Das Gymnasium an der Stadtmauer ist eine weiterführende Schule in Bad Kreuznach. Das Stama (Kreuznacher Kurzform), an dem man im altsprachlichen Zweig Latein und Griechisch lernen kann, bietet daneben auch einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt an.Schulhomepage zum Profil
Das Schulgelände ist durch die Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung geprägt. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der im Kranz des Schulgebäudes befindliche gotische Chor der ehemaligen St.-Wolfgangs-Kirche. An der Nordseite der Schule liegt der Kronenbergerhof, welcher bis 1598 im Besitz der Beyer von Bellenhofen, dann derer von Cronberg war. Nach 1783 diente er als Disibodenberger Kellerei. Seit 1819 gehört das Anwesen zum Gymnasium.
Geschichte Lateinschule Kreuznach
Eine Lateinschule in Kreuznach bestand seit etwa dem 14. Jahrhundert. Studenten aus Kreuznach sind seit dem Jahre 1304 (Bologna) in Universitätsmatrikeln belegt, besonders in Heidelberg und im mainzischen Erfurt. Die Mainzer Matrikel ist nicht erhalten. 1507 wurde Magister Johann Georg Faust (* um 1466/80; † um 1541) durch den Amtmann Franz von Sickingen (1481–1523) als Rektor installiert. Faust soll sich nach dem Bericht des Sponheimer Abtes Johannes TrithemiusBrief vom 20. August 1507 an Johannes Virdung (1463–1538/39). In: Leander Petzoldt (Hrsg.): Das Volksbuch von Doktor Faust 1587 (Editionen für den Literaturunterricht), Stuttgart: Klett 1981, S. 131–133. (1462–1516) einer Bestrafung wegen „Unzucht mit Knaben“ durch Flucht aus Kreuznach entzogen haben.
Reformiertes Gymnasium und Lateinschule der Karmeliten Nach Einführung der Reformation wurde 1567 in dem eingezogenen Klostergebäude der Karmeliten, dem sogenannten „Schwarz-Kloster“,Die in älterer Literatur vertretene These, von den Karmeliten sei bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Lateinschule in Kreuznach unterhalten worden, ist urkundlich nicht belegt; vgl. den Artikel Schwarz-Kloster Kreuznach. an St. Nikolaus von Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1559–1576) und Markgraf Philipp II. von Baden (1559–1588) ein reformiertes Gymnasium („Pädagogium“) für die Vordere Grafschaft Sponheim errichtet.
Nach der Eroberung Kreuznachs 1620 durch spanische Truppen wechselte das Gebäude mehrfach den Besitzer. 1661 erhielten die Karmeliten das Klostergebäude zurück. Bis zur französischen Besetzung bzw. zur Angliederung an Frankreich im Frieden von Lunéville bestanden eine katholische und eine reformierte Schule nebeneinander.
Nach Einziehung der Schulgüter durch den französischen Staat stellen beide Schulen um 1799 den Lehrbetrieb ein.
Staatliches Gymnasium Die Gründung des engeren Vorgängerinstitutes des Gymnasiums an der Stadtmauer erfolgte 1807 als Collège de Creuznach. 1811 wurde die Schule als Städtisches Gemeindecollegium in das ehemalige Franziskaner-Kloster St. Wolfgang an der Stadtmauer verlegt. Direktor war bis 1815 der reformierte PfarrerEilers, Meine Wanderung durchs Leben Bd. 2, S. 25 f., dort auch eine kurze Charakteristik von Weinmann. Johann Wilhelm Weinmann (1774–1854), von 1815 bis 1819 Johann August Klein (1778–1831). 1819 wurde die Schule als Königlich-Preußisches Gymnasium und Realgymnasium weitergeführt. Obwohl sich die Mehrheit der Berliner Räte für die Aufhebung des Kreuznacher Gymnasiums aussprachen, intervenierte der zufällig in der Sitzung anwesende Kronprinz Friedrich Wilhelm zugunsten der Schule, als er hörte, dass Johann Heinrich von Carmer (1720–1801) an ihrem Vorgängerinstitut ausgebildet worden war.Carl Eduard Schück: Johann Heinrich Casimir von Carmer. In: Rübezahl (Schlesische Provinzialblätter) 74 (1870), S. 165–171, bes. S. 165.
Am 2. November 1819 nahm die neu organisierte Anstalt unter Direktor (bis 1833) Gerd Eilers mit 5 Oberlehrern (August Bercht, Abraham Voß, Peter Petersen, Johann Konrad Nänny, James Alexander Hepburn von Bothwell) und 2 „Gehülfslehrern“ (Ludwig Presber,Ludwig Wilhelm Karl Presber (1792–1855) aus Himmighofen, später Oberlehrer. Georg Konrad PfarriusJohann Georg Konrad Pfarrius (1770–1840), Vater von Gustav Pfarrius.) und 100 Schülern ihren Betrieb auf. Eine dritte Hilfslehrerstelle blieb zunächst unbesetzt.
Der erste Lehrplan sah in jeder der 5 Klassen 32 Wochenstunden vor: Quinta (5. Klasse): Deutsch (8), Latein (6), Propädeutikum Mathematik (8), Geographie und Naturgeschichte (4), Schönschreiben (6) Quarta (4. Klasse): Deutsch (6), Latein (10), Mathematik (6), Geographie und Naturgeschichte (6), Schönschreiben (4) Tertia (3. Klasse): Deutsch (4), Latein (10), Griechisch (8), Geschichte (4), Mathematik (4), Geographie (2) Secunda (2. Klasse): Deutsch (4), Latein (10), Griechisch (10), Geschichte (4), Mathematik (4), Geographie (2) Prima (1. Klasse): Deutsch (4), Latein (12), Griechisch (12), Geschichte (4), Mathematik (4)
1821 fand das erste Abitur-Examen statt. Später kam die Klasse der Sexta hinzu; Tertia, Secunda und Prima wurden in der Regel als zweijährige Kurse durchgeführt.Vgl. L. Kaiser 1921, S. 322. Aufgrund einer Denunziation des Ingenieurs von Bothwell gegen das Betragen der Lehrer und die Disziplin auf dem Gymnasium zu Kreuznach wurde 1821–1824 eine Untersuchung gegen Direktor Eilers durchgeführt.Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (HA Rep. 76 Kultusministerium, Oberpräsident und Oberpräsidium Koblenz (VI Sekt. 23z Nr. 15 und Nr. 15a Bde. 1–2). Im Frühjahr 1821 inspizierte eine Kommission bestehend aus dem Justiziar Oberregierungsrat Friedrich August John aus Koblenz, Professor Johann Christian Wilhelm Augusti, dem Bonner Mathematik-Professor Wilhelm Adolf Diesterweg und Oberlehrer Georg Simon Ohm den Mathematikunterricht der Anstalt.Zahlung der Reisekosten und Diäten an die Kommissarien zur Untersuchung der gegen die Lehrer des Gymnasiums zu Kreuznach eingebrachten Denunziationen imgleichen der dem Dr. Kopisch daselbst bewilligten Unterstützung, 1822; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 441 Bezirksregierung Koblenz, 01.15 Kirchen, Schulen und Kultur, 01.03 Finanz-, Kassen- und Vermögensverwaltung, Nr. 3982). In der Folge wurde der Lehrer Ferdinand Kopisch († vor 1848)aus Breslau, Dr. phil., 1832 zum Beigeordneten in Hüffelsheim ernannt, gestorben als Gutsbesitzer des Scholländer-Hofes in Weinsheim. durch Martin Gottlieb Grabow (1793–1872) ersetzt.
Ein Teil der ehemaligen Schulgüter war vor den französischen Behörden verheimlicht worden und wurde 1819 bzw. 1828/29 von Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) einem „Kreuznacher Kreis-Schulfonds“ zugeschlagen.Bildung des Kreuznacher Kreis-Schulfonds aus verheimlichten Renten und entdeckten Staatsgütern, 1816–1932; Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (HA Rep. 76 Kultusministerium, Oberpräsident und Oberpräsidium Koblenz, VII neu Teil IV Sekt. 23F Nr. 2 Bde. 1–4); L. A. Wiese 1864, S. 392 Anm. 2. 1828 war die Schule eines von nur 17 anerkannten Gymnasien in der Rheinprovinz, deren Reifezeugnis Zugang zum Universitätsstudium ermöglichte. Deswegen wurden die oberen Klassen auch von vielen auswärtigen Schülern besucht. mini|links|Kreuznacher Gymnasium im ehemaligen Franziskanerkloster hinter dem Oranienhof; Carl Schlickum, Henry Winkles: Kreuznach (Ausschnitt), vor 1838|250px Nachfolger Eilerts als Direktor wurde 1834 der Literaturhistoriker Karl Hoffmeister (1796–1844), der 1840 aus Krankheitsgründen beurlaubt und 1841 Direktor des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Köln wurde. Moritz Axt (1801–1863) amtierte von 1842 bis 1863 als Direktor.
Während seines Aufenthaltes in Kreuznach 1843 benutzte Karl Marx (1818–1883) die Gymnasialbibliothek.Harry Schmidtgall: Karl Marx als Benutzer der Bibliothek des Kreuznacher Gymnasiums (1843). In: Naheland-Kalender. 1989, S. 58–60. Sie war bis zu dessen Abriss 1885 in einem Seitenflügel, dem „alten Hospital“, untergebracht.
Nach dem Tod von Axt übernahm Oberlehrer Martin Gottlieb Grabow (1793–1872)Verfasser u. a. von Martin Gottlieb Grabow: Zur ebenen und sphärischen Trigonometrie. Frankfurt am Main: Johann Christian Hermann 1836. kommissarisch die Leitung bis zum Amtsantritt 1864 von Gustav Wulfert († 1883). Wulfert folgte Wilhelm Adolf Hollenberg (1824–1899), der das Amt bis zu seiner Emeritierung 1890 versah. Seine Nachfolger wurden von 1890 bis 1918 Otto Lutsch (* 1851 † 1925) und von 1918 bis 1937 sowie von 1940 bis 1948 Karl Post (* 1875),Vgl. Karl Post: Johannes Müller's philosophische Anschauungen. (Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte 21), Max Niemeyer, Halle/S. 1905 (Nachdruck Olms, Hildesheim 1999). 1937 bis 1940 amtierte Martin Vaillant (1888–1952)Aus Breslau, 1912 Dr. phil., 1921 bis 1923 Lehrer in Kreuzburg O. S. (Kluczbork), dann in Jüterbog und Fürstenwalde, in den 1930er Jahren Leiter der deutschen Goetheschule (Oberrealschule) in Buenos Aires, danach kurz in Emden. als Direktor.Vgl. Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Amtsblatt des Reichs- und Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichtsverwaltungen der Länder 4, 1938, S. 412.
1885 (Nordflügel), 1900/02 (neue Turnhalle, Umbau des alten Turnsaals zu einer Aula) und 1912 (Westtrakt) wurden Erweiterungsbauten erstellt.
Am 19. Mai 1933 fanden auf Anweisung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz Hermann Freiherr von Lüninck auf den Schulhöfen des Kreuznacher Gymnasiums und des Städtischen Lyzeums mit Frauenoberschule (heute Lina-Hilger-Gymnasium) Bücherverbrennungen durch die Hitlerjugend statt.Horst Silbermann: Bad Kreuznach. 19. Mai 1933 auf den Schulhöfen des Gymnasiums und des Lyzeums. In: Julius H. Schoeps, Werner Treß (Hrsg.): Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933. Olms, Hildesheim 2008, ISBN 978-3-487-13660-8, S. 29–41. 1937 wurde das Gymnasium in Hindenburg-Schule, Staatliche Oberschule für Jungen umbenannt.
Am 2. Januar 1945 wurden große Teile der Schulgebäude bei einem Bombenangriff zerstört, der Unterricht fand danach in der Höheren Weinbauschule und der Rosengartenschule (heute: Städtische Kindertagesstätte Ilse Staab) statt. Nach dem Krieg wurde das Gymnasium wieder aufgebaut; die alte Turnhalle wurde 1970 abgerissen.
1974 wurde am Gymnasiums an der Stadtmauer die Mainzer Studienstufe eingerichtet.
Franziskaner-Kloster
Die päpstliche Genehmigung zur Errichtung des Franziskaner-Kloster St. Wolfgang in Kreuznach wurde 1472 erteilt; 1484 konnte das Klostergebäude bezogen werden.
1559/68 wurde das Kloster aufgehoben und das Gebäude in ein Bürgerhospital umgewandelt. 1623 wurde das Klostergebäude nach der spanischen Eroberung wieder von den Franziskanern übernommen mit einer Unterbrechung von 1632 bis 1635/36 in der Zeit der schwedischen Besetzung.Patrizius Schlager: Die Franziskaner und die katholische Restauration in Kreuznach. In: Pastor bonus. 15 (1902/03), S. 367–374. In den 1650er Jahren scheiterte ein Versuch der Franziskaner, in der überwiegend reformierten Stadt Kreuznach eine katholische Schule zu gründen. Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges wurden Kloster und Kirche (bis auf den Chorraum) 1689 zerstört. 1715–1718 erfolgte der Wiederaufbau.
Nachdem das Franziskaner-Kloster 1802 endgültig aufgehoben war, wurden die Gebäude zunächst als Militärhospital und Gefangenenlager benutzt, bis sie ab 1811 von der Schule genutzt wurden.
Bedeutende Schüler und Absolventen Gustav Pfarrius (1800–1884) aus Heddesheim, Dichter, Lehrer und Professor