Der Antichrist (deutsch auch Widerchrist, Endchrist) ist eine Figur der Endzeit, die als Gegenspieler und Gegenmacht Jesu Christi vor dessen Wiederkunft erwartet wird. Der Begriff stammt aus dem Neuen Testament, wird nur in den Johannesbriefen benutzt und bezeichnet dort einen Menschen, der „gegen den [von Gott] Gesalbten“ (griechisch ἀντὶ Χριστοῦ, ὁ Ἀντίχριστος)Laut Fritz Rienecker, Gerhard Meier: Lexikon zur Bibel. R. Brockhaus, 1998, S. 95, bedeutete die Präposition ἀντί im Altgriechischen „anstelle von“ und nahm erst in der Koine ihre neutestamentliche Bedeutung an. auftritt und falsche Lehren über ihn verbreitet.Otto Böcher: Antichrist II. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 3. S. 22. In den Johannesbriefen steht er nicht für eine bestimmte Person, sondern bezeichnet gewisse Gegner des Christentums. Der Begriff wurde in der Kirchengeschichte auf viele verschiedene Personen und Mächte der Gegenwart bezogen und ausgedeutet. Auch die neuzeitliche europäische Kulturphilosophie und Literatur haben sich mit ihm befasst. Er ist vergleichbar mit dem jüdischen Armilus und dem islamischen Daddschāl.
Antikes Judentum Im Tanach ist der Anti-Messias als Begriff oder Person im Sinne eines Gegenspielers, den Gott zur Erlösung der Welt besiegen muss, unbekannt und wird abgelehnt. Im betonten Gegensatz dazu heißt es etwa bei Deuterojesaja :
Das exilisch-nachexilische Judentum entwickelte eine von persischen und hellenistischen Vorstellungen beeinflusste Endzeiterwartung. In erhält der Sturz eines Israel bedrohenden Tyrannen kosmische Dimensionen. Angesichts akuter Bedrohung des Judentums zeichnete das Buch Daniel um 164 v. Chr. den Seleukiden Antiochos IV. als Gotteslästerer und übermächtigen Fremdherrscher , dessen Versuche, die jüdische Religion zu vernichten, das Endgericht über alle widergöttlichen Weltmächte und die Ankunft des vom Menschenähnlichen regierten Gottesreichs nach sich ziehen würden .
In dieser apokalyptischen Erwartung wird das Böse, das in immer neuen Gewaltsystemen auf Erden Macht gewinnt und auch die vernichtet, die ihrem Gott die Treue halten, nicht dualistisch verselbstständigt und zum Gegengott personifiziert. Keiner der irdischen Könige wird hier mit Satan in Verbindung gebracht, alle ihre Zerstörungsmacht ist befristet, alle sind nur Werkzeug der „Zeit des Zorns“ ( und ), die Gott beschlossen habe, bis die „bestimmte Zeit“ bzw. die „Zeit des Endes“ gekommen sei. Nichts kann in Daniels Glauben Gottes Kommen zum Weltgericht aufhalten und ihn daran hindern, selbst die Todesgrenze zu durchbrechen und alle Gerechten aufzuerwecken .
In den Schriftrollen vom Toten Meer (200 v.–70 n. Chr.) werden vereinzelt (4QTest 21–30) zwei antimessianische Gestalten, die im Dienst Belials stehen, erwartet. In der Syrischen Baruch-Apokalypse (syrBar 39,7; 40,1–3) kämpft der Messias gegen einen politischen Widersacher, den „letzten Regenten“ des Römischen Kaiserreichs, bis er diesen tötet. Erst nach der Kanonisierung des Tanach (um 100) taucht in jüdischen Texten Armilus als eine Art Anti-Messias auf, den der Messias gewaltlos allein „durch den Hauch seines Mundes“ (Jes 11,4) besiegen werde.Beispiele nach Otto Böcher: Antichrist II. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 3, S. 21f.
Neues Testament Evangelien In den Evangelien taucht der Begriff „Anti-Christos“ nicht auf, aber verwandte Ausdrücke wie „falsche Gesalbte“ (Mk 13,6.21 par.), „falsche Propheten“, „falsche Lehrer“ (Mk 13,22 par.; 1 Joh 4,1; 2 Petr 2,1) oder „falsche Apostel“ (2 Kor 11,13). So bezeichneten die Urchristen innere und äußere Gegner ihres Glaubens. Jesus selbst habe ihr Auftreten vorausgesagt (synoptische Apokalypse par.):
Wie die antike Umwelt beurteilten die Urchristen diese Gegner in ihren Reihen als vom Teufel oder von Dämonen verführte und besessene Menschen, etwa Judas Iskariot nach Lk 22,3 und Joh 13,2.27 (vgl. Apg 20,30; 2 Kor 11,3f.; Jud 13). Damit unterschieden sie diese Gegner Jesu Christi als menschliche Werkzeuge des Teufels von diesem selbst. Dieser wird nie Antichrist, sondern Beliar (2 Kor 6,15), „der Böse“ (Mt 6,13; Joh 7,15; Eph 6,16; 1 Joh 2,13f.; 3,12; 5,18), diabolos (Mt 4,1ff.; Lk 4,1ff.; Joh 8,44; Eph 4,27 u.ö.), Satan (Mt 4,10; 12,26; Mk 3,23; Lk 10,18; Apg 5,3; Röm 16,20 u.ö.) oder „Fürst der/dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30, 16,11 Mk 13,2; Eph 2,2) genannt. Jeder dieser Namen bezeichnet den direkten Widersacher Gottes, dem alle dämonischen Mächte unterstehen, keinen menschlichen Gegenspieler Jesu Christi.
Gemeindebriefe
Der eschatologische Begriff Anti-Christos wurde erst in der zweiten Generation der Christenheit gefunden, die stärkeren Widerstand gegen ihren Glauben erlebten.Martin Karrer: Antichrist. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1992, Bd. 1, Sp. 173. Im Neuen Testament erscheint er ausschließlich in den Johannesbriefen, und zwar fünfmal. : „Meine Kinder, es ist die letzte Stunde. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste gekommen. Daran erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist.“ : „Wer ist der Lügner – wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist: wer den Vater und den Sohn leugnet. Wer leugnet, dass Jesus der Sohn ist, hat auch den Vater nicht; wer bekennt, dass er der Sohn ist, hat auch den Vater. Für euch gilt: Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch bleiben; wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, dann bleibt ihr im Sohn und im Vater.“ Demnach bezeichnete der Begriff im Singular und Plural Irrlehrer innerhalb der christlichen Gemeinden, die die Messianität und Gottessohnschaft Jesu bestritten und sich damit von der überlieferten apostolischen Lehre abwandten. Ihnen gegenüber bekräftigt der Autor: : „Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott. Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Das ist der Geist des Antichrists, über den ihr gehört habt, dass er kommt. Jetzt ist er schon in der Welt.“ : „Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen; sie bekennen nicht, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Antichrist.“ Wo und wer der oder die sind, die Gottes Inkarnation (Joh 1,14) im sterblichen Menschen Jesus leugnen, zeigen laut die genannten Gegner selbst: Da sie „aus der Welt“ seien, redeten sie auch nur von dieser, und die Welt höre auf sie. Dagegen: „Wir aber sind aus Gott. Wer Gott erkennt, hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums. Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.“
Außerdem gibt es noch Stellen, die mit dem Antichrist in Verbindung gebracht werden. spricht nicht von einem Antichrist, sondern von einem lügnerischen „Menschen der Gesetzesfeindschaft“ und „Sohn des Verderbens“, der sich selbst wie Gott darstelle. Jesus werde ihn zuletzt mit „dem Hauch seines Mundes“ töten. In der kirchlichen Tradition wurde diese Gestalt bereits früh mit dem Antichrist identifiziert.Margaret M. Mitchell: Thessalonicherbriefe. In Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Bd. 8, Mohr Siebeck, Tübingen 2005, online.
Offenbarung des Johannes Die Offenbarung des Johannes war stark von jüdischer Apokalyptik beeinflusst, übernahm zahlreiche Motive aus dem Buch Daniel und deutet sie in neuem Kontext. Sie stellt Visionen des Johannes von dem, „was du gesehen hast: was ist“ (das Sichtbare), dem, „was danach geschehen wird“ (dem Verborgenen), gegenüber . Die Zukunft wird in drei Zyklen von je sieben Visionen ausgemalt, die mit der Inthronisation des Lammes eingeleitet werden (v. 4): Jesus Christus als der am Kreuz für alle Menschen dahingegebene Sohn Gottes als der, den Gott zur Weltherrschaft bestimmt und dem er die Vollstreckung seines Geschichtsplans übertragen hat.
Die Kapitel 12 bis 14 stellen die besondere Situation der Christen gegenüber der von gottfeindlichen Mächten beherrschten Welt dar. Kapitel 12 stellt den Kampf und Sturz des Drachen gegen den von der Frau geborenen Gottessohn dar mit dem Ergebnis:
Damit wird der aus der babylonischen Mythologie bekannte Urzeitdrache mit Satan identifiziert, der als Schlange die Menschen zum Ungehorsam gegen Gottes Gebot verführt oder als Widersacher ihren Glauben prüft .
In tauchen zwei Tiergestalten als Widersacher des Lammes und seiner Herrschaft auf, die zusammen mit dem zuvor erwähnten Drachen eine Antitrinität bilden.Hans-Josef Klauck: Antichrist. Neues Testament. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4. Ausgabe, Band 1. Mohr Siebeck, Tübingen 1998, S. 511. Die Züge des ersten vereinen die Züge der vier Tiergestalten von Dan 7, der biblischen Vision vom Endgericht über alle Gewaltherrschaft. Es erhält seine Macht von dem Drachen – also von Satan – und beansprucht die Macht gegen Christus. Es gleicht diesem bis ins Detail: Es hat ein Haupt „wie tödlich verwundet“, eine Wunde, die jedoch geheilt wurde. Die Menschen erweisen ihm die göttliche Ehre, die in Wahrheit nur dem Lamm zusteht . Es lästert Gott und die Heiligen.
Die zweite Tiergestalt gleicht dem Lamm, redet aber wie der Drache: Sie tritt als Falschprophet auf, der die Restgemeinde der Christen zum Abfall und zur Anbetung des ersten Tieres verführt und sich dazu eines Kennzeichens bedient, der Zahl sechshundertsechsundsechzig. Sie wurde bald mit dem in den Johannesbriefen genannten Antichrist identifiziert.
Die Motive spielen deutlich auf den Kaiserkult im Römischen Reich an, dessen Verweigerung die Christen seit Domitian um 90 der staatlichen Verfolgung aussetzte. Auch dies bezieht sich nicht auf bestimmte Personen, sondern auf die Vergötterung einer politischen Macht, die die Christen mit Vernichtung bedrohte und beanspruchte, was die Gläubigen von Jesus Christus erwarten: die ultimative Wende zum Guten, das Weltgericht und die Neuschöpfung. Damit wurden die römischen Kaiser zur gesamtpolitischen, nicht bloß innerkirchlichen Herausforderung des Glaubens.Leonard Goppelt: Politisches Antichristentum und die wahren Jünger. In: Theologie des Neuen Testaments. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1978, ISBN 3-525-03252-8, S. 520ff.
Zusammengefasst lässt sich erkennen, dass im Neuen Testament noch kein kohärentes Konzept für die Figur des eschatologischen Gegenspielers gefunden worden war. Die verschiedenen Texte gehen von unterschiedlichen Vorstellungen aus: Der Verfasser der Johannesbriefe wendet den Begriff „Antichrist“ auf einen oder auch mehrere Gegner an, die aus der Gemeinde selbst hervorgegangen sind: Er nutzt ihn also zu einer innerkirchlichen Polemik. Dem steht die Offenbarung gegenüber, in der das „Tier“ (im Singular) eine antirömische Stoßrichtung hat, mithin politisch gemeint ist.Martin Karrer: Antichrist. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1992, Bd. 1, Sp. 173.
Kirchenväter Schriften der Patristik befassten sich seit etwa dem Jahr 130, anfangs beiläufig, mit der Figur des Antichrist. Sie stellten viele verschiedene Thesen über ihn auf und bezogen sich dazu auch auf Bibelstellen, die den Begriff Antichrist nicht gebrauchen. Spätere Lehrkonstruktionen versuchten, die Motive dieser Textstellen als einheitliches biblisches Antichristkonzept darzustellen. Damit machten sie aus einer Nebenfigur der urchristlichen Parusie-Erwartung eine Hauptfigur, deren Rolle sich immer mehr verselbständigte.Philipp Vielhauer: Apokalyptik des Urchristentums. In: Oikodome. Aufsätze zum Neuen Testament. 2 Bände. Christian Kaiser Verlag, München 1986 (1. Auflage 1964), ISBN 3-459-01236-6, S. 407–454.