissenschaftlich und geisteswissenschaftlich untersuchen. Hierzu gehören sowohl Funktionelle Anatomie, Arbeitsphysiologie und Biomechanik als Teildisziplinen, bei denen die materialabhängige Umsetzung von Energie in Bewegung betrachtet wird, als auch Bewegungskontrolle, psychomotorisches Verhalten und Bewegungs- oder Sportsoziologie, bei denen die Verarbeitung von Informationen im Mittelpunkt steht.Heidrun H. Schewe: Bewegungswissenschaften. Teil 1: Krankengymnastik 5. 1996, S. 664.

Die Grundlagen der Bewegungsforschung gehen bis auf Aristoteles (384–322 v. Ch.) (De Motu Animalium), Leonardo da Vinci (1452–1519), Galileo Galilei (1564–1642), Giovanni Alfonso Borelli (1608–1679), Leonhard Euler (1707–1783) sowie Joseph-Louis Lagrange (1736–1813) zurück. Zu den Anwendungsgebieten der Bewegungswissenschaft zählen vor allem die Arbeitswissenschaft (Ergonomie),Holger Luczak, Walter Volpert (Hrsg.): Handbuch der Arbeitswissenschaft. Schaeffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1997, S. 368–400. die Ergotherapie und Physiotherapie,Anne Shumway-Cook, Marjorie H. Woollacott: Motor Control – Translating Research into Practice. 3. Auflage. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-7817-6691-3, S. 4. die Orthopädie, die Rehabilitationswissenschaft sowie die Sportwissenschaft.

In Deutschland bezieht sich der Begriff der Bewegungswissenschaft, auch als Motorikwissenschaft, Sportmotorik oder Kinesiologie bezeichnet,Rainer Wollny: Bewegungswissenschaft: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen. 2. Auflage. Meyer & Meyer, Aachen 2010, ISBN 978-3-89899-183-4, S. 19. zumeist auf Bereiche des Sports und wird als Teildisziplin der Sportwissenschaft verstanden. Sie befasst sich mit den äußerlich beobachtbaren Erscheinungen und Veränderungen (Außenaspekt) sowie den körperinternen Steuerungs- und Funktionsprozessen, die eine Bewegung ermöglichen (Innenaspekt). Es werden Fragestellungen aus den Bereichen Motorik, Lernen, Entwicklung, Verhalten, Handeln, Emotion, Motive, Sensorik und Kognition untersucht und Methoden der Physik, Chemie, Mathematik, Physiologie, Anatomie,David Winter: The Biomechanics and Motor Control of Human Movement. Wiley, J, New York 2009, ISBN 978-0-470-39818-0, S. 1. Psychologie und Pädagogik verwendet. Anwendung finden ihre Ergebnisse unter anderem im Leistungs-, Schul-, Breiten- und Gesundheitssport.

Entwicklung der Bewegungswissenschaft Bewegung als Kulturphänomen Die Bewegungswissenschaft ist eine relativ junge Wissenschaft. Es bedeutet, dass man sich in wissenschaftlicher Weise noch nicht sehr lange mit der Bewegung auseinandersetzt. Das mag überraschen, weil Bewegung eine elementare Funktion des Lebens überhaupt ist – sie ist so selbstverständlich, dass es häufig nicht für notwendig erachtet wird, darüber nachzudenken, wie es geht, weil jeder das intuitiv zu wissen glaubt.

Dabei ist Bewegung schon früh Gegenstand der Betrachtung gewesen – außer seiner Bedeutung für die Fortbewegung und Nahrungsbeschaffung nämlich für handwerkliche Tätigkeiten, kulturelle Handlungen, zum Beispiel für die Verehrung der Götter, Totenrituale und Fruchtbarkeitsrituale. Rituelle und künstliche Bewegungsformen sind in fast allen alten Kulturen bekannt – als Spiele und Wettkämpfe und Tänze.Carl Diem: Weltgeschichte des Sports und der Leibeserziehung. Sonderausgabe. Europäischer Buchklub, Stuttgart 1960.

Überlieferungen aus der griechischen Antike Überliefert sind hauptsächlich Quellen der Griechen. Von diesen ist bekannt, dass zumindest für die Athener die sogenannte „Gymnastik“ (γυμναστική τέχνη) über die Vorbereitung der jungen Männer auf die Verteidigung des Landes hinaus (wie zum Beispiel in Sparta) auch in der allgemeinen Erziehung eine bedeutende Rolle spielte. Das galt aber im Wesentlichen nur für die jungen Männer. Die Bedeutung der Körpererziehung wird in den politischen Werken des Philosophen Plato, der Politeia und dem späteren Werk Nomoi (νόμοι = Gesetze), erkennbar, die beide Entwürfe für einen guten Staat darstellen. Hier wird die philosophisch/anthropologische Bedeutung der Gymnastik beschrieben und analysiert. In seinem Dialog Gorgias unterteilt Plato in Gymnastik und Heilkunde. Auch Aristoteles befasst sich im 8. Buch seiner Politik mit der Bedeutung der körperlichen Ausbildung der Jugend.

Aus dieser Zeit des klassischen Altertums existiert ein umfangreiches Wissen auch über die großen Wettkämpfe, zum Beispiel der Olympischen Spiele. Da die Sieger bei diesen Wettkämpfen eine sehr hohe Achtung genossen und viel Geld verdienten, gab es eine intensive, auch professionelle Vorbereitung darauf. Deswegen ist davon auszugehen, dass es auch ein Wissen über eine gute Vorbereitung gab – gleichsam eine Art Vorläufer der Bewegungswissenschaft, hier der Trainingswissenschaft. Da die alten Griechen, die sich das leisten konnten, ebenfalls sehr auf ihre Gesundheit achteten, bei der die Bewegung auch eine wichtige Rolle spielte, war auch die Bewegung als Mittel der Gesundheitsvorsorge wichtig.

So existiert in dem Corpus des Hippokrates von Kos (berühmtester Arzt des Altertums, Ίπποκράτης ὁ Κῷος; 460–370 a.C.) eine Schrift über Diätetik (περί διαίτης), in der zum Beispiel auch gesundheitliche Maßnahmen beim Wandern behandelt werden. Auch Platon (428–347 a.C.) geht in seinem Dialog Gorgias auf die Bedeutung der Leibesübungen für die Erziehung der Jugend ein. Er teilt sie in Gymnastik und Heilkunde. In seinem Werk Politei und dem späteren der Nomoi die beide Entwürfe für einen guten Staat enthalten, erhielt die Gymnastik eine bedeutende Rolle für die Erziehung der Jugend. Auch bei Aristoteles (384–322 a.C.) finden wir in seinem Werk über den Staat (Πολιτικά) den Entwurf für die körperliche Ausbildung der jungen Menschen – all dies entspricht den philosophischen Gedanken über die Bedeutung der Bewegung für den Menschen in der damaligen Zeit. Es gab auch damals bereits den Streit über die Zuständigkeit der Verantwortung für die korrekte körperliche Ausbildung zwischen den Gymnasten (παιδοτρίβης) und den Ärzten (ἱατρός).

Aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert ist eine Schrift des griechischen Arztes Galen (etwa 129–199) über die „Übung mit dem kleinen Ball“ (auch Harpaston, gr. Ἁρπαστόν, von: ἁρπάζω = rauben, entreißen) überliefert. Galen beschäftigte sich mit Gesundheitspflege und Hygiene. Da er Arzt der Gladiatoren, zunächst in Pergamon, später in Rom war, ist davon auszugehen, dass er sich durch Studien in wissenschaftlicher Art Informationen über die Bewegungen von Menschen (und Tieren?) verschafft hat. Überliefert ist von diesen Studien aber kaum etwas.

Auch Flavius Philostratos (etwa 170–245) beschrieb in einem Werk περι γυμναστικής Vorschriften für das Training und die gesunde Lebensweise (Diätetik). Es gibt Hinweise auf weitere Schriften aus der Zeit, die aber nicht erhalten sind.

Sport und Bewegungswissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert In der Renaissance wurde auch die antike Auseinandersetzung mit dem Menschen in Bewegung wieder aufgegriffen und schon bald weiterentwickelt.Arnd Krüger: Trasybulos. Oder warum wir bei der Geschichte der Sportwissenschaft weiter vorn anfangen müssen. In: N. Gissel, J. K. Rühl, J. Teichler (Hrsg.): Sport als Wissenschaft. Jahrestagung der DVS-Sektion Sportgeschichte. (1996) (⇐ Schriften der DVS. Band 90). Czwalina, Hamburg 1997, S. 57–74, ISBN 3-88020-308-3. So verfasste zum Beispiel Everard Digby 1587 eine Biomechanik des Schwimmens, die erst im 20. Jahrhundert qualitativ überboten wurde.Euerardo Dygbeio Anglo in artibus Magistro: De arte natandi libri duo: quorum prior regulas ipsius artis, posterior vero praxin demonstrationemque continet. Excudebat Thomas Dawson, Londini 1587. Auch das Turn- bzw. Bodenakrobatiklehrbuch von Archange Tuccarro (1599) wird erst im 20. Jahrhundert übertroffen. Auch wenn seine Biomechanik geometrisch und nicht arithmetisch orientiert war, so konnte er doch runde Bewegungen bestens analysieren. Auch in der Folgezeit wurde die Bewegungswissenschaft, wenn auch auf der Grundlage der galenischen Medizin kontinuierlich weiterentwickelt.Arnd Krüger: Geschichte der Bewegungstherapie. In: Präventivmedizin. Springer, Heidelberg 1999, 07.06, S. 1–22. (Loseblatt Sammlung)

Die Bewegungswissenschaft, wie wir sie heute verstehen, nahm ihren Anfang im 19. Jahrhundert in Schweden mit der Gymnastik von Pehr Henrik Ling (1776–1839) und war später eng verbunden mit der Entwicklung des Sports, der sich mit der Industrialisierung von England ausbreitete. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem neuen Phänomen fand zuerst in den Geisteswissenschaften, der Anthropologie und der Psychologie, statt. Führend war hier der niederländische Biologe, Anthropologe, Psychologe, Physiologe und Sportmediziner Frederik Jacobus Johannes Buytendijk (1887–1974). Er beschäftigte sich mit der psychologischen Anthropologie und schrieb ein Buch über das Spiel (Het spel van mensch en dier, deutsch: „Wesen und Sinn des Spiels“ 1932.)

Ebenfalls mit dem Spiel des Menschen beschäftigte sich Johan Huizinga. In seinem Buch Homo Ludens (1938; deutsch: 1939),Johan Huizinga: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Rowohlt Verlag, Reinbek 1991. untersucht er die Rolle des Spiels in allen Bereichen der Kultur.

Die Beschäftigung der naturwissenschaftlichen Disziplinen mit der Bewegung des Menschen begann nach dem Ersten Weltkrieg, als viele Versehrte (Versehrtensport) mit Prothesen versorgt werden mussten. Zum Beispiel gründete Otto Bock 1919 in Berlin seine Firma zur industriellen Fertigung von Beinprothesen. Diese Entwicklung zwang die Mediziner, vor allem die Orthopäden, sowie Ingenieure, herauszufinden, wie die natürliche Bewegung, vor allem das Gehen, funktioniert. Weltweites Ansehen erlangte das Buch von Wilhelm Braune und Otto Fischer: Der Gang des Menschen.Wilhelm Braune, Otto Fischer: Der Gang des Menschen. Teubner Verlag, Berlin 1895. Es stellt den Beginn der wissenschaftlichen Ganganalyse dar.

Der Zweite Weltkrieg führte zu einem weiteren Zuwachs an Bedeutung für die Bewegungswissenschaft. Es mussten die Möglichkeiten der Anpassung der Piloten an die technisch herstellbaren Bedingungen der Flugzeuge bezüglich ihrer Körperhaltung, ihrer Bewegungen und ihrer physiologischen Leistungsfähigkeit untersucht werden. Für eine gute Ausbildung der Piloten benötigte man anthropometrische Daten, mögliche Reaktionszeiten, Messverfahren für die Fitness sowie Verfahren zu deren Verbesserung. Das geschah vor allem in der Sowjetunion und den USA. Während aber die Erkenntnisse der Amerikaner weltweit veröffentlicht wurden, blieben die der Sowjetrussen als Geheimsache verschlossen und sind es zum Teil bis heute. Es trennte sich also die Entwicklungen der Sport bzw. Bewegungswissenschaft in eine östliche bzw. eine westliche.

In der UdSSR blieb die Bewegungsforschung als staatliches Monopol mit der Ausbildungsstätte in Moskau bestehen. Die Absolventen erhielten eine sehr gründliche Ausbildung, zu der vor allem die Neurophysiologie und die Mathematik und Physik gehörten. Wissenschaftler wurden zwar zu den internationalen Kongressen geschickt, aber sie durften Informationen nur in abgestecktem Rahmen geben. Das wurde durch sie begleitende Sicherheitsoffiziere gewährleistet. Ziele dieser Studien waren neben den militärischen auch die im Hochleistungssport.

Im Westen löste sich nach dem Krieg die Bewegungsforschung aus der militärischen Forschung.