miniatur|300px|Kanal und Parklandschaft Friedrichstal Der Friedrichstaler Kanal ist ein knapp zwei Kilometer langer künstlicher Wasserweg in der lippischen Stadt Detmold in Nordrhein-Westfalen, der von 1701 bis 1704 auf Anweisung des lippischen Grafen Friedrich Adolf angelegt wurde. Er verband das Residenzschloss mit dem heute nicht mehr bestehenden barocken Landsitz Friedrichstal südlich von Detmold. Der Kanal ist ausschließlich für die Lustfahrten höfischer Gesellschaften mit Gondeln erbaut worden. Schon 1748 wurde die Schifffahrt aus Kostengründen wieder eingestellt. Das Wassergefälle an zwei der drei Schleusen des Kanals wurde nun zum Betrieb von Mühlen genutzt. Die Kanalanlage gilt als bedeutendes Denkmal der barocken Wasserbaukunst.
Verlauf des Kanals miniatur|hochkant|Friedrichstal um 1770 mini|hochkant|Simon August Denkmal, 1839 Friedrichstal Der Kanal liegt im südlichen Stadtbereich Detmolds und erstreckt sich vom Schlossgraben im Norden bis zur Oberen Mühle im Süden. Er beginnt am Bruchberg am nördlichen Ende des Schlossgrabens und nutzt danach den ausgebauten Wallgraben, der im Bogen der ehemaligen Stadtmauer folgt und am Willy-Brandt-Platz endet. Er verläuft danach in südwestlicher Richtung schnurgerade entlang der Neustadt auf der linken und der Allee auf der rechten Seite. Nach einer leichten Biegung passiert er einen Wasserfall, den Standort einer früheren Schleuse, und erreicht nach einigen hundert Metern die Obere Mühle. Dort unterbricht ein Stauwehr den Flusslauf der Berlebecke. Dem aus dem Teutoburger Wald kommenden Flüsschen wird Wasser zur Speisung des Kanals abgezweigt, während die Berlebecke danach als Knochenbach in nordwestlicher Richtung durch das Detmolder Stadtgebiet fließt und in die Werre mündet.
In Höhe der heutigen Oberen Mühle wurde 1701 ein Damm zum Stau der Berlebecke errichtet. Als Folge entstand ein kleiner, kreisrunder See, der zur Regulierung des Wasserflusses im Kanal diente. Zum Ausgleich der Höhenunterschiede im Verlauf des Kanals wurden drei Schleusen installiert. Die erste Schleuse befand sich am Bruchberg (damals Bruchpforte), die zweite am Wasserfall und die dritte an der Oberen Mühle, die jedoch zu dieser Zeit noch nicht existierte. Außerdem gab es am Hornschen Tor (heute Willy-Brandt-Platz) und an der Bruchpforte jeweils eine Zugbrücke.
Name Vor dem Bau der Anlagen in Friedrichstal befand sich die Meierei Pöppinghausen auf der heutigen Inselwiese im Tal zwischen dem Büchenberg im Osten und dem Schützenberg im Westen. Gräfin Amalie, Gemahlin des Grafen Simon Henrich erwarb 1681 die nicht mehr rentable Meierei. Sie kümmerte sich nicht nur um die Landwirtschaft, sondern ließ auch mehrere Bauten errichten, darunter das noch bestehende Krumme Haus. Graf Simon Henrichs Nachfolger war Graf Friedrich Adolf, der das Gebiet von Pöppinghauser Kamp in Friedrichstaler Kamp umbenennen ließ. Später wurde das gesamte Areal vom Hornschen Tor bis zum Krummen Haus als Friedrichstal bezeichnet. Heute umfasst die Parklandschaft Friedrichstal die gesamte historische Wasser- und Wegeverbindung vom Residenzschloss bis zur Inselwiese.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 27.
Geschichte Stadterweiterung Obwohl abseits der damaligen Machtzentren gelegen, regierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts auch in der kleinen Grafschaft Lippe ein absolutistisch herrschender Landesherr. Detmolds herrschaftlicher Bauherr jener Jahre war Graf Friedrich Adolf, der von 1697 bis 1718 regierte. Bei seinem Amtsantritt wurde Detmold noch von einer mittelalterlichen Stadtmauer umgeben, ein Viertel der Stadtfläche nahm allein das gräfliche Schloss mit seinen Festungsanlagen ein. Vor den Stadttoren lagen die Weiden und Äcker der etwa 1100 Ackerbürger.
Der weitgereiste und kunstbegeisterte Friedrich Adolf hatte zuvor drei Jahre in Paris und in Holland und anschließend ein Jahr in Italien verbracht. Schloss Versailles mit seinen Parkanlagen beeindruckte ihn offenbar stark. Die Kanäle und Grachten in Holland waren wohl Vorbild für seinen Plan, die bestehende Residenz und einen etwa 1.200 Meter außerhalb der Stadtmauern geplanten Landsitz auf dem Wasserweg miteinander zu verbinden.
Der Kanal war eingebunden in die Stadterweiterung außerhalb der Stadtmauer bestehend aus der Neustadt, welche die bestehende Wohnungsnot in der Altstadt mindern sollte, und dem Neuen Palais.
An den Planungen und Bauten waren Spezialisten aus mehreren europäischen Ländern beteiligt, so Franzosen, italienische Stuckateure und der niederländische Wasserbauexperte Hendrick Kock. Einen lippischen Landesbaumeister gab es nicht und so wurde dem Hamburger Maler Hans Hinrich Rundt zunächst die architektonische Gesamtplanung übertragen. Offenbar arbeitete er nicht zufriedenstellend, denn schließlich übernahm Friedrich Adolf diese Aufgabe selbst.
Im Jahr 1708 erließ Graf Friedrich Adolf das Neustädter Privileg, das bauwilligen Bürgern in der Neustadt kostenlose Baugrundstücke mit zwanzigjähriger Abgabenfreiheit zusicherte und erst 1745 aufgehoben wurde.Erdmute von Voithenberg: Parkanlagen in Detmold - gestern und heute. In: Heimatland Lippe 9/1987.
Kanalbau Im Jahr 1701 begannen die Aushubarbeiten für den Kanal und die drei Schleusen. Zahlreiche Detmolder Handwerker und Geschäftsleute wurden mit Arbeitsleistungen beauftragt und Bauern und Soldaten zu Erdarbeiten eingesetzt. Zunächst wurde der Wallgraben auf etwa acht Meter Breite ausgebaut und von Futtermauern eingefasst. Der Kanal folgte in seinem weiteren Verlauf der aus dem Teutoburger Wald kommenden Berlebecke. Besonders der gerade Teil vor der zweiten Schleuse erinnert an niederländische Vorbilder. Hinter der dritten und letzten Schleuse im Bereich der heutigen Oberen Mühle weitete sich der Kanal kreisrund und umfloss eine kreisförmige Insel, bevor er in einer Bucht endete. Dort lag die quadratische Viertürmeinsel mit einer illusionären Wasserschlosskulisse. Bereits nach knapp drei Jahren, im Jahre 1704, war der Kanal fertiggestellt.
Für die Fahrt auf dem Kanal wurden zwei unterschiedlich große Gondeln für den Personentransport und ein als Treckschuit bezeichnetes Materialschiff gebaut. Die Gondeln bewegte man mit Staken vorwärts, während das Materialschiff mit Pferden auf einem Leinpfad getreidelt wurde.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 2–4.
Es existiert eine detaillierte Dokumentation des Kanalbaus, aus der Kosten, Arbeitseinsatz und verwendete Materialien hervorgehen. Selbst die Namen der beteiligten Lieferanten, Handwerker, Ärzte und Apotheker wurden erfasst und vom Detmolder Stadthistoriker Friedrich Richter später ausgewertet. Dieser verweist auf mehr als hundert Namen von Detmolder Bürgern, deren Dienstleistungen allerdings teilweise durch die traditionelle Servilität erzwungen wurden. Das bedeutet, sie hatten für ihre Herrschaft kostenlos zu arbeiten. Dasselbe galt für den Arbeitseinsatz der vom Land Lippe bezahlten Soldaten. Aus den Arzt- und Apothekerrechnungen ist ersichtlich, dass es bei den Bauarbeiten einen Toten und einige Verletzte gab. Zwei Männer wurden des Diebstahls des kupfernen Hahns einer Fontäne überführt und deshalb im Dezember 1714 am Galgen auf der Jerxer Heide hingerichtet.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 29.
Fahrt mit der Gondel Vom Residenzschloss zum Hornschen Tor mini|Der Friedrichstaler Kanal heute mini|Friedrichstaler Kanal im Winter mini|Obere Mühle um 1950
Die gräflichen Herrschaften mitsamt dem Hofstaat bestiegen die festlich geschmückten Gondeln an einer Anlegestelle am Schloss und fuhren dann langsam, von Stangen gestoßen, auf dem Wasser des Schlossgrabens bis zur Bruchpforte. Zwischen Schlossgraben und dem anschließenden Wallgraben bestand ein Höhenunterschied von mehreren Metern, der mit einer Schleuse überwunden werden musste. Die Steine aus der Schleusenkammer sind noch in der Uferbefestigung zu erkennen. Von der dortigen Zugbrücke, über die das Vieh der Bürger täglich aus der Stadt durch die Bruchpforte auf die Hude getrieben wurde, ist allerdings nichts mehr zu sehen.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 6 f.
Unter den Augen schaulustiger Detmolder, die das Kanalufer besetzten, befuhr die Gesellschaft den ausgebauten Wallgraben entlang der Stadtmauer. Der Wallgraben verbreiterte sich kurz vor dem Hornschen Tor (heute Willy-Brandt-Platz) und bildete eine etwas größere Wasserfläche. Dort gab es eine Abzweigung für den Feuergraben, der die Rinnen in den Straßen der Stadt mit Löschwasser füllte. Außerdem wurde diese Stelle am Kanal von Detmolder Waschfrauen noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts genutzt. Vom Hornschen Tor führte der Postweg nach Horn und weiter nach Paderborn sowie eine Abzweigung nach Hiddesen. Die Gondeln passierten dort eine zweite Zugbrücke, über die der Weg nach Hiddesen führte, und schwenkten danach, der Stadt das Heck zuwendend, in den breiten, fast schnurgeraden Kanal ein.
Vom Hornschen Tor nach Friedrichstal Auf der linken Seite des Kanals errichtete man in den folgenden Jahren die sogenannte Neustadt, eine Reihe aus zehn Häusern. Deren einheitliches Aussehen war obligatorisch und jeder Bauherr musste die Kopie einer verbindlichen Bauzeichnung erwerben. Diese Häuser bewohnten überwiegend höhere Hofbeamte und ihre Familien. Auf der rechten, westlichen Seite wurde die noch existierende Allee zwischen zwei Lindenreihen angelegt.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 11. Der durchaus städtisch wirkende Komplex an der Neustadt war als Vorbereitung auf die Favorite gedacht, die von Friedrich Adolf für seine zweite Gattin, Amalie von Solms, als Witwensitz errichtet wurde. Dieses repräsentative Gebäude wechselte mehrfach den Namen. Neben Favorite hieß es Neue Favorite, Friedamadolfsburg und nach Umbauten im 19. Jahrhundert Neues Palais. Es ist heute als das Neue Palais bekannt und beherbergt die Hochschule für Musik Detmold.
Der Palaisgarten hinter dem Palais war von einer Mauer umgeben und durfte von den Detmolder Bürgern nicht betreten werden. Durch die dort angelegten Brunnen und Wasserspiele hatte er eine Verbindung zum Kanal. Zwischen 1850 und 1860 wurde der Garten von Hofgärtner Carl Limberg im Stil englischer Landschaftsgärten umgestaltet und erhielt mehrere Wasserspiele. Diese bezogen das benötigte Wasser entweder direkt aus dem Kanal oder über einen Hochbehälter, der über eine Turbine ebenfalls mit Wasser aus dem Kanal gespeist wurde.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 19.
In Höhe des Palaisgartens befand sich die zweite Schleuse, heute ein Wasserfall. Bei dem spärlich fließenden Wasser im Kanal dürfte jede Schleusung geraume Zeit gedauert haben. Als Nächstes passierten die Gondeln einen weiteren Neubau jener Jahre, den Neuen Krug, der ebenfalls Gräfin Amalie gehörte und wegen der damit verbundenen Brau- und Schankberechtigung eine erfreuliche Einnahmequelle darstellte. Der 1711 fertiggestellte Fachwerkbau ist noch vollständig erhalten, war aber zeitweilig vom Abriss bedroht. Erst aufgrund massiver Bürgerproteste wurde das Gebäude 1995 unter Denkmalschutz gestellt. 1999 begann die Initiative Detmolder Sommertheater mit der Renovierung. Seit 2003 wird das Sommertheater wieder als Spielort genutzt und gehört ebenfalls zum Ensemble der Anlage Friedrichstal.Andreas Ruppert: Friedrichstaler Kanal in Detmold. S. 22.