Ugarit (ugaritisch: , ủgrt /Ủgarītu/; heute ) war eine seit etwa 2400 v. Chr. keilschriftlich bezeugte Hafenstadt im Nordwesten des heutigen Syrien und während der Bronzezeit ein wichtiges Handels- und Kulturzentrum. Spätestens ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. war Ugarit Hauptstadt eines gleichnamigen Königreichs in Nordsyrien, das nördlich an Amurru angrenzte. 1928 wurde es bei dem modernen Ort Ras Schamra nahe der Küste, etwa 11 km nördlich von Latakia, zufällig wiederentdeckt. 1929 begannen französische Archäologen unter der Leitung von Claude Schaeffer (1898–1982) mit systematischen Ausgrabungen, bei denen historisch bedeutsame Funde zu Tage kamen.Charles Virolleaud: Les Inscriptions Cunéiformes de Ras Shamra. In: Syria. Band 10, Nummer 4, 1929, S. 304–310 (Digitalisat).Claude Schaeffer: The Cuneiform Texts of Ras Shamra-Ugarit. 1939.
Zum Königreich Ugarit, das ab der Amarna-Zeit gut bezeugt ist, gehörten mindestens vier Häfen an der etwa 50 km langen Küstenlinie,Trevor R. Bryce: The Kingdom of the Hittites. Oxford University Press, überarbeitete Neuauflage 2005, ISBN 978-0-19-928132-9, S. 164. darunter der Hafen Minet el-Beida zwei Kilometer westlich der Hauptstadt und die Nebenresidenz Ras Ibn Hani fünf Kilometer südwestlich. Im Landesinneren gab es dicht bewaldete Berge und fruchtbare Ebenen. Einige wichtige Handelswege führten durch das Territorium Ugarits.
Historische Entwicklung Frühe Geschichte Die ältesten Siedlungsspuren datieren ins 7. Jahrtausend v. Chr. und stammen aus der frühen Jungsteinzeit. Ab dem frühen 3. Jahrtausend v. Chr. (Frühe Bronzezeit in der Levante) nahm Ugarit zunehmend urbane Züge an und gewann immer mehr an Bedeutung. Um 2200 v. Chr. wurde die Siedlung aus ungeklärten Gründen verlassen. Nach einer – nach heutigem Stand – etwa hundertjährigen Besiedlungslücke wurde der Ort in der frühen mittleren Bronzezeit durch semitische Nomaden, die in jener Region sesshaft wurden, neu bevölkert. Die Siedlung erstreckte sich bald darauf über den gesamten Hügel. Ugarit wurde damals befestigt und pflegte spätestens ab dem 18. Jahrhundert v. Chr. diplomatische Kontakte zu Mesopotamien. Schriftquellen bezeugen einen Besuch von Zimri-Lim von Mari. Kontakte mit Ägypten sind durch diverse Funde ebenfalls belegt. Das Schicksal Ugarits liegt ab der späten Phase der mittleren Bronzezeit für längere Zeit im Dunkeln. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. ist sicher bezeugt, dass sich Ugarit zu einem der wichtigsten Handelszentren im syrisch-kanaanischen Raum entwickelt hatte, das Produkte (zum Beispiel Holz, aber auch unter anderem Wein, Öle sowie kunstvoll bearbeitete Bronze und Gold) liefern konnte, die in anderen Regionen begehrt waren.
Blüte Ugarits in der Spätbronzezeit mini|Ägyptische Stele aus dem 13./12. Jahrhundert v. Chr., gefunden in Ugarit Die wirtschaftliche Blüte lag in der zweiten Hälfte der Späten Bronzezeit Syriens, zwischen etwa 1350 v. Chr. und ca. 1190 v. Chr. Anhand der besiedelten Fläche, der durchschnittlichen Wohnungsgröße und ethnographischer Daten berechnete W. Randall Garr für das 13. Jahrhundert eine mittlere Bevölkerungszahl von 7.635 innerhalb der Stadt Ugarit.W. Randall Garr: Population Estimate of Ancient Ugarit. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. No. 266, Mai 1987, S. 32, 40, Vorigen Schätzungen zufolge betrug die Zahl der Stadtbewohner 6.000 bis 8.000, bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 35.000 oder 25.000 nur für die ländliche Bevölkerung. Die Zahlen von Garr und anderen sind unsicher, weil sich die alten Stadtgrenzen nicht genau bestimmen lassen, Funde kleinerer Siedlungen nicht vorliegen und die Bevölkerungszahl im genannten Zeitraum nicht konstant war.Marguerite Yon: Ugarit: The Urban Habitat The Present State of the Archaeological Picture. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. No. 286, Mai 1992, S. 19–34, hier S. 20.
Schiffe aus Ägypten, Griechenland und Kleinasien steuerten die Stadt an. Sie war ein wichtiger Umschlagplatz für Waren aus dem vorderen und mittleren Orient. Möglicherweise gab es Stadtviertel, in denen sich ausländische Händler dauerhaft niederließen; zumindest ein mykenisches Viertel wird von vielen Forschern angenommen. Vom Reichtum Ugarits zeugen die Überreste mehrerer großer Paläste, von denen der größte dem König gehörte. Im Südpalast residierte der Händler und Hofbeamte Yabninu.
Trotz seines Reichtums war Ugarit militärisch schwach und musste sich deshalb mit den Großmächten jener Zeit – den Ägyptern und den Hethitern – arrangieren. Ägypten hatte allerdings im Laufe der Zeit immer weniger Macht über die syrischen Staaten Ugarit und Ammurru, die Vasallen der Hethiter wurden.
Als gegen Ende des 14. Jahrhunderts v. Chr. die Hethiter unter Šuppiluliuma I. Nordsyrien eroberten, musste Ugarit jährliche Tributzahlungen leisten. Die ugaritischen Fürsten erkannten politisch und militärisch die Autorität der hethitischen Herrscher an, konnten sich wirtschaftlich und kulturell aber eine recht weitgehende Unabhängigkeit bewahren. Zum Ende des Hethitischen Reiches mussten sie es – kurz vor der eigenen Zerstörung – militärisch unterstützen.
Zerstörung Ugarits mini|Blick auf die Palastruinen, Aufnahme aus dem Jahre 2005 Wahrscheinlich zwischen 1194 und 1185 v. Chr. erfolgten Angriffe auf Ugarit und die Zerstörung der Stadt, vermutlich durch Seevölker. Einen Terminus post quem für die Zerstörung bildet eine in Ugarit gefundene Korrespondenz (RS 86.2230) mit dem Schatzmeister Bay von Ägypten, der dieses Amt ab 1194/93 v. Chr. innehatte. Ein Brief an den König von Alašija (Zypern) beschreibt einen Angriff auf ugaritische Gebiete von See aus durch sieben Schiffe, bei denen unter anderem mehrere Städte geplündert wurden. Ammurapi, dem letzten Herrscher Ugarits, waren die Hände gebunden, denn die ugaritische Flotte wurde vom hethitischen Großkönig vor der Südküste Kleinasiens eingesetzt und Gardetruppen Ammurapis waren ins hethitische Kernland beordert worden. Ein Hilfegesuch an den hethitischen Vizekönig in Karkemiš wurde abgeschlagen. Ugarit war folglich den Feinden fast schutzlos ausgeliefert, sofern die Texte kurz vor das Ende Ugarits datieren. Das Ende kam sehr plötzlich, wie die letzten Korrespondenzen Ugarits zeigen, die noch von Korrespondenzen mit anderen Herrschern und offenbar zumindest zum Teil noch intakten Handelswegen zeugen.Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Theiss, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-3195-3, S. 218. Ugarit wurde von den Angreifern schwer zerstört und geplündert. Die Ausgräber fanden eine bis zu zwei Meter dicke Brandschicht, in der in der Stadt viele Pfeilspitzen entdeckt wurden, die von Kämpfen zeugen.Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Theiss, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-3195-3, S. 217. Ein Zeugnis von der Verheerung bietet ein privater Brief, der offenbar kurz nach den Ereignissen verfasst wurde (RS 19.011):
„Als dein Bote eintraf, war die Armee gedemütigt und die Stadt geplündert. Unsere Nahrung in den Tennen war verbrannt und die Weinberge zerstört. Unsere Stadt ist geplündert. Wisse dies! Wisse dies!“Eric H. Cline: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Theiss, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-3195-3, S. 217. Dort folgt der Autor der englischen Übersetzung von Itamar Singer: A Political History of Ugarit. In: Wilfred G. E. Watson, Nicolas Wyatt (Hrsg.): Handbook of Ugaritic Studies. Brill, Leiden 1999, S. 603–733, hier S. 726.
Von einer eventuellen kurzen, bescheidenen Nachbesiedlung kurz nach der ZerstörungMarguerite Yon: Répartition et contextes de la céramique mycénienne d’Ougarit. In: Marguerite Yon – Vassos Karageorghis – Nicolle Hirschfeld: Céramiques mycéniennes. Ras Shamra-Ougarit XIII. Nikosia 2002, S. 15. abgesehen wurde Ugarit nicht mehr wieder aufgebaut und blieb jahrhundertelang verlassen. Erst vom 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. bestand wieder eine spärliche Dorfsiedlung in der Nähe. Eine kurze Besiedlung gab es auch in römischer Zeit.
Staat und Verwaltung
Palast mini|Eingang zum Palast von Ugarit Das bislang größte, ausgegrabene Gebäude der Stadt war der Palast des Königs. Er lag im Westen der eine Fläche von mehr als 25 Hektar einnehmenden Stadt, bedeckte eine Fläche von ca. 10.000 Quadratmetern und bestand aus rund 100 Räumen. Das Untergeschoss war in Stein errichtet und steht heute teilweise noch 4 m hoch an. Die Mauern in den Obergeschossen waren wohl aus Lehm. Der Palast ist in mehreren Phasen errichtet worden. Der Kernbau war gerade einmal 30 × 15 Meter groß mit einem kleinen Innenhof. Später wurde an die Ostseite ein weiterer Trakt angebaut. Hier entstanden ein weiterer Hof und eine Säulenhalle. Weitere Anbauten folgten im Osten und vor allem im Süden, wobei es sich jedes Mal um Raumgruppen handelte, die sich um einen Hof gruppierten. Die Funde in den einzelnen Teilen des Gebäudes waren ausgesprochen reich. In verschiedenen Teilen kamen Tontafelarchive zu Tage. Im Osttrakt fanden sich in einem Raum Fragmente von Möbeln, die schon lange vergangen, deren Elfenbeinauflagen aber noch erhalten waren.
Der Palast wurde schon im Altertum bewundert und Rib-Addi, König von Byblos, rühmt ihn in einem seiner Briefe an den ägyptischen Pharao Echnaton.
Verwaltung Rb bezeichnete den Vorsteher einer Gruppe königlicher Bediensteter. So gab es einen rb mkrm, Vorsteher der Kaufleute, rb nqdm, Vorsteher der Opferschafhirten, rab šangū, Vorsteher der Priester, und die Vorsteher verschiedener Dörfer sowie den Vorsteher von Ugarit (rb qrt – wohl eine Art Bürgermeister). Verschiedene militärische Grade wurden durch rb ʿlf (Vorsteher der Tausend) bis Vorsteher der Zehn bezeichnet.
Schriftkultur Siehe Hauptartikel: Ugaritische Schrift und Ugaritische Religion
Alphabetische Schrift Ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. wurde neben der babylonischen Keilschrift für Texte in ugaritischer Sprache auch eine alphabetische Keilschrift verwendet. Die etwa 1500 Tontafeln aus Ugarit bilden den bisher ältesten Nachweis dieses Alphabets. In Europa wurde das Alphabet – allerdings abgeleitet aus dem phönizischen Alphabet – erst wesentlich später bekannt. Die Entzifferung geht unter anderem auf Hans Bauer zurück, der seine Ergebnisse erstmals auf dem Orientalistenkongress in Leiden im Jahre 1932 vorstellte.Hans Bauer: Das Alphabet von Ras Schamra. Seine Entzifferung und seine Gestalt. Mit drei Anhängen. Max Niemeyer Verlag, Halle/Saale 1932. Bedeutenden Anteil an der Entzifferung hatten jedoch auch Charles Virolleaud und Édouard Dhorme, die sich ebenfalls ab 1929 mit der ugaritischen Schrift befassten und bereits früh Zwischenergebnisse veröffentlichten.Ausführlich dazu Kevin J. Cathcart: The Decipherment of Ugaritic. in: Wilfred G. E. Watson, Nicolas Wyatt (Hrsg.): Handbook of Ugaritic Studies. Brill, Leiden 1999, S. 76–80.
Textzeugnisse mini|Schrifttafel mit einer hurritischen Hymne um 1400 v. Chr., aus dem Königlichen Palast von Ugarit
Von großer Bedeutung sind die Archive von Ugarit mit Keilschrift-Texten in der einheimischen nordwestsemitischen Sprache, die als „Ugaritisch“ bezeichnet wird, sowie in akkadischer Sprache, die im 2. Jahrtausend v. Chr. als überregionale Verkehrs- und Diplomatensprache diente. Die Masse der Texte waren wirtschaftlicher Natur, aber zwischenstaatliche Verträge und Staatskorrespondenzen liefern wichtige Informationen zu den politischen Verhältnissen jener Zeit. Die Tafeln beleuchten auch die religiösen Vorstellungen dieses Volkes in Sagen und Epen, Mythen, Gebeten, Götter- und Opferlisten der zeremoniellen Texte und Vorschriften.