mini|Jules Dumont d’Urville auf einem Gemälde von Jérôme Cartellier (1846) Jules-Sébastien-César Dumont d’Urville, auch Jules Sébastien César, (* 23. Mai 1790 in Condé-sur-Noireau; † 8. Mai 1842 bei Meudon) war ein französischer Seefahrer, Entdecker und Polarforscher. Sein offizielles botanisches Autorenkürzel lautet „“
D’Urvilles Bekanntheit beruht auf den Reisen, die er zunächst als Fähnrich mit der Korvette La Chevrette im Mittelmeer, dann als Erster Offizier der Korvette Coquille in australischen und neuseeländischen Gewässern unternahm und denen jeweils umfangreiche kartografische und schriftliche Auswertungen der Entdeckungen folgten, die auch von politisch-militärischem Interesse waren.
Seine dritte Reise war eine Weltumsegelung mit der Coquille, die er, nun als Kommandant des Schiffes, aus diesem Anlass zu Ehren des gleichnamigen Schiffes des Entdeckers Jean-François de La Pérouse in Astrolabe umbenannte. Anschließend erhielt er den Auftrag, mit zwei Korvetten, wiederum der Astrolabe und zusätzlich der Zélée, den Weg zum Südpol zu erkunden. Packeis vereitelte den Versuch jedoch: es schloss die Schiffe zunächst ein und zwang sie in der Folge, nach Südamerika zurückzukehren, und dann dezimierte Skorbut, die Schiffsbesatzungen. Trotzdem konnte d'Urville einen weiteren Vorstoß nach Süden unternehmen und, nachdem er den südlichen Polarkreis erreicht hatte, kehrte er in seine Heimat zurück, wo er zum Konteradmiral ernannt wurde. D'urville starb mit seiner ganzen Familie beim Eisenbahnunfall von Versailles, als er auf dem Heimweg von den großen Wasserspielen im Schloss Versailles war.
Biografie Kindheit und Jugend Jules' Vater Gabriel Charles François Dumont (1728–1796), Herr von Urville, war wie seine Vorfahren Richter am Gericht von Condé und zugleich Gerichtsvollzieher von Condé-sur-Noireau. Die Mutter Jeanne Françoise Victoire Julie de Croisilles (1754–1832), ursprünglich aus Croisilles, war sehr streng und entstammte einer alten Familie des ländlichen Adels der Basse-Normandie. Als Kind war d’Urville gebrechlich und oft kränklich. Nach dem Tod des Vaters wurde ab 1798 der Abt von Croisilles, der Bruder der Mutter, die wichtigste Bezugsperson für das Kind, der ihn in Latein und Griechisch, in Rhetorik und Philosophie sowie auch sogar in Chinesisch unterrichtete.Umfangreiche Biographie von Dumont d’Urville auf der Website astrolabe-dumontdurville.fr archivierter Link. Abgerufen am 29. März 2023.
Ab 1804 besuchte Jules d'Urville das Lycée imperial von Caen.Pierre-Aimé Lair: Rapport sur les voyages de M. d'Urville, capitaine de frégate, né dans le département du Calvados; lu à la séance publique de l'Académie royale des Sciences, Arts et Belles-Lettres de Caen, le 19 Avril 1828. Veröffentlicht als Transkription von der Collection électronique de la Médiathèque André Malraux de Lisieux. 2003. Link. Abgerufen am 30. März 2023. In der Bibliothek dieser Stadt begann er Enzyklopädien und auch die Reiseberichte von Bougainville, Cook und Anson zu lesen, die ihn zutiefst faszinierten. Mit 17 Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung an der École polytechnique nicht und entschied sich dann, für die Familie unerwartet, für den Eintritt in die französische Marine.
Erste Jahre in der Marine mini|links|Arsenalmodell der Achille, Schwesterschiff der Suffren, aus dem frühen 19. Jahrhundert, Maßstab 1:33 Er wurde als Kadett zugelassen und schiffte sich am 26. November 1807 in Brest auf der l’Aquilon unter dem Kommandanten Maingon ein. Noch 1807 wurde er an der École navale in Lanvéoc nahe Brest aufgenommen, wo er als ernsthafter und fleißiger, allerdings auch schüchterner junger Mann auftrat, der die Freizeitaktivitäten seiner Kommilitonen ablehnte und sich statt für militärische eher für Forschungsaspekte interessierte. Am 31. Oktober 1808 erhielt er den Rang eines Anwärters erster Klasse. Er beendete die Schulzeit als Jahrgangsbester und erhielt 1811 den Rang eines Fähnrichs.Biographischer Artikel Jules-Sebastien-Cesar Dumont d'Urville. Veröffentlicht auf der Homepage South-Pole.com Link. Abgerufen am 30. März 2023.
mini| hochkant|Jules Sébastien César Dumont d’Urville (Aquarell von Albert Brenet) Zu dieser Zeit hatte die französische Marine nicht die Bewegungsfreiheit der Napoleonischen Armee, da die Schiffe der britischen Royal Navy die französischen Militärschiffe in den Häfen blockierten. Dies beeinträchtigte auch die praktische Ausbildung der Besatzungen, die voraussetzte, dass die Schiffe auf die offene See hinausfahren konnten. D’Urville, der wie seine Kameraden festsaß, nutzte die Zeit zu intensiven Studien von Fremdsprachen. In der Folge sprach er fließend Englisch, Deutsch, Spanisch, Griechisch, Italienisch und Hebräisch.Während seiner Reisen im Pazifik erwarb er dank seines erstaunlichen Gedächtnisses zusätzlich auch noch Kenntnisse einer großen Anzahl von Dialekten Polynesiens und Melanesiens. Seine Dienstposten in der Zeit umfassten ab 1812 Einsätze auf der Amazone, dann in Toulon auf der Suffren, einem 74-Kanonen-Schiff der Téméraire-Klasse, und anschließend auf dessen Schwesterschiff Borée.Roger Coguiec et Yannick Loukianoff: Jules Dumont d'Urville. Veröffentlicht auf der privaten Homepage Archivierter Link, französisch. Abgerufen am 30. März 2023.
Weiterhin eignete sich d’Urville in dieser Zeit zusätzlich zu seinem bereits umfangreichen sprachlichen Wissen Kenntnisse in Botanik und Entomologie an, die er unter anderem bei Ausflügen in die Hügel der Provence und in seinen Studien am Observatorium der Marine erwarb. Erst 1814, als Napoleon auf die Insel Elba verbannt wurde, unternahm d'Urville seine erste kurze Reise im Mittelmeer. Ebenfalls 1814 brachte er auf dem Schiff La Ville de Marseille den späteren König Louis Philippe von Orléans nach Palermo. Im Jahr 1815 heiratete er Adèle Pépin, Tochter eines Uhrmachers aus Toulon, mit der er vier Kinder hatte, von denen allerdings keines das Erwachsenenalter erreichte.Margaret J. A. Simpson: Dumont d'Urville, Jules Sébastien César. Dictionary of New Zealand Biography, first published in 1990. Te Ara – the Encyclopedia of New Zealand, Link. Abgerufen am 4. April 2023.
Die erste Reise mini|hochkant| Venus von Milo (Zeichnung 1821) Im Jahr 1819 wurde d’Urville, immer noch als Fähnrich, an Bord der La Chevrette unter Kapitän Gauttier-Duparc kommandiert, um hydrographische Vermessungen der griechischen Inseln und des Schwarzen Meeres durchzuführen. Die Reise, die normalerweise für einen Marineoffizier am Beginn seiner Karriere nur ein Zwischenspiel zwischen zwei militärischen Einsätzen gewesen wäre, ermöglichte es ihm, sein Wissen als Naturforscher zu nutzen, um seinen ersten umfangreichen Forschungsbericht Flore latine de l'Archipel grec et du littoral de la Mer Noire zu verfassen. Während eines Zwischenstopps auf der Insel Milos machte der örtliche französische Gesandte d’Urville auf eine Marmorstatue aufmerksam, die am 8. April 1820 von einem örtlichen Bauern gefunden worden war. Er erkannte sofort den Wert des Artefakts, wollte es kaufen und verfasste einen Bericht über den Fund, der an den französischen Botschafter in Konstantinopel geschickt wurde.Dumont d'Urville, Marcellus & Voutier: Élèvement de Vénus. la bibliothèque, Paris. 1994, S. 11. Die La Chevrette erreichte die Stadt am 22. April und d'Urville konnte den Botschafter überzeugen, die Statue tatsächlich für den französischen Staat anzukaufen:
Die Statue konnte so schließlich angekauft und dem französischen Abgesandten übergeben werden. Im Ergebnis erhielt d’Urville für seinen Einsatz den Titel eines Ritters der Ehrenlegion, die Aufmerksamkeit der französischen Akademie der Wissenschaften und eine Beförderung zum Leutnant, Frankreich konnte sich die prächtige Statue für den Louvre sichern.Die Entdeckung der Statue war allerdings wohl nicht allein das Verdienst von d’Urville. Der französische Botschafter in Konstantinopel hatte bereits andere Berichte über die Existenz der Statue erhalten, da der Kommandant des vor Milos vor Anker liegenden Schiffes Estafette dem französischen Konsul in Smyrna den Fund bereits gemeldet hatte.
Die Reise auf der Coquille mini|hochkant|Von d'Urville während der Expedition beschriebener und nach ihm benannter Seetang Dawsonia durvillei Als er von der Reise auf der La Chevrette zurückkehrte, wurde d'Urville dem Dépôt des cartes et plans der Marine zugeteilt, wo er auf Leutnant Louis-Isidore Duperrey traf, dem er bereits während seiner Ausbildungsjahre begegnet war. Die beiden begannen mit der Planung einer Erkundungsexpedition im Pazifik, einem Gebiet, in dem der französische Einfluss während der napoleonischen Kriege zurückgedrängt worden war und den sie, etwa durch die Gründung von Siedlungen in New South Wales, zurückgewinnen wollten.Robbie Whitmore: The discovery of New Zealand – Jules Sébastien César Dumont d'Urville – France 1790 – 1842. Veröffentlicht auf der privaten Website New Zealand in History. Link. Abgerufen am 3. April 2023.Bereits einige Jahre zuvor hatte sich d'Urville für die Teilnahme an der Expedition von Louis de Freycinet mit der Uranie beworben, wurde aber abgelehnt, was in der Folge dazu führte, dass d'Urville die Angelegenheit persönlich nahm und später versuchte, den Wert der Ergebnisse dieser Expedition zu bagatellisieren. Am 18. August 1822 stachen sie mit der 380 Tonnen schweren 12-Kanonen-Korvette Coquille von Toulon aus in See, um so viele wissenschaftliche und strategische Informationen wie möglich über das betreffende Gebiet zu sammeln. Duperrey als Dienstältester fungierte hierbei als Kommandeur der Expedition, während d'Urville als Erster Offizier eingesetzt wurde. Mit an Bord waren auch René Primevère Lesson (1794–1849), Prosper Garnot (1794–1838), Victor Charles Lottin (1795–1858), Charles Hector Jacquinot (1796–1879), Charles Félix Victor Lesage (1785–1839), Théodore Julien de Blois de la Calande (1799–1836), Auguste Bérard (1796–1852), Jules Alphonse René Poret de Blosseville (1802–1833) und Jean Baptiste Bory de Saint-Vincent (1780–1846).
Die Expedition steuerte zunächst in Richtung Südamerika. Nach Zwischenstopps in Brasilien und den FalklandinselnMichael Lee: Navigators & Naturalists: French Exploration of New Zealand and the South Seas (1769–1824). David Bateman. Auckland, New Zealand. 2018. ISBN 978-1-86953-965-8. S. 316. umrundete das Schiff am 31. Dezember 1822 Kap Hoorn und setzte die Reise entlang der Küste nach Peru fort, um hydrografische Vermessungen durchzuführen. Danach erreichten sie Tahiti im Mai 1823 und ankerten in der Matavai-Bucht, wo Jules de Blosseville hydrografische Vermessungsarbeiten durchführte. Die Expedition zog weiter nach Tonga, zu den Salomonen, Timor und erreichte im Januar 1824 Australien.John Dunmore: Who’s Who in Pacific Navigation. Melbourne University Press. Carlton, Victoria, Australia. 1992. ISBN 0-522-84488-X. S. 91–32.
Am 17. Januar 1824 erreichte die Coquille Port Jackson. Hier wurden Passagiere für den geplanten Aufenthalt in Neuseeland an Bord genommen: neben dem Missionar George Clark mit seiner Familie auch zwei Maori, Taifana und Hapai. Die Expedition setzte ihren Weg fort und kam im April 1824 in der Bay of Islands an,Michael Lee: Navigators & Naturalists: French Exploration of New Zealand and the South Seas (1769–1824). David Bateman. Auckland, New Zealand. 2018. ISBN 978-1-86953-965-8. S. 362–363. wo die Besatzung von Maori, unter anderem von Maori-Häuptling Hongi HikaMichael Lee: Navigators & Naturalists: French Exploration of New Zealand and the South Seas (1769–1824). David Bateman. Auckland, New Zealand. 2018. ISBN 978-1-86953-965-8. S. 406–407. begrüßt wurde und d'Urville neben naturkundlichen Studien verschiedene Informationen über die soziale Organisation und Lebensweise der Einheimischen sammelte.