Die Italienische Sozialrepublik (, kurz RSI), informell auch Republik von Salò (italienisch Repubblica di Salò) genannt, war ein faschistischer Marionettenstaat in Norditalien unter der militärischen Protektion des Deutschen Reichs. Das Staatsgebiet beschränkte sich auf Gebiete der deutschen Besatzungsmacht.
Der De-facto-Staat bestand zwischen dem 23. September 1943 und dem 25. April 1945 und führte den Zweiten Weltkrieg bis zum Ende auf Seiten Deutschlands und der Achsenmächte weiter. Regierungssitz war Salò am Gardasee (ab 1944 Mailand), Staatschef der am 25. Juli 1943 abgesetzte diktatorische Ministerpräsident Italiens, Benito Mussolini. Die Republik, welche den zweiten und letzten faschistischen Staat in Italien darstellte, hörte am 2. Mai 1945 auf, zu existieren, als die im Rahmen der Operation Sunrise für den Kriegsschauplatz Italien angebahnte und am 29. April dieses Jahres unterzeichnete Kapitulation der deutschen und republikanisch-italienischen Streit- und Polizeikräfte wirksam wurde.
Vorgeschichte Mit der Landung britischer und amerikanischer Truppen auf Sizilien begann am 10. Juli 1943 die alliierte Invasion in Italien. Am 22. Juli wurde Palermo eingenommen. Am 25. Juli 1943 erwirkte die innerparteiliche Opposition im Großen Faschistischen Rat den Sturz Mussolinis und ließ ihn nach einem anschließenden Besuch bei König Viktor Emanuel III. verhaften. Dieser übernahm selbst wieder den Oberbefehl über die Streitkräfte und beauftragte Marschall Pietro Badoglio mit der Bildung einer neuen Militärregierung. Marschall Badoglio erklärte sogleich die Nationale Faschistische Partei (PNF) und alle ihre Gliederungen per Gesetz für aufgelöst. Damit war das faschistische Regime in Italien endgültig zusammengebrochen. Am 8. September 1943 schloss Badoglio als Nachfolger Mussolinis im Amt des Ministerpräsidenten einen einseitigen Waffenstillstand mit den Alliierten (Waffenstillstand von Cassibile). Daraufhin erfolgte die Besetzung Norditaliens und weiterer Teile des Landes durch die deutsche Wehrmacht (Fall Achse), um ein endgültiges Abfallen Italiens von der „Achse“ zu verhindern und um die kriegswichtigen Industriegebiete Norditaliens nicht zu verlieren.
Gründung der RSI mini|Mussolini mit deutschen Fallschirmjägern kurz nach seiner Befreiung Deutschen Fallschirmjägern in Begleitung einiger SS-Männer unter SS-Hauptsturmführer Otto Skorzeny gelang es am 12. September 1943, Mussolini mit dem Unternehmen Eiche aus seiner Haft auf dem Gran Sasso in den Abruzzen zu befreien.
Der abgesetzte Diktator machte sich von München ausConrad F. Latour: Südtirol und die Achse Berlin–Rom 1938–1945, S. 118 (online). daran, die inzwischen aufgelöste PNF zu reorganisieren. Nachdem Mussolini das ursprüngliche Programm der Schwarzhemden von 1919 wieder aufgegriffen und dabei einige Elemente mit Affinität zum Republikanismus sowie in geringerem Maße zum Sozialismus hinzugefügt hatte, kündigte er am 18. SeptemberGianluca Falanga: Mussolinis Vorposten in Hitlers Reich: Italiens Politik in Berlin 1933–1945, S. 229 (online). über den Sender München, der in einem großen Teil Nord- und Mittelitaliens gut zu empfangen war, die bevorstehende Gründung des neuen faschistischen Staates an.
Dieser wurde am 23. September 1943 mit sechs Tagesbefehlen ausgerufen. Der neue faschistische Staat auf italienischem Boden wurde anfänglich lediglich vom Deutschen Reich und vom Japanischen Kaiserreich anerkannt, später auch von den mit den Achsenmächten verbündeten Staaten wie Bulgarien, Finnland, Mandschukuo, Rumänien, dem Slowakischen Staat und Ungarn. Als einzige neutrale Staaten erkannten San Marino und die Schweiz den neuen Staat an, sowie auch nach kurzem Zögern der Vatikan.
Die konstituierende Sitzung der neuen faschistischen Regierung fand noch in der deutschen Botschaft in Rom statt. Mussolini, der sich noch in Deutschland befand und folglich nicht persönlich anwesend war (er wurde von Alessandro Pavolini vertreten), wurde zum Staatsoberhaupt, Vorsitzenden des Ministerrats und Außenminister ernannt. Die neu gegründete „Republikanische Faschistische Partei“ (Partito Fascista Repubblicano, PFR) wurde nunmehr von Pavolini geführt.
Eine der ersten außenpolitischen Handlungen (vielleicht die erste überhaupt) bestand darin, dem weiter bestehenden Königreich Italien im Süden des Landes den Krieg zu erklären. Das Königreich Italien unter König Viktor Emanuel III. und der Protektion der Alliierten erkannte den neuen faschistischen Staat offiziell nicht an, reagierte jedoch auf die faschistische Kriegserklärung, was einer De-facto-Anerkennung gleichkam.
Die ersten Regierungssitzungen fanden im Castello di Caminate in der Provinz Forlì-Cesena statt. Auf die Mussolini gehörende Burg hatte dieser sich in den ersten Tagen nach seiner Rückkehr zurückgezogen. Erst in der Folge residierte er von Gargnano am Gardasee aus und traf sich dort auch mit dem Ministerrat. Am Westufer des Gardasees ließen sich weitere Ministerien, Behörden und faschistische Organisationen nieder, wie das Innenministerium in Toscolano Maderno. In Salò fanden das Außenministerium und das Ministerium für Volkskultur ihren Sitz sowie die Presseagentur Stefani, die die Verlautbarungen und Mitteilungen der Regierung veröffentlichte. Da die Mitteilungen mit den Worten „Salò comunica“ (italienisch für „Salò teilt mit“) eingeleitet wurden, bürgerte sich mit der Zeit der inoffizielle Name Repubblica di Salò ein. Offiziell nahm der neue faschistische Staat nach der konstituierenden Sitzung der Republikanischen Faschistischen Partei im November 1943 im Castelvecchio in Verona ab dem 1. Dezember 1943 den Namen Repubblica Sociale Italiana an. Zuvor war er als Stato repubblicano d’Italia, Stato fascista repubblicano und Stato nazionale repubblicano bezeichnet worden.Giorgio Candeloro: Storia dell’Italia moderna. La seconda guerra mondiale – Il crollo del fascismo – La resistenza 1939–1945. Band 10, Feltrinelli, Mailand 2002, ISBN 88-07-80805-6, S. 243.Silvano Vinceti (Hrsg.) Salò capitale: breve storia fotografica della RSI. Armando Editore, Rom 2003, ISBN 88-8358-464-3, S. 30.
Die Wahl des Gardasees, weitere Ministerien befanden sich in Polpenazze del Garda (Verteidigung) sowie im nahen Brescia (Justiz, Finanzen), war durch die strategisch günstige Lage bedingt. In der Nähe befanden sich zahlreiche Waffenfabriken (darunter auch Beretta in Gardone Val Trompia) und auch Stahlwerke bzw. stahlverarbeitende Industrie, welche weiter für die RSI und die Deutschen produzierten. Als vorteilhaft wurde auch die Nähe zum Industriezentrum Mailand angesehen, sowie zu der von den Deutschen kontrollierten Operationszone Alpenvorland. Das Gebiet war durch den Bogen der Alpen abgeschirmt und hinreichend von Frankreich und dem Adriatischen Raum entfernt. Salò (und auch Mailand) lagen damit im Herzen des letzten Gebiets in Italien, das noch in der Lage war zu produzieren und Handel zu treiben, wenn auch letzteres oft vorwiegend mit dem Deutschen Reich.
Staatsgebiet mini|250px|Mussolinis Sozialrepublik und die deutschen Operationszonen (Lage September 1943 bis Mai 1944) Die RSI beanspruchte das gesamte Gebiet Italiens einschließlich der italienischen Inseln, wobei im Nordwesten im Großen und Ganzen die Grenzen von 1940 galten, dem Jahr des Kriegseintritts des Landes an der Seite Deutschlands.
Faktisch umfasste das Staatsgebiet nur jene Teile Italiens, die von Truppen der Wehrmacht besetzt waren. Zu Beginn lag die Frontlinie südlich von Rom. Die Hauptstadt Italiens war gemäß Mussolinis Wunsch aufgrund der Nähe zur Front nicht mehr Regierungssitz, wurde jedoch de jure als Hauptstadt der RSI angesehen. Die sogenannten Operationszonen innerhalb des Staatsgebietes der RSI standen unter deutscher Militärverwaltung.
Die Operationszonen Die Gebiete am Alpenhauptkamm waren schon am 12. September 1943 von der Deutschen Militärführung in den Operationszonen Alpenvorland (Südtirol, Trentino und Belluno) und Adriatisches Küstenland (Provinzen Udine, Görz, Triest, Pula und Fiume) zusammengefasst worden. Sie standen unter deutscher Militärverwaltung, gehörten aber formell weiterhin zur RSI. An ihrer Spitze standen die Gauleiter der angrenzenden „großdeutschen Reichsgaue“ Tirol und Kärnten, Franz Hofer und Friedrich Rainer, die direkt Hitler unterstellt waren. Später kam noch die Operationszone Nordwest-Alpen an der Schweizer und französischen Grenze hinzu. Als Zugeständnis waren für Triest Sondervereinbarungen zugesagt worden.
Rainer unterstellte Präfekte und Bürgermeister deutschen „Beratern“ und legte Vorschriften für den Einsatz der örtlichen italienischen, slowenischen und kroatischen Milizen fest, die unter verschiedenen Namen für die Besatzer tätig wurden. Verschiedene Verbände der faschistischen Miliz wurden in den Dienst der SS gestellt (in diesem Fall erhielten sie anstelle ihres Namens Republikanische Nationalgarde die Bezeichnung Gebietsverteidigungsmiliz), hinzu kamen außerdem verschiedene Polizeieinheiten, die unter anderem für Verhaftungen eingesetzt wurden.
Partisanengebiete Mit dem fortschreitenden Vordringen der alliierten Truppen bestand ab Ende 1944 der territoriale Machtbereich der RSI nur noch aus dem nördlichen Teil Italiens und verringerte sich in den letzten Kriegsmonaten durch regionale Aktivitäten der Partisanen zusätzlich.
Staatswesen Die RSI konstituierte sich weiterhin als faschistischer Einparteienstaat. Nach der Auflösung des PNF gründete Mussolini eine neue faschistische Partei, den Partito Fascista Repubblicano (PFR; „Republikanische Faschistische Partei“). Höchstes Staatsorgan war der Ministerrat (Consiglio dei Ministri), wobei Mussolini sowohl Staatsoberhaupt, Regierungschef als auch Außenminister war und faktisch eine unbeschränkte Machtfülle innehatte.
Der Staat hatte aufgrund des Fehlens einer Verfassung (gleiches galt jedoch auch für das Königreich Italien) den Status eines stabilisierten De-facto-Regimes und wurde praktisch nur auf Basis der Exekutive regiert. Eine Verfassung, ursprünglich vom Deutschen Reich gefordert, wurde zwar ausgearbeitet, jedoch weder von einer repräsentativen Versammlung verhandelt noch verabschiedet. Am 13. Oktober 1943 wurde die unmittelbar bevorstehende Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung bekanntgegeben, die eine solche ausarbeiten sollte, in der die Staatsgewalt vom Volke ausgehe. Aber schon nach der ersten Sitzung am 14. November 1943 in Verona wurde die Fortführung von Mussolini verschoben, da er sich entschlossen hatte, ebendiese Versammlung erst wieder nach dem Krieg einzuberufen. Trotzdem wurde mit seiner Billigung der Entwurf einer Verfassung ausgearbeitet, die nach dem Krieg als Basis dienen oder bei Zustimmung einfach angenommen werden sollte.
Während Italien als Großmacht vorher ein gleichberechtigter Verbündeter Deutschlands war, der eine eigenständige Politik betreiben konnte, war die Republik von Salò ein Marionettenstaat. Einige Gesetze der Judengesetzgebung des Großdeutschen Reichs, die bis 1943 vom italienischen faschistischen Regime nicht übernommen worden waren, wurden nun eingeführt.