Orgon ist der Name einer von Wilhelm Reich (1897–1957) behaupteten universalen Energie. Reich glaubte, sie Ende der 1930er Jahre an einer von ihm so genannten Bionkultur entdeckt zu haben. Für die Existenz einer solchen Energie gibt es keine wissenschaftlich anerkannten Nachweise.
Reich entwickelte auf der Grundlage seiner Orgon-Hypothese eine „Orgontherapie“ und die als Pseudowissenschaft geltende „Orgonomie“, mit der er die Wirkung der Orgonenergie auch in Bereichen wie Mikrobiologie, Physik und Meteorologie nachzuweisen suchte.
Reichs Ausgang von der Psychoanalyse Vor seiner behaupteten „Entdeckung des Orgons“ war Reich, der nach seiner Promotion zum Dr. med. in Wien unter Wagner-Jauregg zum Psychiater ausgebildet worden war, zwei Jahrzehnte als Psychoanalytiker tätig. In Weiterführung von Freuds Libidotheorie hatte Reich als Kriterium für eine erfolgreich abgeschlossene Psychoanalyse das Erreichen der orgastischen Potenz vorgeschlagen. Er entwickelte aus therapeutischen Techniken, die ihm geeignet erschienen Widerstände des Patienten gegen das Erreichen dieses Therapieziels zu überwinden (Widerstandsanalyse), die Charakteranalyse.
Freud bewirkte 1934, dass Wilhelm Reich aus allen psychoanalytischen Vereinigungen ausgeschlossen wurde. Reich entwickelte die so genannte Vegetotherapie; körperliche Prozesse sollten einbezogen werden. Reich knüpfte u. a. an das von dem damals berühmten Mediziner Friedrich Kraus entwickelte Konzept der „vegetativen Strömung“ an.Martin Lindner: Die Pathologie der Person. (Monographie über Kraus). GNT-Verlag für Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik, Berlin, Diepholz 1999, S. 56 Die „Orgontherapie“ wird von manchen als eine Fortsetzung dieser Entwicklung gesehen.
Das Konzept der orgastischen Potenz Freuds Annahme zur Libido war, dass die primäre Funktion des „Neuronensystems“ sei, Energie unverzüglich und vollständig zur Abfuhr zu bringen und die sekundäre Funktion, Energie in bestimmten Neuronen und Neuronensystemen zu speichern. Freud ging davon aus, dass Störungen der Psyche durch Verhinderung der freien Entladung dieser libidinösen Energie in der Kindheit entstünden, z. B. durch moralische Verbote bestimmter lustvoll besetzter Handlungen, überbehütendes oder übermäßig strenges Verhalten der Eltern etc. Auf diesem Konzept baute Reich seine Theorie der orgastischen Potenz auf.
Reich war in seiner klinischen Arbeit mit seinen Patienten zu dem Schluss gekommen, dass Neurotiker generell eine sexuelle Störung im Erleben des Orgasmus hätten. Er definierte solch eine Orgasmusstörung nicht wie die medizinische Forschung als Beeinträchtigung der Fähigkeit, (irgend)einen Orgasmus zu erleben, sondern eher anhand der Empfindungsfähigkeit beim gesamten Geschlechtsakt. In einer Rede vor dem Psychoanalytischen Kongress in Salzburg (1924) beschrieb er die orgastische Potenz als die Fähigkeit, sich „den Strömen der biologischen Energie ohne Hemmung hinzugeben“, die Fähigkeit „zur vollständigen Entladung aller aufgestauten Sexualerregung durch unwillkürliche, lustvolle Kontraktionen des Körpers.“
So nahm er zum Beispiel an, dass ein Mann, der zwar eine Erektion haben kann, aber während des Geschlechtsakts keine „tiefen“ Empfindungen hat, durch Gedanken übermäßig abgelenkt wird bzw. sich selbst ablenkt oder allzu sehr bemüht ist, „gut“ zu sein, und dann beim Orgasmus nur ein mehr oder minder kurzes „Aufflammen“ der Befriedigung erlebt, keine volle orgastische Potenz erreiche.Wilhelm Reich: Die Entdeckung des Orgons, Band 1 Die „orgastische Impotenz“ – die Unfähigkeit zur vollständigen Energieabfuhr – bewirkt laut Reich eine Stauung der Libido, die je nach Ausmaß zu neurotischen Störungen führen kann.
Charakteranalyse und Charakterpanzerung Auf der Grundlage seiner Arbeit im „Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie“ kam Reich zu einer von der Freudschen Analyse abweichenden Erklärung der Phänomene Widerstand und Übertragung. Nach Reich ist der Widerstand eines Patienten durch dessen „Körperpanzerung“ verursacht. Jeder Patient reagiere gemäß seiner Körperpanzerung auf die Therapie mit einer spezifischen Abwehr, die unterschiedliche Formen annehmen kann. Diese individuelle Organisation der Abwehrmuster nannte Reich den „Charakterpanzer“. Er nahm an, der Charakterpanzer sei das Resultat der erstarrten Lebensgeschichte eines Menschen („die funktionelle Summe aller vergangenen Ereignisse“).
Hierbei wies Reich, ebenso wie Freud, Erlebnissen der frühen Kindheit eine entscheidende Rolle zu. Nach Reich sind dabei Zeitpunkt und Intensität der Konflikte, ihre Art (wie bei Freud differenziert nach oralen, analen und genitalen Aspekten), das Verhältnis zwischen Triebbefriedigung und Frustration, das Ausmaß der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und die Widersprüche im versagenden Verhalten des Elternteils wichtige Einflussgrößen für die Ausbildung der Charakterpanzerung. Durch die Wechselwirkung dieser Faktoren kann es zu einem breiten Spektrum unterschiedlicher neurotischer Charakterstrukturen kommen. Reich unterscheidet folgende Haupttypen:Wilhelm Reich: Charakteranalyse Phallisch-narzisstischer Charakter: maskuline Mutter, Liebesregung für sie verdrängt, Abwertung aller Frauen, evtl. Homosexualität; Passiv-femininer Charakter: in analer Phase übermäßig strenge Mutter, Nachgiebigkeit und Unterwerfung charakteristisch, auch (unter weiteren Bedingungen) Masochismus möglich; andere Form, wenn Vater sehr streng: Sohn muss Hassgefühle gegen Vater verdrängen und sich hinter weiblich-unterwürfiger Charaktermaske verstecken; Männlich-aggressiver Charakter: strenger Vater verhält sich gegenüber Weiblichkeit der Tochter zurückweisend, Weiblichkeit wird verdrängt, Identifikation mit Härte und Stärke; Hysterischer Charakter: Liebe von Tochter zu Vater wird mit Moral und Repression bestraft, genitale Angst wird zum dominanten Gefühl; Lolita (Koketterie, dann „nicht wissen, was das soll“). Zwangscharakter: frühe, strenge Reinlichkeitserziehung führt zu Unterdrückung von genitalem Interesse und genitaler Aktivität. Gewalttätige und sadistische Bedürfnisse werden kontrolliert und nur in Phantasie ausgelebt. Zur Niederhaltung der sadistischen Impulse werden Kontroll- und Ordnungsmechanismen genutzt. Masochistischer Charakter: hinter masochistischer Selbstverkleinerung stehen unfähiger Ehrgeiz und angstbeseelte Größensucht. Unbefriedigte Sexualspannung, Lustangst (Masochismus als Begehren, gegen den eigenen Willen zur Befriedigung gebracht zu werden).
In den Arbeiten Alexander Lowens, die stark auf Reich aufbauen, sind diese Haupttypen noch um den schizoiden und oralen Charaktertypus erweitert worden (siehe Artikel „Bioenergetische Analyse“; Abschnitt „Charakterstrukturen“).
In seinen weiteren klinischen Arbeiten beobachtete Reich, dass sich eine bestimmte Charakterpanzerung auch physisch in ebenso typischen muskulären Spannungen manifestiert. Aus dieser Erkenntnis entwickelte er die Vegetotherapie:
Vegetotherapie Schon ab 1934 fasste Reich die Charakterpanzerung nicht mehr nur als rein psychische Panzerung auf, sondern ging davon aus, dass diese sich zugleich in einer „muskulären Panzerung“ äußert. Die Neurose äußert sich damit auch als chronische Störung der Beweglichkeit und des vegetativen Gleichgewichts. Psychische und somatische Erscheinungen werden als Aspekte einer Ganzheit gesehen. Reich übernahm das zugrunde liegende Konzept der „vegetativen Strömung“ von einem der damals führenden, gleichwohl umstrittenen Physiologen Friedrich Kraus.
Für Reich bilden physische Spannung und Entspannung die Grundlage für das Verständnis aller Lebensprozesse. Die „Lebensformel“ besteht sozusagen aus einem Viertakt: Mechanische Spannung – bioelektrische Ladung – bioelektrische Entladung – mechanische Entspannung.Wilhelm Reich: Die Entdeckung des Orgons, S. 188–225 Obwohl Reich die Wichtigkeit dieses Viertaktes immer wieder betont, bleiben in seinen Werken „Expansion (Streckung, Weitung) und Kontraktion (Abkugelung, Einengung)“ als „Urgegensätze vegetativen Lebens“ ebenfalls relevant. Lust und Angst sind demnach als gegensätzliche Manifestationen desselben Mechanismus zu verstehen. Reich brachte diese Vorstellung mit der Reaktion des Organismus auf Acetylcholin (u. a. Weitung der Gefäße) oder Adrenalin (u. a. Verengung der Gefäße) in Verbindung. Angst führe demnach zu einer Kontraktion der Muskeln, Lust zu einer Weitung/Entspannung.
Die Verkrampfung der Muskulatur sei körperliche Folge des Verdrängungsprozesses sowie die Grundlage seiner Aufrechterhaltung. Reich betont, dass nie einzelne Muskeln, sondern immer Muskelgruppen, die einer bestimmten Funktionseinheit angehören, in Spannung geraten und die Struktur des Muskelpanzers und den Körperausdruck bestimmen. Er nennt beispielsweise den „hart-näckigen“ Widerstand als Veranschaulichung.
Reich unterteilt die Muskelpanzerung funktionell in sieben Segmente: das okuläre (Augen), orale (Mund), zervikale (Nacken), thorakale (Brust/Oberkörper), diaphragmatische (Zwerchfell), abdominale (Bauch) und pelvikale (Becken) Segment. Diese Einteilung ist nicht strukturell zu verstehen, sondern wurde nach den Gründen der Verspannung und ihrer Auswirkungen in diesen Bereichen vorgenommen.
Diese Annahmen waren ein Bruch mit dem klassischen, auf sprachliche Kommunikation beschränkten psychoanalytischen Behandlungsverfahren und führten zur Ausbildung körpertherapeutischer Methoden. Reich begann direkt am Körper des Patienten zu arbeiten. Dabei entwickelte er verschiedene Formen der physischen Intervention zur Beeinflussung der Muskelverspannung und der Atmung. Diese von Reich als Vegetotherapie bezeichnete Therapiemethode kann also als eine Kombination aus Charakteranalyse und Körperarbeit verstanden werden.
Reich beobachtete an seinen Patienten, dass es häufig bei der Bearbeitung der Muskulatur zu plötzlichen affektiven Ausbrüchen kommt, die (verdrängte) Erinnerungen hervorbringen können. Dies wurde später auch von anderen körpertherapeutisch Arbeitenden bestätigt (u. a. Alexander Lowen, Aadel Bülow-Hansen, Odd Havrevöld, Gerda Boyesen). Diese körpertherapeutischen Ansätze Reichs haben sich heute in vielen Therapieformen etabliert.
Reichs Weg zur „Orgonomie“ Parallel zur Weiterentwicklung seiner Therapiemethode begann Reich ab 1934 im Osloer Exil mit experimenteller Laborarbeit. Seit seiner Studienzeit war Reich an den akademischen Naturwissenschaften interessiert und hatte die Entwicklung vor allem der Biologie verfolgt, speziell in Hinblick auf Erkenntnisse zur Sexualität, die in der Psychoanalyse eine zentrale Rolle spielt. Im Jahre 1934 sah er sich aufgrund seiner theoretischen Studien der Arbeiten des Zoologen und Naturphilosophen Max Hartmann, der Mediziner Ludwig Robert Müller (Die Lebensnerven) und Friedrich Kraus (Die Tiefenperson) und anderer herausgefordert, eine Synthese ihrer Arbeiten mit seinen Ideen zu versuchen. Dazu sah er eigene experimentelle Arbeit für erforderlich an. Nachdem Versuche, diese zusammen mit Universitätsinstituten durchzuführen, gescheitert waren, richtete er sich ein eigenes Labor ein. Dies war mit Lichtmikroskopen, einer Mikrofilmapparatur und einer Reihe von elektrischen Geräten und Instrumenten ausgestattet. Reichs Experimente waren zum einen elektrophysiologische, deren Ergebnisse er in zwei Abhandlungen mitteilte;Wilhelm Reich: Der Orgasmus als elektrophysiologische Entladung. In: Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie, Band 1, 1934, S. 29–43. Wilhelm Reich: Experimentelle Ergebnisse über die elektrische Funktion von Sexualität und Angst. Oslo 1937 zum anderen mikrobiologische, die er 1938 in dem Buch Die Bione veröffentlichte.Wilhelm Reich: Die Bione. Zur Entstehung des vegetativen Lebens. Sexpol-Verlag, Oslo 1938; dort auch ausführliche Beschreibung der Ausstattung des Labors.