mini|hochkant=1.5|Hauptsiedlungsgebiete der Tscherkessen in Kaukasien. Westliche Gebiete in Adygeja gelten in Russland offiziell als Titularnation „Adygejer“, Schriftsprache: Westtscherkessisch (Adygeisch); östliche Gebiete: Titularnation „Kabardiner“ in Kabardino-Balkarien, Schriftsprache: Osttscherkessisch (Kabardinisch); mittleres Gebiet: Titularnation „Tscherkessen“ in Karatschai-Tscherkessien, Schriftsprache: ebenfalls Kabardinisch.
Die Tscherkessen oder auch Zirkassier sind ein kaukasisches Volk, dessen Angehörige sich selbst Adyge nennen, wovon wiederum die Bezeichnung Adygejer abgeleitet ist. Die Tscherkessen waren an der Namensgebung der russischen Republiken Adygeja, Karatschai-Tscherkessien und (über die Untergruppe der Kabardiner) Kabardino-Balkarien beteiligt.
Nach der Volkszählung von 2021 leben in Russland rund 750.000 Tscherkessen. Infolge des Kaukasuskrieges lebt seit 1864 die große Mehrheit der Tscherkessen oder der Menschen tscherkessischer Herkunft in der Diaspora in Staaten des Nahen Ostens und des Balkans, einige von ihnen wanderten in jüngerer Zeit auch in weitere Länder aus. Die größten Gruppen bilden die Tscherkessen in der Türkei, in Syrien und Jordanien. Schätzungen ihrer Anzahl reichen von knapp drei bis über vier Millionen Menschen. Von ihnen spricht nur noch eine Minderheit tscherkessische Dialekte. Diese gehören zur nordwestkaukasischen Sprachfamilie, die seit einigen Jahrtausenden im westlichen Kaukasus vorkommt, und sind dem ausgestorbenen Ubychischen und dem einander näher stehenden Abchasischen und Abasinischen verwandt. Ob sie mit dem altorientalischen Hattischen aus Anatolien verwandt sind, ist umstritten.
Mangels zuverlässiger Quellen ist nicht geklärt, wie sich die tscherkessischen Stämme aus vorherigen Stammesverbänden bildeten. Die Fremdbezeichnung Tscherkessen tauchte im 14. Jahrhundert in Beschreibungen auf. Seit dieser Zeit entwickelten sie sich zur zahlreichsten und politisch dominierenden Volksgruppe des westlichen und zentralen Nordkaukasus. Damals waren einige Tscherkessen auch als Herrscher, Militärs, Beamte oder als Mütter von Herrschern im Osmanischen Reich, in Ägypten, Persien und Russland bedeutend. Tscherkessische Schriftsprachen und mehrere autonome Gebiete entstanden aber erst in der Sowjetunion. Seit deren Ende bildet sich ein international vernetztes Verbandswesen aus tscherkessischen Vereinen der Diaspora und des Kaukasus.
Während der russischen Invasion Tscherkessiens kam es zum Tscherkessischen Völkermord. Bei der damit verbundenen Deportation im Jahre 1864 wurden fast 90 Prozent der Tscherkessen, zwischen 625.000 und 1,5 Millionen, vertrieben. Sie endete mit der Annexion Tscherkessiens. Mehrere zehntausend bis maximal 100.000 Vertriebene kamen dabei um.
Ihr Gewohnheitsrecht (Adat) ist das Adyge Chabse, das die gesamte Tradition regelte. Vor 1864 war es das wichtigste nordkaukasische Adat, das auch die Nachbarvölker beeinflusste und am meisten erforscht wurde. Die tscherkessische Identität ist bis heute besonders mit dem Adyge Chabse verbunden.
Namen Die Herkunft der Fremdbezeichnung „Tscherkessen“ oder englisch „Circassians“ ist umstritten. Sie taucht im 14. Jahrhundert etwa gleichzeitig in den Quellen als , und bei Kaufleuten aus Genua, die zu dieser Zeit durch ihre Kolonien im Schwarzmeergebiet Kontakte unterhielten, als oder auf. Daraus entwickelten sich fast alle Bezeichnungen der Tscherkessen in europäischen und orientalischen Sprachen. Vielleicht geht sie auf die vorherige Fremdbezeichnung Kerketen zurück, eventuell vermittelt von der ossetischen Sprache, aber das ist umstritten.Beatrice Manz: Čarkas in: Encyclopædia Iranica, 3. Absatz, mit weiteren Verweisen.
Ebenso umstritten ist die Herkunft der Selbstbezeichnung „Adyge“ und „Adygei“. Eine alte Etymologie, nach der sie sich von tscherkessisch „attéghéi“ ableiten soll, wobei „atté“ Gebirgsbewohner und „ghéi“ Meeresbewohner (Küstenbewohner) bedeutetLouis Loewe: A Dictionary of the Circassian Language. London 1854, S. 5., gilt heute vielen Forschern aufgrund der Lautstruktur des Tscherkessischen als fraglich.
Siedlungsgebiet mini|Tscherkessien im Jahr 1840 mit einigen Stämmen und Nachbarvölkern (Karte von James Stanislaus Bell)Einen besseren Überblick über die Verbreitung der tscherkessischen, ubychischen, abchasischen, sads-abchasischen und abasinischen Dialekte Mitte des 19. Jahrhunderts bietet diese Karte des Lingvarium-Projektes der Lomonossow-Universität (ohne östliche Kabardiner).
Das Siedlungsgebiet reichte im 16. Jahrhundert bis an das Asowsche Meer und umfasste die Steppen des heutigen Südrussland bis zum Unterlauf des Don. Durch Kriege wurden die Tscherkessen immer weiter nach Süden zurückgedrängt. Im 18. Jahrhundert bildete der Kuban die nördliche Grenze ihres Siedlungsgebietes. Dieses erstreckte sich über die Ostküste des Schwarzen Meeres, den mittleren Kuban, den unteren Kuban, das Westufer des Terek-Flusses und den Großteil der Kabardei bis zur heutigen Stadt Mosdok in Nordossetien.Genauer Überblick: diese Karte des Historikers Artur Zuzijew (russisch). Alle Blautöne: Tscherkessen und archäologisch ähnliche Abasinen im 16. Jahrhundert, mittel- und dunkelblau: zurückgedrängte Verbreitung im 17.–18. Jahrhundert, dunkelblau: heute noch von Tscherkessen und Abasinen besiedelte Gebiete, rot: heutige Grenzen von Adygeja, Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien. Im 19. Jahrhundert, nach dem Ende des russisch-kaukasischen Krieges, wurden über 500.000 Nordkaukasier ins damalige Osmanische Reich zwangsumgesiedelt. In das Gebiet der Tscherkessen wurden zumeist christliche Bauern aus dem Landesinneren des Russischen Reiches angesiedelt.Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung Geschichte Zerfall, C. H. Beck, Berlin, 1993, S. 153.
Heute lebt die Mehrheit der Tscherkessen außerhalb des Kaukasus: in der Türkei etwa zwei MillionenÜlkü Bilgin: Azınlık hakları ve Türkiye. Kitap Yayınevi, Istanbul 2007; S. 85. (türkisch), in Syrien ca. 100.000, in Jordanien min. 65.000, in Israel 4000 sowie in der EU 40.000 und in den USA 9000. Es gibt auch Tscherkessen im Kosovo (um Obiliq) und in Südserbien. Die Assimilation spielt in der Diaspora eine bedeutende Rolle, weshalb die Kinder oft nicht mehr Tscherkessisch sprechen.Hans-Joachim Hoppe: , Eurasisches Magazin, Ausgabe 10–11, 2. Oktober 2011.
mini|Karte mit den heutigen russischen Republiken Adygeja, Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien im Nordwesten Im Kaukasus ist eine Minderheit verblieben, die in drei autonomen Republiken lebt. In Adygeja waren von 440.000 Einwohnern bei der russischen Volkszählung 2010 107.048 Tscherkessen, die in Russland „Adygejer“ genannt werden, 25,2 % der Einwohner dieser Republik., Excel-Tabelle 7, Zeile 330. In der Autonomen Republik Karatschai-Tscherkessien sind von etwa 478.000 Einwohnern 56.466 Tscherkessen (11,9 %), die in Russland auch offiziell „Tscherkessen“ genannt werden., Excel-Tabelle 7, Zeile 491. In der Autonomen Republik Kabardino-Balkarien sind von 860.000 Einwohnern etwa 490.453 Tscherkessen (57,2 %),, Excel-Tabelle 7, Zeile 471. die in Russland offiziell als „Kabardiner“ bezeichnet werden. Weitere etwa 17.500 Tscherkessen leben als „Adygejer“ oder „Schapsugen“ in der Region Krasnodar, besonders in der Umgebung der Stadt Tuapse an der Schwarzmeerküste., Excel-Tabelle 7, Zeilen 464 (13.834 „Adygejer“) und Zeile 470 (3839 „Schapsugen“). Bis auf Kabardino-Balkarien sind die Tscherkessen in ihrer heutigen Heimat Minderheiten. Die Verbreitung entspricht nicht dem ursprünglichen Siedlungsgebiet. Die in sowjetischer Zeit eingeführte Unterteilung in vier offizielle Nationalitäten (Titularnationen) erweckt den Anschein, dass es sich bei den Adygejern, Tscherkessen, Kabardinern und Schapsugen um verschiedene Ethnien handelt. Alle Begriffe bezeichnen im Grunde Tscherkessen. Bei der Volkszählung 2021 waren die Schapsugen nicht mehr separat aufgeführt. Die Tscherkessen selbst nennen sich „Adyge“ und die Kabardiner und Schapsugen sind ursprünglich Stämme der Adyge und somit auch Tscherkessen. In ganz Russland registrierte die Volkszählung 2021 111.471 (2010 124.835) Adygejer, 523.404 (2010 516.826) Kabardiner, 114.697 (2010 73.184) Tscherkessen und keine (2010 3882) Schapsugen,, Zeilen 29 (Adygejer); 79 (Kabardiner); 185 (Tscherkessen) und 194 (Schapsugen). Rosstat also insgesamt 749.572 (2010 718.757) Tscherkessen. Davon lebten 17.613 Personen in der Region Krasnodar (10.484 Adygejer, 963 Kabardiner und 6166 Tscherkessen).
Sprache Die Sprache der Tscherkessen war ursprünglich eine Gruppe von Dialekten, die von den verschiedenen tscherkessischen Stämmen gesprochen wurden und sich wohl etwa seit dem 13./14. Jahrhundert auseinanderentwickelt hatten. Aus zwei dieser Dialekte wurden im 20. Jahrhundert die beiden tscherkessischen Schriftsprachen West-Tscherkessisch (Adygeisch) und Ost-Tscherkessisch (Kabardinisch) entwickelt. Das Adygeische ist in der Autonomen Republik Adygeja die offizielle Sprache und beruht auf dem temirgoischen Dialekt, das Kabardinische wiederum in Kabardino-Balkarien und in Karatschai-Tscherkessien und beruht auf dem kabardinischen Dialekt. Weitere existierende Dialekte wurden nicht zu Schriftsprachen erhoben. Da das Kabardinische weniger konsonantische Laute als Adygeisch besitzt, ist es für kabardinisch Sprechende schwieriger, das Adygeische zu verstehen, als umgekehrt. Nach ihrer Sprache befragt, geben alle die Antwort, Adygejisch („adyghebze/adyghabze“) zu sprechen, die in Russland offiziellen Bezeichnungen Adygeisch und Kabardinisch oder auch die Bezeichnungen West-Tscherkessisch und Ost-Tscherkessisch verwenden sie kaum.
Die Tscherkessen besaßen früher keine eigene Schriftsprache. Seit der Islamisierung war ihre Schriftsprache die Fremdsprache Arabisch. 1855 gab es den ersten Versuch, die tscherkessische Sprache zu schreiben, 1917 wurde ein Alphabet gebildet, das auf der arabischen Schrift basierte, 1925 bediente man sich des lateinischen Alphabets zur Schreibung des Tscherkessischen. Seit 1937/38 wird das kyrillische Alphabet mit einigen Ergänzungen benutzt.EI2, Art. Čerkes, Bd. 2, S. 22; Georgij A. Klimov: Einführung in die Kaukasische Sprachwissenschaft. Hamburg 1994, S. 49–50.
mini|links|Tscherkessisch und Ubychisch (genaue Herkunft umstritten) in den nordwestkaukasischen Sprachen mini|Tscherkessisch, Ubychisch und Abchasisch-Abasinisch nach einer möglichen Genealogie, mit einigen Dialekten Einer der zwölf Tscherkessenstämme, die Ubychen, sprachen die Ubychische Sprache, die nach Dokumentationen mehrerer Sprachwissenschaftler, u. a. Adolf Dirr und Georges Dumézil, kaum mit den tscherkessischen (kabardinisch-adygeischen) Dialekten verständlich war und sich wesentlich eher abspaltete, wenn auch die Ubychen sich als Teilstamm der Tscherkessen sahen. Fast alle Ubychen emigrierten im 19. Jahrhundert in das Osmanische Reich, wo ihre Sprachkenntnisse verschwanden und die Sprache ausstarb. Letzter Muttersprachler war Tevfik Esenç.Georgij A. Klimov: Einführung in die Kaukasische Sprachwissenschaft. Hamburg 1994, S. 49.