mini|Museumsexponat des M-87 Orkan in Vukovar, Kroatien Das M-87 Orkan ist ein in den 1980er-Jahren von den Streitkräften Jugoslawiens im Vojno Tehnički Institut (VTI) entwickeltes und zu gleichen Teilen von Jugoslawien und dem Irak finanziertes halbautomatisches großkalibriges Mehrfachraketenwerfer-System, das trotz nur weniger produzierter Exemplare während der Kriege in Jugoslawien, Albanien und im Irak zwischen 1991 und 1999 zum Einsatz kam.Human Rights Watch – Timeline of Cluster Munition Use Overview of Cluster Munitions in Eastern Europe, the Caucasus, and Central Asia Prepared by Human Rights Watch (PDF) Mit der für damalige Verhältnisse erreichten hohen Präzision, der Fähigkeit, mit Hilfe von Luftbremsen Ziele in gleicher Reichweite auf vier unterschiedlichen ballistischen Kurven anzufliegen und einem Gefechtskopf aus Cluster-Munition, war der „Orkan“ zur Bekämpfung von größeren Truppenkonzentrationen sowie Flächenzielen konzipiert worden.VTI – Seventh Decade of the Military Technical Institute (1948. – 2013.) (PDF) Mit dem Beginn der Ausrüstung der Landstreitkräfte des Irak und einer möglichen Integration chemischer Gefechtsköpfe geriet das Waffensystem Mitte der 1990er in den Fokus US-amerikanischer Behörden.Fears over Serbia's poison gas factories

Entwicklung Idee mini|Eine Weiterentwicklung ist das 2017 vorgestellte Šumadija-System Nachdem die Jugoslawische Volksarmee 1977 mit dem M-77 Oganj einen aus dem sowjetischen Grad-System technisch weiterentwickelten Mehrfachraketenwerfer mit dem Kaliber 128 mm bekommen hatte, entstanden 1980 Pläne für einen Raketenwerfer, der Ziele auf Entfernungen von 50 km bekämpfen können sollte. Die Aufgabe wurde wiederum an Obrad Vučurović, der lange Jahre der Leiter des Raketensektors des Militärtechnischen Institutes (VTI) in Belgrad und Professor der Fakultät für Maschinenbau in Belgrad sowie der Militärakademie war, übertragen., Zugriff: 26. März 2013 (englisch)

Hatte Vučurović schon mit dem M-77 einen neuen Weg bestritten, so war das M-87 ein grundlegend neuer Entwurf, der sich von großkalibrigen Systemen im Westen (USA: M270) und auch im Osten (Sowjetunion: BM-30) wesentlich unterschied und diese in der Leistung übertraf. Vučurović hatte, um Reichweite und Präzision zu verbessern, viele konstruktive Maßnahmen vorgenommen. Da der Preis gelenkter Raketen in etwa fünf Mal höher als für ungelenkte Raketen war, bestand sein Grundgedanke darin, mit zwei bis drei Raketen einen gleichwertigen Effekt wie mit einer gelenkten Rakete zu erzielen. Er entwickelte eine Rakete, die durch zwei Paar aerodynamischer Bremsen im Zielflug gesteuert werden konnte und einen Gefechtskopf trug, der mit Cluster-Submunition eine hohe Zielabdeckung erreichte. Für den Gefechtskopf brauchte er dadurch einen neuen Zündmechanismus, der die Submunition durch Beschleunigung und Drehung aktivierte.

Vučurović berechnete, dass 80 % der Fehler der ballistischen Flugbahn aus der Startphase nach dem Verlassen der Rohrmündung stammen.Interview mit Obrad Vučurović in der Odbrana, 69, 1. August 2008: 8–12 Istina o Orkanu Nur 20 % treten in der darauf folgenden aktiven und passiven Flugphase auf. Daneben war durch die Integration von INS oder GPS eine wesentlich höhere Präzision möglich. Er entschied, die Raketen in der Startphase durch einen Boostermotor auf mindestens die doppelte Geschwindigkeit bekannter Systeme zu beschleunigen. Hatten vergleichbare Systeme in der Startphase bis dahin 35 bis 50 m/s erreicht, so beschleunigte der Impuls des Boosters die Orkan-Rakete in 0,2 Sekunden auf 100 m/s. Eine Variante für 130 m/s war ebenso angedacht, wurde aufgrund der knappen Zeitvorgaben aber nicht realisiert. Eine weitere Neuerung betraf die aerodynamischen Bremsen, die in der passiven Phase in zwei Paar für verschiedene Reichweiten gesteuert wurden. In der Startphase der ersten drei Raketen diente eine CCD-Kamera dazu, deren Flugphase zu analysieren. Die weiteren Raketen wurden mit den korrigierten Daten gezündet, ein Link zu allen weiteren Fahrzeugen im Bataillon pflegte die Korrekturwerte für alle Werfer ein. Die nächste Neuerung war der Gefechtskopf, der Submunition enthielt. Hatten normale Raketen einen einfachen Aufbau aus Gefechtskopf, Treibstoffkammer und Motor, so war die Rakete von Vučurović jetzt in ihrer Grundkonfiguration viel komplexer: sie hatte einen Gefechtskopf mit Submunition, eine doppelte Treibstoffkammer für zwei unterschiedliche Typen von Treibstoffen, einen zweistufigen Motor und zwei Paar aerodynamischer Bremsen. Daneben wurde für das Orkan-System erstmals auch ein eigenes digitales Waffenleitsystem entwickelt. Insgesamt war damit erstmals ein System für Distanzen bis 50 km in Konkurrenz zu gelenkten Systemen entstanden, das im Kosten-Nutzen-Verhältnis diesen aber überlegen war. Als besondere Hürde erwiesen sich die Integration aller neu entwickelten Komponenten in das System sowie die komplexe Fertigung, für die spezialisierte Maschinen beschafft wurden. Alleine für die Herstellung der zwei ähnlich konstruierten Brennkammern wurden Stähle mit Pressen von 1600 Tonnen Druck vorfabriziert. In der weiteren Fertigung dieser Hochleistungsbrennkammern kamen CNC-Drehmaschinen, Zylinderdrückwalzen und Brennöfen zum Härten zum Einsatz. Die beiden Brennkammern wurden später verschraubt. Sie hielten Drücke von bis zu 400 bar stand. Das Problem dieser Brennkammern bestand in dem geforderten hohen Impuls der Motoren für die Beschleunigung auf 100 m/s in den ersten 0,2 Sekunden. Beim Start der Rakete zündeten beide Motoren gleichzeitig und verursachten einen enormen Druck in den Brennkammern, wie sie die vergleichbaren Systeme so nicht kannten. So betrug der Druck in der Brennkammer für den Marschmotor 120 bis 160 bar. Das technologische Problem war aber nicht der Marschmotor, der zwischen vier bis fünf Sekunden aktiv war, sondern der Booster, der mit seinem hohen Druck die enorme Beschleunigung in nur 0,2 Sekunden Brennzeit erst möglich machte. Da auch die Außentemperatur des rauchlosen Schwarzpulvers einen großen Einfluss auf die Brenndauer hat, maß das Orkan-System mit einem Sensor die jeweilige Temperatur des Schwarzpulvers der Brennkammern. Daraus wurden im Waffenleitsystem die nötige Brenndauer der Motoren und Anpassungen an den Zielflug errechnet.

Entscheidend für die Effizienz und Präzision des Orkan war seine hohe Automatisierung. Diese begann bereits mit dem robotisierten Kran, der die Raketen nacheinander in die Rohre schob. Nachdem das topographische Fahrzeug dem Orkan-System die geographische Nordrichtung am Standort in etwa zwei Minuten übermittelt hatte, wurde der Null-Azimut für jedes Waffensystem eingestellt. Die Einstellung der Horizontale erfolgte für jedes Fahrzeug automatisch unabhängig von den Stabilisatoren. Somit war die Null-Elevation festgestellt. Hierüber stellte der Werfer über Servos dann den geforderten Azimut und die Elevation ein. Das Waffenleitsystem analysierte 20 Parameter (unter anderem Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck, Temperatur des Schwarzpulvers, Bodenwind und Höhenwind). Nachdem die erste Rakete abgefeuert worden war, analysierte die CCD-Kamera deren Flugbahn. Innerhalb von zwei Sekunden stabilisierte sich die Orkan-Rakete automatisch in die vorhergehende Position und Richtung. Die nunmehr geringer gewordene Masse und die Wirkung des Raketstarts wurden automatisch kompensiert. Nur mit dem neuerlichen Reset des Waffensystems macht die CCD-Kamera Sinn, da sie die gleichen Positions- und Elevations-Parameter für die nächste Rakete brauchte, ohne dass das Waffensystem in einer anderen Schießposition stand. Die ersten drei Raketen wurden in Abständen von fünf Sekunden abgefeuert, erst mit der vierten Rakete wurde im Rafal weitergeschossen, da die Position aufgrund der Gefahr eines Beschusses durch den Gegner nicht zu lange gehalten werden sollte.

Weitere Analysen zeigten, dass mit dem fertigen Projekt auch ungelenkte Raketen für Reichweiten bis 120 km wirtschaftlich waren. Hieraus projektierte er das R400-System, das mit dem Kaliber 400 mm und einer Reichweite von 120 km operieren sollte. Die Projektunterlagen wurden an den Irak verkauft, der es in technologisch veränderter Form als Ababil-100 (auch Ababeel oder Al Fatah) selbständig und mit Hilfe auch jugoslawischer Techniker weiterzuentwickeln versuchte.Ababil-100 / Al FatahArming Saddam – The Yugoslav Connection

Projekt KOL-15 Die jugoslawischen Entwickler fanden im Irak einen Interessenten, der die Entwicklungskosten tragen konnte, jedoch auch am brasilianischen ASTROS II Interesse zeigte. Beide Systeme wurden daher bei Testläufen 1987 im Irak miteinander verglichen. Der Irak entschied sich für beide Systeme, die später als Ababil-50 und Sajil-60 in lizenzierten Versionen im Land selbst hergestellt werden sollten. Neben der finanziellen Ausstattung stellte der Irak auch die Erprobungsgelände für die Hauptphase der Waffensystemprüfung, die neben den jugoslawischen Testgeländen in Nikinci, Platamuni (Halbinsel Prevlaka) und insbesondere Krivolak hauptsächlich in Wüstengebieten des Irak durchgeführt wurden. Daneben beteiligte sich der Irak auch mit personellem Einsatz an der Entwicklung. So weilten Anfang der 1980er-Jahre wesentliche Persönlichkeiten des irakischen Raketenprogramms und 60 irakische Ingenieure unter Saddam Hussein in Jugoslawien.Interview mit Obrad Vučurović in der Odbrana, 69, 1. August 2008: 8–12 Istina o Orkanu Als prominentester war darunter Amir Hamudi Hasan Al-Sa’di, ein späterer Militärberater von Saddam Hussein sowie der Sohn des einflussreichen Generals Hossam Mohammed Amin, dem Direktor der Militärindustrie des Irak, der von 1981 bis 1985 als technischer Berater in Belgrad verblieb. Der Irak hatte in einer ersten Tranche vier Batterien zu jeweils vier Werfern sowie 4000 Raketen bestellt. Der erste Prototyp war 1985 bereit.rbase.new-factoria.ru, Zugriff: 26. März 2013 (russisch) Das System wurde erstmals 1987 vorgestellt. Bis zum Ausbruch des Zweiten Golfkrieges wurden nur wenige Einheiten produziert, eine erste Lieferung von einer Batterie erreichte den Irak 1989, zehn Systeme standen jedoch 1990 in der Produktionsstätte in Novi Travnik, als die UNO ein Embargo über den Irak verhängte.

Als weiterer Käufer des Systems hatten sich die Streitkräfte Kuweits nach Vergleichen mit amerikanischen, deutschen, russischen und chinesischen Systemen für das neu von Jugoslawien produzierte Orkan-System entschieden und die Verträge für 24 Batterien mit jeweils vier Werfern und pro Batterie 1000 Raketen noch 1990 unterzeichnet.Interview mit Obrad Vučurović in der Odbrana, 69, 1. August 2008: S. 9 Istina o Orkanu Der Kuwait-Krieg sowie das Auseinanderbrechen Jugoslawiens im Jahr 1991 brachten das Ende der Produktion. Die ehemaligen jugoslawischen Volksrepubliken konnten das Orkan-System nur bedingt im Jugoslawienkrieg zum Einsatz bringen, da zwar die Endproduktion in Maschinenbauwerk „Bratstvo“ Novi Travnik in Bosnien stattfand, die Raketen jedoch nur bei „Pretis“ im Stadtteil Vogošča in Sarajewo sowie die Zeitzünder-Mechanismen für die Splittergefechtsköpfe bei „Krušik“ in Valjevo produziert wurden. Während Bratstvo von den kroatischen und später muslimischen Truppen kontrolliert wurde, war Pretis in der Hand der bosnischen Serben. So befand sich auch nur ein vollständiges System im Jugoslawienkrieg bei den Krajina-Serben im Einsatz, das aus dem in der Artillerieschule der JNA in Zadar stationierten Prototyp bestand. Dieses Orkan-System fand später Eingang in die Rechtsprechung der ICTY, da die Krajina-Serben es während der Rückeroberung der Ost-Krajina durch die kroatische Armee im Mai 1995 zu einem zweitägigen Raketenbeschuss auf Zagreb einsetzt hatten, was als Kriegsverbrechen geahndet wurde.Transkript des ICTY Martic Case

Folgeentwicklung