Im Saarland werden sowohl rheinfränkische als auch moselfränkische Dialekte gesprochen, welche alle zum Westmitteldeutschen zählen. Umgangssprachlich bezeichnen viele Saarländer ihren Dialekt als „Platt“, häufig mit Spezifizierung des jeweiligen Ortes (zum Beispiel „Sankt Wendeler Platt“).
mini|400px|Das Saarland ist weitgehend zwischen dem mit 19 und dem mit 20 beschrifteten Gebiet
Verbreitung Die Sprachgrenze zwischen moselfränkischem und westpfälzischem Saarländisch folgt der das-dat-Linie (Rheinischer Fächer), die sich von Völklingen im Südwesten nach St. Wendel/Freisen im Nordosten durch das Land zieht. Außerhalb des Saarlandes werden hauptsächlich die rheinfränkischen saarländischen Dialekte, insbesondere das in der Landeshauptstadt Saarbrücken gesprochene „Saabrigga Platt“, als der saarländische Dialekt wahrgenommen.
In der Umgebung von Lebach und Schmelz verläuft entlang der Prims die „datt-watt“-Grenze. Obwohl hier kein eigentlicher Inseldialekt gesprochen wird, besitzt die Schmelzer Mundart Eigenheiten, die im übrigen Saarland in dieser Form nicht auftreten, da Schmelz eine letzte Hochburg des moselfränkischen Dialektes hin zum Rheinfränkischen bildet.
In Anspielung auf die typisch moselfränkischen Ausdrücke „lòò“ (da, dort) und „hei“ (hier) wird die Gegend um Lebach und Schmelz im Saarland – insbesondere unter Sprechern der Stadtdialekte – als die „Lohei“ bezeichnet.
Darüber hinaus gibt es weitere kleinere Dialektinseln in den Saarbrücker Ortsteilen Ensheim und Eschringen sowie in Kleinblittersdorf-Bliesransbach und in Mandelbachtal-Bliesmengen-Bolchen. In den dortigen Dialekten sind Formen zu finden, die sich durch noch nicht erfolgte Diphthongierung der alten Monophthonge auszeichnen. Damit sind die Mundarten zum Lothringischen zu rechnen, die sonst nur in Frankreich gesprochen werden, dort aber vom Französischen bedroht sind. Zwar wird bei all diesen Mundarten des Öfteren fälschlicherweise ein alemannischer Ursprung oder ein Übergang zum Alemannischen postuliert; in Wahrheit handelt es sich um Randzonen, in denen die hochdeutsche Diphthongierung nicht durchgeführt wurde – wie im Südalemannischen, im Niederdeutschen, einigen thüringischen Dialekten und Ripuarischen.
Geschichtliche Entwicklung
Die älteste nachweisbare Sprachschicht des Saarlandes aus dem 13. Jahrhundert zeigt seine heutigen Gebietsgrenzen hauptsächlich eingebunden in die Sprachräume der Territorien Trier, Lothringen und Luxemburg. Die Sprache des Landes an der Saar wurde geformt und umgeformt von aus dem Norden (z. B. niederdeutsche und mittelfränkische Sprachformen) und dem Süden (z. B. baierisch-oberdeutsche und elsässisch-alemannische Sprachformen) kommenden Sprachbewegungen. Bei der aus dem Süden kommenden Sprachumbildung ist die frühneuhochdeutsche Diphthongierung wichtig. Darunter versteht man die Entwicklung der Langvokale î, û und iu (gesprochen: ü []) zu ei, au und eu/äu. Die neuhochdeutsche Diphthongierung ging ab dem 12. Jahrhundert vom Südosten des deutschen Sprachraums (heutiges Kärnten, Steiermark) aus und verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten nordwärts in den mitteldeutschen Sprachraum. Der Kontakt mit dem elsässisch-alemannischen Sprachraum ist zum Beispiel in der saarländischen Aussprache der „scht“-Formen gegen die „st“-Formen (z. B. „fescht“, „Luschd“, „hascht“, „bischt“, „muscht“ statt „fest“, „Lust“, „hast“, „bist“, „musst“) festzustellen. Im 14. Jahrhundert setzten von Osten her entlang der Straße Kaiserslautern-Metz umfangreiche sprachliche Neuerungen ein. Dabei wurde der Osten des Saarlandes aus dem bisherigen trierisch-lothringischen Sprachverband gelöst, umgestaltet und zunehmend in den pfälzischen Raum eingebunden. Dabei hat sich in einem Zeitraum von etwa 1350 bis 1600 die heutige „dat/das-Linie“ herausgebildet. Seit der Industrialisierung wurde die Sprache im Saarland nicht mehr aus dem pfälzischen Raum beeinflusst, sondern durch die sich immer weiter verbreitende Schriftsprache.Wilhelm Will: Saarländische Sprachgeschichte (Beiträge zur Sprache im Saarland, 1), 2., unveränderte, mit neuer Einleitung von Hans Ramge versehene Auflage, Saarbrücken 1979.
Die Manifestation der Grenzlinien (z. B. der Verlauf der das-dat-Linie von Völklingen nach Nordosten) kann, neben anderen Gründen (wie z. B. der sog. Heimläufergrenze), auch aus konfessionsgeschichtlichen und politischen Gegebenheiten erklärt werden: Die rheinfränkischen Sprachgebiete des Saarlandes gehörten vor 1815 im Wesentlichen zu den protestantischen Herrschaften (z. B. der Grafschaft Saarbrücken und des Herzogtums Zweibrücken), während die moselfränkischen Teile maßgeblich vom katholischen Kurfürstentum Trier beeinflusst waren. Auch die Ensheim-Eschringer-Sprachinsel könnte auf derartige Gründe zurückzuführen sein, denn Ensheim gehörte seit dem Mittelalter dem einflussreichen Kloster Wadgassen, wobei es von Saarbrücker Gebiet umschlossen ist. Auch die Beobachtung, dass sich im Großraum Saarbrücken im 17. und 18. Jahrhundert der Dialekt vom moselfränkischen hin zum rheinfränkischen Einfluss veränderte, dürfte auf diese Gegebenheiten zurückzuführen sein.
Eine weitere Dialektgrenze macht sich nach Süden an der Heimläufergrenze fest: Nur jenseits davon war es den Bergleuten möglich, vor und nach der Schicht ihre Heimatdörfer noch zu Fuß zu erreichen. Dieses Gebiet hatte in der Zeit der industriellen Revolution eine eigene, vom übrigen Saarland abweichende Sprachentwicklung.
Wortschatz Beispiele
Standarddeutsch Saarländisch Rheinfränkisch Moselfränkisch ja jòò jòò nein nää nää, nään was? was?/hä? watt? wozu? for was?/fawas/ferwas? for watt?/fawatt?/fier wa(tt)? ich/mich/dich isch/misch/disch, aber auch: ich, mich, dich eisch/meisch/deisch, ësch/mësch/dësch du du, de (unbetont) dau, doo, de (unbetont) Hallo, wie geht es dir, was macht die Familie/Arbeit/der Beruf etc.? – Mir geht es gut, danke der Nachfrage, und selbst? Unn? – Jò, unn du/unn selbschd?/ unn selwer? Onn? – Jó, unn selwat? Kartoffeln Grumbeere/Grumbiere/Grombeere Grompern/Grumbern/Krumpern/Grommberde Karotten Gellerriewe Gellreiwen Erkältung Freck Freck Hosenträger Galljäh Galljäh, Gallierr, Gallien Regenrinne Kannel, Kandel Kaandel, Käänell, Kundel, Kòndel lernen, lehren lehre leeren, lieren ausleihen, verleihen lehne, faleihe, verlehne, velehne leehnen, verleehnen, leïhnen (etwas) verstecken, (mich) verstecken (ebbes) verschdobbele/vaschdobbele, (misch) verschdegge(le)/veschdegge(le) verstoppen/verstoppeln sich fürchten graule graulen, ferten hässlich, unansehnlich schròò schròò schnell dabba siër / dapper, siehr jetzt erst recht grad selääds („gerade zuleide“) grad selääds, express die Nase voll haben, traurig/niedergeschlagen sein die/de Flemm hann, schnibbisch sin de Flemm hann/hunn schau mal da lu/gugg mòòl/emòòl dòò, gugg e mòòl dòò l(o)u mò lòò, l(o)u mò lei Siffiger, hässlicher Mensch Pootsche/Pootche Babbich Kerschdche
Besonderheiten
holle und nemme Viele Saarländer verwenden meistens das Wort holle/hole (‚holen‘) statt des Wortes nemme (‚nehmen‘). Nehmen wird in weiten Teilen des Saarlandes fast völlig von holen ersetzt oder kommt nur noch in Verbindung mit Vorsilben (abnemme, mitnemme, im Moselfränkischen auch dort nicht mehr: aafhollen, mëdhollen) vor. Dies hat sich auch in der (hochdeutschen) lokalen Umgangssprache niedergeschlagen, so sagte auch der Saar-Politiker und Bundesminister (des Auswärtigen) Heiko Maas in einem Tagesschauinterview „Für so eine Entscheidung muss man sich eben genug Zeit holen“ (statt „Zeit nehmen“).
Beispiele Isch holl mei Medizin (Ich nehme meine Medizin), auch: Ich hòòl mei Medizin Holl’s dà nur (Nimm es dir ruhig), auch: Hòòl’s dà nor Isch hann abgeholl (Ich habe abgenommen, auch: Ich hann abgenomm) Isch holl mir’s Lëwwe/Lääwe (wörtlich: Ich nehme mir das Leben, eigentlich: Ich überanstrenge mich), auch: Ich hòòl ma’s Lääwe
Ei Ein häufig benutztes Füllwort ohne direkte Bedeutung ist das Wort Ei. Es wird oft, ähnlich wie das englische well, bei Antworten am Satzanfang benutzt und ist nicht bzw. bedingt mit "also" übersetzbar ('Ei dann' = 'Also dann'). Insbesondere markiert es auch Antworten bei nacherzählten Dialogen und dient als Denkpause vor der eigentlichen Antwort.
Beispiele Eijò (oder langgezogen, um für Nachdruck zu sorgen: Eijòòò)!/Ei jò!/Ei sëscher! (Ja, gewiss!) Ei isch gehn emmòòl gugge (Ich sehe (also) mal nach) Un dann hann isch’s gefròòt, ob’s noch Luschd hätt. – Ei nää! (Dann fragte ich sie, ob sie noch Lust habe. – Nein!)
Abweichende Ortsbezeichnungen Viele Ortsnamen werden stark abweichend von der offiziellen Schreibweise ausgesprochen.
Beispiele
Altroff (Niedaltdorf) – die Form -truff oder -troff für Orte, die im Hochdeutschen auf -dorf enden, setzt sich über die Landesgrenze nach Lothringen fort und ist dort in die offizielle Schreibweise der Ortsnamen eingegangen: Grosbliederstroff u. v. m. Bätschbach (Bexbach) Bedofingen (Neuforweiler) Berweld (Bierfeld) Bräwadd (Breitfurt) Daarle (Saarbrücken St. Arnual) Däschdersch (Dörsdorf) Dengmat oder Dingmat (St. Ingbert) Friddrisdaal (Friedrichsthal) Häschbre (Hasborn) Honzert (Honzrath) Hoob (Hoof) Kaltnaggisch (Herrensohr) Kaschdel (Blieskastel) Kerbrich (Kirrberg) Mäbinge (Marpingen) Moolschd (Malstatt) Ortsteil von Saarbrücken Neinkerje (Neunkirchen) Sietzert (Sitzerath) Wiwwelskeije (Wiebelskirchen)
Orte, die im Namen ein „-weiler“ am Ende tragen (Ottweiler, Landsweiler etc.), werden -willer/-willa ausgesprochen (Ottwilla, Landswilla). Im benachbarten Lothringen findet man die Aussprache „-willer“ oft als offiziellen Ortsnamen vor.
Die abweichende Aussprache der offiziellen Ortsnamen erstreckt sich auch auf Ortsbezeichnungen in grenznahen Gebieten von Rheinland-Pfalz, mit denen ein Dialektkontinuum besteht:
Baamella (Baumholder) Laùätre oder Laut(e)re (Kaiserslautern) Sóuschett (Grimburg) Zweebrigge (Zweibrücken)
Herkunftsbezeichnungen auf -a Die Herkunftsbezeichnungen der Einwohner von Orten, die auf -en (im Dialekt -e) enden, werden im Saarland meist mit -er (Dialekt: -a) gebildet, während im Hochdeutschen die Endung -ener üblich ist.
Beispiele Dialekt: Saarbrigge → Saarbrigga Hochdeutsch: Saarbrücken → Saarbrücker (vergleiche auch Saarbrücker Zeitung) Dialekt: Neinkeije → Neinkeija Hochdeutsch: Neunkirchen (Saar) → Neunkircher (und nicht Neunkirchener)aber: Neunkirchen/Nahe → Nin(g)keier – Neinkirier analog Dillingen, Zweibrücken, Pachten und so weiter. aber: Roden → Rodena Tholey – Tholer nicht Tholeyer Hasborn – Häschber nicht Hasborner Berweller – Bierfelder
Ausnahmen Die Regel wird nicht auf Orte außerhalb des rhein-moselfränkischen Dialektgebietes angewendet, in deren Region die -ener-Regel gilt; auch im Dialekt heißt es daher Dresd(e)na (Dresdner) oder Minsch(e)na (Münchner), jedoch heißt es auch Erlanga (Erlanger) oder Brema. Mit anderen Worten – es gilt die Bildungsregel an dem Ort, von dem die Rede ist: Bremer heißen überall Bremer, Münchner heißen überall Münchner und Saarbrücker heißen überall Saarbrücker.
Hang zum Diminutiv Ähnlich wie in anderen Dialekten ist die Neigung zu häufiger Verwendung des Diminutivs.
Vor- und Familiennamen Wie in anderen süddeutschen Dialekten werden (vor allem von älteren Dialektsprechern) dritte, also nicht anwesende Personen in der Regel mit vorangestelltem Familiennamen benannt: „De Meier Kurt“, „Meiersch Hilde“. Zu beachten ist, dass auch bei verheirateten Frauen der Geburts- bzw. Mädchenname als Geschlechtername verwendet wird. Frau Hilde Becker geb. Meier ist bis an ihr Lebensende „Meiersch Hilde“, da sie aus Familie Meier stammt, und nicht „Beckersch Hilde“.
Französischer Einfluss
Das Saarland war jahrhundertelang ein Spielball der Interessen zwischen Deutschland (Preußen, Bayern u. a.) und Frankreich. Neben einigen französischen Ortsnamen stammen aus dieser Zeit auch Einflüsse auf das saarländische Vokabular.