mini|Ein industrieller Komplex als Teil eines Clusters Cluster (, ) sind in den Wirtschaftswissenschaften der Anglizismus für Netzwerke von Produzenten, Zulieferern, Forschungseinrichtungen (z. B. Hochschulen), Dienstleistern (z. B. Design- und Ingenieurbüros), Handwerkern und verbundenen Institutionen (z. B. Handelskammern) mit einer gewissen regionalen Nähe zueinander, die über gemeinsame Austauschbeziehungen entlang einer Wertschöpfungskette (z. B. Automobilproduktion) entstehen oder die sich aufgrund gemeinsamer günstiger Standortfaktoren regional ballen. Die Mitglieder stehen dabei über Liefer- oder Wettbewerbsbeziehungen oder gemeinsame Interessen miteinander in Beziehung.
Allgemeines Wirtschaftliche Cluster sind Netzwerke von eng zusammen arbeitenden Unternehmen – heute immer stärker im Verbund mit Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen oder anderen Kompetenzzentren. Falls es Kooperationen innerhalb von Unternehmen in einem Gewerbepark oder Industriepark gibt, liegen auch hier Clusterbildungen vor.
Cluster entstehen vor allem aus der regionalen Ballung von Unternehmen und anderen Organisationen, die ein gemeinsames Tätigkeitsfeld verbindet. Schon durch die räumliche Nähe zweier oder mehrerer gleichartiger Unternehmen entstehen Externalitäten. Man spricht aber erst dann von einem Cluster, wenn sich eine gewisse („kritische“) Anzahl von Unternehmen in räumlicher Nähe zueinander befindet, deren Aktivitäten sich entlang einer oder mehrerer Wertschöpfungsketten ergänzen oder miteinander verwandt sind. Erst unter dieser Bedingung – so die Annahme – kann ein Wachstumspol entstehen, der auch Zulieferer und spezialisierte Dienstleister anzieht und Wettbewerbsvorteile für alle beteiligten Unternehmen schafft.Michael Porter: Location, Competition, and Economic Development: Local Clusters in a Global Economy. In: Economic Development Quarterly. vol. 14, no.1, 2000, S. 15–34.
Diese Wettbewerbsvorteile basieren auf Gemeinsamkeiten, verbesserter Arbeitsteilung und positiven externen Effekten zwischen den Unternehmen und Institutionen im Cluster. Gemeinsamkeiten bestehen z. B. beim gemeinsamen Interesse an lokal verfügbarem Personal und seiner Qualifizierung. Eine verbesserte Arbeitsteilung wird durch Konzentration der einzelnen Unternehmen auf ihre Kernkompetenz bei Auslagerung von Sekundärfunktionen auf Zulieferer möglich. Als entscheidend für die gesteigerte Innovationskraft eines Clusters wird aber vor allem das Ausmaß des impliziten, wettbewerbsrelevanten Wissens angenommen, das die Akteure zusammengenommen haben. Dieses Wissen wird über informelle Kontakte (das soziale Kapital eines ClustersF. Huber: Social Capital of Economic Clusters: Towards a Network-based Conception of Social Resources. In: Journal of Economic and Social Geography (TESG). 100(2), 2009, S. 160–170. doi:10.1111/j.1467-9663.2009.00526.x) und Arbeitsplatzwechsel ausgetauscht und schafft Innovationen. Demgegenüber können auch Nachteile durch Abwerbung und zu große Transparenz entstehen.
Die Überschaubarkeit des Wirtschaftsraums, die räumliche Nähe und oft persönliches Kennen der Beteiligten ermöglicht einem Regionalcluster schnelles und effizientes Handeln im Hinblick auf regionale Bedürfnisse. Viele Cluster haben eigene Kommunikations- und Koordinationsstrukturen organisiert.Siehe z. B. den ressort- und branchenübergreifenden Lenkungskreis für das gesamte Berlin Cluster Kommunikation und Kreativwirtschaft, https://www.berlin.de/projektzukunft/kreativwirtschaft/clusterstrategien/ So wird die Form der Kommunikation und Koordination von Clustern als zwischen Markt und Hierarchie stehend beschrieben. Ein entscheidendes Medium in diesem Zusammenhang ist Vertrauen.U. Mill, H.-J. Weißbach: Vernetzungswirtschaft: Ursachen, Funktionsprinzipien, Funktionsprobleme. In: T. Malsch, U. Mill (Hrsg.): ArBYTE: Modernisierung der Industriesoziologie. Sigma, Berlin 1992, S. 315–342. Die Partnerschaft in einer Cluster- und Netzwerk-Initiative bietet eine Reihe von Vorteilen, vor allem die Möglichkeit zum Networking, das Knüpfen von neuen Kontakten. Auf Informations- und Kommunikationsplattformen können Partner sich über Entwicklungen und Trends der jeweiligen Branchen austauschen. Bei der Durchführung von Projekten werden sie ebenfalls unterstützt – durch die Suche von geeigneten Projektpartnern, durch die Unterstützung beim Einwerben von Fördermitteln und durch die Beratung während der Durchführung des Projekts. Weiter gibt es maßgeschneiderte Fortbildungsangebote für die verschiedenen Themengebiete. Bei Veranstaltungen, die von Fachveranstaltungen, Studienreisen, Erfahrungsaustauschrunden bis zu Workshops reichen, können sich Partnerunternehmen der Clusterinitiative spezifisches Know-how aneignen. Die Unterstützung der Cluster- und Netzwerkteams durch Realisierung von Technikpräsentationen, gemeinsamen Messeauftritten und die gemeinsame Teilnahme an geförderten Projekten kann den Zugang zu neuen Märkten erleichtern.
Ähnliche Begriffe Saxenian (1994) unterscheidet zwischen innovativen Clustern des Typs Silicon Valley und innovativen Milieus des Typs der Route 128. Während erstere durch junge risikobereite Entrepreneurs mit ihren „Garagenbetrieben“ geprägt werden, die ihre Deals in informeller Atmosphäre miteinander aushandeln, spielt beim Erfolg der innovativen Region um Boston und Cambridge (Massachusetts) eine lange Tradition der akademischen, staatlich finanzierten und hierarchisch organisierten Grundlagenforschung eine wichtige Rolle, wobei die Wurzeln der Unternehmensgründungen z. T. 150 Jahre zurück reichen. Diese innovativen, aber zugleich konservativen Milieus mit ihrer geringeren Interaktionsdichte und ihrem weniger aufregenden Lifestyle haben freilich nicht so interessante unternehmerische Rollenmodelle geprägt wie dies an der Westküste der Fall war.
Mit dem Clusterbegriff verwandt ist der des kreativen Milieus. Er beschreibt einen raumgebundenen Komplex, der mit seinem Technologie- und Marktumfeld nach außen geöffnet ist und Know-how, Regeln, Normen und Werte sowie ein „Kapital“ an sozialen Beziehungen nach innen integriert und beherrscht. Geprägt wurde der Begriff des kreativen Milieus durch die sogenannte GREMI-Gruppe („Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs“). Seit 1984 forscht diese Gruppe französischer Soziologen und Regionalwissenschaftler nach den Ursachen für die Unterschiede in der Innovationsfähigkeit und -tätigkeit verschiedener Regionen. Die Gesamtheit der Beziehungen in einem Milieu soll, eingebunden in das soziokulturelle Umfeld (Embeddedness), zu einem kollektiven kreativen Lernprozess führen. Als Voraussetzung für die Realisierung gilt neben der räumlichen Nähe auch das Vorhandensein von gemeinsamen Wertvorstellungen und Vertrauen.Roberto P. Camagni: Local “Milieu”, Uncertainty and Innovation Networks: Toward a New Dynamic Theory of Economic Space. Unveröff. Manuskript 1991, zit. Erich Latniak, Dieter Rehfeld: Betriebliche Innovation und regionales Umfeld – Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen. In: Arbeit, Jg. 3, Heft 3, S. 238 ff. Zu den Theoretikern der Entstehung kreativer Milieus gehört u. a. Richard Florida.
Begriffsgeschichte Wirtschaftscluster wurden bereits im 19. Jahrhundert von verschiedenen Richtungen der Volkswirtschaftslehre beschrieben, u. a. von der Deutschen Historischen Schule, sozialevolutionären Autoren wie Herbert Spencer und spätklassischen Autoren wie Henry Sidgwick und Henry George.C. Scheuplein: Der Raum der Produktion. Wirtschaftliche Cluster in der Volkswirtschaftslehre des 19. Jahrhunderts. Duncker & Humblot, Berlin 2006. Darauf aufbauend verwendete Alfred Marshall den Begriff des Industrial district für Ansammlungen von Unternehmen mit ähnlichen Bedarfen (Rohstoffe, Technologie, Arbeitskräfte) und entwickelte dieses Konzept in seinem Hauptwerk Principles of EconomicsAlfred Marshall: Principles of Economics. London 1890. zu einer Standorttheorie. Die Cambridge-Schule der Volkswirtschaftslehre verfeinerte das Konzept durch grenznutzentheoretische Analysen von Standorten.
P. S. Florence ergänzte das Konzept durch eine Betrachtung der Externalitäten von Ballungsräumen. Er wies zuerst auf die Möglichkeit der Spezialisierung und Arbeitsteilung innerhalb von Industrieregionen hin: Die regionale Integration sei gerade eine Folge der Desintegration der Unternehmen, deren vertikale Verarbeitungsketten zerlegt und auf viele kleine spezialisierte Unternehmen verteilt werden.P.S. Florence: Economics and Sociology of Industry. C.A. Watts & Co, London 1969. Die moderne Clustertheorie wurde von dem US-amerikanischen Wissenschaftler Michael E. Porter ausgearbeitet, der das Cluster aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht als Resultat ähnlicher komparativer Standortvorteile von mehreren Unternehmen einer Region definierte, welche als Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit auf globalen Märkten dienen können. Porter unterscheidet dabei Faktorbedingungen (z. B. spezialisierte Ausbildungs- und universitäre Forschungsprogramme; Infrastruktur) Nachfragebedingungen (z. B. anspruchsvolle Kunden, die auf die Entwicklung hochwertiger Produkte drängen) Unterstützende und verwandte Branchen (z. B. Informationsfluss und Kontakte, clusterspezifische Zulieferer und Dienstleister) Strategie und Wettbewerb (z. B. staatliche Investitions- oder Exportförderung)
Paul Krugman ergänzte die Clustertheorie durch auf Transaktionskosten bezogene Betrachtungen. Er unterschied zwischen konzentrationsfördernden (“zentripetalen”) Faktoren (Größe des Absatzmarktes, Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte usw.) und Einflussgrößen, die die Dispersion der Unternehmen fördern (“zentrifugalen” Faktoren wie hohe Bodenpreise als Folge starker Konkurrenz, Überbeanspruchung von lokalen Produktionsfaktoren, aber auch sinkenden Transport- und Kommunikationskosten).Paul Krugman: Development, Geography, and Economic Theory. Ohlin Lectures, Band 6. Cambridge MA 1995.
Lange Zeit dominierte die Vorstellung von marktgetriebenen Clustern. Noch 1998 lehnte die OECD die Subventionierung von Clustern und staatliche Eingriffe strikt ab. Doch seit Mitte der 1990er Jahre fördern Deutschland und andere Staaten verstärkt die Zwischenunternehmensvernetzung mit dem Ziel der Clusterbildung. Seit etwa 2002 wird die Möglichkeit und Notwendigkeit einer öffentlichen Förderung von Clustern in der Literatur fast allgemein akzeptiert.A. Jappe-Heinze u. a.: Clusterpolitik: Kriterien für die Evaluation von regionalen Clusterinitiativen. (= Arbeitspapiere Unternehmen und Region). FhG ISI Institut, Karlsruhe 2008, S. 4 ff. Damit rückten konkretere Aspekte der Interaktions- und Netzwerkstrukturen innerhalb von Clustern und der Evaluierung der Clusterpolitik in den Vordergrund der wissenschaftlichen Diskussion.
Neben dem Clusterbegriff, der sich auf die Ansammlung von Unternehmen selbst bezieht, wird zunehmend der Begriff der Clusterinitiative verwendet, mit dem der institutionelle Rahmen des Clusters bezeichnet wird und in dem sich die Entwicklung von gemeinsamen Zielvorstellungen und förderpolitischen Strategien vollzieht. Professionell moderiert werden die Clusterinitiativen, die z. B. als eingetragene Vereine organisiert sind, durch Wirtschaftsförderungspolitik, Kammern, Verbände oder Technologiezentren.