mini|hochkant=1.5|Verbreitungsgebiet der mykenischen Kultur im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. Als mykenische Kultur (auch mykenische Zeit oder mykenische Periode) wird die griechische Kultur der späten Bronzezeit (Späthelladikum) des südlichen und zentralen griechischen Festlands bezeichnet, die von ca. 1680 v. Chr. (nach hoher Datierung, siehe unten) bzw. ca. 1600/1550 v. Chr. (nach traditioneller Chronologie) bis ins 11. Jahrhundert v. Chr. bestand. Sie ist die erste bekannte Hochkultur des europäischen Festlands. Die mittlerweile große Mehrheit der Forschungsiehe u. a. Gary M. Beckman, Trevor R. Bryce, Eric H. Cline: The Ahhiyawa Texts (= Writings from the Ancient World 28). Society of Biblical Literature, Atlanta 2011, S. 4. nimmt an, dass das mykenische Griechenland mit dem in hethitischen Schriftquellen erwähnten Land Aḫḫijawa gleichzusetzen ist, dessen hethitische Bezeichnung mit der homerischen Bezeichnung „Achaier“ für die Griechen zu verbinden sei. Die genaue Lokalisierung des Machtzentrums von Aḫḫijawa innerhalb des ägäischen Kulturraumes ist allerdings strittig.

Geschichte Die Bezeichnungen Mykener und mykenisch sind moderne Schöpfungen, die u. a. nach den Ausgrabungen Heinrich Schliemanns in der bronzezeitlichen Siedlung Mykene üblich wurden. Die Eigenbezeichnung der frühgriechischen Bevölkerung des Ägäisraums ist unbekannt, wenngleich teils vermutet wird, sie habe sich in den Achaiern Homers erhalten (siehe oben). Auf der Ortsnamenliste im Totentempel des ägyptischen Pharaos Amenophis III. aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. wird das griechische Festland – oder zumindest die Peloponnes – Tanaja/Danaja genannt. Dies lässt sich etymologisch möglicherweise mit den Danaern (Δαναοί), eine von drei Bezeichnungen für die Griechen in den homerischen Epen, verbinden.Gustav Adolf Lehmann: Die 'politisch-historischen' Beziehungen der Ägäis-Welt des 15.–13. Jh.s v. Chr. zu Vorderasien und Ägypten: einige Hinweise. In: Joachim Latacz (Hrsg.): Zweihundert Jahre Homerforschung. Rückblick und Ausblick (= Colloquium Rauricum. Band 2). Teubner, Stuttgart u. a. 1991, ISBN 978-3-519-07412-0, S. 107ff. Lehmann erwägt die Möglichkeit, dass sowohl Danaer (Tanaja) als auch Achäer (Aḫḫijawa) auf mykenischen Eigenbezeichnungen fußen, die aber ursprünglich nicht synonym verwendet wurden, sondern Mykener in unterschiedlichen Regionen oder Reichen bezeichneten. Die mykenische Periode wird in Frühmykenisch, Mittelmykenisch und Spätmykenisch unterteilt, was im Süden Griechenlands den späthelladischen Hauptphasen (SH I, II und III) entspricht. Auf den Inseln der Kykladen entspricht die mykenische Zeit der spätkykladischen Zeit innerhalb der Kykladenkultur.

Frühmykenische Zeit Die mykenische Kultur wird als die erste Hochkultur des europäischen Festlandes angesehen. Im Gegensatz zu den Trägern der minoischen Kultur auf der Insel Kreta, deren Sprache unbekannt ist, sprachen die Bewohner des griechischen Festlandes, wie die Entzifferung der Linear-B-Schrift durch Michael Ventris und John Chadwick 1952 ergab,erste Veröffentlichung ihrer Ergebnisse in John Chadwick, Michael Ventris: Evidence for Greek Dialect in the Mycenaean Archives. In: The Journal of Hellenic Studies 73, 1953, 84–103. das Mykenische, eine frühe Form des Griechischen. Mykenisch ist somit eine indogermanische Sprache. Die mykenische Kultur tritt nach einer Periode kulturellen Rückgangs im Mittelhelladikum fast unvermittelt ab ca. 1680 v. Chr. (nach hoher Chronologie bzw. um 1600 v. Chr. nach traditioneller, s. u.) in Form von sehr reich ausgestatteten Schachtgräbern in der Argolis, vor allem in Mykene, hervor. Auch in anderen Gegenden Griechenlands werden Tote bald mit sehr reichen Grabbeigaben bestattet. Außerdem tritt zu Beginn des Späthelladikums erstmals mykenische Keramik auf. Sie ist hellgrundig mit dunklem Firnis und löst die mittelhelladische Mattbemalte Keramik und die graue minysche Ware ab. Beide mittelhelladischen Keramikarten kommen im Späthelladikum I allerdings noch vor, vor allem in Mittelgriechenland. Zunächst offenbart die mykenische Keramik einen sehr starken minoischen Einfluss. Kontakte gibt es aber nicht nur mit Kreta, sondern auch mit Ägypten und dem Westen, wie frühmykenische Funde auf den Liparischen Inseln und auf Vivara (Golf von Neapel) belegen. Die frühesten Funde mykenischer Keramik und anderer mit der mykenischen Kultur verbundenen Güter sowie kostbarer Importe treten in der Argolis und in Lakonien ungefähr zeitgleich auf. Auch in Messenien wurden mykenische Keramik und Bernsteinschmuck bereits in frühmykenischen Kontexten entdeckt.

Mittelmykenische Zeit In der mittelmykenischen Zeit (SH II, etwa 1500–1400 v. Chr.) werden die Schachtgräber teilweise von Tholos-Gräbern abgelöst. Die mykenische Kultur breitet sich nun in weitere Regionen Süd- und Mittelgriechenlands aus, die bisher noch überwiegend mittelhelladischen Traditionen folgten, von begrenzten Importen mykenischer Keramik in frühmykenischer Zeit abgesehen.Penelope A. Mountjoy: Mycenaean Pottery – An Introduction. Oxford 1993 (2. Auflage 2001). ISBN 978-0-947816-36-0, S. 5; 9ff. In dieser Phase wird Kreta offenbar von Festlandsgriechen erobert, mit der Folge, dass die mykenische Kultur u. a. auch auf den Kykladen, Rhodos sowie Milet an der kleinasiatischen Westküste beherrschend wird.

Spätmykenische Zeit

mini|Mykenisches Fresko mini|Mykenischer Eberzahnhelm Die ersten beiden Phasen der spätmykenischen Zeit (SH IIIA und SH IIIB; circa 1400–1200 v. Chr.) stellen den Höhepunkt der mykenischen Kultur dar. Während es in früh- und mittelmykenischer Zeit an vielen Orten reich ausgestattete Gräber in der Nähe von größeren, meist befestigten Siedlungen gab, die auf viele lokale Fürsten/Kleinkönige schließen lassen, werden ab ca. 1400 v. Chr. einige Siedlungen stark ausgebaut und entwickeln sich zu überregionalen Zentren, während die bisherigen „Fürstensitze“ in der Region offenbar an Bedeutung verlieren, einige Nekropolen sogar nicht weiter genutzt werden. Diese Entwicklung konnte bisher in Attika, in der Argolis, in Messenien und Böotien beobachtet werden, wo mächtige Palastzentren entstanden (z. B. Mykene, der Palast des Nestor bei Pylos, Theben, Athen). In anderen Regionen, die meist zur sogenannten „Peripherie“ der mykenischen Welt gezählt werden, wie das westliche Achaia, Elis oder das westliche Zentralgriechenland, wahrscheinlich auch ThessalienBirgitta Eder: Überlegungen zur politischen Geographie der mykenischen Welt, oder: Argumente für die Überregionale Bedeutung Mykenes in der spätbronzezeitlichen Ägäis. in: Geographia Antiqua 18, 2009, S. 9, 31-33. bestanden dagegen offenbar weiterhin eine Fülle von kleineren Zentren, ohne dass sich ein Palastzentrum bildete.

Ob die mykenischen Staaten autonom waren, oder ob sie zu einem übergeordneten großen mykenischen Reich gehörten, dessen Hauptstadt Mykene oder eventuell auch Theben war, ist bis heute ungeklärt. Hethitische Dokumente des späten 15. bis späten 13. Jahrhunderts erwähnen oft ein Land Aḫḫijawa (in der frühesten Quelle Aḫḫija), das gemäß der mittlerweile vorherrschenden MeinungGary M. Beckman, Trevor Bryce, Eric H. Cline: The Ahhiyawa Texts. Society of Biblical Literature, Atlanta (GA) 2011, S. 3 f. mit einem mykenischen Reich gleichgesetzt wird,Erstmals wurde eine Verbindung von Ahhijawa mit frühen Griechen von Emil O. Forrer: Vorhomerische Griechen in den Keilschrifttexten von Boghazköi. Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft zu Berlin 63, 1924, S. 1–24, besonders S. 9–15. online vertreten dessen Hauptstadt von Kleinasien aus nur über das Meer zu erreichen war und wahrscheinlich auf dem griechischen Festland lag. Aḫḫijawa beherrschte aber bis zum dritten Viertel des 13. Jahrhunderts v. Chr. (auch) Gebiete im Westen Kleinasiens, darunter die Stadt Millawanda (höchstwahrscheinlich Milet, das eine mykenische Stadt war und erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts starke hethitische Einflüsse offenbartWolf-Dietrich Niemeier: Griechenland und Kleinasien in der späten Bronzezeit. Der historische Hintergrund der homerischen Epen. In: Michael Meier-Brügger (Hrsg.): Homer, gedeutet durch ein großes Lexikon. Akten des Hamburger Kolloquiums vom 6.-8. Oktober 2010 zum Abschluss des Lexikons des frühgriechischen Epos (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Neue Folge Band 21). De Gruyter, 2012, S. 166 f.). Auch die Tatsache, dass der König Aḫḫijawas als „Bruder“ angeredet wurde (wie im Tawagalawa-Brief), was nur bei Herrschern, die der hethitische Großkönig als gleichrangig ansah, erfolgte, wird häufig so interpretiert, dass damals zumindest ein größeres mykenisches Reich existierte, das mutmaßlich die Hegemonie über einige kleinere Herrschaften ausübte.

Die materielle Hinterlassenschaft der spätmykenischen Kultur zeigt im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. eine große Einheitlichkeit, regionale Unterschiede sind, z. B. in der bemalten Keramik und in anderen Bereichen der mykenischen Kunst, kaum auszumachen. Man spricht daher auch vom „Palaststil“. Erst ganz am Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. scheinen sich allmählich regionale Stile auszubilden. Gleichzeitig oder etwas früher, jedenfalls während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts v. Chr., wurden eine Reihe von Zentren stark befestigt, bzw. es werden vorhandene Befestigungen stark ausgebaut, was auf unsichere Zeiten schließen lässt. Nach Ausweis von Tontafeln in Linear B, einer Silbenschrift, die aus der kretischen Schrift entwickelt wurde (siehe Linearschrift A), scheint es zumindest um 1200 v. Chr. auf dem griechischen Festland mehrere voneinander unabhängige „Staaten“ (beispielsweise Pylos, Theben, Athen und Mykene) gegeben zu haben. In der Regel nimmt man an, dass diese „Staaten“ monarchisch organisiert waren, doch sind an dieser Position Zweifel geäußert worden. So hat etwa der Althistoriker Tassilo Schmitt 2009 die These publiziert, wa-na-ka sei nicht, wie meist vermutet, der Titel eines mykenischen Monarchen, sondern vielmehr der Name einer Gottheit gewesen.Tassilo Schmitt: Kein König im Palast. Heterodoxe Überlegungen zur politischen und sozialen Ordnung in der mykenischen Zeit. In: Historische Zeitschrift. Bd. 288, Nr. 2, 2009, S. 281–346, .

mini|Östlicher Mittelmeerraum um 1230/20 v. Chr.