mini|Gedenktafel zur Erinnerung an die Rolle der Eugeniker bei NS-Verbrechen, Berlin
Die nationalsozialistische Rassenhygiene (oder NS-Rassenhygiene) war die zur Zeit des Nationalsozialismus betriebene Radikalvariante der Eugenik, damals auch ErbpflegeErnst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 21. genannt. Die praktische Umsetzung erfolgte ab 1935 im Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre („Blutschutzgesetz“) und dem Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes („Ehegesundheitsgesetz“) mit den darin festgelegten Eheverboten sowie im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses durch Zwangssterilisationen bei verschiedenen Krankheitsbildern und Zwangsabtreibungen bis hin zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ in der „Aktion T4“ sowie der so genannten „Kinder-Euthanasie“ im Rahmen der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus. Schließlich organisierte das NS-Regime europaweit unter dem verkleisternden Namen/Unwort der Endlösung den Massenmord an den europäischen Juden in den von der SS betriebenen Vernichtungslagern.
Die NS-Machthaber ermöglichten den Eugenikern/Rassenhygienikern in Deutschland eine radikalere Umsetzung ihrer Ideen, als dies ihren Kollegen zum Beispiel in Großbritannien, den USA oder Schweden möglich war. Die meisten schlossen sich dem Nationalsozialismus an. Von den bekanntesten Anthropologen, Humangenetikern und Rassenhygienikern der NS-Zeit, deren Personalakten im Berlin Document Center (BDC) lagern, waren mehr als 90 % Mitglieder der NSDAP, 36 % davon gehörten der SS und 26 % der SA an.Benoit Massin, Anthropologie und Humangenetik im Nationalsozialismus. In: Heidrun Kaupen-Haas, Christian Saller: Wissenschaftlicher Rassismus. Campus Verlag, 1999, ISBN 3-593-36228-7, S. 37.
Ideologische Grundlagen Begriff Rassenhygiene war ursprünglich der deutsche Begriff für Eugenik. Die Inhalte sind jeweils nicht eindeutig abgegrenzt, die Termini werden oft synonym gebraucht.
Der Begriff geht zurück auf den Arzt Alfred Ploetz, der ihn in seinem Buch Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen von 1895 erstmals als deutsches Synonym für Eugenik verwendete.
miniatur|hochkant=1.5|„Eugenik ist die Selbststeuerung der menschlichen Evolution“: Logo der zweiten Internationalen Eugenik-Konferenz, 1921Susan Currell, Christina Cogdell: Popular Eugenics: National Efficiency and American Mass Culture in The 1930s. Ohio University Press, Athens 2006, S. 203.
Die Bezeichnung Rassenhygiene deutet, beeinflusst vom modernen Rassismus, schon auf eine stärkere Gewichtung des Begriffes Rasse hin. Während sich die Eugenik ursprünglich die „Aufartung“, das heißt die Auslese gesunder und vermeintlich hochwertiger Erbanlagen, zum Ziel setzte und es dabei nicht um die Züchtung einer besonderen, etwa „arischen Rasse“, sondern vielmehr um die Entwicklung einer „Vitalrasse“, also einer „erbgesunden“ Menschheit, ging, fiel der Gedanke einer nordischen „Herrenrasse“ besonders in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Wissenschaftler, die sich wie der Arzt Wilhelm Schallmayer für einen neutraleren Begriff als den der Rassenhygiene aussprachen, konnten sich nicht durchsetzen. Schallmayer sprach von „Rassehygiene“ statt „Rassenhygiene“, um sich von der zunehmenden typologischen Verwendung des Rassenbegriffs abzugrenzen, die vor allem mit der in Mode gekommenen Rezeption Gobineaus zusammenhing. Schallmayer schlug auch Eugenik und Nationalbiologie (analog zu Nationalökonomie) vor.
Man unterscheidet zwischen positiver Eugenik oder positiver Rassenhygiene, also der vermeintlichen Verbesserung des Erbgutes durch züchterische Maßnahmen z. B. Förderung kinderreicher Familien, und negativer Eugenik oder negativer Rassenhygiene, das heißt der Beseitigung unerwünschtem Erbgutes aus dem Genpool einer Bevölkerung zugunsten zukünftiger Generationen.
Die Idee der Eugenik oder Rassenhygiene reicht weit zurück und ist ein nicht auf Deutschland beschränktes Phänomen. Ihre Anfänge liegen vor allem in England.
Grundlagen Eine wesentliche Grundlage der Rassenhygiene ist der Sozialdarwinismus. Er beruht auf der Übertragung zentraler Metaphern (struggle for life, auf Deutsch häufig mit „Kampf ums Dasein“ übersetzt) aus der von Charles Darwin entworfenen biologischen Evolutionstheorie auf die menschliche Gesellschaft. Darwin selbst war kein Sozialdarwinist; denn Eigenschaften wie der Altruismus werden von Darwins Evolutionstheorie unterstützt. Das eigentliche Konzept des Sozialdarwinismus stammt von Herbert Spencer. Spencer prägte auch den (häufig fälschlich Darwin zugeschriebenen) Begriff vom survival of the fittest („Überleben der Geeignetsten/am besten Angepassten“, fälschlicherweise auch „Überleben der Stärksten“). Während hieraus in Deutschland das Überleben der geeignetsten Rasse wurde, blieb es in Großbritannien das Überleben der geeigneten Individuen.Arnd Krüger: A Horse Breeder’s Perspective: Scientific Racism in Germany. 1870–1933. In: N. Finzsch, D. Schirmer (Hrsg.): Identity and Intolerance. Nationalism, Racism, and Xenophobia in Germany and the United States. University Press, Cambridge 1998, S. 371–396.
Im Jahr 1920 erschien die Schrift Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form von Karl Binding und Alfred Hoche,Karl Binding, Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung unwerten Lebens. Felix Meiner, Leipzig 1920 (2. Aufl. 1922). die über medizinische Fachkreise hinaus eine starke Wirkung auch auf Juristen und eine interessierte Öffentlichkeit ausübte. Bereits 1929 erklärte Adolf Hitler auf dem NSDAP-Parteitag in Nürnberg:
Einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung der Rassenhygiene-Ideologie hatte zunächst Houston Stewart Chamberlains rassistisches Hauptwerk Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, das von seiner Ersterscheinung 1899 bis 1944 24 Neuauflagen erlebte.U. Bermbach: Houston Stewart Chamberlain: Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker. S. 172 Weitere Vordenker aus der Zeit vor 1933 waren Ernst Haeckel (1834–1919), Alfred Ploetz (1860–1940), Alfred Hoche (1865–1934) und Karl Binding (1841–1920), Alfred Methner (1857–1933) sowie Fritz Lenz (1887–1976). Auch Hans F. K. Günther (1891–1968), der als „Rassengünther“ bekannt gewordene meistgelesene Rassentheoretiker der NS-Zeit, hat die Mehrzahl seiner einschlägigen Schriften – darunter etwa die Rassenkunde des deutschen Volkes und die Rassenkunde des jüdischen Volkes –, bereits in den 1920er Jahren veröffentlicht.
Eine ausführlichere Darstellung zu den Grundlagen der Rassenhygiene siehe unter Eugenik#Grundlagen
Vorgeschichte In einer geschichtlichen Gesamtbetrachtung kommt das Autorenteam Weingart/Kroll/Bayertz zu dem Schluss, dass die Mehrzahl der Eugeniker „nationalistisch, wenn nicht gar völkisch, rassistisch oder nationalsozialistisch“ gewesen sei.Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz, „Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland“, Suhrkamp 1988, S. 363. Die hinter der Rassenhygiene stehenden rassistischen Ideen sind allerdings nicht allein auf Seiten der völkischen Bewegung zu finden. Unter anderen Zielrichtungen finden sich rassenhygienische Ideen auch bei bürgerlichen, demokratischen, sozialistischen, sozialdemokratischen, liberalen oder christlichen Autoren. Grundlage ist vor allem die Sorge vor einer genetischen und kulturellen Degeneration bzw. „Entartung“ der Menschheit sowie die Neuordnung der Sexualität unter einem rationalistischen Dispositiv.
Rassenhygiene und Hitlers „Mein Kampf“ Hitler hatte sich während seiner Festungshaft in Landsberg am Lech intensiv mit der Rassenhygiene beschäftigt. Unter anderem las er den 2. Band des Werks Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene von Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz, also den von Lenz verfassten Teil Menschliche Auslese und Rassenhygiene. Ideen dieses Werkes gingen in Hitlers Mein Kampf ein, einige Passagen sind fast wörtlich übernommen. So lässt Hitler keinen Zweifel daran, dass er ein rigoroses anti-natalistisches Programm durchführen will: „Er“ [der völkische Staat] „muß dafür Sorge tragen, dass nur wer gesund ist, Kinder zeugt, dass es nur eine Schande gibt: bei eigener Krankheit und eigenen Mängeln dennoch Kinder in die Welt zu setzen […].“Adolf Hitler: Mein Kampf. 1924, S. 446. Von „Euthanasie“ ist in Mein Kampf keine Rede.
Lenz wiederum rezensierte Mein Kampf nach den Zugewinnen der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1930 in einem Artikel im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie.Fritz Lenz: Die Stellung des Nationalsozialismus zur Rassenhygiene. In: ARGB. Bd. 25, 1931, S. 300–308.
Lenz schrieb in der vierten Auflage des Standardwerkes Menschliche Erblichkeitslehre und RassenhygieneFritz Lenz: Menschliche Auslese und Rassenhygiene (Eugenik). In: Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene. Band II, München 1932, S. 416 f.:
Rassenhygiene im Nationalsozialismus
Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten miniatur|Ein „Informationsplakat“ aus der Ausstellung Wunder des Lebens 1935 in Berlin
Bis zur nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 verlief der Prozess der politischen Implementierung des rassenhygienischen Programms in Deutschland in denselben Bahnen wie in anderen westeuropäischen Staaten. Mit der Machtergreifung setzte jedoch ein Radikalisierungsprozess ein. Die Rassenhygiene hatte den Boden geebnet für die Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten.einen kurzen Überblick mit Quellen: Gerhard Honekamp. „Erbhege und Erbmerze“. Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik in: Geschichte lernen, Heft 93 (Mai 2003), S. 35–41
Der NS-Staat war sowohl an einer quantitativen als auch einer qualitativen Bevölkerungspolitik interessiert. Diese umfasste einerseits pro-, andererseits antinatalistische Maßnahmen, um Art und Umfang der Bevölkerung gemäß der NS-Rassenlehre zu steuern. Neben der Förderung des „erbgesunden“ und „arischen“ Nachwuchses sollte die Anzahl der vom Nationalsozialismus als erbkrank und nicht-arisch definierten Menschen durch „Ausmerzung“, Sterilisation und Verfolgung vermindert werden. Zu diesem Zweck wurden Gesetze erlassen und Behörden geschaffen, wie zum Beispiel die Erbgesundheitsgerichte oder die Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle.
Bereits seit 1933 sollte ein intensives Propagandaprogramm für Akzeptanz in der Bevölkerung bezüglich rassenhygienischer Maßnahmen sorgen. Neben Vorträgen und Schulungen in Krankenhäusern und psychiatrischen Anstalten, die Ärzte und Pflegepersonal für die neuen Aufgaben gewinnen und vorbereiten sollten, wurde die Bevölkerung durch Einsatz sämtlicher zur Verfügung stehender Medien zu manipulieren versucht. In Filmen wie Erbkrank und Opfer der Vergangenheit wurden Kranke mit Mördern in einen Topf geworfen und Behauptungen wie: „Das jüdische Volk stellt einen besonders hohen Hundertsatz an Geisteskranken“ aufgestellt. Durch Zeitschriften, Plakate, Kalender, bei Kundgebungen und im Schulunterricht wurde rassenhygienisches Gedankengut verbreitet.
Insgesamt blieb die deutsche Bevölkerung aber skeptisch, beschränkte sich der potenzielle Opferkreis – anders als bei der Politik gegen deutsche Juden – hier doch nicht mehr ausschließlich auf eine mehr oder weniger scharf umrissene Personengruppe, sondern konnte potenziell jeden miteinschließen.
Pronatalistische Politik