Unter Technikphilosophie versteht man sowohl die philosophische Untersuchung der Bedeutung der Technik als auch die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch, Welt, Arbeit und Technik zueinander.
Geschichte Die Technikphilosophie, verstanden als Philosophie der Technik, ist keine Erfindung der Neuzeit. Vielmehr haben sich in der Antike bereits Protagoras, Platon (im Timaios, in der Politeia und in den Nomoi) und Aristoteles (in der Nikomachischen Ethik, Buch 6, und in der Physik) mit Technik auseinandergesetzt. Die Antike trennte dabei die Technik noch nicht von der Kunst und Kunstfertigkeit. Im Mittelalter mit seinem erstarkenden Handwerk und den Urbanisierungsschüben widmeten sich Albertus Magnus,Albertus Magnus: Über den Menschen De homine. um 1240. (Meiner Verlag, Hamburg 2004) in der Renaissance Giordano Bruno der anthropologisch inspirierten Frage, ob der Mensch über das technische Schaffen zu definieren sei. Auf dem Weg in die Moderne, die Technik, Naturwissenschaft und Kunst voneinander zunehmend trennte,Lewis Mumford: Art and Technics. New York 1952. befassten sich dann Gottfried Wilhelm Leibniz, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Ludwig Wittgenstein,M. Kroß: Wittgensteins Techniker oder: Der Ingenieur als Philosoph. Thesen zum Verhältnis von Technik und Philosophie bei Wittgenstein. In: R. Haller, K. Puhl (Hrsg.): Wittgenstein and the Future of Philosophy. A Reassessment after 50 Years / Wittgenstein und die Zukunft der Philosophie. Eine Neubewertung nach 50 Jahren. Proceedings of the 24th International Wittgenstein Symposium / Akten des 24. Internationalen Wittgenstein-Symposiums, Kirchberg am Wechsel 2001, Wien 2002 (Schriftenreihe der Wittgenstein-Gesellschaft, Band XXX). Martin Heidegger (Die Frage nach der Technik, 1949),Martin Heidegger: Die Technik und die Kehre. Pfullingen 1962. (9. Auflage. 1991) Walter BenjaminWalter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. (Orig. 1938). und Herbert Marcuse sowie mit ihm die Frankfurter SchuleP. Murray: The Frankfurt School Critique of Technology. In: P.T. Durbin, C. Mitcham (Hrsg.): Research in Philosophy and Technology. Band V, Greenwich (Conn.) 1982, S. 223–248. mit jeweils verschiedenen Aspekten von Technik und Industrialisierung. Im Mittelpunkt der Technikphilosophie stand und steht die Ambivalenz von Naturbeherrschung und Naturverwiesenheit, das Menschenbild des Handwerkers bzw. Homo faber, das Verhältnis von Technik und Arbeit, das Verhältnis von Technik und Kunst, von Technik und Wissenschaft sowie die gesellschaftsstrukturierende Rolle der Technik insgesamt. Die Technikethik ist ein Teilgebiet der Technikphilosophie (s. dort).
Die Beschäftigung mit dem Thema „Technik“ als eigenem Gegenstandsbereich der Philosophie wurde jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts durch das Buch „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ (1877)Ernst Kapp: Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten. Braunschweig 1877. (Neudruck: Düsseldorf 1978). von dem Hegelianer Ernst Kapp ausgelöst. Für ihn ist Technik menschliche Organprojektion, aber auch im umfassenden Sinne kulturbildend. Kapp gelang es damit, die Frage nach der Technik aus dem engeren Feld der Anthropologie herauszulösen und auf die Frage nach der Relevanz für die jeweilige Kultur zu erweitern. Die Technikphilosophie im engeren Sinne gehört daher zur Philosophie der Aufklärung und zur Auseinandersetzung um ihre Bedingungen und Folgen insbesondere seit der Hochindustrialisierung.Günter Ropohl: Technologische Aufklärung. Beiträge zur Technikphilosophie. Frankfurt am Main 1991. (2. Auflage. Frankfurt am Main 1999)
Ausgangspunkt der Disziplinbildung waren anthropologische Erkenntnisse seit Ende des 18. Jahrhunderts, die den Menschen als „Mängelwesen“, d. h. als im Vergleich zum Tier mangelhaft in der Spezialisierung seiner Organe und Sinne ansah, aber überlegen durch seinen Geist. Anders als alle anderen Tiere ist der Mensch nicht auf eine spezielle Lebensumgebung angewiesen, sondern kann und muss sich auf Grund der Ermangelung eines eigenen Biotops ständig seinen eigenen Lebensraum schaffen (Technotop). In diesen Zusammenhang gehört auch die Feststellung von Friedrich Nietzsche, dass der Mensch ein „nicht-festgestelltes Tier“ sei. Der Mensch braucht also die Technik notwendigerweise. Im 20. Jahrhundert nahm Arnold Gehlen diese These vom Mängelwesen MenschArnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft. Hamburg 1957 (auch in: A. Gehlen: Anthropologische und sozialphilosophische Untersuchungen. Reinbek 1986, S. 145–266; in: A. Gehlen: Gesamtausgabe. Band VI: Die Seele im technischen Zeitalter und andere sozialpsychologische, soziologische und kulturanalytische Schriften. Frankfurt am Main 2004.) wieder auf und integrierte diese in seine eher kulturpessimistische Anthropologie. Durch die Organmängel werde der Mensch von der Kultur abhängig, die seine zweite Natur darstelle. Er sei nun auf die Technik und die Unterstützung durch Institutionen angewiesen: Technik sei Organersatz, Organverstärkung, Organentlastung oder Organausschaltung, mit deren Hilfe „der Mensch sich die Natur dienstbar macht, ausnützt und gegeneinander ausspielt“.A. Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 6. Aufl. 1958, S. 7. Allerdings war die Nicht-Fixiertheit des Menschen an ein spezifisches Milieu, seine Nicht-Angepasstheit an die Natur auch immer eine Chance im Hinblick auf seine Weltoffenheit – ein Begriff, den im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts etwa Max SchelerMax Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. 1928. (11. Auflage. Bouvier, Köln 2001) und Helmuth PlessnerHelmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch. De Gruyter, 1975. betonen. Auch Gehlen sieht in der unspezifische Ausstattung des Menschen, in seinem aufrechten Gang, der Hand mit dem opponierbaren Daumen, der Lernfähigkeit und Intelligenz auch Vorteile für seine Fähigkeit, sich die Natur unterzuordnen.
Wenngleich die Technikphilosophie über längere Zeit durch das Denken des Deutschen Idealismus geprägt war, so entwickelten sich im 20. Jahrhundert eher materialistische Positionen, die nach den konkreten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch Maschinisierung, Automatisierung und Rationalisierung, und damit nach der Rolle des Artefaktes, fragten (z. B. Gerhard Freyer, F. Gottl-Ottlilienfeld,José Ortega y Gasset: Betrachtungen über die Technik. Der Intellektuelle und der Andere. Stuttgart 1949. (auch in: Th. Zoglauer (Hrsg.): Technikphilosophie. Freiburg/München 2000) Max Bense, Gerhard Banse, Günter Ropohl). Einige Autorinnen und Autoren beziehen sich dabei direkt oder indirekt auf Karl Marx und seine These der Entfremdung, andere beziehen sich auf bestimmte Krisenphänomene (z. B. die ökologische Krise). In diesem Zusammenhang wird die Auseinandersetzung um den Mittelcharakter der Technik und die Frage nach den Verhältnisbestimmungen von Mittel/Zweck sowie Mittel/Medium wichtig.Christoph Hubig: Die Kunst des Möglichen I. Technikphilosophie als Reflexion der Medialität. transcript, Bielefeld 2006. Vgl. auch den Aufsatz Gerhard Gamm: Technik als Medium. In: Ders.: Nicht Nichts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000. Hinzu traten phänomenologische Positionen, die nach dem Verhältnis von Technik und Welt und seiner Determiniertheit fragten, wie sie etwa durch Hans Blumenberg und Jacques Ellul verkörpert werden. So vielgestaltig wie die Positionen der Technikphilosophie sind auch die philosophischen Ansätze, den Begriff Technik in seinen Dimensionen zu bestimmen. Dabei wird die Unbestimmtheit der Technik selbst zum philosophischen Thema.Gerhard Gamm, A. Hetzel (Hrsg.): Unbestimmtheitssignaturen der Technik. Eine neue Deutung der technisierten Welt. transcript Verlag, Bielefeld 2005.
Die Technikphilosophie gibt es in kulturpessimistischen wie -optimistischen Spielarten. Sie ist Teil utopischen (Utopie) und dystopischen DenkensK. N. Ha: Hype um Hybridität. Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus. transcript, Bielefeld 2005. (Dystopie) und deren Manifestation in fiktionaler Literatur und im Film. In jüngerer Zeit widmet sich die Technikphilosophie etwa der Virtual Reality, den IuK-Technologien, den BiotechnikenN. C. Karafyllis: „Biotechnologie“. In: G. Banse, A. Grunwald, W. König, G. Ropohl (Hrsg.): Erkennen und Gestalten. Eine Theorie der Technikwissenschaften. edition sigma, Berlin 2006, S. 319–328. sowie der Gestaltung von soziotechnischen SystemenGünter Ropohl: Allgemeine Technologie – Eine Systemtheorie der Technik. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1999. und technologischen Zukunftsvisionen.
Magie und Technik Technik hat sowohl in der Antike (Heron von Alexandria) als auch im Mittelalter nicht nur den Aspekt der Zweckerfüllung bzw. des Nutzens, sondern stets auch den des Magischen (Magie). Der Neukantianer Ernst Cassirer hat 1930 (im Aufsatz Form und Technik)Ernst Cassirer: Form und Technik. (1930) In: E. W. Orth, J. M. Krois (Hrsg.): Symbol, Technik, Sprache. Aufsätze aus den Jahren 1927–33. Meiner, Hamburg 1985. darauf hingewiesen, dass die heutige technische Kultur bereits Anklänge in der magischen Weltauffassung vortechnischer Kulturen findet (Homo divinans). Grundlage für technisches Denken und Handeln ist jeweils die Distanz von der zu verändernden Natur. Ohne die Distanzierung des Subjekts von der objektiven Welt kann keine technische Entwicklung stattfinden (Technikidealismus). Diese erste objektivierende Haltung, als erste Reflexion über die Beschaffenheit der Welt und der Natur, ist der magischen Weltauffassung inhärent. Ihr liegt ein Glaube zu Grunde, die Welt durch Rituale und Handlungsabläufe beeinflussen zu können. Die Willkür oder der Glaube an eine allumfassende und -beherrschende Schicksalskraft (das Göttliche) tritt also schon im magischen Handeln zurück. Diese Distanzbeziehung zur Natur meint aber noch keine Objektivierung von Natur durch Technik.
Technikphilosophie und Wissenschaftsphilosophie