mini|Das palästinensische Dorf Khallit al-Dabe' vor der Zerstörung (2025). mini|Israelische Zerstörung des Dorfes Khallit al-Dabe' im September 2025. Die Häuserzerstörung im israelisch-palästinensischen Konflikt ist eine von Israel praktizierte Maßnahme, bei der palästinensische Wohnhäuser, öffentliche Gebäude, landwirtschaftliche Anlagen und zivile Infrastruktur gezielt abgerissen werden. Diese Praxis wird sowohl in von Israel besetzten Gebieten als auch innerhalb des israelischen Staatsgebiets angewandt. Israel teilt die Zerstörungen in drei Formen ein: administrative Abrisse, strafende bzw. abschreckende Abrisse sowie militärische Zerstörungen.

Bis zum Jahr 2022 wurden über 55.000 palästinensische Gebäude zerstört; seit dem Gaza-Krieg 2023 über 2000, außerdem kommt es zu weiteren massiven Abrisswellen, unter anderem im palästinensischen Westjordanland. Darüber hinaus werden palästinensische Gebäude auch innerhalb Israels abgerissen, wobei insbesondere Beduinen- und drusische Gemeinden betroffen sind. Die Abrisse erfolgen systematisch auf Grundlage staatlicher Anordnungen und betreffen Eigentum palästinensischer Individuen und Gemeinschaften.

Während Israel die Zerstörung der Häuser als konfliktbedingt oder aus Sicherheitsgründen notwendig bezeichnet, weisen Menschenrechtsorganisationen wie z. B. das Israelische Komitee gegen Hauszerstörungen (ICAHD), Amnesty International,Amnesty International: Israel and the Occupied Territories: Under the rubble: House demolition and destruction of land and property. Report MDE 15/033/2004 UN-Organisationen und Menschenrechtsorganisationen sowie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz die Darstellungen der israelischen Armee zurück und dokumentieren zahlreiche Fälle, in denen diese nach ihrer Bewertung nicht zutreffen. Sie führen die Zerstörungen stattdessen auf Kollektivstrafen sowie auf die Annexion palästinensischen Landes zurück und kritisieren sie somit als Kriegsverbrechen nach internationalem Recht, insbesondere im Zusammenhang mit der israelischen Sperranlage im Westjordanland sowie der Errichtung oder Ausweitung völkerrechtswidriger israelischer Siedlungen.

Rechtsgrundlagen und Fallgruppen In den israelisch besetzten Gebieten und in Israel selber gibt es drei Rechtsgründe für die Zerstörung von Häusern:

Fehlende Baugenehmigung Dies betrifft ausschließlich Gebiete, die nicht von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet werden (Zone C, etwa 60 % der Palästinensischen Autonomiegebiete). Häuserabrisse aufgrund fehlender Baugenehmigungen betreffen Juden und Araber gleichermaßen.Markus Rosch: tagesschau.deJewish settlers clear the rubble of a demolished house in the settlement of Mizpe Yitzhar, near the West Bank city of Nablus, Thursday, Dec. 15, 2011. Israeli security forces demolished two structures in an unauthorized Jewish settlement outpost in the West Bank. (AP Photo/Sebastian Scheiner) Teilweise werden geplante Abrissarbeiten jedoch gestoppt. So plante die Jerusalemer Stadtverwaltung im Juni 2010, in dem Vorort Silwan 22 Häuser zu zerstören, um Platz für einen Park zu machen, was zu großen Spannungen innerhalb Jerusalems führte und in einer Verurteilung seitens Washingtons und der Vereinten Nationen resultierte. Auch Beduinen im Negev sowie im Jordantal sind verstärkt mit Hauszerstörungen konfrontiert, weil sie oftmals ohne Genehmigungen auf ihrem als Weideland deklarierten Land bauen, statt in teils eigens für sie geplante Städte wie das 1989 errichtete Hura zu ziehen. Seit den 70er Jahren übt Israel laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem Druck auf die Beduinen im Jordantal aus, ihr Land zu verlassen. Bei der Zerstörung mehrerer Häuser im Beduinendorf Umm al-Ḥīrān am 18. Januar 2017 tötete ein Beduine einen Polizisten und wurde anschließend von Sicherheitskräften getötet.Zwei Tote bei Protesten in Beduinendorf, Israelnetz am 19. Januar 2017 Israel weist darauf hin, dass es Zerstörungen von Schwarzbauten in allen Rechtsstaaten gibt. Kritisiert werden aber die Umstände, die dazu führen: Verweigerung von Baugenehmigungen oder nachträglichen Legalisierungen.

Aus Sicherheitsgründen Weil Gebäude zu nahe an von Israelis benutzen Straßen oder Siedlungen liegen oder für den Bau der israelischen Sperranlagen kann die Armee die Beseitigung bestehender Häuser beantragen. Dafür ist ein behördliches Verfahren notwendig. Auch diese Art der Enteignung ist in anderen Staaten möglich, es gibt keine Entschädigungen für die Bewohner. So gab es zum Beispiel regelmäßig Anträge, sehr alte palästinensische Gebäude an der Straße in Hebron abzureißen, die an dem Weg liegen (Worshippers' Way), den die Siedler von Kirjat Arba zur Grotte der Patriarchen nehmen.

Als Strafmaßnahme Unter Anwendung eines alten Gesetzes aus der britischen Mandatszeit werden Häuser, von denen aus Angriffe auf Israelis erfolgten, zerstört. Es genügt aber auch, dass ein Angreifer oder Attentäter dort wohnte. Da arabische Familien groß sind und mehrere Generationen zusammen in einem Haus wohnen, sind dadurch oft viele Personen betroffen. Israel rechtfertigt dies moralisch mit dem Vergleich, dass auch bei einer Haftstrafe eines Familienerhalters Unschuldige leiden, weil sie dann kein Familieneinkommen mehr hätten. Andererseits soll diese Maßnahme auch der Abschreckung von Attentätern dienen. Rechtsgrundlage der Maßnahme ist aus israelischer Sicht die britische Mandats-Notstandsverordnung Regulation 119 aus dem Jahre 1945. Nachdem mit Ende des Zweiten Weltkrieges die Gewalt im Völkerbundsmandat Palästina wieder eskalierte, erließ Großbritannien als verantwortliche Schutzmacht diese Verordnung, um so ein Mittel zur Eindämmung des Konflikts zu haben. Die Briten machten aber nur in geringem Umfang Gebrauch davon. Der Abzug der Briten 1948 gestaltete sich wenig planvoll: Zwar wurde Regulation 119 aufgehoben, doch man unterließ die Verkündung der Aufhebung im Amtsblatt. 1987 vertrat das britische Außenministerium in einem Schreiben an Israel die Auffassung, dass Regulation 119 aufgehoben worden sei. Israel vertritt hingegen die Ansicht, dass die Rechtsänderung zu ihrer Wirksamkeit der Bekanntmachung bedurft hätte, und wendet die Vorschrift daher weiter an. Gedeckt sei diese durch den Artikel 53 der Ersten Genfer Konvention von 1949, die die Zerstörung von Gebäuden aus militärischer Notwendigkeit erlaubt. Verboten ist sie allerdings nach der Vierten Genfer Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung, soweit diese Notwendigkeit nicht gegeben ist. Die Zerstörung ist nach deren Artikel 33International Humanitarian Law: Convention (IV) relative to the Protection of Civilian Persons in Time of War. Geneva, 12 August 1949 insbesondere dann unzulässig, wenn dabei unbeteiligte Dritte bestraft werden. Israel hält aber diese Konvention für die besetzten Gebiete nicht anwendbar, weil es sich dabei nicht um das Gebiet eines anderen Staates handele. Jordanien hat 1988 seine umstrittenen Ansprüche auf die Westbank aufgegeben, der Gazastreifen war seit Teilung des Mandatsgebietes staatenlos, die Autonomiegebiete selbst gelten nicht als Staat. Zudem seien sämtliche Hauszerstörungen „militärisch notwendig“.

Organisatorischer Ablauf mini|Durch israelische Sicherheitskräfte zerstörtes palästinensisches Haus Die Zerstörung als Strafmaßnahme erfolgt unabhängig von einer (militär)gerichtlichen Verurteilung. Der entsprechende Bescheid wird von der Armee ohne Anhörung ausgestellt. Die Zerstörungen erfolgen oft unmittelbar nach der zu vergeltenden Tat, lange vor einem Strafverfahren gegen den Täter. Meist erscheinen bereits am nächsten Tag Pioniere der Armee, um das Haus für die Planung der Sprengung bzw. Zerstörung zu vermessen. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht einmal die Anklage erfolgt. Das Prinzip der Unschuldsvermutung wird nicht beachtet. Im November 2018 verfügte die Armee die Zerstörung des Elternhauses von Ashraf Naawla, der zu diesem Zeitpunkt nach einem Anschlag mit zwei Toten als mutmaßlicher Täter immer noch auf der Flucht war. Die tatsächliche Zerstörung erfolgte allerdings erst einen Monat später, unmittelbar nachdem der Verdächtige gefunden und getötet worden war.IDF Begins Demolishing Home of Barkan Factory Attack Assailant, Haʾaretz, 17. Dezember 2018

Inzwischen gibt es die Möglichkeit, ein Rechtsmittel gegen die Zerstörungen einzulegen – die Anrufung des Obersten Gerichtshofs. Dazu wird zuerst eine Vorverständigung mit einem Termin ausgehändigt bzw. am Haus angebracht. Bei der Zerstörung als Strafmaßnahme ist eine Berufung selten erfolgreich, in anderen Fällen gibt es manchmal zumindest eine Verzögerung.Israel issues punitive demolition order for Palestinian family, Ma´an am 6. November 2018.

Der Einspruch wird von einem dreiköpfigen Richterkollegium behandelt, das nach dem Mehrheitsprinzip entscheidet. Manchmal geht es bei der Verhandlung darum, ob es notwendig sei, das gesamte Haus oder nur einzelne Wohnungen zu zerstören, sofern das technisch möglich ist.

Erfolgt kein Einspruch bzw. wird einem solchen nicht stattgegeben, erfolgt die Zerstörung durch die Armee – meist in den frühen Morgenstunden, wofür das betroffene Gebiet zuvor weiträumig abgeriegelt und zur militärischen Sperrzone erklärt wird.

Technische Durchführung mini|Für IDF modifizierter Caterpillar D9R Nachdem zunächst Sprengung bevorzugtes Mittel der Durchführung war, ging man ab 1993 zur Zerstörung mit Bulldozern über, da dadurch Nachbargebäude nicht beeinträchtigt wurden. Unter dem Einfluss von Gerichtsentscheidungen werden in den letzten Jahren bei Mehrfamilienhäusern oft nur die betroffenen Wohnungen beispielsweise durch eine Betonversiegelung unbewohnbar gemacht.

Zeitliche Abfolge Nach Angaben des „Israelischen Komitees gegen Hauszerstörung“ hat Israel seit Beginn der Besatzung 1967 etwa 12.000 palästinensische Häuser in Ost-Jerusalem und den Palästinensischen Gebieten zerstört, darunter 740 während des Oslo-Friedensprozesses.Johannes Zang: Fließende Grenzen zwischen Widerstand und Terror. In: Das Parlament 36/2006,

Erste Intifada In der Ersten Intifada wurden bis Ende 1991 mehr als 300 Wohnungen zerstört oder versiegelt. Das machte rund 2.000 Personen obdachlos.David McDowall: The Palestinians. Minority Rights, London 1995, ISBN 1-873194-90-0, S. 101

Die Zerstörungen erfolgten in der ersten Zeit kurz nach der Identifizierung und Festnahme einer Person ohne juristisches Verfahren, noch vor einer Gerichtsverhandlung, wo es dann erst zur eigentlichen (oft nur geringfügigen) Bestrafung, aber auch zum Freispruch gekommen ist. Betroffen waren auch völlig Unschuldige wie die Vermieter und Nachbarn, da die Zerstörung der Häuser mit minimaler Vorwarnzeit (die Bewohner mussten die Gebäude innerhalb weniger als einer Stunde räumen) und ohne Rücksicht auf die Umgebung durch Sprengen erfolgte.The worst few seconds of my life, Yusif Al-Hiraymi

Zweite Intifada In der Zweiten Intifada kam es zu einem Automatismus bei der Zerstörung der Häuser von Selbstmordattentätern, der die Familien veranlasste, ihre Wohnungen unmittelbar nach einem Anschlag eines Familienmitgliedes komplett zu räumen, sogar Fenster und Türen wurden dabei ausgebaut. In den ersten Jahren gab es Entschädigungszahlungen der Autonomiebehörde und anderer Organisationen und Staaten. Dann verhinderte Israel erfolgreich diese Geldflüsse (Einstellung der israelischen Transferzahlungen an die Autonomiebehörde, Überwachung des palästinensischen Bankenwesens, Beschlagnahme von Geldern auf verdächtigen Konten) und Entschädigungen kamen nicht mehr an. In der Folge waren auch immer mehr Familien bereit, ihre Kinder vor einem geplanten Attentat anzuzeigen. Trotzdem hat eine israelische Kommission festgestellt, dass eine ausreichende Abschreckungswirkung nicht gegeben ist, und darauf verkündete der Generalstabschef Mofaz am 18. Februar 2005 einen Stopp der automatischen Zerstörung von Häusern nach Selbstmordanschlägen.New York Times: Israel Halts Decades-Old Practice Of Demolishing Militants' Home. 18. Februar 2005