mini|hochkant|Ludwig Heinrich von Mises
Ludwig Heinrich von Mises (* 29. September 1881 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 10. Oktober 1973 in New York, bis 1919: Ludwig Heinrich Edler von Mises, danach in Österreich Ludwig Mises) war ein österreichisch/US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Theoretiker des klassischen Liberalismus und Libertarismus. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie im 20. Jahrhundert.
Leben mini|Grab der Eltern auf dem Zentralfriedhof Wien
Ludwig Edler von Mises wurde am 29. September 1881 als Sohn des Arthur Edlen von Mises (Oberingenieur im k.k. Eisenbahnministerium, gest. 1903) und seiner Frau Adele, geborene Landau, in Lemberg (damals Hauptstadt des Kronlandes Galizien, heute Lwiw, Ukraine) geboren. Er entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie. Die Erhebung in den erblichen Adelsstand war für seinen Urgroßvater Mayer Rachmiel Mises durch Kaiser Franz Joseph I. erfolgt. Sein Bruder war der Mathematiker Richard von Mises. Wenige Jahre später siedelte die Familie nach Wien über, wo Mises zwischen 1892 und 1900 das Akademische Gymnasium besuchte und anschließend das Studium der Rechtswissenschaft an der Universität aufnahm. Im Februar 1906 schloss er das Studium mit der Promotion ab. In den darauf folgenden drei Jahren absolvierte er Praktika in der Finanz-Bezirks-Direktion Wien und bei Gerichtshöfen und war Advokaturskandidat in einer Anwaltskanzlei. Ab April 1909 war Mises Mitarbeiter der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer in Wien und leitete dort die Finanzabteilung.
Den Militärdienst absolvierte Ludwig von Mises 1902/03 als Einjährig-Freiwilliger, ab 1904 bekleidete er den Rang eines Leutnants der Reserve. Im Ersten Weltkrieg diente er ab 1. August 1914 als Offizier, er wurde mehrfach ausgezeichnet.
Zu seiner politischen Rolle in den Nachkriegswirren schrieb Mises 1940:
Mises spielte eine führende Rolle bei der Beendigung der Hyperinflation in Österreich im Jahre 1922 und war eine führende Stimme bei der Reorganisation der Österreichischen Nationalbank auf der Grundlage eines Goldstandards unter der Aufsicht des Völkerbundes. Er trat für die drastische Senkung der Einkommen- und Unternehmensteuern ein, die seiner Meinung nach die Aktivitäten des privaten Sektors strangulierten und half dabei, die Devisenkontrollen der Regierung, die, wie er annahm, den österreichischen Handel mit dem Rest der Welt ruinierten, zu Ende zu bringen.Ludwig von Mises: The Free-Market and its Enemies. Publikation der Foundation of Economic Education (FEE), Einleitung durch Richard M. Ebeling; Dezember 2008 (FEE).
1913 habilitierte sich Mises an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien für politische Ökonomie. Seitdem lehrte er in einer unbezahlten Privatdozentur, ab 1918 als außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Außerdem nahm er zwischen 1918 und 1922 Lehraufträge für Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik an der K.k. Export-Akademie wahr, die 1919 in die Hochschule für Welthandel umgewandelt wurde. Während seiner Zeit in Wien hielt er zudem Privatseminare in seinem Büro bei der Handelskammer ab. Sie erfreuten sich großen Interesses. Fünfzig Teilnehmer nahmen daran teil, darunter Martha Steffy Browne, Friedrich Engel-Jánosi, Walter Froehlich, Gottfried Haberler, Friedrich August von Hayek, Fritz Machlup, Oskar Morgenstern, Paul Rosenstein-Rodan, Joseph Schumpeter"Another fact that may not be well-known is that Schumpeter attended Mises’s famous privatseminar. At the time, due to the intellectual milieu fostered by the German Historical School, the Mises circle was one of the few places in Viennese academia where discussions of economic theory were welcome. Simply being theoretical economists apparently constituted enough common ground to continue to bring the two together, despite their significant methodological and theoretical differences." (Matthew McCaffrey: Mises and Schumpeter: Friendly Rivals? In: MisesIntitue. Austrian Economics, Preedem, anbd Peace. 02.08.2014 ), Alfred Schütz, Richard von Strigl und Eric Voegelin, die alle Universitätsprofessoren wurden. Die Teilnehmer seines Privatseminars überschnitten sich teilweise mit den Mitgliedern des Wiener Kreises um Moritz Schlick. Mises stand im Zentrum der damals führenden Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Europas. Mit Max Weber verband ihn eine enge, wenn auch kurze Freundschaft. Er teilte mit ihm den Standpunkt der Wertfreiheit der Wissenschaft.siehe: Theory and History, S. 271. Auch das heutige Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) geht auf seine Gründung im Jahr 1927 zurück.Werner Neudeck: Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften in Österreich 1918–1938. In: Geistiges Leben im Österreich der Ersten Republik. Wien 1986, ISBN 3-7028-0253-3, S. 220–230. Mises war einer der führenden Wirtschaftsberater der österreichischen Regierung; sein wichtigster Mitarbeiter zu dieser Zeit war der spätere Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften Friedrich August Hayek.
1934 erhielt Mises einen Lehrauftrag am Institut universitaire de hautes études internationales in Genf. Dort heiratete er 1938 die Schauspielerin Margit Sereny-Herzfeld. Aus der Schweiz emigrierte Mises im Jahr 1940 in die USA, weil er sich in Europa zunehmend durch den Nationalsozialismus bedroht fühlte. In den USA hatte er als konsequenter Liberaler in der Phase des New Deal beruflich zunächst einen schweren Stand und musste von Ersparnissen leben. 1946 wurde ihm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen. Er unterrichtete von 1945 bis 1969 – damals als ältester lehrender Professor in den USA – an der New York University an einem Stiftungslehrstuhl. Mises war Mitglied der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Mont Pelerin Society und gehörte zu den Teilnehmern der ersten Tagung 1947. Im Jahre 1949 veröffentlichte er sein Hauptwerk Human Action. Im Jahr 1962 wurde ihm das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen. Mises starb 1973 in New York City.
Werk Von Mises war zunächst Anhänger der historischen Schule um Gustav von Schmoller, wurde aber nach Bekanntschaft mit den Schriften Carl Mengers zum überzeugten Vertreter der Österreichischen Schule. Er studierte ab 1903 bei Eugen von Böhm-Bawerk und erweiterte dessen Lehren mit seiner Schrift Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel.
Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel (1912/1924 erweitert) mini|Ludwig Heinrich Mises in seiner Bibliothek In dieser Habilitationsschrift Mises’ wurden zwei offene Fragen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie beantwortet. Woher bezieht Geld seine Funktion als Tauschmittel. Mises konnte einen Weg aus dem Mengerschen Zirkelschluss aufzeigen. Nach Carl Menger wird der Wert des Geldes (seine Kaufkraft) durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Dass es überhaupt (in seiner Funktion als Geld) nachgefragt wird, setzt aber voraus, dass es bereits eine Kaufkraft hat. Der Wert (die Kaufkraft) des Geldes wird vom Geldangebot und von der Nachfrage nach Geld von seinem bereits vorhandenen Wert, seiner bereits vorhandenen Kaufkraft bestimmt. Der Zirkelschluss lautet: Die Nachfrage entsteht, weil das Geld Kaufkraft hat, und Kaufkraft hat es, weil es nachgefragt wird. Die Auflösung des Zirkels erfolgt durch Einbeziehung des Faktors Zeit. Die Kaufkraft des heutigen Geldes wird von den Marktteilnehmern aus der Kaufkraft abgeleitet, die es gestern hatte; die gestrige von der vorgestrigen und so immer weiter. Die Kaufkraft ist folglich tradiert. Nun muss in einem zweiten Ansatz ein Anfang des Tradierungsprozesses gefunden werden. Mises führt diese Kette auf einen Ursprung zurück, wo Geld noch kein Tauschmittel war, sondern eine ganz gewöhnliche Ware wie andere auch. Natürlich musste diese Ware als indirektes Tauschmittel geeignet sein. Dazu kamen Edelmetalle in Frage, insbesondere Gold. Gold besaß ursprünglich eine hohe Wertschätzung als Schmuck und Rangordnungszeichen. Geld gründet sich folglich historisch auf Gold. Es war das Tauschverhältnis des Goldes zu anderen Waren, das die Kaufkraft des Goldgeldes ursprünglich definierte. Die zweite epochale Entdeckung Mises’ war die Erklärung der Konjunkturzyklen. Er wies nach, dass in einem unbeeinflussten freien Markt zwar Schwankungen in der Kaufkraft des Geldes normal (quasi natürlich) sind, dass aber die typischen extremen Konjunkturschwankungen in Form von Booms und Crashs ursächlich auf inflationäre Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken zurückzuführen sind, die im Rahmen einer staatlichen Währung dem Willen der Regierungen entsprechen. Inflation ist stets Folge der Wirtschaftspolitik, es ist keine natürliche Markterscheinung. Diese Kredite sind nicht durch Ersparnisse als Warenkredite gebildet worden, sondern als Fiatgeld ex nihilo, ungedeckt, als Zirkulationskredit im Rahmen eines fractional banking. Die zusätzlichen Emissionen von Kapital verzerren die Kapitalströme in der Weise, dass sie die Preise der Kapitalgüter als weniger knapp erscheinen lassen, als sie es tatsächlich sind. Die Folge sind Fehlinvestitionen in Bereichen, deren Güter letztlich keine Konsumenten als Abnehmer finden. Die Fehlallokation des Kapitals schädigt nicht nur die Investoren, sie schwächt auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und führt dazu, dass knappe Ressourcen verschwendet werden. Eine relative Verarmung ist die Folge. In der Depressionsphase finden in Form von Kapitalvernichtung und Umlenkung die notwendigen Anpassungen an die Marktbedürfnisse statt. Dies geht einher mit Entlassungen, Arbeitslosigkeit, Verlagerung von Produktionsstätten, Migration und Einschränkung der Einkommen.
Die Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule wurde von Mises entwickelt und von Friedrich August Hayek weiterentwickelt.
Die Gemeinwirtschaft (1922) In seinem Buch Die Gemeinwirtschaft (später engl. als Socialism) begründete er bereits 1922 theoretisch, dass eine reine Planwirtschaft nicht funktionieren könne, weil es in ihr keinerlei Möglichkeit gebe, Preise für Produktionsfaktoren zu bestimmen. Die Informationsfunktion des Marktpreises könne so nicht länger zu einer effizienten Allokation der Güter führen und Opportunitätskosten würden nicht berücksichtigt werden können, so Mises. Ohne Privateigentum und marktwirtschaftlichen Tausch bilden sich keine Preise, welche die relative Knappheit und Begehrtheit von Gütern anzeigen, und daher können zentrale Stellen nicht effizient planen.vgl. Philip Plickert: Der letzte liberale Ritter, FAZ vom 5. September 2013. Daher seien sozialistische Wirtschaftssysteme gemäß seiner Definition keine Wirtschaftssysteme im eigentlichen Sinne, da ein Vergleich von Quantität, Qualität von Gütern und effizientem Einsatz der knappen Produktionsmittel nicht möglich sei. Dieses Argument basiert auf der Annahme, dass sozialistische Systeme keine monetären Systeme nutzen, um Produktionsfaktoren zu bewerten. Dies wurde im Zuge der Calculation Debate von Oskar Lange deutlich bestritten. Den Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftssysteme im Ostblock 70 Jahre später betrachten seine Anhänger als Bestätigung seiner Voraussage.
Mises hielt den Kapitalismus für einen Garanten menschlicher Freiheit und für das einzig funktionsfähige Wirtschaftssystem. Nur durch freies Wirtschaften sei der moderne Stand der Produktion entstanden und nur damit könne er fortbestehen. Er vertrat die Auffassung, dass staatliche Interventionen immer weitere nach sich ziehen und schließlich zum Sozialismus führen, der wiederum zu einer radikalen Senkung des allgemeinen Wohlstands führe. (→Ölflecktheorem)
Liberalismus (1927)