Die Adler von Lübeck, auch Der Große Adler oder Lübscher Adler genannt, war im 16. Jahrhundert ein Kriegsschiff der Hansestadt Lübeck. Es war mit einer Gesamtlänge von ca. 78 Metern und einer geschätzten Wasserverdrängung von 1000Konrad Fritze, Günter Krause: Seekriege der Hanse. S. 54. bis 2000 Tonnen eines der größten Schiffe seiner Zeit.

Die Adler wurde 1567 als Führungsschiff der Lübecker im Nordischen Krieg gegen Schweden in Dienst gestellt, war jedoch nie an einem Seegefecht beteiligt. Mit knapp 150 Artillerierohren verteilt auf drei Geschützdecks kam das Kriegsschiff, welches als ein Mischtyp aus Galeone und Karacke anzusehen ist, der Konzeption der späteren Dreidecker bereits recht nahe. Auch die viermastige Takelage mit einer Höhe von bis zu 62 Metern nahm die Dimensionen der nachfolgenden Ära der Linienschiffe weitgehend vorweg. Nach Ende des Krieges 1570 wurde die Adler zum Frachtsegler umgebaut und u. a. für den Salzhandel mit der Iberischen Halbinsel eingesetzt, wo das für den Frachtbetrieb eigentlich ungeeignete Schiff schließlich 1581 leckschlug und abgewrackt wurde.

Quellenlage Insgesamt konnten bislang eher wenige Unterlagen über die Adler von Lübeck ausfindig gemacht werden, obwohl sich in Stadt- und Museumsarchiven noch etliches unbekanntes Material über das Schiff befinden dürfte. Immerhin liegt das Artilleriebuch der Adler von Lübeck vorHans Frese (16. Jh.): Artilleriebuch der Adler von Lübeck. Archiv der Hansestadt Lübeck. sowie einige – freilich unterschiedliche – Angaben über die Ausmaße des Schiffs. Diese sind in mehreren Quellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert enthalten, namentlich in den Chroniken der Lübecker Stadtschreiber von Hoeveln (um 1565), Heinrich Rehbein (1568–1619/29) und Detlef Dreyer (um 1600). Auch der Chronist Johann Peter Willbrand äußerte sich Mitte des 18. Jahrhunderts über das Schiff. Eine wichtige Quelle stellt die Schifffahrtsgeschichte von Peter van der Horst dar, die neben dem Geschützbuch als Grundlage für die nebenstehenden Tabellenangaben dient (siehe dortige Fußnoten für genaue Quellennachweise).

Genaue Bauzeichnungen sind bisher nicht aufgetaucht, so dass nur die allgemein bekannten Merkmale der Schiffstypen der Karacke und der Galeone als Orientierungshilfe dienen können. Entsprechend stark weichen die bestehenden Modellnachbauten voneinander ab. Es ist davon auszugehen, dass keine Bauzeichnungen angefertigt wurden, da Schiffbaumeister im 16. Jahrhundert sich in erster Linie auf ihre praktische Erfahrung und handwerklichen Fähigkeiten verließen.Wurden schriftliche Unterlagen in jener Zeit angefertigt, streuten die Meister häufig bewusst Fehler ein, um ein fremdes Nachbauen zu erschweren. Einzig aus dem Bauzerter (Baukontrakt) lassen sich grobe Richtwerte für die Schiffsabmessungen gewinnen. Hierbei darf aber nicht vergessen werden, dass alte Maße wie Elle oder Fuß sich von Ort zu Ort unterscheiden konnten.So betrug z. B. in Hamburg ein Fuß 28,6 cm, aber laut Kirsch (1988) 29,2 cm in Lübeck.

Geschichte Die Adler von Lübeck wurde 1565 von dem Schiffbaumeister Sylvester Franke (auch: Francke) auf einem Bauplatz an der Trave auf Kiel gelegt.Am Standort dieses Werftplatzes, der sich auf der Wallhalbinsel gegenüber der Altstadt befand und zugleich auch Verladestelle war, erinnert noch heute eine Straße namens „Lastadie“. Auftraggeber war die Hansestadt Lübeck, die sich im Nordischen Krieg mit Schweden befand, und nach dem Verlust ihres bisherigen Flaggschiffs EngelDie Engel hatte im Mai 1564 unter dem Befehlshaber Friedrich Knebel zehn Hanseschiffe an Seite der Dänen in den Kampf gegen Schweden geführt, flog aber 1565 bei der Vorbereitung zu weiteren Einsätzen aufgrund Unachtsamkeit im Umgang mit Schießpulver in die Luft. ein neues Führungsschiff benötigte.Konrad Fritze, Günter Krause: Seekriege der Hanse. Brandenburgisches Verlagshaus/Siegler, Berlin 1997. Hauptaufgabe der Adler sollte es sein, Handelsschiffen der Hanse auf der Ost- und Nordsee Geleitschutz zu bieten.Derartige Kriegsschiffe wurden auch als Friedeschiffe oder Fredekoggen bezeichnet, also als Schiffe, die den Frieden bewahren oder wiederherstellen sollten. Bereits im März 1566 konnte das Schiff vom Stapel gelassen und nach Fertigstellung im folgenden Jahr in Dienst gestellt werden. Den Oberbefehl über die Adler als neues Flaggschiff übernahm bis 1569 der spätere Bürgermeister von Lübeck Johann Brockes (auch: Brokes) und ab 1570 der Ratsherr Johann von Wickede.Emil Ferdinand Fehling: Lübecker Ratslinie Nr. 686 von den Anfängen der Stadt bis auf die Gegenwart. In: Veröffentlichungen zur Geschichte der Freien und Hansestadt Lübeck. Bd. 7, Heft 1, Lübeck 1925 (Nachdruck: Lübeck 1978).

In der Zwischenzeit hatte die Lübecker Admiralität jedoch große Verluste zu beklagen. So sanken im Juli 1566 nach einem Gefecht mit den Schweden die Morian samt Bürgermeisteradmiral Bartholomeus Tinnappel sowie zwölf weitere dänische und Lübecker Schiffe vor Gotland in einem Sturm, bei dem die Anker nicht gehalten hatten. Nach diesem Unglück war die Flotte der Hansestadt nur noch bedingt einsatzfähig.

Da die Kriegsparteien sich mittlerweile am Verhandlungstisch eingefunden hatten, kam die Adler nicht mehr zum vorgesehenen Einsatz. Ohne Kampfhandlungen gesehen zu haben, wurde das Schiff, dessen Kriegsausstattung nach dem Frieden von Stettin im November 1570 endgültig überflüssig wurde, zum Frachtsegler umgebaut und für Fahrten zur Iberischen Halbinsel eingesetzt.Noch als Kriegsschiff hatte die Adler bereits im Jahr 1568 größere Reparaturen benötigt. Nicht zuletzt durch die Wegnahme etlicher Geschütze konnte dabei die Ladekapazität der Adler von 1250 t (625 Lasten) auf etwa 1600 t (800 Lasten) erhöht werden.Zudem wurde mindestens eins der Kastelle um ein Deck reduziert. Trotzdem gelang es nicht, die Adler von Lübeck zu einem wirklichen Handelssegler umzufunktionieren, da sie für den Frachtbetrieb zu aufwendig gebaut war und sich für die damals übliche Salzbefrachtung als ungeeignet erwies. Zudem nahm das Schiff viel Wasser, was vermutlich damit zusammenhing, dass der Kielbalken sich mittschiffs nach oben durchbog und die gegebene Spantenkonstruktion für ein derart großes kraweel gebautes Schiff nicht geeignet war.Recherchen der Deutschen Museumswerft durch Hendrik Busmann (seit 2006), Köln.

1581 schlug die Adler von Lübeck auf einer Rückfahrt von Lissabon etwa 200 Kilometer vor der Tejo-Mündung leck und musste zur portugiesischen Hauptstadt gebracht werden. Das Schiff wurde nach Begutachtung des Schadens für rund 2000 Dukaten verkauft und seine Hölzer einer anderen Nutzung zugeführt.Andere Quellen legen diesen Vorgang ins Jahr 1588. Kirsch spricht der Adler sogar eine Lebensdauer von „mehr als 60“ Jahren zu (S. 67), womit das Schiff bis ca. 1626 aktiv gewesen wäre, was aber eher unwahrscheinlich ist.

Schiffstyp Die Adler von Lübeck wurde in den (wenigen bisher gefundenen) Quellen unterschiedlich klassifiziert, darunter als Kogge, Holk, Karacke oder Galeone. Wie fast alle Schiffe jener Zeit war die Adler jedoch nicht genau einem bestimmten Schiffstyp zuzuordnen, da Schiffbaumeister häufig gut befundene Elemente von anderen Bauarten übernahmen und so Mischformen entstanden. Zudem weisen eine Reihe von Konstruktionsmerkmalen die Adler als ein Schiff des Überganges aus. So rührte etwa die Klinkerung am oberen Achterschiff noch aus der nordeuropäischen Bautradition des 15. Jahrhunderts her, wohingegen das Spiegelheck, das hinter den Vordersteven zurückgezogene vordere Kastell, der niedrigere achterliche Aufbau und der unterteilte Fock- und Großmast schon Entwicklungen des ausgehenden 16. und kommenden 17. Jahrhunderts vorwegnahmen.

Insgesamt aber lässt die Adler von Lübeck sich am ehesten dem Typus einer frühen nordeuropäischen Galeone zurechnen, obwohl noch einige Baulichkeiten auf eine späte Karacke hinweisen.

Baumerkmale im Überblick Die Adler von Lübeck hatte eine Länge über alles von 78,30 m, eine Breite von 14,50 m und eine Wasserverdrängung von ca. 2000 t.Peter van der Horst(e): Beschreibung von der Kunst der Schifffahrt – Zum andernmahl auffgeleget und mit einem Anhang vermehret, worin beschrieben wird der Anfang und Fortgang der Schifffahrt. 2. Auflage, Schmalhertzens Erven, Lübeck um 1676 (PDF).Brennecke nennt 2000 t Wasserverdrängung (Jochen Brennecke: Geschichte der Seefahrt. Sigloch Edition, Künzelsau 2000, ISBN 3-89393-176-7, S. 163).Das Artilleriebuch gibt eine Länge über alles von 64,43 m an. Hans Frese (16. Jh.): Artilleriebuch der Adler von Lübeck. Archiv der Hansestadt Lübeck. Andere Quellen nennen sogar 3000 t.Mondfeld: Schicksale berühmter Segelschiffe. S. 61.Philippe Dollinger: Die Hanse. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1998. Einige Autoren sprechen vom ersten Linienschiff der Geschichte, da ihre Größe ungefähr einem mittleren Linienschiff der späteren Nelson-Ära entsprach, und ihre drei Geschützdecks den späteren Dreideckern bereits nahe kamen. Der Stadtschreiber Detlef Dreyer äußerte sich um 1600 über die Adler von Lübeck und die gleichzeitig auf der Lastadie gebaute und für dänische Rechnung fertiggestellte Fortuna, dass er noch nie zwei so „wohlgestophierte Schiffe“ gesehen hätte.Karl Heinz Marquardt: Adler von Lübeck AD 1565. 35 S., 4 Pläne, ca. 1965.Die Fortuna wurde zeitgleich mit der Adler 1565–1566 auf der Wallhalbinsel gebaut und war für Dänemark bestimmt, das mit der Hanse seit 1563 gegen Schweden verbündet war. Über dieses Schiff ist jedoch bisher fast nichts bekannt. Trotz fehlender konkreter Belege ist anzunehmen, dass die Adler in einer damals üblichen Methode der Skelettbauweise hergestellt wurde, bei der die Spanten nicht in einem Stück gefertigt und montiert werden, sondern mit der Beplankung des Rumpfes mitwachsen.

Zusammengesetzt aus Untermast, Marsstenge, Bramstenge und Flaggenstock besaß der Großmast eine Gesamtlänge von 62,15 m (108 Ellen)Dieser Wert ist der, den Peter van der Horst ausdrücklich als Höhe über alles nennt. Ein anderer, leicht abweichender Wert ergibt sich aus der Höhe des Großmasts, die Peter van der Horst mit 62,51 m angibt, wobei die Addition seiner einzelnen Komponenten (Untermast, Marsstenge, Bramstenge und Flaggenstock) sogar eine Höhe des Schiffs von 68,95 m bedeuten würde. über dem Kiel. Die große Rah war mit 34,0 m (57 Ellen) um einiges breiter als das Schiff selbst. Der ebenfalls zusammengesetzte Fockmast und der Großmast waren rahgetakelt, während die aus einem Stück gefertigten achterlichen Besan- und Bonaventuramasten ein Lateinersegel an einer langen, schrägen Rute führten.

Für den Seekrieg verfügte die Große Adler über eine Mannschaft von 350 Seeleuten und über 138 Geschütze verschiedenen Kalibers für das immer wichtiger werdende Artilleriegefecht auf Entfernung. Für den Nah- und Enterkampf konnten zusätzlich 650 Marinesoldaten an Bord genommen werden.Nach Marquardt sollen für den Kriegsfall auf der Adler von Lübeck insgesamt 1000 Mann eingeplant gewesen sein, nach Ellacott 1050 Mann und nach Peter van der Horst sogar 1200. Herbert Kloth geht dagegen von insgesamt nur rund 650 Personen im Kriegsfalle aus.

Baumerkmale im Einzelnen Rumpf und Aufbauten Die Adler von Lübeck hatte von der Galion bis zur hinteren Galerie eine Länge von rund 64 m, wobei allein die Länge der Kuhl, des mittleren Bereichs des Oberdeckes, etwa 15 m betrug, was für damalige Verhältnisse ein ungewöhnlich großes Schiff ergab. Der Rumpf war vom Kiel bis zur Höhe der Kuhl vollständig kraweel beplankt. Nur im Achterschiff schloss sich darüber an beiden Schiffsseiten ein nach alter Machart hergestellter geklinkerter Bereich an, der sich im fünften Deck (Popp) aber wiederum als kraweele Beplankung fortsetzte. Die Anzahl der geklinkert hergestellten Planken ist nicht genau verbürgt.