De () ist ein Schlüsselbegriff der Chinesischen Philosophie und bezeichnet eine innewohnende Qualität mit einer (zumeist positiven) Macht, Potenz oder Wirksamkeit, die insbesondere im Daoismus und Konfuzianismus eine wichtige Rolle spielt.
Definition Nach daoistischer Definition bedeutet De dasjenige, was die Wesen erhalten, um zu entstehen. Es handelt sich um die Wirkkraft des Dao, die allem, jedem Ding und Lebewesen, als natürliches Prinzip, als Gesetzmäßigkeit innewohnt und die damit seine ursprünglichen Eigenschaften formt, mit denen es sich in der phänomenalen Welt manifestiert. Das De ist tief und geheimnisvoll, es ist einfach, selbstlos und spontan, an den menschlichen Vorsatz zu Tugend und Sitte nicht gebunden. Wer ihm folgt, sich an das Wu wei bzw. Wei wu weiZu handeln, als handle man nicht – Wu wei mit der Option einer unauffälligen Hilfe im Sinne des Nichteingreifens (dem Dao folgend). Vgl. Suxun Ye “Non-Action” and “Assistance”: Laozi’s Thoughts on How to Treat Others. – In: Religions 13 (2022) 10: 914; https://doi.org/10.3390/rel13100914. hält, ist im natürlichen Fluss des Yin und Yang.Lexikon der östlichen Weisheitslehren, S. 389.W. Y. Tonn im Vorwort (S. 41) zu Victor von Strauß: Lao-Tse. Tao Tê King. Manesse, Zürich 1951 (Manesse-Bibliothek der Weltliteratur).
Richard Wilhelm sah in den Begriffen Dao wie auch De einen „algebraischen Charakter“, er wollte sie hauptsächlich aus „ästhetischen Gründen“ ins Deutsche übertragen. Nach einer sinologischen Erklärung des Dao-Zeichens„Das chinesische Wort geht von der Bedeutung „Weg“ aus, von da aus erweitert sich die Bedeutung zu „Richtung“, „Zustand“, dann „Vernunft“, „Wahrheit“. Verbal gebraucht heißt das Wort „reden“, „sagen“, in übertragener Bedeutung „leiten“. (Von der Nebenbedeutung „Umkreis“, „Bezirk“ können wir hier absehen).“ Laotse: Tao te king. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben (1911), S. XV. fiel seine Wahl auf eine Passage vom Johannes-Evangelium (Joh. 1,1) in Verbindung mit Goethes Faust I„Geschrieben steht: „im Anfang war das Wort!“ / Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort? / Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, / Ich muß es anders übersetzen, / Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. / Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.“ Goethe: Faust I, Zeilen 1224–1229. und dem Deutschen Wörterbuch von Moritz HeyneMoriz Heyne: Deutsches Wörterbuch, 3 Bände. Verlag S. Hirzel, Leipzig 1890–1895.: SINN.Laotse: Tao te king. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben (1911), S. XV. Ebenso entnahm er die Analogie zum De, nämlich LEBEN, kurzerhand der Lutherbibel, hier Joh. 1,4:
1 Im Anfang war das Wort [λόγος, Logos], und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung von Martin Luther. Kirchenamtliche Revision von 1892/1912.
Womit LEBEN nicht wie üblich eine rein biologische, sondern eine spezifisch religiöse Bedeutung bekam. Trotzdem Wilhelm seine beiden Analogien erläuterte und zur Abhebung vom üblichen Sprachgebrauch groß schrieb, wurden ihm diese Übersetzungen als problematisch vorgeworfen, da sie die christliche Perspektive mit einem anderen Kulturkreis vermischen oder selbigen – bewusst oder unbewusst – missionarisch umzudeuten versuchen würden. Näher kämen daher möglicherweise wahre Natur, wahres Wesen, Geist, Kraft oder Wirken, dabei sollte die daoistische Auslegung nicht mit Ähnlichkeiten im Konfuzianismus verwechselt werden. So definierte Wilhelm es auch als „ursprünglich das, was gerade aus dem Herzen hervorkommt, die ursprüngliche Kraft des Lebens.“Richard Wilhelm: Lao-tse und der Taoismus. Stuttgart 1925, S. 55. Das im Zuge von eher moralischen Abhandlungen gerne für De verwendete, simplifizierende Wort Tugend lehnte Wilhelm (wie in der Gegenwart z. B. auch Hans van EssKonfuzius: Gespräche. Neu übersetzt und kommentiert von Hans van Ess. C. H. Beck, München 2023, „Einleitung“ S. 78–80.) konsequent ab.Vgl. zu den Übersetzungsproblemen Richard Wilhelm in Laotse: Tao Te King. Jena 1911, „Einleitung“ S. XVIff. bzw. Neuausgabe Düsseldorf – Köln 1978, „Einleitung“ S. 25ff. Der im Althochdeutschen noch vorhandene hauptsächliche Sinn einer „Tüchtigkeit“, „Kraft“ galt als inzwischen zu christlich (und bis hin zur Keuschheit) überprägt.Vgl. etwa Tugend – Schreibung, Definition, Bedeutung, Etymologie, Synonyme, Beispiele | DWDS und Wortschatz – deu_news_2022 – Tugend.
Henry Frederic Balfour (1846–1909) sah zur Erklärung ebenfalls Pendants aus der altgriechischen Philosophie naheliegend, jedoch nicht Logos, sondern einerseits „Αρετή“ (Areté) – „Tugend/Vortrefflichkeit“ (Virtue) und andererseits „Δύναμις“ (Dynamis) – „(potenzielle) Kraft“ (Energy).Frederic Henry Balfour: The divine classic of Nan-Hua; being the works of Chuang Tsze, Taoist philosopher. With an excursus, and copious annotations in English and Chinese. Kelly & Walsh, Shanghai – Hongkong / Trübner, London 1881, S. xxxvii. Scott A. Barnwell führt außerdem als mögliche Äquivalente Ethos, Charis (xάρις), Kalokagathía, Eunoia (εὔνοιᾰ), Chrēstotēs (xρηστότης) im Griechischen und Bonitas, Bonum, Indoles und Mores Im Lateinischen an – und warnt vor jeder begrifflichen Vereinfachung.Scott A. Barnwell: "The Evolution of the Concept of De 德 in Early China". – In: Sino-Platonic Papers, 235 (March 2013)
Sinologen wie Ernst Schwarz und Victor H. Mair verglichen das De mit der unpersönlichen, übernatürlichen, in allem wirkenden Kraft des Mana.„Nicht nur der Mensch hat De, sondern auch Holz und Metall, ja selbst Jahreszeiten haben ihr De. Als eine Art Mana oder virtus (lateinisch: Kraft, Tugend, Charakter, Wert – von vis, Plural vires: Macht, Stärke) wirkt es in der Natur und im Menschen und bildet so das unsichtbare Bindeglied zwischen allen „Angehörigen“ des Großen Stamms.“ (Schwarz in der Einführung zum Daudedsching, 1978: S. 33, 1995: S 37). Vgl. auch Victor H. Mair: Tao Te Ching: The Classic Book of Integrety and the Way of Lao Tzu, Bantam Books, New York 1990, S. 133ff.
Richard Wilhelm wies außerdem bezüglich des Verhältnisses vom De (des Einzelnen) zum Dao auf ein äquivalent erscheinendes Bild in der indischen Religionsphilosophie hin: „Brahman als Weltgrund und Atman als Grund des mit dem Weltgrund identischen Einzelwesens.“Richard Wilhelm: Lao-tse und der Taoismus. Stuttgart 1925, S. 55.Siehe auch Ithamar Theodor & Zhihua Yao (Hrsg.): Brahman and Dao. Comparative Studies of Indian and Chinese Philosophy and Religion. Lexington Books, Lanham [u. a.] 2014.
Nach der Fünf-Elemente-Lehre wandelt sich das Dao in seiner Erscheinung in der Natur, in einem unerschöpflichen zyklischen Prozess von einer Qualität in eine andere, was seine Parallelen in den „Fünf Tugendkräften“Alternativ hier „Fünf Tugendkräfte“ genannt, da nicht identisch mit den „Fünf Tugenden“ des Konfuzianismus. wǔ dé findet; im Konzept des Yin-Yang-Gelehrten Zou Yan: Jedem (scheinbaren) Ende folgt ein logischer Wechsel.Vgl. Marcel Granet: Das chinesische Denken. Inhalt. Form. Charakter. Herausgegeben und eingeleitet von Manfred Porkert. Mit einem Vorwort von Herbert Franke. R. Piper & Co., München 1963, S. 229ff.Hans van Ess: Der Daoismus. Von Laozi bis heute. C. H. Beck, München 2011 (C.H.Beck Wissen), S. 37.
Im Konfuzianismus liegt der Schwerpunkt auf einer bestimmten Art von „wahrer Tugend“ und „Integrität“, die den Menschen zur gesellschaftlichen Harmonie zurückkehren und ihn (auch mittels des resultierenden „Charismas“) zum wirkungsvollen Vorbild für seine Umgebung werden lässt. Das De sei mittels fein strukturierter Regeln für den Einzelnen im Zusammenhang mit der Gemeinschaft zu kultivieren.
Mit dem Aufkommen des Buddhismus in China wurde zur Übertragung der indischen Begriffe vielfach auf die inhaltlich am ehesten naheliegenden daoistischen Termini zurückgegriffen. So wurde beispielsweise für die Übersetzung von Guna benutzt: (gōng dé) – „spirituelle Tugend“ oder „verdienstvolle Güte, Qualität“. Aus Punya (Sanskrit: पुण्य, ), der tätigen Ethik, die als Eigenschaft erforderlich ist, um die Befreiung von Samsara, dem Kreislauf von Geburt und Tod in der materiellen Welt, zu erreichen, wurde (fú dé). Umgekehrt wurden in der chinesischen Philosophie übliche Ausdrücke durch die indisch-buddhistische Sichtweise bzw. den neu entstandenen Chan-Buddhismus erweitert.Robert E. Buswell Jr. and Donald S. Lopez Jr.: The Princeton Dictionary of Buddhism. Princeton University Press, Princeton – Oxfordshire 2014. (Siehe z. B. die Kapitel zu den „Cross-References“, S. 1103ff.)Guang Xing: Indic Influence in Chinese Language. – In: Brahman and Dao. Comparative Studies of Indian and Chinese Philosophy and Religion. Edited by Ithamar Theodor and Zhihua Yao. Lexington Books, Lanham [u. a.] 2014, Kapitel 13.
Weitere, kontextabhängige Bedeutungen des sehr alten, schon in der Shang-Dynastie auf Orakelknochen überlieferten „Wortes“ (welches das Radikal chì „Fußschritt, gehen“ mit zhi „einfach, gerade, aufrecht“ und xin „Herz und Verstand, auch Herz-Geist“ verbindet) sind im „Großen chinesischen Schriftzeichenlexikon“, dem Hanyu da zidian zu finden.Zur Diskussion der Etymologie (u. a. des zhi ) sowie der frühen Bedeutung des Schriftzeichens „De“ siehe auch Scott A. Barnwell: The Evolution of the Concept of De in Early China. – In: Sino-Platonic Papers 235 (March 2013).
Das De im Daodejing Eine komplexe philosophische Bedeutung erlangte der Begriff De insbesondere durch das Werk Daodejing von Laozi, der im 6. Jahrhundert vor Chr. gelebt haben soll. Das De steht dort nach dem Dao bereits im Titel des Werkes, die Kapitel 38–81 bilden darin das sogenannte Dejing.
Aus dem Dao geht zunächst das De (hier auch das Tiefe genannt) hervor. Die Entstehung der (wahrnehmbaren) Welt geht durch die Stufe einer Art ideellen Seins zum individuellen Potenzial und der realen Entwicklung aller Dinge, Wesen und natürlichen Prozesse über.
das Dau gebiert die dinge / das De erhält sie / die dingwelt formt sie / die eigenkraft vollendet sie darum gibt es kein ding / das nicht ehrte das Dau und schützte das De / geehrt wird das Dau / geschützt wird das De / weil sie nie zwingen / und immer die dinge wachsen lassen / wie es ihnen entspricht das Dau gebiert sie / das De erhält sie / läßt sie wachsen / läßt sie gedeihen / läßt sie reifen / und sich vollendenLaudse: Daudedsching, Kap. 51. Übersetzt von Ernst Schwarz.
Das Ungewordene (Wuji) ist dabei der vor dem Uranfang (Taiji) liegende Zustand des Ineinanderseins der Gegensätze. Der Ausdruck bzw. die Ausformung des De ist stets die Folge des Dao, aber nur mit der konsequenten Rückbesinnung auf das Prinzip der Einheit lässt sich eine Harmonie erreichen. Die Erkenntnis der Einfachheit (des ursprünglichen Einsseins, des sich gegenseitigen Bedingens der verschiedenen Erscheinungsformen) ermöglicht dabei, dass das De den einzelnen Menschen wesenhaft erfassen kann:
das männliche wissen / das weibliche wahren / so wird man zum strom der welt / wird man zum strom der welt / der nie das De verläßt / und rückströmt in die kindlichkeit das lichte wissen / das dunkle wahren / so wird man zum maß der welt / wird man zum maß der welt / das nie vom De abweicht / und rückströmt in die urgründigkeit.Laudse: Daudedsching, Kap. 28. Übersetzt von Ernst Schwarz.
Wenn das De also im Bereich der Transzendenz die Rückkehr zum Ursprung ermöglicht, führt es im diesseitigen Leben zu einem ethischen, mitfühlenden Umgang mit den Menschen und der gesamten Welt: