Die Nachtigall (Luscinia megarhynchos) ist eine Vogelart aus der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes), Unterordnung Singvögel (Passeres). Nach neueren molekularbiologischen Erkenntnissen zur Phylogenese der Singvögel wird sie heute meist zur Familie der Fliegenschnäpper (Muscicapidae) gestellt. Manchmal findet man sie aber auch heute noch bei den Drosseln (Turdidae) eingeordnet. Die nordöstliche Schwesterart der Nachtigall ist der Sprosser.
In Deutschland war die Nachtigall 1995 Vogel des Jahres.Vogel des Jahres (Deutschland): 1995
Etymologie Der Tiername Nachtigall, mittelhochdeutsch nachtegal(e), althochdeutsch nahtagala, geht wahrscheinlich auf ein westgermanisches Wort nahtagalōn mit der Bedeutung „Nachtsängerin“ zurück. Der zweite Wortteil ist verwandt mit gellen und gehört zu althochdeutsch galan („singen“).Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 500.
Verbreitung und Unterarten mini|links|Verbreitung der Nachtigall: mini|hochkant=1.7|Verbreitungsgebiete und Hauptzugwege der Unterarten
Nachtigallen sind Zugvögel. Sie sind in Teilen von Europa, Asien und Nordafrika heimisch (Brutgebiete). Im Winter ziehen sie in ein Gebiet im tropischen Afrika, das sich vom Senegal bis nach Äthiopien und Kenia erstreckt.
Es gibt drei Unterarten, die sich sowohl die Brutgebiete als auch die Überwinterungsgebiete in west-östlicher Richtung aufteilen (siehe Karte 'Verbreitungsgebiete und Hauptzugwege der Unterarten'):Nachtigall bei Avibase Luscinia megarhynchos megarhynchos Luscinia megarhynchos africana Luscinia megarhynchos golzii
In Australien wurden die Nachtigallen durch europäische Siedler eingeführt.
Gefährdung und Schutz Die Nachtigall ist in der Neuen Roten Liste der Brutvögel Deutschlands nicht gelistet und gilt deshalb als ungefährdet. In Baden-WürttembergBauer, H.-G., M. Boschert, M. I. Förschler, J. Hölzinger, M. Kramer & U. Mahler (2016): Rote Liste und kommentiertes Verzeichnis der Brutvogelarten Baden-Württembergs. 6. Fassung, Stand 31. Dezember 2013. In: Naturschutz-Praxis Artenschutz 11. und Rheinland-Pfalz ist sie als ungefährdet eingestuft, in Hamburg und dem Saarland steht sie auf der Vorwarnliste (Rote-Liste-Kategorie V), in Niedersachsen und Schleswig-Holstein gilt sie als gefährdet (RL-Kategorie 3). Sie ist in Deutschland seit dem 31. August 1980 nach Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) besonders geschützt und in der Vogelschutzrichtlinie gelistet.
Bestandsentwicklung Zur Bestandsentwicklung gibt es kein einheitliches Bild. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) schreibt, dass die Bestände der Nachtigall in Deutschland erheblich schwanken und zählt mehrere Faktoren für den Bestandsrückgang auf. Der NABU gibt den Bestand in Deutschland mit 95.000 Brutpaaren an. Der NABU Braunschweig stellte eine Halbierung des Bestandes zwischen 1993 und 2011 fest, ähnliches gilt für die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen. In England gehen Vogelschützer davon aus, dass die Nachtigall dort bis etwa 2040 ganz verschwunden sein wird. Andere Untersuchungen erkennen jedoch einen Trend zur Zunahme der Bestände, so etwa für Hamburg der Arbeitskreis Vogelschutzwarte Hamburg oder der Ornithologische Verein zu Hildesheim e. V. Für die Aareebene bei Solothurn stellte Christen (2009) im Zeitraum von 1982 bis 2008 eine deutliche Zunahme des Brutbestandes fest.Walter Christen: Durchzug und Bestandsentwicklung der Nachtigall Luscinia megarhynchos in der Aareebene bei Solothurn (PDF; 113 kB) In: Der Ornithologische Beobachter, Band 106, Heft 4, Dezember 2009, S. 369–376, abgerufen am 28. Juli 2022
Aussehen Eine ausgewachsene Nachtigall misst vom Schnabel bis zur Schwanzspitze etwa 16,5 cm, ist also etwa so groß wie ein Haussperling (Passer domesticus) und wiegt 18 bis 27 Gramm. Das Gefieder ist relativ unscheinbar und unauffällig, aber fein. Die Körperoberseite der Nachtigall ist von einem leicht rötlichen, warmen Hellbraun, der Schwanz deutlicher rotbraun; die Unterseite (Bauch, Brust) weißlich oder von einem sehr hellen Grau, das zum Teil, besonders an der Brust, leicht meliert ist in einem ähnlichen Hellbraun wie die Oberseite; die schwarzen Augen sind weiß umrandet, der Schnabel rosa und gelb, auch die Beine gelblich-rosa. Männchen und Weibchen sind bei der Nachtigall gleichfarbig.
Die Nachtigall hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Sprosser (Luscinia luscinia) und kann mit ihm verwechselt werden. Doch ist der Sprosser dunkler gefärbt und hat eine graubraune Brustfleckung.
Lebensraum Nachtigallen besiedeln dichtes Gebüsch, oft am Waldrand und in feuchtem Gelände, aber auch in Feldgehölzen (Gebüschwald).
Nahrung Die Nachtigall ernährt sich von Insekten und deren Larven, Würmern oder Raupen, manchmal auch von Spinnen oder anderen wirbellosen Tieren. Im Sommer und Herbst sind Beeren ihre hauptsächliche Nahrung.
Gesang Die Nachtigall ist dem Namen nach eine „Nachtsängerin“ (siehe Etymologie).
Charakteristik mini|Singende Nachtigall mini|Teign Valley, Devon, England, 1961 (5:02 min) mini|Deutschland (?) 2009 (2:50 min)
Es singen nur die Männchen. Nachtigallmännchen erlernen ihren Gesang während der frühen Jugend von benachbarten Vögeln und beherrschen zwischen 120 und 260 unterschiedliche Strophentypen, die meistens zwei bis vier Sekunden lang sind. Das extrem umfangreiche Repertoire ist damit unter den europäischen Singvögeln fast einzigartig.
Der Gesang der Nachtigall ist reich, wohltönend und laut und wird von Menschen als sehr angenehm und schön empfunden. Der Gesang ist überaus komplex, verschiedenartig, unvorhersehbar und „fantasievoll“, besteht aus Strophen dicht gereihter Einzel- oder Doppeltöne. Es kommen gezwitscherte und geflötete Laute vor, Tonrepetitionen sowie trillerartige und in der Kehle geschlagene Bildungen, deren Intervall-Umfang ganz verschieden sein kann (z. B. Terz, Quarte usw.). Die Stimme hat einen großen Umfang, hohe Töne oder Passagen wechseln sich mit solchen einer tiefen oder mittleren Lage ab. Auch die Dynamik ist sehr variabel und wechselt von leisen zu lauten Passagen, manchmal auch in Crescendo-Effekten. Neben schnellen und schnellsten Koloraturen von einem scheinbar fröhlichen oder gar witzigen Ausdrucksgehalt kommen auch langgezogene Töne mit besonders wohlklingender Stimme und Tonwiederholungen vor, die klagend oder sehnsüchtig wirken und als besonders charakteristisch gelten.
Funktionen Im zeitigen Frühjahr singen unverpaarte Nachtigallmännchen etwa ab elf Uhr nachts bis in den Morgen; der Nachtgesang dient wohl vor allem zum Anlocken einer Brutpartnerin und wird nach erfolgter Paarbildung eingestellt. Ab Mitte Mai singen deshalb meist nur noch unverpaarte Männchen nachts. Während der ganzen Brutsaison bis Mitte Juni singen Nachtigallmännchen aber auch tagsüber, und zwar häufig aus der Deckung heraus. Der Gesang während der Morgendämmerung dient wohl vor allem zur Verteidigung des Reviers gegen andere Männchen.
Forschung Der Nachtigallgesang ist vor allem aufgrund seiner Komplexität Gegenstand intensiver verhaltensbiologischer Forschung, insbesondere in der Arbeitsgruppe von Dietmar Todt und Henrike Hultsch an der Freien Universität Berlin. Neben der Rolle bei der Revierbildung geht es in neueren experimentellen Studien insbesondere um die Frage, wie und wann arttypische Gesangsstrophen von den Jungvögeln gelernt werden, in welcher Form sie diese später reproduzieren und wie Abschnitte wie Strophen und deren Untereinheiten neu kombiniert werden. Daraus ergeben sich neue Einsichten in die Funktion des Gedächtnisses bei Singvögeln.
Historische Beschreibungen Eine relativ genaue Beschreibung und Analyse des Nachtigallgesanges wurde bereits von Athanasius Kircher in seiner Musurgia universalis (Buch I, Kapitel XIV, § 4 Philomela sive Luscinia, Rom, 1650) unternommen. Er untersuchte auch die Kehle des Vogels und unterschied verschiedene Ton- und Trillerbildungen, die er – je nachdem, wie sie hervorgebracht werden – Pigolismus (mit klarer heller Stimme), Teretismus („Murmeln“) und Glazismus (abgesetzt, gestoßen) nannte; diese können jedoch auch in allen möglichen Mischungen erscheinen, „so dass eine schier unendliche Vielfalt von harmonischen Modulationen entsteht“.Athanasius Kircher: Musurgia universalis, Übersetzung: Günter Scheibel, Buch I (PDF; 4,4 MB), S. 51–54 (Zitat S. 54 oben). Kircher veröffentlichte in der Musurgia auch einen kleinen von ihm aufgezeichneten Gesang einer Nachtigall,Athanasius Kircher: Musurgia universalis, Übersetzung: Günter Scheibel, Buch I (PDF; 4,4 MB), Noten auf S. 56. betonte jedoch auch, dass jede Nachtigall einen eigenen Gesang habe.
Hans Christian Andersen schrieb: „… die Nachtigall hat just italienische Manieren, das meiste sind Triller und Läufe mit der Stimme, sie klagt überhaupt nicht, sondern singt aus vollem Halse ihre stolzen Bravour-Arien.“Hans Christian Andersen: Die frühen Reisebilder. Kiepenheuer Verlag, 1984, S. 205.
Fortpflanzung und Nestbau mini|Eier der Nachtigall, Sammlung Museum Wiesbaden
Die Brutzeit ist in Mitteleuropa von Mitte April bis Mitte Juni. In der Regel gibt es nur eine Brut pro Jahr. Unter günstigen klimatischen Bedingungen wird zweimal gebrütet. Das Gelege besteht aus vier bis sechs grünlich braunen Eiern. Die Eier werden täglich abgelegt und vom Weibchen 13 bis 14 Tage bebrütet. Die Jungen werden von beiden Eltern gefüttert. Nach 11 bis 12 Tagen verlassen die Jungen das Nest, werden aber 14 bis 15 Tage weiterhin betreut.
Die Nester werden oft am Buschrand oder an Wegrändern im Krautsaum direkt am Boden gebaut. Der Boden besteht aus Laub, innen befinden sich Moos und Halme. Das Weibchen baut das Nest allein.
Rezeption Symbolik In den Volkstraditionen kündigt die Nachtigall den Frühling an, sie ist der Vogel des Monats Mai, aber auch und besonders ein Symbol der Liebe. In der persischen Literatur ist die Nachtigall das Symbol des Liebenden, des Dichters und des Gottsuchers schlechthin; sie ist in die Rose verliebt (und die Rose ist Symbol alles Schönen, auch als Manifestation des Göttlichen).Alexandra Lavizzari: Anmerkungen. In: Ayyuqi: Warqa und Gulschah. Übertragung aus dem Persischen und Nachwort von Alexandra Lavizzari. Unionsverlag, Zürich 2001, S. 158–160; hier: S. 158.
Früher galt der Gesang der Nachtigall als schmerzlindernd und sollte dem Sterbenden einen sanften Tod und dem Kranken eine rasche Genesung bringen.
Die Nachtigall ist der offizielle Nationalvogel des Iran.
Dichtung Antike und Mittelalter In der Antike beschrieb Ovid im sechsten Buch seiner Metamorphosen die Geschichte von Tereus, Prokne und Philomela, an deren Ende alle drei Hauptfiguren in Vögel verwandelt werden – je nach Version wird eine der beiden Frauen zu einer Nachtigall. Daher wurde später in der Dichtung der Name Philomele metonymisch für die Nachtigall gebraucht.
Im 12. Jahrhundert schrieb die französische Schriftstellerin Marie de France den berühmten Lai Laüstic, welcher die tragische Liebesbeziehung zwischen einer verheirateten Frau und einem nebenan wohnenden Ritter beschreibt. Die Nachtigall ist hier als Symbol der aufrichtigen und bedingungslosen, wenn auch tragischen und zerstörten Liebe zu verstehen.
Um sich des Nachts mit ihrem Geliebten am Fenster unterhalten zu können, nutzt die Frau gegenüber ihrem Ehemann den Vorwand, die Nachtigall singen hören zu wollen. Als der eifersüchtige Ehemann davon Wind bekommt, lässt er die Nachtigall fangen und bricht ihr vor den Augen seiner Ehefrau das Genick. Er wirft die tote Nachtigall nach seiner Frau, was einen roten Blutfleck auf ihrem Kleid nahe ihres Herzens hinterlässt. Die am Boden zerstörte Frau lässt ihrem Geliebten die leblose Nachtigall zukommen und dieser baut ihr einen Sarg aus purem Gold, den er fortan immer bei sich trägt.