mini|Der Turm der Nikolaikirche in Siegen bei Nacht, Ansicht von Westen mini|Ansicht von Norden mit Apsis, Chor, dem sechseckigen Kirchenschiff und dem Turm mit dem „Krönchen“ (2011) Die Nikolaikirche ist ein Kirchengebäude in der nordrhein-westfälischen Stadt Siegen, dessen Geschichte auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Die Kirche steht auf dem Siegberg, dem Siedlungskern der mittelalterlichen Altstadt. Ihre architektonische Besonderheit erhält sie durch ihren sechseckigen Grundriss; das Kirchenschiff ist das einzige europäische Hallenhexagon nördlich der Alpen. Der Kirchturm der Nikolaikirche trägt mit dem Krönchen das Wahrzeichen der Stadt Siegen, eine geschmiedete und vergoldete Krone mit über zwei Metern Durchmesser aus dem 17. Jahrhundert. Als höchstes Gebäude auf dem Siegberg prägt der Kirchturm mit 53 Meter Höhe und mit auffälligem rot-weißem Anstrich die Silhouette der Stadt. Internationale Bekanntheit erlangte die Kirche durch ihren Kirchenschatz mit einer silbernen Taufschale aus dem 16. Jahrhundert. Seit der Reformation ist die Nikolaikirche eine evangelische Kirche, seit 1580 evangelisch-reformierte Pfarrkirche Siegens. Unterhalb der Kirche liegen das Siegener Rathaus und der Marktplatz.

Lage mini|Die Nikolaikirche mit dem Häuserblock „Klubb“, 1869 abgebrannt. Historisierendes Aquarell von Wilhelm Scheiner, den Zustand von etwa 1850 darstellend. Ansicht von Nordosten|252x252px Die Nikolaikirche steht in der historischen Altstadt Siegens auf dem Bergrücken des 307 Meter hohen, von Westen nach Osten ansteigenden Siegbergs nahe dem höchsten Punkt des Berges in dessen östlicher Hälfte. Auf dem höchsten Punkt des Siegbergs befindet sich in etwa 300 m Entfernung östlich der Kirche die Residenz der katholischen Linie des Hauses Nassau-Siegen, das Obere Schloss. Beide Bauten sind durch die Burgstraße miteinander verbunden, die in ost-westlicher Richtung schnurgerade durch die ehemalige Burgfreiheit des Schlosses führt. Unmittelbar westlich der Nikolaikirche befinden sich der Marktplatz und das Siegener Rathaus. Die Kirche ist im Osten und im Süden von schmalen Straßen mit drei- bis vierstöckigen Gebäuden mit gemischter Nutzung durch Wohnungen und Handel umgeben; auf der Südseite steht das als Gemeindehaus genutzte Gebäude. Auf der Nordseite der Nikolaikirche stand bis ins 19. Jahrhundert ebenfalls Wohnbebauung; ein Häuserblock, der im Volksmund „Klubb“ genannt wurde. Dieser wurde im Jahr 1869 durch einen Großbrand zerstört und nicht wieder aufgebaut. Seit den 1970er Jahren befindet sich dort eine Grünanlage, die dem ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Alfred Fissmer (1878–1966) gewidmet ist.

Geschichte mini|Texttafel an der Kirche Die frühe Geschichte der Kirche Die Geschichte der Nikolaikirche beginnt in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Kirche wurde als zweiter, zusätzlicher Kirchenbau auf der höher gelegenen östlichen Hälfte des Siegbergs errichtet, nach der auf das 11. Jahrhundert datierten Martinikirche, die auf dessen westlichem Bergsporn steht. Die Martinikirche blieb katholische Pfarrkirche der Stadt und die Nikolaikirche wurde in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens als zusätzliche Kapelle sowie als Taufkirche für den nassauischen Adel genutzt. Da das städtische Kaufhaus (im damaligen Rathaus der Stadt) und der Markt unmittelbar neben dem Kirchenbau lagen, wählte man als Namenspatron den Schutzheiligen der Kaufleute und Händler, St. Nikolaus.Ochse: Kirchliche Heimatkunde, S. 25 Eine Urkunde vom 9. Oktober 1317 nennt mehrere an der Nikolauskirche amtierende Priester. Die Urkunde berichtet außerdem von der Errichtung eines zweiten Altars, der, dem Erzengel Michael geweiht, von Graf Heinrich und Gräfin Adelheid zu Nassau gestiftet worden war. An diesem Nebenaltar sollte laut Verfügung der Stifter „für alle Zukunft“ ein zweiter täglicher Gottesdienst gehalten werden. Der Altar wurde im Jahr 1549 wieder abgebrochen. Von einem dritten Altar, der Heiligen Margarethe gewidmet, wird aus dem Jahr 1517 berichtet.Ochse: Kirchliche Heimatkunde, S. 28–29 Aus der Entstehungszeit der Nikolaikirche sind darüber hinaus nur wenige weitere Überlieferungen und Urkunden erhalten geblieben. Aus der Bauform wird jedoch gefolgert, dass sich der ursprüngliche Charakter des Gebäudekerns seit dem 13. Jahrhundert mindestens bis ins späte 19. Jahrhundert erhalten hat.Achenbach: Geschichte der Stadt Siegen, S. 170

mini|hochkant|Treppenhaus und Bruchsteinmauerwerk im Kirchturm, 2010

Der Bau des Kirchturms Der Kirchturm wurde erstmals urkundlich am 25. November 1455 erwähnt.Rubrik Zurückgeblättert … In: Siegener Zeitung, 4. Dezember 2010 Das Dokument berichtet von einem Gutachten zur Errichtung des Kirchturmes, das die Stadt Siegen beim Steinmetz Jorge von Wetzlar in Auftrag gegeben hatte.„[…] gaff synen Rath, wie wir den thurn solden laissen machen uff die kirche“ – zitiert nach Achenbach: Geschichte der Stadt Siegen, S. 171 Mit dem Bau des Turms wurde wenig später begonnen; für das Jahr 1461 sind „wesentliche Fortschritte“ dokumentiert.Ochse: Kirchliche Heimatkunde, S. 25 Die Finanzierung des Turmbaus erfolgte hauptsächlich über von der Stadt erhobene Steuern, unter anderem auf Wein und Bier sowie auf den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Zusätzlich nahm der Rat der Stadt Darlehen bei wohlhabenden Bürgern auf und rief alle Bürger zu Spenden auf. Die Steine für das Bruchsteinmauerwerk des Turms wurden in Siegen am Ziegenberg gebrochen. Kragsteine und Formsteine für die Fensterfassungen stammen aus Marburg und wurden auch von Marburger Steinmetzen eingesetzt. Der Turmhelm wurde im Jahr 1463 errichtet, und der Kirchturm erhielt ein vergoldetes Kruzifix auf der Spitze.Achenbach: Geschichte der Stadt Siegen, S. 171 f. Die im selben Jahr gegossene Stundenglocke im Turmhelm stammt vom Glockengießer Hanns Kannegiesser. Die Glocke kam gleichzeitig mit der ersten Uhr der Kirche auf den Turm.Eberhardt: Die Nikolaikirche zu Siegen, S. 16 f. Gegen Ende des Jahres 1464 war der Bau des 53 Meter hohen Turmes, der die Stadt finanziell sehr belastet hatte, abgeschlossen.Nach einem Bericht aus dem Jahr 1465 über den „swerlichen Buw an sand nicolais kirchen“ – zitiert nach Ochse: Kirchliche Heimatkunde, S. 26Höhenangabe für den Turm der Nikolaikirche in einem Artikel der Siegener Zeitung Online vom 19. Mai 2011 (abgerufen am 22. Mai 2011)

mini|hochkant|Innenansicht der Kirche mit Blick nach Nordosten, 1897. In der Bildmitte Kanzel mit Schalldeckel; rechts in der Apsis der „Fürstenstuhl“ Erweiterungen unter Fürst Johann Moritz Im Jahre 1530 wurde die Nikolaikirche evangelisch. Seit der Reformation ist sie Haupt-Pfarrkirche der Stadt Siegen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Kirche vor allem auf Veranlassung des Territorialherren Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen einige Male umgebaut. So wurde zum Beispiel die ursprünglich gotische Turmhaube durch eine barocke ersetzt, und der Turm erhielt 1537 ein Wächterhaus unmittelbar unter dem Turmhelm. Auch im Inneren der Kirche fanden einige Umbauarbeiten statt. Fürst Johann Moritz ließ den Innenraum im Jahr 1658 nach dem Vorbild reformierter Kirchen in Frankreich und in den Niederlanden erneuern. In die Kirche wurden Emporen eingezogen, die Kanzel wurde in die Mitte der Kirche verlegt und mit einem Schalldeckel ausgestattet. Außerdem ließ der Fürst für sich eine eigene Empore mit Baldachin in der Apsis der Kirche errichten, den „Fürstenstuhl“.Unterm Krönchen – Gemeindebrief der Ev. Nikolai-Kirchengemeinde Siegen, Ausgabe Februar und März 2001, S. 6–7. Ohne Autorenangabe Ebenfalls auf die Initiative von Fürst Johann Moritz zurück ging die Belegung von Teilen des Kirchenfußbodens mit rechteckigen gusseisernen Platten im Jahr 1663. Zuvor war der Boden der Kirche wegen seiner „sehr unförmigen und halsbrecherischen Steine“ kritisiert worden.Zitiert nach Dieter H. Stündel: Die Stadt Siegen, Band 2: Über das 17. und 18. Jahrhundert, S. 28 ff. Horatius-Verlag Siegen, 2008. ISBN 978-3-923483-65-5 Aufgrund der Eigenschaft des Fürsten als Großmeister des Johanniterordens tragen die Platten jeweils ein Johanniterkreuz. Einige dieser Bodenplatten sind heute im Oberen Schloss der Stadt Siegen in der Eingangshalle des Siegerlandmuseums ausgestellt.Der „Verlorene Sohn“ kam aus dem Siegerland, abgerufen am 7. Januar 2017. Auch das Krönchen auf dem Turm der Nikolaikirche, ein Geschenk des Fürsten, stammt aus dieser Zeit. Die Treppenhäuser nördlich und südlich vom Turm sind aus dem Jahr 1666.

Lateinschule unter dem Dach, Wachhaus auf dem Turm In der Nikolaikirche befand sich eine seit dem frühen 14. Jahrhundert nachweisbare Schule. Für das Jahr 1607 ist eine Lateinschule mit fünf Klassenräumen unter dem Kirchendach belegt. Die Räume lagen unmittelbar über den Gewölben des Kirchenschiffs und waren über einen Treppenturm mit 72 Stufen erreichbar. Für die Schule wurde das Satteldach der Kirche mit mehreren Dachgauben versehen, der Dachfirst erhielt einen Reiter mit Schulglocke.Eberhardt: Die Nikolaikirche zu Siegen, S. 6 Diese Lateinschule bestand bis zum Jahr 1817; aus ihr ging das heutige Siegener Gymnasium am Löhrtor hervor.

Am 1. Oktober 1855 wurde die bis dahin vorhandene Turmwache auf dem Turm der Nikolaikirche, erheblichen Unmutsäußerungen aus der Bevölkerung zum Trotz, abgeschafft.Siegerländer Heimatkalender 1969: Meilensteine aus der Siegerländer Vergangenheit: von Adolf Müller, S. 112, Verlag für Heimatliteratur. Seit 1994 befindet sich in den drei Räumen des Türmers ein kleines Museum, in dem unter anderem ein Zifferblatt aus dem 16. Jahrhundert sowie Unruh und Pendel der Turmuhr, die bis 1905 in Verwendung waren, ausgestellt sind. Eine Tür führt in östlicher Richtung auf die Turmplattform. Der Wandelgang um das rechteckige Wachthaus bietet eine Aussicht auf große Teile der umliegenden Stadt sowie einen Fernblick in alle Himmelsrichtungen.Eberhardt: Die Nikolaikirche zu Siegen, S. 35

mini|100px|Das Krönchen mit Pfeil

Krönchen

Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen ließ am 17. August 1658 aus Dank für seine Erhebung in den Reichsfürstenstand eine große vergoldete Krone, im Volksmund Krönchen genannt, auf dem Turm der Nikolaikirche anbringen. Oberhalb einer Windrose ist die Krone mit einem Durchmesser von 2,35 Metern angebracht, darüber befindet sich ein Windpfeil mit einer Länge von dreieinhalb Metern. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Krönchen stark durch Korrosion beschädigt. Immer wieder wurden Reparaturen durchgeführt, 1993 brach jedoch bei einer starken Sturmböe der Mast. Daher wurde das ursprüngliche Krönchen durch ein Replikat aus Edelstahl und Kupferblech ersetzt. Dieses Replikat wurde mit 23¾-karätigem doppelstarkem Blattgold vergoldet. Das Original hängt seitdem im Eingangsbereich der Kirche im Turm.

Architektur mini|hochkant|Der Grundriss der Nikolaikirche im späten 19. Jahrhundert (bis 1903) mini|hochkant|Längsschnitt der Kirche, spätes 19. Jahrhundert Das Besondere an der Architektur der Nikolaikirche Siegen ist der kompakte, in seiner Grundform sechseckige Grundriss des Kirchenschiffs, der in Fachkreisen als romanisches Hallenhexagon bezeichnet wird. Diese nördlich der Alpen einzigartige Bauform wird auf die Hanglage des Grundstücks zurückgeführt, die ein Gebäude mit weiter in die Länge gestreckter Grundfläche kaum zugelassen hätte.Eberhardt: Die Nikolaikirche zu Siegen, S. 2 Der Kirchturm ist der westlichen Wand des Kirchenschiffs vorgesetzt; in östlicher Richtung schließen sich an das Mittelschiff ein rechteckiger, einjochiger Chor und eine halbrunde Apsis an. Die Gewölbe von Kirchenschiff und Chor werden von insgesamt acht den Innenraum gliedernden Säulen getragen. mini|Blick nach Osten zum Chor mini|Blick durchs Kirchenschiff nach Nordosten mini|Blick von der Nordempore nach Osten

Umgestaltung der Kirche 1903–1905