Rutschsicherheit (auch Rutschfestigkeit oder Trittsicherheit) bezeichnet die Einhaltung geforderter Reibwerte zwischen Fußbodenoberflächen und der Schuhsohle oder auch dem nackten Fuß von Personen, die diese Fläche betreten. Je nach baulicher Situation wird die Einhaltung der Rutschsicherheit auch bei nasser oder verschmutzter Bodenfläche gefordert und geprüft.
Neben den Oberflächeneigenschaften des Untergrunds wird die Rutschsicherheit auch von weiteren Einflussgrößen bestimmt, die in der Art der Nutzung liegen. Die Rutschsicherheit von Straßenoberflächen wird als Griffigkeit bezeichnet.
Prüfmethoden 23,6 % aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle wurden im Jahr 2021 durch Stolpern, Stürzen und Ausrutschen verursacht. Ursachen für das Ausrutschen liegen in der Gestaltung des Fußbodens und des Schuhwerkes sowie in deren Verschmutzung. Seit es Regelungen zur Rutschsicherheit in Deutschland gibt, hat sich die Zahl der Unfälle reduziert. Es gibt eine Reihe von Prüfmethoden zur Rutschsicherheit von Bodenbelägen sowohl vor Ort als auch im Labor. Das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung führt solche Prüfungen durch – als Orientierungsprüfung oder als Baumusterprüfung (mit Prüfzeugnis und DGUV Test-Zertifikat). Es gibt jedoch auch noch andere Institute und Labore, die entsprechende Prüfungen durchführen.
Historische Prüfmethoden In den 1930er Jahren hat ein mittlerweile nicht mehr existierender Keramikhersteller die ersten Versuchsaufbauten aufgestellt, um die Problematik im Labor zu simulieren. Dabei wurde eine Schräge gebaut, die man mit Öl eingelassen hatte. Man versuchte anschließend durch alternative Oberflächengestaltungen, die Ausgleiteigenschaften zu verändern.
Aktuelle Situation
Die nationalen Normen wurden 2022 durch die EN 16165 ersetzt, in der nun folgende 4 Prüfverfahren geregelt sind:
Prüfung durch barfüßiges Begehen auf der schiefen Ebene Prüfung durch beschuhtes Begehen auf einer schiefen Ebene Pendelprüfung Tribometer-Prüfung
Prüfmethoden im Labor Arbeitsbereiche allgemein Die Prüfung nach DIN 51130 wird wie folgt durchgeführt: Der zu prüfende Belag wird auf ein Prüfgestell gelegt und 200 ml pro Quadratmeter eines speziellen Motoröls aufgetragen. Eine Prüfperson begeht mit normierten Arbeitsschuhen den Belag, während dieser über die hintere Kante angehoben wird. Der Prüfer läuft auf der so immer steiler werdenden Rampe auf und ab, bis er ausrutscht oder sich unsicher fühlt. Der dabei abschließend erreichte Neigungswinkel des Belags beziehungsweise der Rampe wird gemessen. Die durch dieses Verfahren mittels zweier Prüfpersonen festgestellte Gradzahl führt zur Einteilung in die unten stehende Bewertungsgruppe. Eine „Vor-Ort-Messung“ und Überprüfung des Belags nach einer gewissen Nutzungsdauer oder Sanierung ist mit dieser Methode nach DIN 51130 nicht möglich. Dies wird von vielen Seiten bemängelt.
Rutschsicherheitswerte R mit Gradzahlen: (ohne Werte für „Verdrängungsräume“, die sich weiter unten befinden) R-Wert GradzahlenR 9 6° – 10°R 10 >10° – 19°R 11 >19° – 27°R 12 >27° – 35°R 13 >35°
Verdrängungsräume: In Arbeitsbereichen, in denen fettige, pastöse oder faserig-zähe Stoffe auf den Boden gelangen, müssen Fliesen gegebenenfalls auch noch einen „Verdrängungsraum“ besitzen. Als Verdrängungsraum wird das Volumen (Hohlraum) beschrieben, welches zwischen Schuhsohle und Bodenbelag verbleibt. Dieser wird in vier V-Klassen unterteilt. Der V-Wert gibt an, welche Flüssigkeitsmenge in cm³ der Boden auf einem dm² mindestens aufnehmen können muss.
Gruppe Mindestvolumen V4 4 (cm³/dm²) V6 6 (cm³/dm²) V8 8 (cm³/dm²) V10 10 (cm³/dm²)
Nassbelastete Barfußbereiche Nach EN 16165 wird auf einer verstellbaren schiefen Ebene die Prüfflüssigkeit (Wasser mit nichtionischen Tensid) aufgebracht. Die Prüfpersonen begehen barfuß die geneigte Prüffläche. Der entsprechende Winkel des Rutschens wird dann aufgezeichnet.
Prüfmethoden vor Ort
mini|70px|Federwaage Um einen Belag „vor Ort“ zu prüfen, wurden verschiedene Geräte gebaut, die nachfolgend in chronologischer Abfolge vorgestellt werden. Allen gemeinsam ist, dass ab der Bewertungsgruppe R10 keine Möglichkeit zur nachträglichen Überprüfung mit Gleitreibmeßmethoden besteht.
Schustergerät Das erste war das sogenannte „Schuster-Gerät“, ein Gewichtklotz mit Gummiklötzchen als Unterseite, der über den Boden gezogen wird. Mit einer Federwaage wurde gemessen, wie viel Kraft bei der gleitenden Bewegung aufgewandt werden musste. Das Verhältnis aus Gewicht des Geräts und Zugkraft ergab den dimensionslosen Gleitreibwert. Das Ergebnis war subjektiv, da es von der Person des Prüfers abhing. Deshalb wurde, um das Prüfergebnis zu objektivieren, an eine elektronische Variante gedacht.
SRT-Pendel Dieses Pendelprüfgerät mit dem SRT-Pendel kommt aus England und ist in der Europäischen Norm für Außenbereiche aufgeführt. Im Ursprungsland wird es wegen Ungenauigkeiten abgelehnt. Die „Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e. V.“, Köln, hat 1997 ein Merkblatt über den „Rutschwiderstand von Pflaster und Plattenbelägen für den Fußgängerverkehr“ herausgegeben, in dem die Ermittlung der Gleitreibungswerte, der „SRT-Werte“, erklärt wird. Zu den Außenbereichen gehören auch Bodenbeläge, die Regen oder Schnee durch Windeintrag ausgesetzt sind, zum Beispiel überdachte Eingänge. Beim Messen mit einem SRT-Gerät wird ein geeichtes Pendel für die Mikrorauheit und ein Ausflussmesser für die Makrorauheit eingesetzt. Bei dem Ausflussmesser handelt es sich um einen zylinderförmigen Messbehälter mit einem elastischen Dichtring, der auf den Bodenbelag aufgesetzt wird. Das Behältnis wird mit Wasser befüllt und die ausfließende Flüssigkeitsmenge in einem definierten Zeitabschnitt gemessen. Beide Werte werden zu einem SRT-Wert umgerechnet. Mit dem SRT-Verfahren können sowohl neu zu verlegende Platten im Labor als auch bereits verlegte Platten in Bodenbelägen gemessen werden. Eine Vergleichbarkeit zwischen Rutschsicherheitswerten R und den SRT-Werten besteht nicht.
FSC 2000 mini|FSC 2000 print Messgerät Ein Hersteller aus Ottobrunn baute das erste selbstfahrbare Messgerät (FSC 2000), das in Frankreich und den Beneluxländern zugelassen ist. Ein Motor treibt eine Achse an. Der Gleiter unter dem Gerät bewirkt einen Widerstand, dessen Gleitreibwert auf einen Messstreifen übertragen und sofort ausgedruckt werden kann. Seit 2003 wird eine generalüberholte Version angeboten, die den sogenannten Stick-Slip-Effekt minimiert hat.
GMG 100 & GMG 200 Eine neue Generation, die mit einer Seilwinde arbeitet, vermeidet das Risiko durchdrehender Räder, das beim FSC 2000 besteht. Damit entsprechen die Gleitreibungsmessgeräte GMG100 und GMG200 der Forderung der Norm DIN 51131 und werden von den BGs, also den gesetzlichen Unfallversicherern, inzwischen „vor Ort“ eingesetzt. Der Messbereich dieser Geräte umfasst den Bereich der Klasse R9, andere Einstufungen in höhere Gruppierungen sind nicht zulässig. Analog dazu Barfußbereiche unterhalb Klasse A bis in Klasse B. Es werden mit dem GMG100 und GMG200 ausschließlich Bodenbeläge mit geringem Verdrängungsraum < V4 gemessen.
Nach ISO oder RAL zertifizierte Betreiber können ihr GMG100 oder GMG200 bei Bedarf, spätestens jedoch jährlich beim Hersteller kalibrieren lassen. Der Hersteller GTE benutzt eine geeichte Prüfeinrichtung. Die jährliche Kalibrierung ist eine Auflage des jeweiligen Qualitätsmanagementsystems (z. B. ISO 9001). Ansonsten kann der Anwender den Zeitpunkt für die Kalibrierung selbst entscheiden. Im Auftrag der Unfallversicherung (BGs) ist das GMG200 für die Vor-Ort-Messung entwickelt und gebaut worden, und nur dieses Gerät erfüllt z. Zt. die DIN 51131. GMG100 und GMG200 entsprechen der im August 2008 veröffentlichten DIN 51131 (Norm für Gerätespezifikation und Labormessung).
FSC 3 Das Gerät wird auf der Herstellerseite nur mit einem Bild ohne weiteren Text aufgeführt. Das Gerät arbeitet mit einem elektrischen Antrieb, der das gesamte Gerät mit definierter Geschwindigkeit über den Boden bewegt. Zur Messung der Rutschsicherheit gibt es unterschiedliche Gleiter aus Gummi, Leder, Kunststoff und anderen Materialien um die Gleitreibung an der Oberfläche zu messen. Angezeigt wird ein Gleitreibungskoeffizienten. Gemessen wird der dynamische Gleitreibungskoeffizient zwischen einem integrierten Gleiter und dem zu prüfenden Fußboden (Messprinzip Schuster). Der Gleitreibungskoeffizient wird in Längsrichtung ermittelt. Die Messstrecke beträgt jeweils z. B. 1 Meter. Die Messergebnisse wurden über die Messstrecke auf Messstreifen protokolliert und der Mittelwert ermittelt. Die Testfläche sollte vor der Messung zunächst einer Grundreinigung unterzogen und weiterhin unbedingt vor der Messung feucht mit Wasser entstaubt (Baustellenbedingungen) werden. Zum Zeitpunkt der Messung sollen die Oberflächen augenscheinlich trocken sein. Eine Abschätzung der rutschhemmenden Eigenschaften eines Fußbodens kann anhand der von der Bergischen Universitäts-Gesamthochschule Wuppertal vorgeschlagenen Grenzwerten vorgenommen werden. Danach werden die rutschhemmenden Eigenschaften eines Fußbodens wie folgt eingestuft: Gleitreibungskoeffizient, rutschhemmende Eigenschaft: 0,00 – 0,29 unsicher, 0,30 – 0,44 bedingt sicher, 0,45 – 0,64 sicher und 0,65 – 1,00 sehr sicher.
Aktuelle Situation der nationalen und internationalen Normen Mit dem Erscheinen der EN 16165 im Dezember 2021 wurden die DIN 51097, DIN 51130, DIN 51131, als auch die ÖNORM Z 1261 zurückgezogen. Die DIN 51130 erschien am 2023-03 neu und regelt nun die Bestimmung des Verdrängungsraums bei Fußböden.
Die Regelungen der Berufsgenossenschaften bzw. der gesetzlichen Unfallversicherung haben den Status von erweiterten Versicherungsbedingungen und sind somit zunächst eine rein deutsche Angelegenheit. Sie dienen der Umsetzung des deutschen Arbeitsschutzgesetzes und bieten den Arbeitgebern, den Beschäftigten und auch den Bürgern allgemein Rechtssicherheit und Schutz.
Gemeinden mit einem Schwimmbad unterwerfen sich deshalb den Vorschriften, Regeln und Merkblättern der Gemeinde-Unfallversicherungen. Gewerbetreibende haben die Vorschriften, Regeln oder Merkblätter der jeweiligen Berufsgenossenschaften zu erfüllen.
Stuttgarter Gleitmessgerät Messungen im Bereich von Sportböden und Sportstätten nach DIN 18032 und IAAF.
Nachteile von Messungen „vor Ort“ Ein Nachteil ist die hohe Manipulierbarkeit bei manchen Geräten. Beim Einbau gilt i. d. R der „R-Wert“, bei Sanierungen kann ein „Vor-Ort“-Gerät benutzt werden. Die Manipulierbarkeit ist bei den neuen GMG- und den FSC-Geräten nur mit sehr hohem technischem Aufwand möglich. Spätestens bei der Eichung ist das erkennbar. Manipulationen am Gleiter oder mit Hilfe von verfälschenden Gleitflüssigkeiten sind allerdings leicht möglich.
Ein Forschungsprojekt der Uni Wuppertal, Fachbereich Arbeitssicherheit, hat gezeigt, dass keine Vergleichbarkeit zwischen Rutschsicherheitswerten R- und SRT-Gleitreibwerten besteht. Das Medium Öl bei der schiefen Ebene zeigt andere Ergebnisse als trockene oder mit Wasser benetzte Gleiter. Für eine vergleichende Messung z. B. vor und nach einer Sanierung sind sie durchaus geeignet.
Prüfmethoden im Ausland, weitere Normen, Regeln und Geräte In der EN 1341, 1342 und 1343 (Europäische Produktnormen für Bodenbeläge, Treppen und Pflaster in Außenbereichen für Natursteine) werden SRT-Werte verlangt, die zwar europäisch genormt sind, aber von der Berufsgenossenschaft nicht anerkannt werden. Daneben gibt es neue Methoden, wie z. B. einen Schuhsimulator, der von der Universität Wuppertal entwickelt wurde. In Italien und den USA gibt es ebenfalls Messmethoden, die nicht vergleichbar sind mit der Methode der schiefen Ebene.
Regelwerke für Arbeitsbereiche