mini|hochkant|Jamal Khashoggi (2018)

Jamal Ahmad Khashoggi (englische Transkription; deutsche Transkription: Dschamal Ahmad Chaschuqdschi; , * 13. Oktober 1958 in Medina; † 2. Oktober 2018 in Istanbul) war ein saudi-arabischer Journalist. Er war Direktor der saudi-arabischen Tageszeitung Al-Watan und Medienberater des saudi-arabischen Prinzen Turki ibn Faisal. Khashoggi entwickelte sich zu einem Kritiker des saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der de facto über das Königreich herrscht. Ab Sommer 2017 lebte er in den USA und war u. a. Kolumnist der Washington Post. In seinen Texten kritisierte er offen die saudi-arabische Regierung.

Ab dem 2. Oktober 2018 galt er als vermisst, nachdem er das saudi-arabische Generalkonsulat in Istanbul betreten und nicht wieder verlassen hatte. Mehr als zwei Wochen später räumte die saudi-arabische Regierung die Tötung Khashoggis an jenem Tag ein. Seine Leiche ist bis heute nicht gefunden worden. Von türkischen Erkenntnissen aus der Überwachung des Konsulats über die Ergebnisse einer UN-Untersuchung bis hin zu Abhörergebnissen des US-Geheimdienstes sagen alle Indizien, dass der Kronprinz den Mord persönlich angeordnet und sein Geheimdienst ihn ausgeführt hatte. Dreieinhalb Jahre nach dem Mord an Khashoggi wurde der Mordprozess in Istanbul vorerst ausgesetzt, und die türkische Justiz verlegte das Verfahren in die Hände saudischer Behörden.

Herkunft und Ausbildung Jamal Khashoggis Vorfahren wanderten im 16. Jahrhundert in den Hedschas ein, als dieser Teil des Osmanischen Reiches war.Informationen über die Familie Khashoggi (arabisch), 7. April 2016. Sein Familienname ist die arabisierte Version des türkischen Wortes für Löffler (in moderner türkischer Schreibung Kaşıkçı).James F. Clarity: In short: Nonfiction. New York Times, 21. Dez. 1986. In den türkischen Medien wird er daher Cemal Kaşıkçı geschrieben. Er war ein Neffe des Waffenhändlers Adnan Khashoggi.

Khashoggis Familie gehört dem saudi-arabischen Establishment an und unterhielt stets gute Verbindungen zum Königshaus der Saud. Einer seiner Verwandten war Leibarzt des Staatsgründers Ibn Saud. Khashoggi schloss in seiner Geburtsstadt Medina die allgemeinbildende Schule ab und studierte an der Indiana State University in den USA Betriebswirtschaftslehre. Er schloss sein Studium 1982Jamal Khashoggi obituary auf theguardian.com. mit dem Bachelor of Business Administration ab.

Journalistische Karriere Khashoggi arbeitete zunächst von 1983 bis 1984 als Regionalleiter für die Buchladenkette Tihama. 1985 bis 1987 war er als Auslandskorrespondent für die Tageszeitungen Saudi Gazette und Okaz tätig. Von 1987 bis 1990 schrieb er für verschiedene saudi-arabische Tages- und Wochenzeitungen, darunter Asharq al-Awsat, Al-Majalla und Al-Muslimun. 1991 wurde er Chefredakteur bei der Tageszeitung Al-Madina und blieb dort bis 1999.

In seiner Funktion als Chefredakteur hielt Khashoggi sich als Auslandskorrespondent unter anderem in Afghanistan, Algerien, Kuwait und dem Sudan auf. In Afghanistan führte er 1987 ein Interview mit Osama bin Laden, während dieser dort gegen sowjetische Truppen kämpfte. Khashoggi verfolgte Bin Ladens Entwicklung zum radikalen Islamisten jahrelang. Er traf ihn später nochmals in Tora Bora sowie 1995 im Sudan. Khashoggi drängte Bin Laden einmal dazu, der Gewalt abzuschwören. In dieser Zeit wurde er zu einem Vertrauten von Prinz Turki ibn Faisal, der damals Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes war. Khashoggi war laut seines Bekannten Joseph Duggan in seiner Medienarbeit „in keiner Weise unabhängig“ und seine Rolle im saudischen Geheimdienst sei ein offenes Geheimnis gewesen.

Von 1999 bis 2003 war Khashoggi stellvertretender Chefredakteur bei Arab News, Saudi-Arabiens wichtigster englischsprachiger Zeitung. Ein Jahr nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde ein Artikel Khashoggis auf Englisch veröffentlicht, in dem er die Attentate „einen Anschlag auf Toleranz, Koexistenz und den Islam selbst“ nannte.

mini|US-Präsident Obama (links) mit Jamal Khashoggi (rechts daneben), Kairo, 2009

2003 übernahm er die Leitung des als eher progressiv geltenden saudischen Blattes Al-Watan, die ihm nach nur 52 Tagen entzogen wurde, da er in einem Artikel saudi-arabische Religionsgelehrte sowie die Lehren des mittelalterlichen Theologen Ibn Taimīya kritisiert hatte, der im Wahhabismus als Autorität betrachtet wird. Außerdem verhängte die saudi-arabische Regierung ein Berufsverbot gegen ihn. Durch seine Kontakte zu Turki ibn Faisal, dem er während dessen Amtszeit als Botschafter in den USA beratend zur Seite stand, wurde sein Berufsverbot aufgehoben. Im April 2007 beauftragte man ihn erneut mit der Leitung von Al-Watan. Von diesem Posten trat er im Mai 2010 mutmaßlich auf Druck zurück, nachdem in der Zeitung ein Artikel des saudi-arabischen Dichters Ibrahim al-Almaee erschienen war, der ultrakonservative religiöse Strömungen kritisierte.

Khashoggi trat bereits in den 1970er-Jahren der Muslimbruderschaft bei. Diese radikalislamische Organisation bekämpft den in Saudi-Arabien herrschenden Wahhabismus, obwohl beide Ideologien das gleiche Ziel einer islamischen Theokratie haben. Khashoggi habe laut Bradley nie viel Sinn gehabt für westliche pluralistische Demokratie. In dem 2013 veröffentlichten Buch Frühling der Araber – Zeit der Muslimbrüder brachte er seine Vorbehalte gegen die Verfolgung der Muslimbrüder und ihrer Sympathisanten durch die Machthaber in Saudi-Arabien zum Ausdruck, die zur gleichen Zeit unter anderem den Regimewechsel in Ägypten und den neuen ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi stützten.Joseph Croitoru: Ein Dorn im Auge des Prinzen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 17. Oktober 2018, abgerufen am 19. Oktober 2018.

Khashoggi war oft als politischer Kommentator beim MBC, der BBC, Al Jazeera und Dubai TV zu sehen. Nach dem Thronwechsel 2015 wurde er zum Direktor des in Bahrain ansässigen Senders Al-Arab TV ernannt, der als Konkurrenz zu dem katarischen Fernsehsender Al Jazeera konzipiert war und dem saudischen Prinzen Alwalid ibn Talal gehörte. Al-Arab TV wurde jedoch nach dem ersten Sendetag geschlossen.Jamal Khashoggi obituary. In: The Guardian. 19. Oktober 2018, abgerufen am 24. Oktober 2018.

Khashoggi war – als „inoffizieller Sprecher“Urs Gehriger: Jamal Kashoggis anderes Gesicht, Weltwoche 48.18, S. 44 ff. desselben bis ins Jahr 2015 – kein radikaler Gegner des saudischen Königshauses und für sich selbst lehnte er die Bezeichnung „Dissident“ ab. Nachdem Salman im Januar 2015 König geworden war und seinem Sohn Mohammed bin Salman schrittweise mehr Machtkompetenzen übertragen hatte, zeigte sich Khashoggi zunächst optimistisch und begrüßte die vom Kronprinzen eingeleiteten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen. Kritisch verfolgte er indes den Mangel an Partizipation und Pressefreiheit.Rainer Hermann: Warum die Saudis Jamal Khashoggi fürchteten. In: FAZ, 18. Oktober 2018, abgerufen am 20. Oktober 2018. Freunde in den USA warnten ihn mit Verweis auf erneute Verhaftungen und Hinrichtungen von Menschenrechtsaktivisten und Gelehrten in Saudi-Arabien, dass auch er eines Tages Ziel dieser Verfolgungen werden könnte.

Exil in den Vereinigten Staaten Der damals noch in Saudi-Arabien lebende Khashoggi kritisierte zwei Tage nach der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2016 als Gast in einer US-Diskussionsrunde den gewählten Präsidenten Donald Trump in vorsichtiger Form. Nach Khashoggis Darstellung erhielt er daraufhin kurze Zeit später einen Anruf des Medienberaters von Kronprinz Mohammed bin Salman, in dem ihm ähnliche derartige Äußerungen und der Kontakt zu ausländischen Journalisten untersagt wurden. Nachdem er in den folgenden Monaten das Gefühl bekam, dass sein Spielraum in Saudi-Arabien zunehmend enger werde, ging Khashoggi im Sommer 2017 ins Exil in die Vereinigten Staaten von Amerika.

mini|Khashoggi (ganz links) bei einer öffentlichen Diskussionsrunde zum Thema Mohammed bin Salman's Saudi Arabia: A Deeper Look („Mohammed bin Salmans Saudi-Arabien: ein tieferer Einblick“) am 21. März 2018 in Washington, D.C.

Bradley schreibt, Khashoggi habe sich in den USA „neu erfunden als Kritiker“. In einem Interview mit der BBC am 13. November 2017 erklärte Khashoggi, mit seinem Leben in den Vereinigten Staaten zufrieden zu sein. Er sei materiell abgesichert. Es gehe ihm um die Zukunft seiner Kinder und Enkel. Was ihn am meisten beunruhige, sei die „Herrschaft eines einzelnen Mannes“ (what worries me most is one-man rule). Saudi-Arabien habe Reformen nötig, aber Ein-Mann-Herrschaft sei schlecht und sei historisch immer schiefgegangen, unabhängig davon, ob man nun über Saudi-Arabien, Deutschland oder den Irak spreche.

In einem erst postum veröffentlichten Text schrieb Jamal Khashoggi über den Kronprinzen Mohammed bin Salman:

Im selben Interview kritisierte er die Verhaftungen, unter anderem von Prinz Waleed bin Ibrahim Al Ibrahim, die im Rahmen der Anti-Korruptionskampagne von Kronprinz Mohammed bin Salman erfolgt waren. Prinz Waleed sei immer ein loyaler Parteigänger des Kronprinzen gewesen.

In weiteren Beiträgen für die Washington Post äußerte sich Khashoggi wiederholt kritisch über die Verhältnisse in Saudi-Arabien und über den Kronprinzen. In einem Kommentar am 5. November 2017 verglich er den politischen Stil des Kronprinzen, der mit „vollständiger Intoleranz“ selbst gegen nur geringfügig abweichende Meinungen vorgehe, mit dem von Russlands Präsidenten Wladimir Putin. In einem anderen Beitrag forderte er den Kronprinzen öffentlich auf, den „grausamen“ Krieg im Jemen zu beenden. Wenn dieser Krieg in dieser Form andauere, werde die saudi-arabische Intervention bald den Aktionen von Syriens Präsident Baschar al-Assad und der russischen und iranischen Streitkräfte im Bürgerkrieg in Syrien gleichgestellt werden. Zum diplomatischen Zwischenfall zwischen Kanada und Saudi-Arabien im August 2018 äußerte er sich ähnlich kritisch. Die Kritik an der Regierung Saudi-Arabiens hätte jedoch laut Weltwoche stark im Widerspruch der Muslimbruderschaft zu den Wahhabiten gestanden und hätte nichts an Khashoggis politischem Ziel einer Theokratie geändert.

Gemeinsam mit Gleichgesinnten ersann er die Gründung einer neuen Menschenrechtsorganisation, die in arabischen Staaten Verletzungen von Menschenrechten untersuchen und offenlegen, für demokratische Reformen eintreten und dafür weitere Exil-Araber mobilisieren sollte. 2018 hatte Khashoggi bereits erste Mitglieder für den Beirat der Organisation angeworben, die Organisation selbst in Delaware registriert und war dabei, die Finanzierung sicherzustellen.

Wenige Tage vor seinem Tod im Oktober 2018 nahm Jamal Khashoggi als Gastredner an einer internationalen Tagung in London zum Thema Palästina teil. In diesem Zusammenhang gab er der BBC ein Interview, in dem er sich kritisch zum israelischen Siedlungsbau äußerte. Er sagte, fehlender internationaler Druck mache es der israelischen Regierung leicht, mit illegalem Siedlungsbau ungestraft davonzukommen. Den Osloer Friedensprozess erklärte er für gescheitert. Khashoggi galt als Kritiker einer Annäherung Saudi-Arabiens an Israel auf Kosten der Palästinenser.

Saudische offizielle Stellen versuchten mehrfach, Khashoggi mit attraktiven Angeboten zur Rückkehr nach Saudi-Arabien zu bewegen. Er schenkte den gemachten Zusagen keinen Glauben und blieb in den USA. In den Monaten vor seinem Verschwinden hielt er sich häufig in Istanbul auf und soll zuletzt Erdoğan-Anhänger gewesen sein. In den regionalen Konflikten in Nahost stehen die Türkei und Saudi-Arabien auf unterschiedlichen Seiten: Saudi-Arabien operiert gemeinsam mit den Vereinigten Staaten, Israel und Ägypten, während Erdoğan mit Russland und Katar verbündet ist.

Ermordung Die Tat