mini|Helen Hunt Jackson
Helen Hunt Jackson (* 14. Oktober 1830 in Amherst, Massachusetts als Helen Maria Fiske; † 12. August 1885 in San Francisco, Kalifornien) war eine US-amerikanische Autorin, investigative Journalistin und Sozialreformerin. Beeindruckt von den Vorträgen des Ponca-Häuptlings Standing Bear begann sie sich für die Rechte der Indianer Nordamerikas einzusetzen. Als erste Frau erhielt sie zeitweilig das Amt eines Special Commissioner of Indian Affairs. Ihre Recherche A Century of Dishonor gilt als das erste Sachbuch, welches die Indianerpolitik der Vereinigten Staaten kritisch hinterfragte und ihr erfolgreicher Roman Ramona wurde oft als „Onkel Toms Hütte des Indianers“ bezeichnet. Die Bücher lösten politische und gesellschaftliche Diskussionen aus und gelten als Wegbereiter für die Gründung der Indian Rights Association.
Leben
Jugend und Familie
Helen Hunt Jackson wurde unter dem Namen Helen Maria Fiske geboren. Ihre Eltern waren Deborah Vinal, die Autorin mehrerer Kindergeschichten und der calvinistische Pfarrer Nathan Welby Fiske, ebenfalls Autor und Lektor diverser Bücher. Jacksons Brüder Humphrey Washborn Fiske und David Vinal Fiske starben noch in frühster Kindheit, weshalb sie lediglich mit ihrer jüngeren Schwester Anne Scholfield Fiske aufwuchs. Einer Quelle zufolge erbte sie von ihrer Mutter „ein sonniges, heiteres Gemüt“ und von ihrem Vater „einen starken, energischen Geist“. Trotz ihres streng religiösen Elternhauses war Jackson laut Angaben ihrer Mutter „sehr geneigt, alles in Frage zu stellen; sie sagt, die Bibel fühlt sich nicht an, als wäre sie wahr.“ Als Erwachsene sollte Jackson dem Calvinismus schließlich den Rücken kehren.
Zwischen Jackson und ihrer Mutter herrschte ein sehr herzliches Verhältnis. In Briefen schrieb Jackson oft, wie sehr sie ihre Mutter vermisste, wenn diese aufgrund ihrer Tuberkuloseerkrankung zu Kuraufenthalten gezwungen war oder Jackson selbst in einem Internat lebte. Ihr streng religiöser Vater hingegen zeigte sich oft enttäuscht von Jacksons vergleichsweise geringer Gläubigkeit. Deborah Vinal starb bereits, als Jackson 13 Jahre alt war. Zwei Jahre später erkrankte auch Nathan Fiske und unternahm eine Pilgerreise nach Jerusalem, wo er starb und bestattet wurde. Daraufhin wuchsen Jackson und ihre Schwester bei dem Bostoner Rechtsanwalt Julius Palmer auf, der ihre Vormundschaft übernahm, während Deborah Vinals Vater sie finanziell unterstützte. Jackson bezeichnete Palmer später als Freund, mit dem sie sich ohne Scheu über alles unterhalten konnte und dass er ihr Vater, Mutter und Heimat zugleich wäre.
miniatur|John Stevens Cabot Abbott, Helen Hunt Jacksons Lehrer und Mentor Von klein auf zeigte Jackson sich wissbegierig und lernwillig. Nach dem Tod ihrer Mutter sandte ihr Vater sie zunächst in Ipswich zur Schule, wo der Fokus zu ihrem Leidwesen stark auf Religion lag. Später verglich sie ihren Aufenthalt in Ipswich ironisch mit dem Überleben eines Massakers. Fasziniert vom Aufbau der englischen Sprache, nahm sich Jackson trotz oft streng durchorganisierter Schultage stets Zeit für außerschulische Lektüre. Unter Julius Palmers Vormundschaft besuchte sie schließlich die Schule des Geistlichen und Autors John Stevens Cabot Abbott, wo sie sich mit ihrer Klassenkameradin Emily Dickinson anfreundete. Zudem ermutigte Abbott sie, eine Karriere als Schriftstellerin anzustreben. Nach ihrem erfolgreichen Schulabschluss arbeitete Jackson für eine Weile als Lehrerin in Abbotts Schule, wo sie durch die Gründung und Edierung der Schulzeitung Portfolio erste schriftstellerische Erfahrungen sammelte.
Während einer Reise mit der Familie Palmer nach Albany begegnete Jackson ihrem ersten Ehemann Edward Bissell Hunt, einem Bruder des Gouverneurs Washington Hunt. Hunt war Bauingenieur, der als Lieutenant in der Armee diente, in seiner Freizeit Forschungen zur Molekülphysik betrieb und wissenschaftliche Artikel veröffentlichte. Das Paar heiratete am 18. Oktober 1852. 1853 wurde ihr erster Sohn Murray geboren, der jedoch noch vor seinem ersten Geburtstag an einem Hirntumor starb. Ein zweiter Sohn namens Warren („Rennie“) Horsford wurde 1854 geboren.
Jackson begleitete Hunt mitunter, wenn er mit der Armee den Stationierungsort wechselte und knüpfte auf diese Weise diverse Kontakte mit literarischen Zirkeln. Im Haus von Anne Lynch Botta traf sie u. a. Sarah Chauncey Woolsey, mit der sie eine jahrelange Freundschaft verband. In der Abwesenheit ihres Mannes vertiefte sie ihre eigene Bildung, nahm Sprach- und Kunstunterricht und übte sich in der Poesie, wenngleich sie diese ersten Gedichte nicht veröffentlichte. Hatte Jackson zunächst die rassistischen Ansichten ihrer Eltern und ihres Mannes zur White Supremacy geteilt, änderte sich ihre Einstellung drastisch nach der Lektüre von Harriett Beecher Stowes Buch Onkel Toms Hütte. Zu Hunts Unwillen freundete sie sich mit bekannten Abolitionisten an und hatte eigenen Angaben zufolge „viel Mühe, meine Zunge im Zaum zu halten – und tatsächlich ist es mir nicht immer gelungen; ein Herr, der hier mietet und der zu meinem Leidwesen zum selben Ingenieurskorps gehört wie mein guter Mann, sagte mir erst neulich nach einigen Diskussionen über das Buch, dass er die Autorin für ‚einen begabten Teufel in Menschengestalt‘ hält!“
1862, während des Sezessionskriegs, wurde Jackson von Woolsey ermutigt, als Freiwillige im New Haven’s Civil War Hospital zu arbeiten, wodurch sie zum ersten Mal mit sozialer Arbeit in Kontakt kam. Am 2. Oktober desselben Jahres starb ihr Mann Edward Hunt in Brooklyn, wo er Experimente mit einer selbst entworfenen U-Boot-Kanone durchführte. Nur zwei Jahre später erkrankte Jacksons verbliebener Sohn Rennie an Diphtherie. Quellen zufolge war Jackson so verzweifelt, dass ihr sterbendes Kind sie bat: „Versprich mir, Mama, dass du dich nicht umbringen wirst.“
Karriere als Schriftstellerin
Um ihre Verluste zu verkraften, wandte sich Helen Hunt Jackson dem Schreiben zu. Drei Monate nach Rennies Tod erschien ihr erstes Gedicht Lifted Over in der Zeitung The Nation, in dem sie ihren Schmerz verarbeitete. Das Gedicht fand großen Anklang und Jackson erhielt Briefe von anderen verwaisten Müttern, die in ihrem Werk Trost fanden. Auch bekämpfte sie auftretende depressive Schübe sowie häufige Atemwegserkrankungen durch Reisen. Im Jahr 1866 machte sie auf einer dieser Reisen nach Newport, Rhode Island die Bekanntschaft von Thomas Wentworth Higginson, der mit seiner Frau die gleiche Pension wie Jackson bewohnte und ihr Mentor im professionellen Schreiben wurde. Obwohl Higginson ihre hauptsächliche Begabung in der Poesie sah, ermutigte er sie, Prosa zu schreiben und sich in verschiedenen Genres zu üben. Durch Higginson kam Jackson wieder in Kontakt mit ihrer alten Freundin Emily Dickinson, mit der sie daraufhin bis an ihr Lebensende in einen Briefwechsel trat und deren Talent sie schnell erkannte. Im Gegensatz zu Dickinsons anderen Freunden ermutigte Jackson sie, ihre Poesie zu veröffentlichen und tadelte ihre Freundin dafür, der Welt ihre Werke vorzuenthalten.
mini|Helen Hunt Jackson zwischen 1870 und 1880 Neben Gedichten bestanden Jacksons frühe Werke aus Essays und Reiseerzählungen, beispielsweise aus ihrer Reise nach Deutschland und Italien zwischen den Jahren 1868 und 1869. Besonderes Talent bewies sie in der Schilderung von Charakteren und Beschreibungen, was ihre Sachtexte qualitativ hochwertiger machte als die üblichen Zeitungstexte. Zunächst blieb sie dem klassischen Rollenbild treu und betonte die Verantwortung von Frauen als moralische Vorbilder in ihren Rollen als Ehefrauen und Mütter. Dennoch zeigten ihre Werke bereits kritische Ansätze, insbesondere wenn es um die Zerstörung von Landschaften im Zuge der Industrialisierung ging. Auch äußerte sie früh Mitgefühl für die ursprünglichen Bewohner der Vereinigten Staaten, wenngleich sie nach wie vor Partei für die amerikanischen Siedler ergriff. Ihre Texte veröffentlichte sie u. a. in der Nation, der New York Independent und The Atlantic. Nach einigen anonymen Veröffentlichungen sowie Benutzung von Pseudonymen wie Rip Van Winkle und Saxe Holm legte Jackson sich schließlich auf das Kürzel H.H. fest, die Initialen ihres damaligen Ehenamens Helen Hunt.
1870 erschien ihr erster Gedichtband Verses. Einer Quelle zufolge antwortete der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson auf die Frage, ob Jackson nicht die beste Frau unter den amerikanischen Dichtern sei, mit den Worten: „Vielleicht sollten wir gleich das Wort Frau weglassen.“ Fünf von Jacksons Gedichten fanden Eingang in seine Anthologie Parnassus. Da sie durch ihren literarischen Erfolg zunehmend eine Figur des öffentlichen Interesses wurde, vernichtete Jackson persönliche Aufzeichnungen und Briefe regelmäßig, um sie nicht unverhofft in Zeitungen gedruckt zu finden. Aus demselben Grund gab sie sehr selten Interviews über ihr Privatleben und ihre persönlichen Ansichten.
1875 heiratete sie in zweiter Ehe den Bankier William Sharpless Jackson und zog mit ihm nach Colorado Springs. Ab dem Zeitpunkt ihrer zweiten Ehe wurde sie von Verlegern, Freunden und Kritikern oft Helen Hunt Jackson genannt, was Jackson verärgerte. „Es schickt sich nicht, den ersten Ehenamen nach einer zweiten Eheschließung zu behalten“, beschwerte sie sich in einem Brief. „Der Name Hunt existiert für mich nicht mehr.“ Obwohl sie eigenen Angaben zufolge einen wahren Krieg gegen diesen Doppelnamen führte, blieb er bis in die Gegenwart erhalten.
Trotz ihrer verschiedenen Temperamente und ihrer Kinderlosigkeit führte das Paar eine glückliche Ehe. Jacksons neuer Ehemann, der sie „Peggy“ nannte, unterstützte und ermutigte sie in ihrem literarischen Schaffen, das er als ernsthafte Arbeit anerkannte. 1876 verfasste Jackson schließlich ihren ersten Roman Mercy Philbrick’s Choice, dessen Heldin auf romantische Liebe verzichtet und stattdessen den Pfad der Dichterin einschlägt, einer der ersten Künstlerromane mit einer Frau in der Hauptrolle. Weitere erfolgreiche Romane folgten mit Hetty’s Strange History im Jahr 1877 und Nelly’s Silver Mine: A Story of Colorado Life im Jahr 1878.
Aktivistin
Während einer Reise nach Boston begegnete Helen Hunt Jackson im Jahr 1878 dem Häuptling der Ponca Standing Bear, der an der Ostküste der Vereinigten Staaten Vorträge über die Zwangsumsiedlung seines Volkes hielt. Erschüttert über die schlechte Behandlung der Indianer durch die Regierung, sicherte Jackson Standing Bear ihre Hilfe zu. Hatte Jackson zunächst noch in ihren Texten Frauen dazu angehalten, ausschließlich durch ihr moralisches Wirken im häuslichen Umfeld die Gesellschaft zu verbessern, schlug sie nun einen anderen Pfad ein. In einem Brief schrieb sie nach diesem Treffen: „Ich glaube, nun habe ich das Letzte von den Dingen getan, von denen ich einst sagte, ich würde sie nie tun. Ich bin das geworden, was ich tausendmal als das Abscheulichste auf der ganzen Welt bezeichnet habe – eine Frau mit einer Mission.“
Zunächst veröffentlichte Jackson Artikel, in denen sie verbesserte Rechte für die Ponca forderte. Auch begann sie einen erbitterten, schriftlichen Schlagabtausch mit dem Innenminister Carl Schurz, den sie abfällig als Lügner bezeichnete. Sie sprach sich vehement gegen seine und Alvin Saunders’ Gesetzesentwürfe zum Miteigentum an indianischem Land aus, da nicht die Indianer, sondern ausschließlich weiße Siedler davon profitierten. Allerdings sah sie sich durch diese Vorgehensweise auch Anfeindungen ausgesetzt. The New York Times schrieb später über sie, dass sie sich „in Washington durch ihre oft ungezügelten Angriffe bald Feinde machte, und während sie insgesamt einiges Gutes bewirkte, krankte ihr Fall daran, dass sie in einigen Angelegenheiten die Anklagen, die sie erhob, nicht nachweisen konnte; daher verlor sie viele, die zunächst mit ihrer Sache sympathisierten.“