Residential Schools nannte man in Kanada Schulen, die von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1996 betrieben wurden. Es handelte sich um internatartige Schulen ausschließlich für Kinder der kanadischen Ureinwohner, also der First Nations, der Inuit und der Métis, sowie der im Süden Québecs lebenden NunatuKavummiut, die auch als Inuit-metis bezeichnet werden und der Nunatsiavut, die im Norden von Labrador leben.
Diese Schulen sollten die Kinder von den Eltern fernhalten und zugleich von ihrem kulturellen Einfluss. Der Gebrauch ihrer jeweiligen Muttersprache wurde ihnen strikt verboten, stattdessen sollten sie Englisch bzw. Französisch lernen. Damit verbunden war ein allgemeiner Zivilisierungsauftrag, dessen treibende Kraft eine Untersuchungskommission 1996 als „kulturellen Triumphalismus“ bezeichnete.Royal Commission on Aboriginal Peoples – Commission royale sur les peuples autochtones 1996. Canada Communication Group, Band 1, Ottawa, S. 579: the enormity of the cultural triumphalism that lay behind the enterprise. Print-Ausgabe: engl. ISBN 0-662-20466-2; frz. ISBN 0-662-98203-7; auch in Inuktitut, Cree und Ojibwe je mit ISBN veröffentlicht.
Insgesamt handelt es sich um bis zu 3000 Institutionen, die in einem Verfahren zur Anerkennung als ehemalige Residential Schools stecken oder bereits anerkannt sind.Eine Liste der rund 3000 bis zum 13. Februar 2009 entschiedenen oder noch anhängigen Anerkennungsverfahren von Residential Schools findet sich hier (PDF, 268 kB): Decision (PDF; 271 kB).
Unter Federführung des Department of Indian Affairs and Northern Development und gesetzlich gegründet auf den Indian Act von 1876, den Gradual Civilization Act von 1857 und den Gradual Enfranchisement Act von 1869, erhielten vor allem die Kirchen – überwiegend die katholische und die anglikanische sowie die Vorgänger der United Church of Canada, also Presbyterianer, Methodisten und Kongregationalisten – den Auftrag, diese Schulen zu führen.
Dort kam es zu zahlreichen psychischen und physischen Übergriffen, für die sich sowohl die beteiligten Kirchen inoffiziell (z. B. 2009 die katholischeEnde April 2009 drückte Papst Benedikt XVI. sein „persönliches Bedauern“ über das Leiden in einer privaten Audienz aus, als er zu einer indianischen Delegation sprach. Pope expresses ‘sorrow’ for abuse at residential schools, in: CBC, 29. April 2009. 2018 lehnte Papst Franziskus eine offizielle Entschuldigung ausdrücklich ab.) als auch der kanadische Staat (2008) entschuldigt haben.Vgl. Robert Carney: Aboriginal Residential Schools Before Confederation: The Early Experience. In: Canadian Catholic Historical Association, Historical Studies 61 (1995) 13-40, digital: (PDF). Doch der mehrere Generationen umfassende Versuch, ganze Kulturen auszulöschen, wird bis heute nur selten als ein Verbrechen verurteilt.
Die Lebenswege der Opfer sind bis heute von diesen Vorgängen gekennzeichnet, wenn ihnen auch eine gewisse Wiedergutmachung zukommt und sie bisweilen psychotherapeutisch unterstützt werden.
Geschichte
Ihren Ausgangspunkt nahmen die späteren Residential Schools in den französischen Schulen der katholischen Missionare, vor allem der Jesuiten. Schon hier prallten die Bedürfnisse dörflich-städtischer und bäuerlicher Lebensweise auf der einen Seite und halbnomadischer auf der anderen Seite aufeinander. So klagten die Lehrer vielfach über die Abwesenheit der Schüler, vor allem während der Jagdsaison; zudem war es generell schwierig, die Ureinwohner vom Sinn eines Schulbesuchs mit seinen damals gebräuchlichen harten Disziplinierungsmitteln zu überzeugen.Dies und das Folgende nach: J. R. Miller: Shingwauk’s vision: A history of Canadian residential schools. University of Toronto Press 1996. Ähnlich erging es den Anfang des 19. Jahrhunderts gegründeten anglikanischen Schulen.
mini|275px|Indian Industrial School von Lebret im Qu'Appelle Valley, Assiniboia-Distrikt, Nordwest-Territorien: Eltern, die ihre Kinder besuchen wollen, kampieren außerhalb der Umzäunung vor der Schule (um 1885). mini|Schüler und Familienangehörige, Pater Joseph Hugonnard, der seinerzeitige Direktor, Angestellte und Graue Schwestern der Liebe auf einem Hügel oberhalb der Schule, Mai 1885 1857 wurde der Gradual Civilization Act, das Gesetz zur schrittweisen Zivilisierung, von der Provinz Kanada, einer Vorstufe der kanadischen Unabhängigkeit, verabschiedet. Mit diesem Gesetz sollte jeder Indigene nach einer absolvierten Grundbildung 50 Acre Land bekommen, womit er allerdings auch alle Vertragsrechte verlor. Von dieser Seite her sollten also vertragliche Vereinbarungen ausgehöhlt und zugleich aus Nomaden und Halbnomaden sesshafte Bauern gemacht werden.
Den Widerstand gegen die öffentliche Finanzierung der Schulen brach der erste Premierminister Kanadas, John A. Macdonald, indem er Nicholas Flood Davin beauftragte, einen „Report on Industrial Schools for Indians and Half-Breeds“ (Bericht über Arbeitsschulen für Indianer und Halbblut) zu verfassen, der 1879 die Abgeordneten überzeugte.
Edgar Dewdney, seinerzeit Indian commissioner der Nordwest-Territorien, fürchtete zu dieser Zeit Unruhen unter den hungernden Indianern und wollte das Problem an der Wurzel packen. Für ihn bedeutete das angesichts der ausgerotteten Büffelherden, die bisher die Nahrungsgrundlage der Prärieindianer geliefert hatten, dass sie Bauern werden mussten. Da sich die Älteren dagegen wehrten, war die Freigabe der Finanzierung für die Schulen eine gute Gelegenheit. Er versuchte durch schnelle Landaufteilung und genauere Überwachung das Stammessystem zu zerstören, wozu auch mehr Schulen beitragen sollten. Mit seinem System konnten zwar die hungernden Stämme der Prärien gezwungen werden, die neue Lebensweise anzunehmen, doch die weniger abhängigen Stämme erreichte er damit nur teilweise.
Der eigentliche Umschwung kam erst 1920, als der Schulbesuch für alle Kinder im Alter zwischen 7 und 15 Jahren in ganz Kanada obligatorisch wurde. Erst damit wurden die kulturellen Bande zwischen den Generationen zerrissen. 1931 bestanden bereits 80 Residential Schools in Kanada, 1948 immer noch 72 mit insgesamt 9368 Schülern.Vgl.: . Im Jahre 1955 waren 11.000 Kinder auf 69 Schulen allein in Ontario verteilt. 2007 waren bereits knapp 1300 Institutionen in die Liste der anerkannten Residential Schools aufgenommen.
Die Schulen lagen meist außerhalb der Reservate und waren für die Eltern, die ihre Kinder besuchen wollten, nur schwer zu erreichen. Viele Schüler hatten bis zu zehn Monate im Jahr keinen Kontakt zu ihren Eltern. Selbst untereinander durften die Kinder nicht in ihrer Muttersprache reden. Binnen einer Generation starben auf diese Art zahlreiche Sprachen aus.
Doch nicht „nur“ die Sprachen waren bedroht. 1909 berichtete Peter Bryce im Auftrag des Ministeriums für Indianer- und nördliche Angelegenheiten, dass die Sterblichkeitsrate unter den Kindern extrem hoch sei. Diese lag fünf Jahre nach Eintritt in die Schulen bei 35 bis 60 %, was vor allem daran lag, dass gesunde Kinder zusammen mit tuberkulosekranken unterrichtet wurden. Erst 1922, nachdem Bryce nicht mehr für die Regierung arbeitete, wurden seine Ergebnisse publiziert. F. A. Corbett bestätigte diese Ergebnisse zwischen 1920 und 1922, vor allem hinsichtlich der extrem weiten Verbreitung von Tuberkulose.
Vielen Eltern war das Problem bekannt, aber sie fürchteten Repressalien und der Canadian Family Allowance Act von 1944 enthielt ihnen zudem eine Art Kindergeld vor, wenn sie diese Kinder nicht zur Schule schickten. In der Folge bekamen sie die kulturellen Gegensätze zu ihren Kindern mit jedem Jahr der Indoktrination deutlicher zu spüren. Außerdem lernten die Kinder Dinge, die im Umkreis ihrer Eltern nicht zu gebrauchen waren. In vielen Aussagen spiegelt sich die Tatsache, dass die Kinder ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung verloren.
Die Schulen ihrerseits waren schlecht ausgestattet, viele Lehrer ihrer Aufgabe nicht entsprechend ausgebildet. Die Zustände wurden inzwischen als so katastrophal wahrgenommen, dass das Ministerium 1969 die Schulen den Kirchen entzog und sie in eigener Regie führte.
Doch den Eltern war nicht daran gelegen, die Schulen einfach zu schließen, sondern sie sollten sich ändern. Im Norden von Alberta protestierten 1970 Eltern gegen die Schließung der Blue Quills Indian School und übernahmen sie schließlich in eigener Regie. Noch 1979 existierten zwölf Residential Schools mit zusammen 1899 Schülern. Die letzte wurde 1996 in Saskatchewan geschlossen.
Erst in den 1990er Jahren kam das ganze Ausmaß der Misshandlungen an die Öffentlichkeit und vor die Gerichtshöfe. Zwischen 1991 und 1993 untersuchte eine Royal Commission on Aboriginal Peoples die Zustände an den Residential Schools und kam zu niederschmetternden Ergebnissen. Es war allein in Ontario in weit mehr als zehntausend Fällen zu brutalen Übergriffen und dabei häufig zu sexuellem Missbrauch gekommen. In einigen Schulen, wie 1949 in Port Alberni, wurden auch medizinische Versuche ohne Einwilligung der Eltern durchgeführt.David Napier: Ottawa experimented on Native kids. In: Anglican Journal, 1. Mai 2000. Insgesamt, so urteilte die Kommission, „habe kein Bereich ihrer Untersuchung mehr Wut und Scham hervorgerufen, als die Geschichte der Residential Schools ... der unglaubliche Schaden – Verluste an Menschenleben, Verunglimpfung der Kultur, Zerstörung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, Zerstörung von Familien, die Auswirkungen dieser Traumata auf nachfolgende Generationen und die Ungeheuerlichkeit kultureller Überlegenheitsdünkel, die hinter dem ganzen Unternehmen steckten – wird jeden zutiefst erschüttern, der es wagt, diese Geschichte in sein Bewusstsein dringen zu lassen“.Royal Commission on Aboriginal Peoples, Canada Communication Group, Ottawa 1996, Band 1, S. 601f.: „No segment of our research aroused more outrage and shame than the story of the residential schools ... the incredible damage – loss of life, denigration of culture, destruction of self-respect and self-esteem, rupture of families, impact of these traumas on succeeding generations, and the enormity of the cultural triumphalism that lay behind the enterprise – will deeply disturb anyone who allows this story to seep into their consciousness.“ Zitiert nach: Kathrin Wessendorf: The Indigenous World 2009, April 2009, S. 59. Original des Berichts siehe Anm. 1 (online oder Print mit ISBN)
Im Jahre 1998 entschuldigte sich Kanadas Minister of Indian Affairs offiziell bei den ehemaligen Schülern.Ein Filmbeitrag hierzu: archives.cbc.ca In den Jahren zuvor hatten sowohl kirchliche als auch staatliche Organisationen versucht, jede Diskussion über dieses Thema zu unterdrücken, z. B. mit der Kampagne gegen Kevin Annett, einen ehemaligen Reverend der Anglikanischen Kirche von Kanada in Port Alberni, der das Thema aufgegriffen hatte.
Papst Franziskus lehnte es 2018 ab, die Rolle der katholischen Kirche zum Anlass für eine offizielle Entschuldigung der Institution zu nehmen. Murray Sinclair, Leiter der Wahrheits- und Versöhnungskommission des Landes, bedauerte das; er meinte, das würde eine Spaltung innerhalb der First Nations bewirken, nämlich zwischen katholischen und anderen Menschen. Die Weigerung ist für ihn auch Wasser auf die Mühlen derjenigen Kanadier, welche die Residential Schools für überhaupt kein Problem halten bzw. deren Tätigkeit auch heute noch beschönigen.ctvnews.ca CTV, 28. März 2018.
Die Kanadierin Monique Gray Smith versuchte 2017 in Speaking Our Truth: A Journey of Reconciliation, die Problematik älteren Kindern und Jugendlichen nahezubringen:
Funde von Kindergräbern 2021