mini|hochkant|Aurobindo Ghose (um 1900) rahmenlos|150px|zentriert|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Sri Aurobindo
Aurobindo Ghose (, , Arabinda Ghosh; * 15. August 1872 in Kolkata; † 5. Dezember 1950 in Puducherry) war ein indischer Politiker, Philosoph, Hindu-Mystiker, Yogi und Guru. Seine Briefe, Gedichte und philosophischen Schriften sind mit Sri Aurobindo unterschrieben und unter diesem Namen veröffentlicht. Er verbindet in seiner Person die humanistische Bildung und das Wissen des Westens mit den Weisheitslehren und spirituellen Traditionen Indiens.
Leben Kindheit in Khulna, Darjiling und Manchester (1872–1884) mini|hochkant|Aurobindo mit seinem Vater K. D. Ghose, seiner Mutter Swarnalotta Devi und vier Geschwistern: von links nach rechts: Barin Ghose, Sarojini, Aurobindo und Manmohan Ghose. In England, ca. 1879.
Aurobindo Ghose wurde am 15. August 1872 in Kolkata (Kalkutta) geboren. Seine frühe Kindheit verlebte er in Khulna in Bengalen. Sein Vater Krishna Dhan Ghose war 1864 mit neunzehn Jahren mit der damals zwölfjährigen Swarnalata Bose verheiratet worden. Seine Eltern wurden nach den Riten des Brahmo Samaj, einer Reformbewegung des Hinduismus, getraut. Nach Aussage von Aurobindo war sein Vater aber Atheist. Er war durch seine anglisierte Geisteshaltung, gefördert durch einen zweijährigen Aufenthalt in England (1869–1871) zur Weiterbildung in Medizin, der bengalischen und indischen Kultur entfremdet. Folgerichtig versuchte er, seine Kinder von indischen Einflüssen fernzuhalten und ihnen eine ausschließlich europäische Ausbildung zu geben. So besuchten Aurobindo und seine Geschwister in den Jahren 1877–1879 zunächst die Loreto-Klosterschule in Darjiling. Aurobindo hatte vier Geschwister: zwei ältere Brüder, Benoy Bhushan und Mono Mohan, und eine jüngere Schwester mit Namen Sarojini; ein dritter Bruder, Barindra, wurde 1879 in Croydon in England geboren.
Laut Aurobindo hatte sein Vater, der sich wünschte, dass alle seine Söhne bedeutende Persönlichkeiten werden sollten, ihm in einer plötzlichen Inspiration den Namen Aurobindo gegeben, den bis dahin noch niemand in Indien oder der ganzen Welt erhalten hatte, damit er später unter den Großen der Welt einzigartig mit seinem Namen dastünde. Doch die Ironie der Welt wollte es, dass der Vater starb, bevor Aurobindo nach Indien zurückkehrte und die Bekanntheit seines Namens im Umfeld der indischen Freiheitsbemühungen zu einer häufigen Verwendung dieses Vornamens führte.Dilip Kumar Roy, Sri Aurobindo kam zu mir, S. 207.
Im Alter von sieben Jahren wurde Aurobindo 1879 mit seinen Brüdern nach England geschickt. Sie wohnten in Manchester bei dem Geistlichen William H. Drewett. Während seine Brüder zur Schule gingen, wurde er von Reverend Drewett in Englisch, Latein und Griechisch und von dessen Mutter, Mrs. Drewett, in Geschichte, Geografie, Arithmetik und Französisch unterrichtet.
Jugend in London (1884–1890) mini|hochkant|Aurobindos Wohnung in St. Stephen’s Avenue, London 1884–1887, mit blauem „English Heritage“-Schild.
1884 siedelten die Brüder unter der Obhut von Frau Drewett nach London um. Aurobindo besuchte dort fünf Jahre lang die St. Paul’s School in West Kensington. Die alte Frau Drewett war eine glühende Missionarin und versuchte die drei Jungen zum christlichen Glauben zu bekehren. Als dies nicht gelang, mussten sie ihr Haus verlassen. Es folgte nun eine Zeit bitterer Armut. Die Geldsendungen des Vaters, die nicht hoch waren und nur unregelmäßig eintrafen, reichten oft zum Leben kaum aus. Obwohl sie sparsam lebten, hatten sie oft nichts zu essen, ihre Kleidung war nicht warm genug für den Winter und die Wohnungen, in denen sie lebten, waren feucht und kalt. Trotz dieser äußeren Bedingungen entwickelte sich Aurobindo zu einem guten Schüler. Wenn er seine Hausaufgaben erledigt hatte, las er englische und französische Literatur, Werke über die Geschichte Europas und lernte Italienisch, etwas Deutsch und ein wenig Spanisch. Viel Zeit verwendete er auf seine eigenen Dichtungen. Er gewann Preise in Geschichte und Literatur.
Studium in Cambridge (1890–1892) Aurobindo erhielt von der St. Paul’s School ein Stipendium von 80 Pfund jährlich, das ihm den Besuch des King’s College in Cambridge ermöglichte. Wegen der oft fehlenden Geldzuwendungen vonseiten seines Vaters war auch diese Zeit äußerlich von großer Armut geprägt. Wie seine Zeugnisse bestätigten, betrieb Aurobindo dennoch seine akademischen Studien mit regem Interesse und großen Erfolgen. So erhielt er zahlreiche Preise und einer seiner Professoren bezeichnete ihn als „einen brillanten jungen Altphilologen“.
Nach Abschluss seiner Studien sollte er auf Wunsch seines Vaters die Beamtenlaufbahn einschlagen. Durch Kontakte mit der Familie des Gouverneurs von Bengalen hatte der Vater bereits eine gute Stelle für seinen Sohn im Arrah-Distrikt ausfindig gemacht.
Der Sohn legte dem Vater zuliebe die Aufnahmeprüfung für die Beamtenlaufbahn ab. Später jedoch verabscheute er eine entsprechende Tätigkeit. So kam es, dass er, trotz guter Noten in den schriftlichen Prüfungen, dem Test im Reiten immer wieder auswich, bis Lord Kimberley ihn schließlich als Kandidat für den indischen Staatsdienst disqualifizierte.
Zu dieser Entscheidung trug sicher auch die Tatsache bei, dass Aurobindo keineswegs wie sein Vater von England begeistert war. Er war tief berührt worden von englischer und westlicher Literatur, von Philosophie und Geschichtsschreibung, aber nicht von den Menschen, denen er begegnete. Als Mitglied und zeitweilig als Sekretär der „Indischen Majlis“, eines nationalen Studentenverbandes, hielt er revolutionäre Reden, die mit dazu beitrugen, dass er vom Staatsdienst ausgeschlossen wurde.
1893 kehrte er nach Indien zurück. Vierzehn seiner einundzwanzig Jahre hatte der junge Aurobindo in England verbracht. Sein Vater verstarb kurz vor der Ankunft des Schiffes an Herzversagen.
Berufliche und politische Aktivitäten (1893–1908) mini|hochkant|Aurobindo Ghose präsidiert bei einem Treffen der Nationalisten 1907; Tilak spricht.
Da Aurobindo nicht zum englischen Staatsdienst in Indien zugelassen war, vermittelte ein wohlgesinnter Verwandter des Gouverneurs von Bengalen ihm einen Posten in der Verwaltung des Fürstenstaats Baroda. Hier war er zunächst in der Abteilung für Briefmarken, Steuern und Post zuständig, bevor er auf eigenen Wunsch 1900 zum Professor für Englisch und Englische Literatur am Baroda College ernannt wurde. Er wurde schließlich Vice-Principal (stellvertretender Rektor) dieser Einrichtung. Daneben war Aurobindo Sekretär und Redenschreiber des Maharadschas. In Baroda lernte er Sanskrit und verschiedene andere indische Sprachen, besonders Marathi, Gujarati und seine Muttersprache Bengalisch.
Während der Baroda-Zeit, im April 1901, heiratete Aurobindo Ghose Mrinalini Bose, die 1918 einen frühen Tod starb.
1906 verließ Aurobindo Baroda und ging als Vorstand des neu gegründeten „Nationalen Bengalischen College“ nach Kolkata. Ebenfalls 1906 begann Aurobindo mit der Herausgabe des Journals „Bande Mataram“, das zum Sprachrohr der „Nationalist Party“ wurde. Er wollte die Idee der Unabhängigkeit im Denken seiner Landsleute festigen und gleichzeitig eine Partei und schließlich die ganze Nation zu intensiver und organisierter politischer Aktivität bewegen, die zur Verwirklichung dieses Ideals führen sollte. Aurobindos erstes Anliegen in dem Journal war, die vollständige Unabhängigkeit Indiens als politisches Ziel offen und nachhaltig zu propagieren; er war der erste Politiker in Indien, der den Mut aufbrachte, dies öffentlich zu tun. Diese Tätigkeit als Herausgeber von Bande Mataram brachte ihn ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Von da an war er, was er faktisch schon eine Zeit lang gewesen war, der prominenteste Führer der Partei.
Während dieser Zeit politischer Aktivität wandte sich Aurobindo verstärkt der Ausübung und dem Studium der indischen Yoga-Lehren und Yoga-Übungen zu. Eine entscheidende Entwicklung nahmen diese Bemühungen, als er im Dezember 1907 mit dem Guru Vishnu Bhaskar Lele aus Maharashtra zusammentraf. Durch dessen Hilfe vertieften sich seine Kenntnisse und Erfahrungen der Yoga-Inhalte so sehr, dass er fortan seiner eigenen Idee der Yoga-Entwicklung folgte.
Nachdem Aurobindo 1908 unter der Anklage der Aufwiegelung ins Gefängnis gekommen war, schrieb Rabindranath Tagore ein Gedicht, in dem er Aurobindo als einen vom Himmel entsandten Befreier pries:
Vor dir, o Aurobindo, neigt Rabindranath sich tief! O Freund, Freund meiner Heimat, aus dem Indien’s Seele rief, In dir verkörpert und befreit. Dein Los ist nicht gekrönt Von trägem Ruhm. Bequemlichkeit und Lohn hast du verpönt,
Das mut'ge Herz, auf dornenreichen Pfaden aufwärts steigend; Vor deren Flamme die Nachlässigkeit, beschämt sich neigend, Das Haupt dem Strahlenglanze niederbeugt, und wo der Tod Die Furcht vergißt …
Konversion zum Yogi in Alipur (1908–1909) Seine endgültige Konversion vom aktiven Nationalisten zum Hindu-Weisen und Seher geschah während des einen Jahres, in dem er im Gefängnis in Alipur bei Kalkutta inhaftiert war. Aurobindo hatte seinen Yoga 1904 ohne einen Guru begonnen; 1908 hatte er eine bedeutende Hilfe von einem Mahratta Yogi erhalten und die Grundlagen seiner eigenen Sadhana entdeckt. Er meditierte im Gefängnis inmitten von Lärm und Geschrei abseits und in Stille und ohne, dass irgendeiner der übrigen Gefangenen daran teilnahm. Er hatte die Bhagavad Gita und die Upanischaden bei sich; er praktizierte den Yoga der Gita und meditierte mithilfe der Upanischaden. Dies waren die einzigen Bücher, in denen er Anleitung und Führung fand. Dies brachte ihn zu folgender Aussage über das Wesen der Hindu-Religion: „Das ist die Religion, die zum Heil der Menschheit in der Abgeschlossenheit dieses Landes seit alters wertgehalten worden ist. Diese Religion zu vermitteln, dazu erhebt sich Indien. Indien erhebt sich nicht, wie andere Länder es tun, um seiner selbst willen oder um die Schwachen niederzutreten, wenn es stark geworden ist. Indien erhebt sich, um das ewige Licht, das ihm anvertraut ist, über die Welt auszubreiten.“
Der seiner Untersuchungshaft in einer Einzelzelle folgende Prozess war eines der bedeutendsten Verfahren für die indische nationale Bewegung. 49 Personen waren angeklagt und 206 Zeugen geladen, 400 Dokumente wurden zu den Akten genommen und 5.000 Beweisstücke vorgelegt, einschließlich Bomben und Revolver. Der englische Richter C. B. Beechcroft war wie Aurobindo Student in Cambridge gewesen. Die Strafverteidigung Aurobindos wurde von Chittaranjan Das übernommen. Der Prozess dauerte ein volles Jahr. Aurobindo wurde als einziger Angeklagter am 6. Mai 1909 freigesprochen.
Ashram in Pondicherry (1910–1945) Als Herausgeber des Karmayogin war er den Behörden ein „Dorn im Auge“. Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, verließ er Britisch-Indien auf einem Schiff und gelangte zunächst nach Chandannagar in Französisch-Indien; dann nach Pondicherry in Südindien, das er am 4. April 1910 an Bord der Dupleix erreichte. Hier entwickelte er den „Integralen Yoga“ (Integral = umfassend; Yoga = Bewusstseinsentwicklung) im Sinne einer modernen, zukunftsweisenden, umfassenden Bewusstseinsentwicklung.
Im Jahr 1914 kamen Mirra Alfassa und ihr Ehemann Paul Richard nach Pondicherry. Auf dessen Idee hin brachte er die philosophische Zeitschrift Arya heraus, in der er bis 1920 die meisten seiner Hauptwerke zum ersten Mal veröffentlichte.Otto Wolf, Sri Aurobindo, Rowohlts Monographien S. 66. Die letzte Ausgabe des Arya erschien am 15. Januar 1921. In dieser Zeit begann er, seine Briefe und Artikel mit „Sri Aurobindo“ zu unterzeichnen.