Hönir, altnordisch Hœnir, ist in der nordischen Mythologie ein Gott, der durch Schweigsamkeit und Vornahme kultischer Handlungen eine gewisse Nähe zu priesterlichen Verhaltensweisen hat. Geltung erlangt er durch seine Rolle in der Schöpfungsgeschichte und in den Untergangsmythen sowie als Begleiter von Odin und Loki. Die Nachrichten über ihn sind jedoch so spärlich, dass man kein klares Bild von ihm gewinnen kann.
Quellen mini|alt=Die farbige Zeichnung zeigt einen Baum, auf dem ein Vogel sitzt, und darunter einen großen Kessel, um den herum drei bärtige Personen sitzen.|Thiazi zwingt die drei Götter, ihm ihr Gekochtes zu überlassen. V. l. n. r.: Loki, Odin und Hönir, der Adler ist Thiazi. Isländische Buchillustration des 18. Jahrhunderts Hönir ist ein Gott aus dem Geschlecht der Asen,Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Skáldskaparmál. Nr. 1 (Zitation der Prosa-Edda nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15-000782-2) der zuweilen zusammen mit seinen FreundenÞjóðólfr ór Hvini: Haustlǫng = Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Skáldskaparmál. Nr. 22; Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Skáldskaparmál. Nr. 15 Odin und Lodur/Loki durch die Welt wandert.
In der Schöpfungsgeschichte der Völuspá kommen die drei an den Meeresstrand und finden dort zwei Hölzer, aus denen sie die ersten Menschen namens Ask und Embla machen. Odin schenkt ihnen dazu die önd, das ist der beseelende Atem, Hönir den óðr, das ist in etwa der Geist, und Lodur sorgt für lá oc lito góða, das Blut und das gute Aussehen.Lieder-Edda: Völuspá. Strophe 17 f. (Zitation der Lieder-Edda nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15-050047-7) Im Gegensatz zu Odin und Loki übersteht Hönir laut der Völuspá den Untergang der alten Welt in den Ragnarök. Als die Erde ein zweites Mal aus dem Meer auftaucht, wählt Hönir den hlut við,Lieder-Edda: Völuspá. Strophe 63 das ist der Loszweig, mit dem man die Zukunft deutet.
In den beiden anderen Erzählungen tritt Hönir dagegen passiv und schweigsam in Erscheinung: im Mythos vom Riesen Thiazi (Haustlǫng, Prosa-Edda) wollen die drei Götter einen Ochsen zubereiten, als Thiazi auftaucht und seine Teilhabe am Opfermahl erzwingt.Þjóðólfr: Haustlǫng = Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Skáldskaparmál. Nr. 22; Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Skáldskaparmál. Nr. 1 Hönir schnaubt vor Ärger, doch bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Sakrileg zu dulden.So übersetzt Jan de Vries: ARG § 510, S. 268 inhaltlich diese Stelle im Haustlǫng, die im Original hrafnásar vinr blása lautet, wörtlich: „der Freund des Rabengotts bläst“. Der andere Mythos aus dem Lied Reginsmál erwähnt den Gott nur als Wandergenossen Odins und Lokis, der zusammen mit ihnen von Hreidmar gefangen genommen wird, weil Loki zuvor Hreidmars Sohn Otur totgeschlagen hatte.Lieder-Edda: Reginsmál. Einleitung; Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Skáldskaparmál. Nr. 39
Eine rätselhafte Rolle übernimmt Hönir im Anschluss an den Wanenkrieg, die in der Ynglinga saga und z. T. auch in der Prosa-Edda überliefert ist. Um den Frieden zwischen den beiden Göttergeschlechtern zu sichern, tauschen die Asen und die Wanen Geiseln miteinander aus. Die Asen stellen den Riesen Mimir und den starken und schönen Hönir, von dem sie sagen, er eigne sich als Anführer. Daraufhin machen die Wanen Hönir zu ihrem Häuptling. Als sie jedoch bemerken, dass Hönir nur dann eine Entscheidung fällt, wenn er zuvor von Mimir beraten wurde und ansonsten die Entscheidung anderen überlässt, fühlen sie sich betrogen, enthaupten den Riesen und senden den Schädel den Asen zurück.Snorri Sturluson: Heimskringla, Ynglingasaga. Nr. 4; Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Gylfaginning. Nr. 23 bezeugt davon nur den Austausch von Hönir als Geisel nach dem Wanenkrieg.
Die Mythen werden durch einige Kenningar ergänzt. Umschreibungen Hönirs lauten z. B. Schritt-Meila,Þjóðólfr: Haustlǫng. Strophe 4 Langfuß, der schnelle Ase, der furchtsamste AseSögubrot af nokkrum fornkonungum. 35, 55 und das nicht sicher deutbare aurkonungr. Die meisten dieser Kenningar finden sich in der Prosa-Edda Snorri Sturlusons. Seine Kenntnisse zeigen, dass er noch Zugang zu Überlieferungen hatte, die heute verloren sind.
Eine weitere Quelle ist möglicherweise die färingische Volksballade Loka Táttur (zu deutsch „Lokis Erzählung“). Sie berichtet davon, dass ein Riese den Sohn eines Bauern rauben möchte. In seiner Not wendet sich der Bauer zuerst an Odin, dann an Hönir und schließlich an Loki. Jeder Gott hilft dem Jungen, so dass dieser drei Mal dem Zugriff des Riesen entkommt, bis Loki den Räuber erschlägt. Von Hönir heißt es, dass er, als sieben Schwäne vorbeifliegen, zwei von ihnen ruft und den Jungen hinter dem Kopf eines der beiden Schwäne versteckt.Venceslaus Ulricus Hammershaimb: Færøiske Kvæder. Kopenhagen 1851, Bd. 1, S. 140–145
Forschung Für die Forschung ist die Bewertung von Hönirs Überlieferung äußerst problematisch. Hönir tritt nur selten in Erscheinung, meist in blasser oder rätselhafter Weise, so dass sich aus den Mythen kein klares Bild ergibt. Aus diesem Grund versuchte man seinen Namen zu entschlüsseln, um zu seinem Wesen vorzudringen. Die Folge waren eine Fülle von Deutungen teils höchst spekulativen Charakters, von denen sich bis heute keine entscheidend durchsetzen konnte. Auf halbwegs gesichertem Boden befinden sich lediglich die Deutungen, die sich unmittelbar auf die überlieferten Mythen stützen.
Mythen Obwohl von Hönir kaum in der nordischen Mythologie berichtet wird, ist er kein unbedeutender Gott. Er steht auf einer Stufe mit Odin und Loki/Lodur, die zu den herausragenden Gestalten der nordischen Götterwelt zählen. Seine Gleichrangigkeit folgt daraus, dass diese drei Götter mehrfach als Dreiheit auftreten, wie die nachstehende Tabelle verdeutlicht. Gemeinschaft Mythos Quelle Odin, Hönir, Lodur Erschaffung der ersten beiden Menschen Ask und Embla Lieder-Edda, Völuspá, Strophe 17 f. Odin, Hönir, Loki Totschlag Oturs und Raub von Andwaris Schatz Lieder-Edda, Reginsmál, Einleitung; Prosa-Edda, Skáldskaparmál, Nr. 39 Odin, Loki, Hönir Thiazis Raub der Göttin Idun Haustlǫng = Prosa-Edda, Skáldskaparmál, Nr. 22; Prosa-Edda, Skáldskaparmál, Nr. 1 Odin, Hönir, Loki Rettung des Bauernkinds vor dem räuberischen Riesen Loka táttur (färingische Volksballade) Dabei bleibt der Gott in den Mythen von Thiazi und Otur stets passiv und schweigsam, was zusammen mit seiner Rolle als Geisel nach dem Wanenkrieg dazu führte, dass man ihn als schwache Natur einstufte, die ihre Kraft nur durch andere bezieht. Da er aber stets in vollkommenem Gegensatz zum geschwätzigen und schnell und unüberlegt handelnden Loki steht, scheint Hönir eher ein anderes Prinzip als Loki zu verkörpern. Im Lied Hávamál, in dem viele praktische Lebensratschläge ausgesprochen werden, klingt das deutlich an:
Hönirs Verhalten entspricht im Vergleich mit Loki genau den Prinzipien þagall oc hugall „schweigsam und aufmerksam“, die dem Nordmann als wichtige Verhaltsmaximen ausdrücklich im Hávamál angeraten werden,Lieder-Edda, Hávamál. Strophe 15 und die auch in Deutschland in der bekannten Redewendung Reden ist Silber, Schweigen ist Gold ihren Niederschlag gefunden haben. Schweigen ist so gesehen eine erwünschte und positiv zu bewertende Eigenschaft, warum sollte man bei einem Gott eine Ausnahme davon machen? mini|hochkant|alt=Die schwarz-weiße Zeichnung zeigt zwei Personen, die an einem Baum stehen oder aus diesem hervorgehen, und darum herum drei weitere Personen.|Die Entstehung von Askr und Embla. Illustration von Robert Engels, 1913.
In den Überlieferungen steht Odin immer an erster Stelle, Hönir und Loki hingegen wechseln einander an Position zwei und drei ab. Offenbar hängt das nicht vom Mythos ab, sondern vom Mythenerzähler, so dass keine Rangabstufung zwischen den beiden erkennbar ist. Wegen der dunklen Wesensnatur Lokis wirkt Hönir im Gegensatz dazu licht und hell, so dass man auch schon darüber mutmaßte, ob Hönir und Loki nichts anderes als Darstellungen der lichten und dunklen Seite Odins seien.Åke Viktor Ström, Haralds Biezais: Germanische und baltische Religion (= Die Religionen der Menschheit. Band 19,1). Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1975, ISBN 978-3-17-001157-1, S. 128 ff.
Im Einklang mit der Schweigsamkeit steht die Beobachtung, dass Hönir auch mit priesterlich-kultischen Aufgaben betraut ist, wie sich aus der Völuspá ergibt.
Die Auswahl des Loszweigs zur Deutung der Zukunft der Gemeinschaft wird bei Tacitus als Aufgabe des Stammespriesters beschrieben.Tacitus, Germania 10. So kann man auch in Hönirs Handlung eine priesterliche Verrichtung sehen, damit das Schicksal der neuen Welt ermittelt wird.Vergleiche Jan de Vries: AGR § 510, Bd. 2, S. 270, der allgemeiner davon spricht, dass Hönir „in der neuen Welt Orakelsprüche kundgeben“ werde. Eine priesterlich-kultische Rolle lässt sich auch bei der Menschenschöpfung und beim Ärger über Thiazi, der eine Zeremonie entweiht, erkennen. Demzufolge könnte Hönir im Opferkult eine vergleichsweise große Bedeutung gehabt haben.
Aus der übrigen Überlieferung hingegen lässt sich keine gesicherte Erkenntnis gewinnen.
Hönirs priesterlich-kultischer Bedeutung, dass er zu den drei Göttern gehört, die aus Hölzern die ersten Menschen machen, gesellt sich die ungelöste Frage hinzu, warum Hönir den Menschen den óðr „Geist“ verleiht und nicht Odin, dessen Name doch unmittelbar aus dem Wort abgeleitet ist.Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. 3 Bände. Neudruck der 4. Auflage Berlin 1875–1878, Marix Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-143-8, S. 965 = alt: Band 3, S. 49
Vollkommen rätselhaft ist seine Rolle als Geisel nach dem Wanenkrieg, die in der Ynglinga saga beschrieben ist. Da man mit der Erzählung nicht viel anzufangen versteht, glaubte man, dass sie eine mythographische Erfindung Snorri Sturlusons sei, die den Zweck hat, die Herkunft von Mimirs Schädel zu erklären. Doch spricht gerade die Merkwürdigkeit der Mythe eher für ihre Authentizität. Snorri bekräftigt zudem in der Prosa-Edda, dass Hönir Geisel bei den Wanen war.
Ebenso ungeklärt ist, ob es einen bestimmten Grund dafür gibt, dass Hönir und Njörðr gegeneinander ausgetauscht wurden. Asen Wanen Quelle Hönir Njörðr Prosa-Edda, Gylfaginning, Nr. 23 Hönir, Mimir Njörðr, Freyr Ynglinga saga, Nr. 4 Unklar ist des Weiteren, was die Mythe besagen möchte, außer dass sie die mangelnden intellektuellen Fähigkeiten Hönirs zu belegen scheint. Doch ist dieser vordergründige Sinn anzweifelbar, denn nimmt man die Kommentierung Snorris für bare Münze, stellt sich die Frage, warum ausgerechnet der „Hohlkopf“ Hönir den Menschen Geist und Verstand eingegeben haben soll. Da die wahren Hintergründe der Mythe nicht bekannt sind, ist es letztlich wohl besser, Hönir wie in den Wandererzählungen nicht nach seinen aktiven Handlungen zu bewerten, sondern einen Sinn in seinem Tun zu finden. Vielleicht sollten Hönir und Mimir für eine Einheit stehen, die getrennt voneinander wertlos ist.
Zum Verständnis von Hönir trägt auch die Volksballade Loka táttur nicht viel bei, außer, dass sie die Götterdreiheit bekräftigt und Hönir Macht über Schwäne zuweist. Der Schwanenbezug stützt immerhin eine etymologische Deutung Hönirs als „der Schwanenartige“ (siehe unten). Der mythologische Wert der Ballade ist jedoch umstritten. Vielleicht bewahrt sie einen Zug eines untergegangenen nordischen Mythos, vielleicht auch nicht.
Ungeklärt bleiben ebenso die Kenningar für Hönir, die keinen der bekannten Erzählungen eindeutig zugeordnet werden können und über die man deshalb nur mutmaßen kann. Beinamen, die sich auf das Fortbewegen beziehen, wie „der schnelle Ase“, „Langfuß“ und auch „Schritt-Meila“ gehören zumindest offenbar zusammen.Heinrich Beck: Hœnir. RGA XV. S. 54