mini|Baumeister(Holzschnitt von Jost Amman von 1536) Die Bauhütten, auch Dombauhütten oder Hütten, waren die Werkstattverbände des gotischen Kathedralenbaus in Europa.

Die Bauhütten entwickelten sich aus dem romanischen Kirchenbau durch Mönche hin zum organisierten Bauablauf gotischer Kathedralen, der unterschiedlichste Handwerke umfasste. Eine Besonderheit bildete die Organisationsform der Steinmetze in der Steinmetzbruderschaft, weil sich die Meister der anderen Gewerke lediglich in den Zünften und die Gesellen gesondert organisierten. Deshalb ist grundsätzlich zwischen Bauhütte, Steinmetzbruderschaft und Zunft zu unterscheiden.

Von besonderer Bedeutung war die qualifizierte Ausbildung der gotischen Bauhütte, die in Lehrlinge, Gesellen und Wandergesellen, Kunstdiener, Laubhauer, Parliere, Steinbildhauer und Meister unterschied.

Zu den gotischen Haupthütten zählten die in Bern (später Zürich), Wien, Köln und vor allem die bedeutendste in Straßburg, denen weitere Neben-Bauhütten in ihrem Einzugsgebiet unterstanden. Mit dem Ende der Gotik schwand die Bedeutung der Bauhütten und mit ihrem endgültigen Verbot durch Kaiser Karl VI im Jahr 1731 endete vorerst auch die Zeit der Bauhütten. Heute gibt es in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Frankreich noch bzw. wieder Dom- oder Münsterbauhütten, welche zumeist von kirchlichen Stiftungen getragen werden und sich vornehmlich mit der Instandhaltung von bestehenden sakralen Steinbauwerken befassen.

Den Begriff „Bauhütte“ hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit ihren Jugendbauhütten aufgegriffen. Diese organisieren das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege für Jugendliche und junge Erwachsene.

2020 wurde das Bauhüttenwesen in das Register guter Praxisbeispiele der UNESCO eingetragen. An der Nominierung waren 18 Bauhütten aus fünf Ländern beteiligt. Deutschland, Frankreich, Norwegen, Österreich und die Schweiz hatten die Aufnahme in das UNESCO-Register beantragt. Eingelistet wurden die Bauhütten in Basel, Linz, Straßburg, Trondheim, Wien, Aachen, Bamberg, Dresden, Freiburg, Köln, Lübeck, Mainz, Passau, Regensburg, Schwäbisch Gmünd, Soest, Ulm und Xanten.UNESCO zeichnet Bauhüttenwesen aus, UNESCO, 17. Dezember 2020.

Wortherkunft Geprägt wurde das Wort „Bauhütte“ 1816 durch Johann Wolfgang von Goethe in seinem Aufsatz Kunst und Alterthum am Rhein und Mayn,Johann Wolfgang von Goethe: Kunst und Alterthum am Rhein und Mayn. 1. Heft; 1816; etwa auf der fünftletzten Seite zuvor war der allgemeine Begriff der Hütte verschriftlicht. Der Begriff der Dombauhütte stammt von Carl von Heideloff (1844).Vorgeschichte und Frühgeschichte der Bauhütten (bis ca. 1550). auf: muellerscience.com

Der Begriff Bauhüttenbewegung leitet sich von dem hier beschriebenen Bauhüttenbegriff ab, beschreibt aber einen Gründungsboom von Wohnungsbaugesellschaften Anfang der 1920er-Jahre.

Bauhütten des Altertums Vom Wesen der antiken Bauhütten gibt es wenig bis gar keine Dokumente und Belege. Es ist anzunehmen, dass in den Zeiten der ägyptischen Pyramiden und griechischen Tempel das Wissen um die Kunst des Bauens in den Händen von Priesterkasten lag. Über die Art, wie sich die ausführenden Handwerker organisierten, von ihren Verhältnissen nach innen und außen ist wenig bis nichts überliefert. Die Archäologie konnte jedoch ein paar Details erhellen – so waren die Arbeiter beim Bau der Pyramiden keine Sklaven, sondern wohl im Gegenteil für damalige Verhältnisse gut genährt und versorgt.https://www.sciencefocus.com/science/were-the-egyptian-pyramids-built-by-slaveshttps://aeraweb.org/feeding-pyramid-workers/ Das Detailwissen um den Bau der Pyramiden scheint wohl schon in altägyptischer Zeit verloren gegangen zu sein. So gab es nach dem Ende des Alten Reiches nie wieder Pyramidenbauten in auch nur annähernd ähnlichen Dimensionen, auch wenn die Pharaos und Bauherren des Neuen Reiches durchaus beeindruckende Monumentalbauten – darunter auch Grabstätten – anderer Art bauen ließen, es also vermutlich nicht an Arbeitskräften, dem Willen zum Bau monumentaler Bauten oder Ressourcen gemangelt hätte. Jahrhunderte nach dem Bau der Pyramiden kam es um das 29. Regierungsjahr des Ramses III. (wohl um 1157 vor unserer Zeitrechnung) in Deir el-Medina zum ersten dokumentierten Streik der Geschichte unter den dortigen Bauarbeitern – dem Streik von Deir el-Medineh.https://www.businessinsider.com/the-biggest-and-most-powerful-worker-strikes-of-all-time-2019-9https://stories.workingclasshistory.com/article/8007/First-recorded-strikehttps://papyrus-stories.com/2022/03/15/the-first-recorded-strike-in-history/ Auch fünfzig Jahre später wird am selben Ort wieder von Konflikten zwischen Arbeitern und Vorgesetzten berichtet.

Allein von den römischen Baucollegia gibt es Berichte. Ihre Mitglieder nannten sich gegenseitig collegae und waren besonders in der römischen Kaiserzeit von manchen bürgerlichen Lasten befreit. Ihre inneren Verhältnisse wurden durch eigene Gesetze und Gerichtsbarkeit geleitet. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Handwerkern, die bei den Römern keine besondere Achtung erfuhren, erlangten diese „collegia“ im Laufe der Zeit teilweise beachtliche Macht und Einfluss, ähnlich den mittelalterlichen Zünften. Dies war wohl auch der Grund, warum sie immer wieder angegriffen und verboten wurden. Mit der Ausdehnung des Römischen Reiches und seiner Kolonien bildeten sich auch Ableger der Collegia in Gallien und Britannien.

Eine Verbindung der Collegia mit den Bauhütten des Mittelalters ist nicht nachzuweisen.

Bauhütten der Romanik mini|hochkant|St. Galler Klosterplan. Reichenau, frühes 9. Jahrhundert Die Geschichte der Steinmetzkunst in Germanien beginnt mit der Besetzung durch römische Soldaten, die auch einen Transfer von Steinbautechniken leisteten.Karl Friederich: Die Steinbearbeitung … 1988, S. 38. Verbunden mit der voranschreitenden Christianisierung erfolgte der Bau von Klöstern, wobei insbesondere irische und angelsächsische Mönche wie z. B. Bonifatius, die die Steinbautechnik aus ihren Heimatländern kannten, wesentlich zur Entwicklung der Steinbaukunst beitrugen.

In der Zeit Karls des Großen (768–814) erfolgte für die Entwicklung der Steinbaukunst in Deutschland die entscheidende Zäsur, so dass der Bau der Königshalle von Lorsch als einer der ersten deutschen Steinbauten bezeichnet wird, der in einem geregelten Baubetrieb entstand. Gottfried Kiesow hält Einhard für den Organisator des Klosterbaus von Lorsch, der erstmals eine feste Gruppe von qualifizierten Steinmetzen beim Bauen einsetzte.Gottfried Kiesow: Architekturgeschichte. 1997, S. 45.

Insbesondere die Orden der Benediktiner und der Zisterzienser förderten den romanischen Kirchenbau. Der Abt Wilhelm von Hirsau beschäftigte nicht nur Mönche, sondern ab 1070 n. Chr. die sogenannten Conversi. Die Conversi waren Laienbrüder, die kein Mönchsgelübde abgelegt hatten, in den Klöstern lebten und als Steinmetzen ausgebildet wurden und arbeiteten. Wurde ein Kirchen- oder Klosterbau neu begonnen, zogen Gruppen von Mönchen und Conversi, gut ausgerüstet und bewaffnet zur nächsten Klosterbaustelle. Die auf dem Wege liegenden Klöster und Stifte waren verpflichtet, sie zu beherbergen und zu verpflegen. Als sich die Benediktiner und die Zisterzienser in vorromanischer Zeit aus dem Klosterbau zurückzogen, sollen die sogenannten Comacini diese Lücke gefüllt und die romanische Bauzier mit gedrehten Säulen und aufwendigen Kapitellen bereichert haben. Es wird angenommen, dass die Comacini Steinmetzen aus der Gegend von Como waren, die Karl dem Großen folgten, nachdem dieser das Langobardenreich erobert hatte.

Als sie die Christianisierung durchgesetzt hatten, zogen sich die Mönche aus dem Bauwesen zurück. Bis dahin hatten sie etwa 2000 Klöster erbaut. Dass durch die Mönche planvoll, gezielt und auf hohem Niveau Klöster gebaut wurden, belegt der St. Galler Klosterplan.

Gotische Bauhütten und Steinmetzbruderschaft mini|hochkant|Steinmetzzeichen eines gotischen Steinmetzen mini|Porträt von Peter Parler, einem der bedeutendsten gotischen Baumeister mini|Selbstbildnis von Adam Kraft, Bildhauer der Spätgotik, am Sakramentshaus in St. Lorenz in Nürnberg

Unterscheidung zwischen Bauhütte und Steinmetzbruderschaft Nach heutigem Kenntnisstand muss in Bauhütte und in Steinmetzbruderschaft unterschieden werden: Die Bauhütte der Gotik war eine Organisation, deren Arbeitsfeld im Klerikal-Großbau vor Ort lag. „Zur Hütte gehörten der Werkmeister und die verschiedenen Handwerker, u. a. Steinmetz, Zimmermann, Maurer, Schmied und Glaser, soweit sie längerfristig auf der Baustelle erforderlich waren, […] neben einem Kaplan […] waren es nicht nur Küster, Meßner, Organist und Kirchendiener […], sondern auch Bäcker, Koch, und Gesinde für den Haushalt der Küche.“Günther Binding: Baubetrieb im Mittelalter. 1997, S. 102. „Die Bauhütte stand unter der obersten Leitung und Aufsicht eines oder mehrerer „Baumeister“ (und) hoher Verwaltungs- und Finanzbeamter.“Günther Binding: Baubetrieb im Mittelalter. 1997, S. 103. Die Bauhütte war ein Unternehmen. Die gotische Bauhütte hatte einen „Bruderschaft“ genannten ideellen Überbau, die Steinmetzbruderschaft, die alle Groß-Baustellen als Gesamtorganisation gliederte und in Haupt- und Nebenhütten zusammenfasste. In der Bruderschaft waren nur Steinmetzmeister und Steinmetzgesellen organisiert und keine anderen Gewerke. Die Steinmetzbruderschaft hatte eine eigene Ordnung, eine eigene Rechtsprechung und einen in seinen Grundzügen demokratischen Aufbau.

Eine Besonderheit ist festzuhalten: Die Organisationsformen der Steinmetze entwickelten sich unterschiedlich zu den anderen Handwerken, weil sich die Meister und die Gesellen der anderen Gewerke in den Zünften gesondert organisierten. „In den übrigen Handwerken bildeten sich seit dem 14. Jh. Gesellenvereinigungen heraus, bei denen zwei Anliegen im Mittelpunkt der Zusammenschlüsse stehen: die Versorgung und Fürsorge im Krankheits- und Todesfall sowie die Ordnung des Verhaltens auf der Trinkstube oder im Zunfthaus, d. h. des geselligen Zusammenseins der Handwerksknechte, wozu auch die Möglichkeit zum Spiel zu rechnen ist, soweit dies erlaubt war.“Günther Binding: Baubetrieb im Mittelalter. 1997, S. 104. Die Organisationsstruktur der Steinmetze gestaltete sich offensichtlich zunächst durch das Vorhandensein der Steinmetzbruderschaft nicht in dieser Richtung.

An fast allen gotischen Kathedralen gibt es Dokumente, die die Existenz einer Bauhütte von Beginn der Bautätigkeit an belegen. Diese Dokumente liegen in Form von Verwaltungs- und Wirtschaftsbelegen vor. Hinweise auf eine überregionale Struktur und ideelle Ordnung aus vergangener Zeit, die nicht weiter belegt sind, finden sich in schriftlicher Form in dem mittelenglischen Regius-Manuskript aus dem 14. Jahrhundert, wie auch in Formulierungen der Straßburger Steinmetzordnung von 1495.

Die verschriftlichten Statuten der Steinmetzbruderschaften des gotischen Kathedralbaus entstanden zu einem Zeitpunkt, als der gotische Baustil seinen Zenit schon überschritten hatte. Es gibt Vermutungen, dass die Organisation der gotischen Bauhütte zusammen mit dem gotischen Baustil entstand.

Verhältnis zwischen Steinmetzbruderschaft und Zunft Es wird häufig vermutet, dass zwischen Steinmetzbruderschaft und Zunft ein grundsätzlicher Dissens bestand. Nach Binding bestand eher ein kooperatives und auskömmliches Verhältnis zwischen Zunft und Steinmetzbruderschaft: „Im 15. Jh. mussten die Werkmeister und Meister [der Bauhütte] auch Mitglieder der städtischen Zunft sein, sofern sie davon nicht befreit waren. Das Verhältnis zwischen Hütte und Zunft war allgemein harmonisch und kooperativ, zumal die Hütte auf das städtische Handwerk angewiesen war, das für einzelne Arbeiten herangezogen wurde. In einigen Städten hatten die Zünfte Mitspracherecht in der Kirchenhütte. Verschiedentlich wurde der Werkmeister der Hütte als Sachverständiger bei städtischen Bauaufgaben herangezogen.“

Gotische Bauhütten