mini|Ignatius von Loyola(1491–1556) Der Bericht des Pilgers (BP) ist ein geistlicher Text des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola. Gedrängt von seinen Mitbrüdern, ihnen ein geistliches Erbe zu hinterlassen, schaut er gegen Ende seines Lebens zurück und berichtet von den Erfahrungen seines Lebens- und Glaubensweges und wie ihn Gott dabei geführt hat. Die mündlichen Mitteilungen, die Ignatius zwischen 1553 und 1555 an Louis Goncalves da Câmara macht, verarbeitet dieser mit weiteren Informationen zum „Pilgerbericht“.

Einführung

Zur Entstehung Der Bericht des Pilgers stellt ein Vermächtnis für die Gesellschaft Jesu (Societas Jesu, SJ) dar und ist eine geistliche Biografie, d. h. ein persönliches heilsgeschichtliches Credo. Er ist keine Autobiografie im eigentlichen Sinne. Gemäß der Vorworte soll er ein Testament sein, eine Hilfe zur Vervollkommnung und darum von großem Nutzen für die SJ. Der Bericht ist ein Gebrauchstext unter dem Blickwinkel der Führung Gottes am Beispiel Ignatius’. Darum spricht man auch von der Pädagogik Gottes (vgl. BP 7; 14; 27).

Aus Angst, dass Ignatius bald sterben könne, drängt sein Vertrauter Nadal ihn, etwas zu hinterlassen. Da Camara gibt Gewissensrechenschaft gegenüber Ignatius, der dabei selbst spürt, dass im eigenen Leben Dinge geschahen, die im Rückblick für andere wichtig und hilfreich sein könnten.

Als eigentlicher Autor gilt Ignatius selbst. Dennoch hat den Bericht Da Camara protokolliert und verfasst (wahrscheinlich aber sehr wortgetreu). Von diesem stammt auch eine Zusammenstellung von Anekdoten zum Leben des Ignatius im sogenannten „Memoriale“.

Es werden Erinnerungen berichtet, die am Ende des Lebens des Ignatius mündlich überliefert wurden. Deshalb ist der Bericht historisch nicht immer ganz exakt, er weist beispielsweise chronologische Irrtümer auf. Dazu trug auch die Gestaltung durch Da Camara bei. Manche Teile sind als Lehrstücke angelegt. Insgesamt ist eine Auswahl von Erfahrungen getroffen worden, von denen Ignatius sich erhoffte, dass sie verallgemeinerbar seien. Dies erklärt die großen zeitlichen Lücken, die zwischen einzelnen Passagen stehen. Manche Passagen zu geistlichen Prozessen wie in Manresa sind systematisiert.

Textgeschichte 1572 verfasste Pedro de Ribadeneira eine offizielle Biografie Loyolas im Auftrag des Ordens. Darin fließt der BP ein. Dies wird die offizielle und alleingültige Biografie im Orden und zugleich eine Art Heiligenlegende. Infolgedessen wurden alle anderen Versionen unterdrückt. Handschriften des BP gingen in dieser Zeit in diverse Archive ein.

1731 wurde der Text auf Latein durch die Bollandisten (belgische Jesuiten) publiziert, fand jedoch kaum Verbreitung. Für die These, diese frühe Ausgabe habe einen ersten Teil über die Jugend des Ignatius umfasst, gibt es keine sicheren Informationen. Diese Auffassung wird durch den Umstand unwahrscheinlich, dass eine geistliche Biografie wie die vorliegende erst mit der Bekehrung beginnt und die Vorgeschichte unerheblich ist.

1902 veröffentlichte der protestantische Forscher Heinrich Boehmer eine deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel „Bekenntnisse des Ignatius von Loyola“ (vgl. Confessiones des Augustinus)

1904 erschien erstmals eine wissenschaftliche, historisch-kritische Publikation des BP als Originalausgabe in den monumenta historica societatis iesu in spanischer, italienischer und lateinischer Sprache. Ab diesem Zeitpunkt kam es innerhalb des Ordens zu einer intensiven Rezeption des Pilgerberichtes, was gleichzeitig zu einer Revolutionierung des bisherigen Ignatiusbildes beiträgt: Hatte man ihn zuvor ausschließlich als genialen Strategen, Organisator, Asketen und Soldaten betrachtet, so sah man nun in ihm auch einen Menschen mit Fehlern, einen Mystiker und Gläubigen mit einer tiefen Gottesverbundenheit.

Inhalt Im Folgenden wird der Inhalt des Textes zusammenfassend und mit gelegentlichen kurzen Deutungsansätzen wiedergegeben. Die Zahlenangaben beziehen sich jeweils auf die Seitenzahlen.

Krankheit und Bekehrung Der Bericht beginnt in einer Zeit, in der Ignatius monatelang auf dem Krankenbett liegt. In seiner Langeweile sucht er nach Ritterromanen, findet im Schloss aber lediglich zwei fromme Bücher. Bei der Lektüre überdenkt er seine weltliche Karriere, die von Phantasien, Gefühlen, Gedanken, Plänen und seinem Verlangen (deseo) bestimmt ist (S. 6). Da greift Gott ein und gibt ihm andere Gedanken. Ignatius liest über die Taten der großen Heiligen, vor allem interessieren ihn die Aspekte der Askese bei Franziskus und Dominikus. Auch hier werden wieder Bilder, Phantasien, Gedanken und Gefühle geschildert, und auch hier schmiedet er Pläne (Identifikation). Ignatius hat nun „zwei Verlangen“ in sich (dos deseos) (S. 7). Es folgt die „erste Unterscheidung“ (Unterscheidung der Geister). Ignatius bemerkt den Unterschied zwischen den beiden Verlangen. Dies wird zur Urerfahrung und Urbild von geistlicher Unterscheidung (S. 8). Er hat daraufhin das Bedürfnis, sein bisheriges Leben zu überdenken und Buße zu tun. In ihm reifen konkrete Pläne, die Heiligen nachzuahmen. Gott und Jesus kommen bisher überhaupt noch nicht vor. Ignatius entscheidet, sich zu reinigen, zu retten und zu erlösen (S. 9). Die übermächtige Tröstung, die er in einer Marienvision erfährt, empfindet er als Bestätigung seines Entschlusses, sein Leben zu ändern. Das Innere Verlangen ändert sich: Er empfindet mit einem Mal Ekel gegenüber den „Dingen des Fleisches“. Ab diesem Zeitpunkt hat er Kontrolle über seine sinnlichen Regungen (S. 10). Nach 31 Jahren kommt er darum zu der vagen Annahme, dass die Vision von damals echt gewesen sei.

Blindheit und Weg zum Montserrat

Der BP berichtet von der „Blindheit“ der Seele Ignatius’, aber auch von seinem gleichzeitigen Verlangen, Gott zu dienen (S. 14). Dabei geht er einen inneren und einen äußeren Weg.

Der innere Weg ist eine Metapher für Ignatius’ allmählichen Bekehrungsprozess. Nach seinem Entschluss, sich zu bekehren, nimmt er seinen Abschied von zuhause und legt bei der Wallfahrtskapelle seiner Familie ein Gelübde der Keuschheit ab (S. 13). Die Begegnung mit einem Mauren verursacht in ihm Wut und Aggression, verunsichert ihn aber auch. Er trifft den Entschluss, zum Montserrat zu gehen, legt eine dreitägige Beichte über sein ganzes bisheriges Leben ab und hält schließlich nach Rittertradition Nachtwache auf dem Berg. Weitere Episoden (der „äußere Weg“) sind Ignatius’ Kontakt zu einer Kartause, ein Streit mit seinem Bruder vor seinem Aufbruch von zuhause und die Regelung seiner Vermögensverhältnisse. Seine neuen Kleider, äußeres Zeichen seiner Umkehr, sind Bettelkleider aus Sackleinen.

Die „Blindheit“ Ignatius’ hat mehrere Bedeutungen.

Er entschließt sich, große Bußübungen auszuführen, und findet in diesem Gedanken alle Tröstungen. Er will gar die Heiligen darin überbieten. Eine genaue Erinnerung an seine Sünden hat er indes nicht. Er ist sich nicht bewusst, dass ihm seine Sünden von Gott bereits erlassen sind, und überspielt die eigene Sündhaftigkeit durch äußerliche Bußübungen und eine gleichzeitige Aufrichtung am Ideal („leistungsorientierte“ Spiritualität).

Seine Konzentration gilt äußerlichen Dingen und nicht der Beachtung des Inneren, d. h. Demut, Liebe, Geduld und die Klugheit, mit ihnen umzugehen. Ignatius stellt sich nicht seiner Realität und akzeptiert seine Schwachheit ebenso wenig wie die Liebe Gottes. Er lebt in einer idealen Welt und akzeptiert nicht, dass Wachsen im geistlichen Leben prozesshaft geschieht und Zeit braucht (S. 14).

In der Begegnung mit dem Mauren wird sein Ideal, das Eintreten für die Ehre der Jungfrau Maria, hinterfragt. Ignatius wird dadurch unzufrieden und aggressiv („blinder“ Fanatismus), bleibt danach ratlos, da er den richtigen Umgang mit seinen Idealen nicht beherrscht (S. 15).

Diese Erfahrungen sind in die Regeln der Jesuiten eingegangen: Ignatius rät zur Vorsicht und Milde bei Bußübungen, fordert Klugheit und Unterscheidungsfähigkeit bei Kandidaten, die Berücksichtigung der konkreten Umstände des Ortes und eine differenzierte Wahrnehmung der Realität.

Aufenthalt in Manresa

Von Montserrat will Ignatius eigentlich nach Jerusalem pilgern. Auf dem Weg nach Barcelona kommt er nach Manresa. Dort bleibt er elf Monate, vielleicht weil in Barcelona die Pest wütete. Die Zeit in Manresa wird für ihn zur wichtigsten spirituellen Reifezeit. Der Bericht des Pilgers schildert sehr ausführlich und offen seine Erfahrungen in Manresa.

Die ersten vier Monate sind eine Zeit des intensiven Gebets und der Buße sowie des Verzichts auf Wein, Fleisch, und äußerliche Eitelkeit (S. 19). Sein Vorbild ist das franziskanische Bettelmönchsideal. Täglich unternimmt Ignatius den Besuch der heiligen Messe, dabei liest er die Passion und nimmt am Stundengebet teil. Seine Neigung zum Extremen wird deutlich, eine „Schlangenvision“ vor einem Kreuz spendet ihm falschen Trost. Erst später erkennt er, dass es eine „Vision des Teufels“ war.

Manresa ist für ihn auch eine Zeit schwerer innerer Kämpfe, schwerer Versuchungen und innerer Skrupel, die ihn an den Rand des Selbstmordes bringen (S. 20–27a). Im Wesentlichen erlebt er drei Anfechtungen.

Geistliche Zweifel (S. 20,2) wirken als Aufforderung zu Mutlosigkeit und Resignation, die Ignatius zunächst mit seinem Willen niederzuzwingen versucht. Häufig wiederkehrende Traurigkeit und Trostlosigkeit prägen sein Gefühlsleben. Seine Gefühle des Trostes und der Ermutigung auch und gerade bezüglich des Gebets sind vergangen. Lustlosigkeit, Demotivation und Leere beherrschen ihn.

Dazu treten Zweifel an der Vollständigkeit seiner Generalbeichte. Die Suche um Hilfe bei Menschen bringt ihn nicht weiter. Moraltheologisch leidet er an Skrupeln, also Sünden, die keine Sünden sind. Ignatius betet exzessiv, schreit vor Verzweiflung (S. 23,7) und wendet sich gegen sich selbst (S. 24). Nur die Lehre der Kirche hält ihn davon ab, Selbstmord zu begehen. Durch hartes Fasten will er eine Lösung erzwingen (S. 24, 25). Sein Beichtvater verbietet ihm dies (S. 25,3).

Die Skrupel Ignatius’ sind zugleich Zeichen eines asketischen Perfektionismus und der Suche nach aktiver Selbsterlösung. Das Scheitern schafft Aggressionen, die zu Autoaggressionen werden.

Unter dem Schein des Guten gerät er in Versuchung: Beim Einschlafen hat er so große Tröstungen, dass er bei ihnen verweilt und den gesunden Schlaf vernachlässigt (S. 26, 2–3; vgl. S. 54–55 – Ignatius als „Workaholic“).

Die Krise legt Ignatius durch Aufgeben der rigorosen Askese bei. Er isst beispielsweise wieder Fleisch. Später wird er vor übertriebener Askese warnen. Langsam wird er aus dieser Krise von Gott herausgeführt (S. 25, 8 Initiative Gottes; S. 27, 4 „göttliche Pädagogik“).

Danach folgt die Beschreibung einer Zeit innerer Klärung, Erleuchtung und Tröstung (S. 27b-34), die prägend für sein ganzes weiteres Leben wird. Die drei darin ineinander verschränkten Themen sind die bereits genannte Auflösung übertriebener Strenge, die neue innere Gotteserfahrung und das apostolische Leben.

Der Bericht beschreibt eine Verschiebung der seelischen Kräftefelder: Hatte die Buße zu Anfang bei ihm ein äußerst großes Übergewicht gegenüber der Gotteserfahrung und des Apostolates, so kommt er mit der Zeit dahin, diese drei seelischen Kräftefelder bei sich in eine Balance zu bringen.

Die fünf Gnadenerfahrungen von Manresa (S. 28 ff.) sind systematisch geordnet und strukturiert und prägen den Orden bis heute. Trinität: S. 28 Schöpfung: S. 29,1+2 Eucharistie: S. 29,3-5 Menschheit Jesu Christi: S. 29,6 Erleuchtung am Cardener beim Kloster St. Paul (S. 30). Diese Erfahrung wird zentral für sein gesamtes späteres Leben. Der genaue Inhalt der Erleuchtung bleibt unklar. Er berichtet lediglich von „einer großen Klarheit des Verstandes“ (S. 30, 3f). Es fehlt alles Affektive, vielmehr ist von einer Erkenntnis in Glaubensdingen die Rede.