mini|Logo des HIS Das 1984 gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) ist eine unabhängige sozialwissenschaftliche und zeitgeschichtliche Forschungsstätte, die von einer Stiftung gleichen Namens getragen wird. Das Institut konzentriert sich in den vier Forschungsgruppen „Demokratie und Staatlichkeit“, „Makrogewalt“, „Monetäre Souveränität“ und „Rechtssoziologie“ auf den Dialog vor allem geisteswissenschaftlicher Disziplinen im Bereich empirischer Sozialforschung, historischer Analyse und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung.Internetseite des Hamburger Instituts für Sozialforschung, abgerufen am 10. Januar 2016.

Zum HIS zählen ferner der Verlag Hamburger Edition, die sechsmal im Jahr erscheinende Zeitschrift „Mittelweg 36“, ein Archiv und eine Bibliothek. Vom HIS wird auch die unabhängige Internetplattform Soziopolis betrieben, die mit den dort veröffentlichten Essays, Buchrezensionen und Fachdebatten mittlerweile zu einem wichtigen Forum der deutschsprachigen Sozialwissenschaften geworden ist. Neben Publikationen tritt das Institut mit Konferenzen, Tagungen und Veranstaltungen an die Öffentlichkeit.

Am 2. April 2015 trat der Göttinger Soziologe Wolfgang Knöbl die Stelle als Direktor des HIS an., Presseinformation des HIS vom 23. Februar 2015. In der Leitungsrolle löste er damit Jan Philipp Reemtsma ab, der sich nach 30 Jahren zurückzog.Reemtsma verabschiedet sich mit Gewalt-Vortrag, Deutschlandradio Kultur vom 5. Juni 2015, abgerufen am 12. Juni 2015.

Reemtsma kündigte im Januar 2024 überraschend an, das HIS 2028 schließen zu wollen, wenn die Amtszeit von Knöbl endet.

Geschichte Anfänge Jan Philipp Reemtsma gründete das HIS 1984 in Hamburg mit Mitteln aus seinem Erbe und gehörte von der Gründung bis Ende März 2015 dem Vorstand geschäftsführend an. Im Gründungsjahr erschien eine erste programmatische Institutsschrift.Hamburger Institut für Sozialforschung 1984, (Hamburg) 1984. Neben Reemtsma lieferten Helmut Dahmer, Ernest Mandel, Margarete Mitscherlich-Nielsen, Jakob Moneta und Alice Schwarzer Beiträge zu dieser Schrift; diese fünf Autoren bildeten bis 1987 den Beirat. Ein Institutsziel war und ist es, aufklärendes Denken über Gesellschaft und Individuum zu fördern.Tom Schimmeck: Zögling und Erbe. Jan phil. Reemtsma, in TransAtlantik 1/1985. Anfangs befand sich das HIS im Laufgraben 37 in Hamburg-Rotherbaum, 1986 erfolgte der Umzug in den Mittelweg 36 im selben Stadtteil.

Zunächst förderte das HIS nur Einzelprojekte und orientierte sich in theoretischer Hinsicht an der analytischen Sozialpsychologie. Das sei ein Irrweg gewesen, meinte der Institutsgründer später.Heide Soltau: Von Marx bis Migrationsforschung, Deutsche Welle, 9. Juni 2009 (Abruf am 11. September 2014). Rückblickend gelten die frühen Jahre des Instituts als „chaotisch“.Das Orakel vom Mittelweg – das Hamburger Institut für Sozialforschung feiert 25. Geburtstag. Radiosendung in der Reihe IQ – Wissenschaft und Forschung von Bayern 2, 8. Juli 2009. Im akademischen Milieu wurde das HIS zunächst belächelt, es galt dort als „Liebhaberei eines Fachfremden, eines Millionärs […]. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert“.Wolfgang Bonß in Das Orakel vom Mittelweg – das Hamburger Institut für Sozialforschung feiert 25. Geburtstag. Radiosendung in der Reihe IQ – Wissenschaft und Forschung von Bayern 2, 8. Juli 2009.

Ausstellungen zu Wehrmachtverbrechen Der breiten Öffentlichkeit wurde das Institut durch seine „Wehrmachtsausstellung“ bekannt – die beiden viel beachteten Wanderausstellungen zur Beteiligung der Wehrmacht an NS-Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges in der Sowjetunion und auf dem Balkan.Zur Bedeutung der Wehrmachtsausstellungen für das HIS siehe beispielsweise Irene Armbruster: Willkür am Mittelweg. Das von Jan Philipp Reemtsma gestiftete HIS ist aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegzudenken, in: Aufbau, Februar 2011, S. 25–27. Die erste Ausstellung mit dem Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ wurde im März 1995 eröffnet. Zunächst war die „Wehrmachtsausstellung“ nur als kleinere Ausstellung neben einer größeren vorgesehen.Titel: 200 Tage und 1 Jahrhundert. Sie thematisierte die Zeit und die Hoffnungen zwischen der Befreiung von Auschwitz (27. Januar 1945) und dem Tag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg. Siehe zum Beispiel Dieter Scholz: Welt- und Heimatgeschichte der Gewalt, in Kritische Berichte Bd. 23, Nr. 4 (1995), S. 78–82. Sie löste beim Publikum und in den Medien jedoch rasch intensive Debatten aus. Am 13. März 1997 befasste sich auch der Deutsche Bundestag mit der Ausstellung,Protokolle der Debattenbeiträge, hier S. 14708–14730 (Abruf am 11. September 2014). ebenso einige Landesparlamente.Siehe Wehrmachtsausstellung: Viele Feinde, viele Freunde, eine Denkpause vier Jahre auf Reisen, in: Der Tagesspiegel, 15. November 2000 (Abruf am 6. September 2014). Nachdem Kritik unter anderem an falschen Angaben zur Zuordnung einiger der gezeigten Fotos aufkam, zog das HIS diese Ausstellung Ende 1999 zurück. Eine Historikerkommission überprüfte die Vorwürfe und stellte fest, die Kritik an der Ausstellung sei zumindest in Teilen berechtigt. Die Ausstellung enthalte „sachliche Fehler“, „Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten bei der Verwendung des Materials“ und „allzu pauschale und suggestive Aussagen“. Die Kritik an der Zuordnung der Bilder sei jedoch für weniger als 20 von 1433 Fotos berechtigt.Anne Lena Mösken: „Die Täter im Blickpunkt“. Neue Erinnerungsräume in den Bildern der Wehrmachtsausstellung, in: Inge Stephan, Alexandra Tacke (Hrsg.): NachBilder des Holocaust, Böhlau, Köln [u. a.] 2007, S. 235–253, hier S. 238, ISBN 3-412-22506-1. Das HIS konzipierte daraufhin eine neue Ausstellung zum Thema, die mit dem Titel „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944“ von 2001 bis 2004 gezeigt wurde. Der Historiker Hans-Ulrich Thamer urteilte rückblickend, die Präsentation habe einen „Bewusstseinswandel“ in Deutschland bewirkt; sie habe „die Legende von der sauberen Wehrmacht zerstört“.Zitiert nach Millionär Jan Philipp Reemtsma wird 60, in: Rheinische Post online, 25. November 2012 (Abruf 11. September 2014).

Frühere Forschungsschwerpunkte Von 1992 bis 1997 gab es vier Themenbereiche, in denen geforscht wurde, von 1997 bis 2012/2013 waren diese Tätigkeiten in dreiDer Bereich „Wissenschaft und Kritik“ wurde im September 1997 aufgegeben. Siehe Projekte, Veranstaltungen, Veröffentlichungen 1996–1999, Hamburger Institut für Sozialforschung, Dezember 1997, S. 47. Arbeitsbereichen organisiert: „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ (Leitung Heinz Bude), „Nation und Gesellschaft“ (Leitung Ulrich BielefeldZu seinen Forschungstätigkeiten und Publikationen siehe die auf der Website des HIS (Abruf am 22. August 2014).) und „Theorie und Geschichte der Gewalt“ (Leitung Bernd Greiner).Angaben zu den Forschungsbereichen und Leitungen nach Harald Welzer: Die Impulsgeber. Das Hamburger Institut für Sozialforschung feiert seinen 25. Geburtstag, in: Jüdische Allgemeine, 2. Juli 2009.

Insbesondere die Holocaust- und die Genozidforschung erfuhren durch Beiträge des HIS Impulse. Dazu zählen Michael Wildts Arbeit über das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamts,Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition, Hamburg 2002, ISBN 3-930908-75-1. Gudrun Schwarz’ Studie über Ehefrauen von SS-MännernEine Frau an seiner Seite. Ehefrauen in der „SS-Sippengemeinschaft“, Hamburger Edition, Hamburg, 1997, ISBN 978-3-930908-32-5., Ulrike Jureits Untersuchung über „das Ordnen von Räumen“Das Ordnen von Räumen. Territorium und Lebensraum im 19. und 20. Jahrhundert, Hamburger Edition, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86854-248-6. sowie Alison Des Forges’ Darstellung des Völkermords in Ruanda, die in der Hamburger Edition in deutscher Übersetzung erschien.Die Studien von Wildt, Schwartz und Des Forges werden genannt bei Harald Welzer: Die Impulsgeber. Das Hamburger Institut für Sozialforschung feiert seinen 25. Geburtstag, in: Jüdische Allgemeine, 2. Juli 2009. Zu Jureit siehe David Kuchenbuch: Rezension zu: Jureit, Ulrike: Das Ordnen von Räumen. Territorium und Lebensraum im 19. und 20. Jahrhundert. Hamburg 2012, in: H-Soz-u-Kult, 29. Mai 2014.

Welche Formen das „Erbe der Gewalt“ des Zweiten Weltkriegs im Kalten Krieg annahm, war Gegenstand eines umfassenden Forschungsprojekts am HIS. In diesem Rahmen organisierte das Institut zwischen 2003 und 2011 eine achtteilige Konferenzabfolge, in der Hamburger Edition erschienen von 2006 bis 2013 unter dem Reihentitel „Studien zum Kalten Krieg“ sechs Sammelbände. auf der Website des HIS (Abruf am 9. September 2014).

Seit Ende der 1990er Jahre forscht das HIS unter anderem zu Fragen der Exklusion, Prekarität und Wohlfahrtsstaatlichkeit. Zu diesen Themen fand eine Reihe von Tagungen statt, beispielsweise über „Ausgrenzung, Entbehrliche, Überflüssige“ (Februar 2000), auf der Website des HIS (Abruf am 26. September 2014). über „Dimensionen und Perspektiven der Prekaritätsforschung“ (April 2012) auf der Website des HIS (Abruf am 26. September 2014). oder über „Arbeiten im Jobcenter. Zwischen Anforderung und Überforderung“ (Mai 2013). auf der Website des HIS (Abruf am 26. September 2014). Eine Reihe von Büchern präsentierte entsprechende Forschungsergebnisse, zum Beispiel Heinz Budes Analyse sozial AusgeschlossenerDie Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, Carl Hanser Verlag, München 2008, ISBN 978-3-446-23011-8. Siehe hierzu die Rezensionsnotizen auf Perlentaucher (Abruf am 26. September 2014). oder Berthold Vogels Untersuchung über Wohlstandskonflikte.Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen, Hamburger Edition, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86854-200-4. Siehe dazu die Besprechung in den WSI Mitteilungen 3/2010 (Abruf am 20. September 2014) sowie die Rezension im Archiv für Sozialgeschichte vom 20. Januar 2010 (Abruf am 20. September 2014). Das HIS beteiligt sich am Projekt „Hamburg – Stadt für alle“.Website des Projekts (Abruf am 10. September 2014). Die Zeitschrift Mittelweg 36 dokumentierte die Debatte zur Frage der Exklusion intensiv.Siehe dazu Hilde von Balluseck: Rezension vom 13. August 2009 zu: Heinz Bude, Andreas Willisch (Hrsg.): Exklusion. Die Debatte über die „Überflüssigen“. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M.) 2008. Orig.-Ausg., 1. Auflage. 335 Seiten. ISBN 978-3-518-29419-2. In: socialnet Rezensionen, (Abruf am 19. August 2014).

Zu den Kontroversen um die 68er-Bewegung und über linksterroristische Gruppierungen lieferte das HIS ebenfalls Beiträge, insbesondere durch die Arbeiten von Wolfgang Kraushaar. auf der Website des HIS (Abruf am 11. September 2014).

Von 2013 bis 2015 war die wissenschaftliche Arbeit in drei Forschungsgruppen organisiert: „Krise und Transformation von Imperien“, „Nachkriegszeiten“ und „Zukunftsproduktion“. Die Forschungsgruppe „Krise und Transformation von Imperien“ untersuchte die Anpassungsfähigkeit von Großreichen mit ihrer Gleichzeitigkeit von Teilhabeversprechen und Ungleichheit. Die Forschungsgruppe „Nachkriegszeiten“ fragte, wie Nachkriegsgesellschaften mit dem Erbe von Massengewalt umgehen und stabile Verhältnisse entstehen, obgleich soziale, wirtschaftliche, kulturelle und normative Vorkriegsgewissheiten infrage gestellt sind. Und die Forschungsgruppe „Zukunftsproduktion“ analysierte, wie in gegenwärtigen Gesellschaften Zukunft gedacht und produziert wird. Die Arbeiten dieser Forschungsgruppen sind mittlerweile abgeschlossen.