mini|Carl Raswan im traditionellen Gewand der Ruala-Beduinen (Foto um 1927) Carl Reinhard Raswan (geboren als Carl Reinhard Schmidt) (* 7. März 1893 in Dresden; † 14. Oktober 1966 in Santa Barbara, Kalifornien) war einer der bedeutendsten Kenner und Förderer des asilen Araberpferdes, Buchautor und Verfasser von Fachbeiträgen, sowie Verfechter für das Verständnis der eng mit der Araberzucht verbundenen Beduinenstämme Arabiens, deren Lebensweisen und einer völkerumfassenden Toleranz.
Leben Kindheit und Umfeld Carl Raswan wurde im Dresdner Stadtteil Laubegast-Tolkewitz unter dem Namen Carl Reinhard Schmidt als Kind des Mediziners Martin Schmidt und einer ungarischen Mutter geboren.
Schon in frühen Jahren suchte der junge Carl Raswan zu ergründen, was jenseits der Elbe, hinter den gegenüberliegenden Bergen, verborgen war. Im Alter von fünf Jahren kam Carl Raswan erstmals mit Pferden in Berührung, als ihm sein Vater das Pony Phili schenkte. Mit dem Erwerb des auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe gelegenen Dr. Klenke’s Kurpark Wachwitz im Jahre 1898 durch seinen Vater erschloss sich für Carl Raswan und sein Pony die Möglichkeit für größere Ausflüge in das Dresdner Umland, ohne die Elbe überqueren zu müssen.
Schulischer Werdegang 1902 erfolgte die Einschulung von Carl Raswan in das humanistische Königliche Wettiner Gymnasium zu Dresden. Hier konnte er das klassische europäische Altertum und seine Sprachen studieren. Carl Raswan las die antiken Hippologen, wie Simon von Athen, Xenophon, Varro, Oppian und Palladius.
Seine Schulferien verbrachte Carl Raswan mit seinem Pony häufig bei seinem Onkel, dem Oberforstrat Bernhard Schmidt im Forsthaus Kreyern im Spitzgrund. Bei einem dieser Ferienaufenthalte beobachtete Carl Raswan den jungen Prinzen Ernst-Heinrich von Wettin, der mit seinem, vom Ungarischen König erworbenen, arabischen Schimmel in den Moritzburger Schlossteich ritt. Der Schimmel war vermutlich ein Shagya-Araber und Carl Raswan beobachtete, wie das Pferd sich selber in dem Spiegelbild im Wasser erkannte und damit spielte. Dieses Erlebnis weckte sein Interesse für das arabische Pferd und wurde zum Schlüsselerlebnis für Carl Raswan.
Prägende Studienreise Nach seinem Abitur schickten seine Eltern Carl Raswan auf sein Drängen im Mai 1911 auf eine dreiwöchige Reise nach Griechenland. Zuvor verbrachte er einige Tage in Konstantinopel (heute Istanbul), der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Carl Raswan stellte die Reise unter das Motto seines Kindheitstraumes „auf der Suche nach dem idealen Pferd“. Er verbrachte die meiste Zeit mit dem Studium antiker Kunstwerke, die Pferde darstellten; z. B. den Parthenon-Fries des griechischen Bildhauers Phidias aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., und dem panathenischen Festzug mit den hundert Pferden. In der Privatbibliothek eines befreundeten griechischen Archäologen informierte er sich über die Geschichte des antiken Pferdes. Hier fiel Carl Raswan auch das Werk Eine Pilgerfahrt nach Nedschd in die Hände, was ihn zutiefst beeindruckten und zu der Aussage hinreißen ließen: „Nach meiner Rückkehr aus Athen konnte ich mir meine Zukunft nicht mehr in Europa vorstellen …“
Erste Orientreise mini|Carl Raswan im Alter von 19 Jahren als landwirtschaftlicher Praktikant in Ägypten in der Nähe von Alexandria. (Foto 1912) Inspiriert von den Schriften von Lady Anne Blunt und seinen Studien der antiken Kunstwerke, begann Carl Raswan kurz nach seiner Rückkehr aus Griechenland mit dem Studium alles Arabischen, und in nur wenigen Jahren beherrschte er sowohl die Sprache als auch die Schrift auf muttersprachlichem Niveau. Sehr gelegen kam Carl Raswan gegen Ende 1911 eine Einladung seines Vetters nach Ägypten, der dort einen Import-/Exporthandel in Kairo betrieb. Er reiste über Triest und Alexandria nach Kairo. Nach der Geschäftsaufgabe seines Vetters wurde Carl Raswan 1912 Assistent auf der Santa Stefano Farm in Ramle, östlich von Alexandria, wo er für die Bewässerungstechnik der Farmanlage zuständig war und sich ausgiebig mit den Problemen der bäuerlichen Bevölkerung, den Fellachen, auseinandersetzte.
Die damals 16-jährige Schwester Charlotte Schmidt folgte Carls Raswan nach Ägypten, um für ihn die Haushaltsführung zu übernehmen. Auf ihren Ausflügen zu Pferde in die Umgebung um Alexandria schlossen Carl Raswan und seine Schwester die ersten Bekanntschaften mit den Beduinen der Umgebung. So trafen sie eines Tages Sheikh Ammer Ibn-el-Aide vom Stamm der Would Ali, der einen kleinen arabischen Hengst namens Ghazal (arabisch für Gazelle) ritt. In dem Zelt des Sheikh lernten beide die Gebräuche und das Familienleben der Beduinen kennen. Dort lernte Carl Raswan auch Marzuki, den ehemaligen Stallmeister des ägyptischen Königs Tewfik (auch Taufik) kennen und schloss Freundschaft.
mini|Carl Raswan (rechts) im Häuptlingszelt der Ruala-Beduinen. Links neben ihm, sein Blutsbruder Prinz Fuaz. (Foto um 1930) Auf der Suche nach dem „Traumpferd“ lud Marzuki Carl Raswan ein, ihn auf eine Reise nach Jerusalem und Damaskus zu begleiten, wo er Pferde züchtende Beduinenstämme kontaktierte. Sheikh Ammer stellte Carl Raswan seinen Hengst Ghazal für diese Reise zur Verfügung. Die Freundschaft zwischen dem Sheikh und Carl Raswan war so innig, dass dieser ihm den Beinamen „Aziz“ (arabisch für der Geliebte) gab. Diesen Beinamen behielt Carl Raswan auch später bei anderen Kontakten mit den Beduinen bei. Während dieser, ca. ein Jahr andauernden, ersten Reise durch Arabien lernte Raswan die nomadisierenden Stämme der arabischen Beduinen kennen, studierte Lebensweise, Religion und das soziale Gefüge der Beduinenstämme. Das gemeinsame Interesse am Arabischen Pferd und die gemeinsamen Erlebnisse in der Wüste festigten diese Beziehung und führten zu der Blutsbrüderschaft zwischen Carl Raswan und dem jungen Beduinenprinz Fawaz as-Shaalan (Fuaz). Diese enge Bindung der Familien hielt bis zum Tod von Carl Raswan an. Im Verlauf dieser Reise, die Carl Raswan später auch in seinem Buch Trinker der LüfteCarl R. Raswan: Trinker der Lüfte. Olms Verlag 2. Auflage von 1990 – ISBN 3-487-08140-7 beschrieb, erkannte er den Hengst Ghazal, einem Vertreter der asilen Araberpferde, als sein „Traumpferd“. Ghazal wurde ihm später von Sheikh Ammer zum Geschenk gemacht.
Erster Weltkrieg Im Herbst 1914 erhielt Raswan den Einberufungsbefehl zum Königlichen Sächsischen Husarenregiment Nr. 18 nach Großenhain, wurde jedoch zurückgestellt. Raswan meldete sich daraufhin im Mai 1915 als Freiwilliger in der deutschen Botschaft in Konstantinopel. Raswan war beteiligt an den schweren Kämpfen um Gallipoli, den Dardanellen und kämpfte mit der 4. türkischen Armee am Suez-Kanal, wonach er an Malaria, Flecktyphus und Lungenabzess erkrankte. Nach der Beteiligung an Schlachten in Mesopotamien (dem heutigen Irak) kam Carl Raswan 1917 in die Ukraine, wo er den russisch-deutschen Waffenstillstand miterlebte. Auf dem Weg in die Heimat erlebte Raswan in Warschau die Oktoberrevolution, bevor er 1918, durch die Entbehrungen völlig abgemagert, in Dresden angelangte.
Auswanderung in die USA In seiner Geburtsstadt fand Carl Raswan jedoch kein Zuhause mehr vor und entschloss sich 1921, nach Oakland (Kalifornien) zu seiner mittlerweile 61-jährigen Mutter zu fahren. Raswan nahm somit die USA als seine Wahlheimat an. Es dauerte weitere vier Jahre, bis Carl Raswan sich 1925 weitestgehend von den gesundheitlichen Folgen des Ersten Weltkrieges erholt hatte.
Will Keith Kellogg, ein Züchter arabischer Vollblüter, der eine Farm in der Nähe von Pomona (Kalifornien) unterhielt, bat ihn Ende 1925, Zuchttiere bei Judith Blunt-Lytton, 16. Baroness Wentworth (auch Lady Wentworth genannt) auf ihrem Gestüt Crabbet Park in Sussex (Großbritannien) zu erwerben. So kam es am 22. Februar 1926 zu einem Import ausgewählter Araberpferde, welche die Zucht der USA qualitativ nachhaltig aufwerteten. Ein Pferd aus dieser Auswahl war der Schimmelhengst Raswan (AV 1921), der beste Sohn des bekannten polnischen Araberhengstes Skowronek (AV 1908), den Wentworth Carl Raswan schenkte. Der Hengst Raswan war auf der Kellogg-Farm untergebracht, wurde dort jedoch aus Niedertracht umgebracht. Als Karl Kellogg die Nachricht über den Tod des Hengstes an Carl Raswan überbrachte, soll dieser sich wie folgt geäußert haben: „Tot??“, schrie Carl. „Nein! Er soll leben! Von nun an wird alles, was ich tue, in seinem Namen geschehen!“ Seit diesem Ereignis nannte sich der gebürtige Carl Schmidt nunmehr Carl Raswan (Raswan, auch Radhwan, ist nach muslimischem Glauben der Engel der Barmherzigkeit am Eingang zum Paradies).
Mit einem Pferd aus der Zucht der Hingham Stock Farm aus Massachusetts/USA, dem Apfelschimmelhengst Jadaan wirkte Carl Raswan im April 1926 als Double für den Schauspieler Rudolph Valentino bei den Dreharbeiten zu dem Film Der Sohn des Scheichs in einer Wüste in der Nähe von Yuma (Arizona) mit., The Western Horseman, Mar 1952 reprinted at Windt im Walt Farm, web site accessed April 5, 2010 Während der Dreharbeiten geriet Carl Raswan in einen Sandsturm, der ihn beinahe das Leben kostete.
Zweite Orientreise mini|Amîr Nuri as-Shaalan; langjähriger Führer der Ruala-Beduinen, der trotz seines strapaziösen Lebens 103 Jahre alt wurde (Foto von Carl Raswan um 1927) Die dramatischen Ereignisse weckten bei Carl Raswan die Sehnsucht nach „seinen“ Beduinen und so unternahm er noch im gleichen Jahr eine Reise zu dem Stamm der Ruala in die Wüsten- und Steppengebiete Noradarabiens. Während dieser Reise vertiefte sich die enge Beziehung zwischen Carl Raswan und der Familie seines Blutsbruders Prinz Fawaz, dessen Großvater Amîr Nuri as-Shaalan Raswan sehr zugetan war. Die Erlebnisse und Erkenntnisse dieser Reise schilderte Raswan in seinem Buch „Im Land der schwarzen Zelte“.
1928 unternahm Carl Raswan eine weitere Reise nach Innerarabien und besuchte mehrere Beduinenstämme. Er wurde Zeuge einer einschneidenden Entwicklung, die zu einem starken Rückgang des arabischen Pferdes in seiner Ursprungsregion geführt hat und deren Auswirkung Züchter noch heute wahrnehmen können: „seit dem Weltkriege fallen das letzte Romantische und die Ideale des Beduinenlebens in sich zusammen. Mauser- und Maschinengewehre und nun auch Automobile vernichten Hunderte von Pferde in gegenwärtigen Kämpfen, die vorher mit Lanzen und primitiven Waffen … nur ungefährliche Wunden verursachten und wobei ritterliche Tugenden und Gesetze ihre Leidenschaft (z. B. die Blutrache) im Zaume hielten. - … Im Oktober 1927 erlebte ich einen … Fall bei den Fid’an-’Anaza-Beduinen, welche 135 Stuten an einem Tag verloren…“
Auch das Jahr 1928 war durch derartige Ereignisse gekennzeichnet, wozu sich eine Dürre gesellte, durch die bei den Ruala-Beduinen über Wochen täglich bis zu 2.000 Kamele verdursteten.
Aufnahme in den Stamm der Ruala Am 15. April 1929 wurde Carl Raswan offiziell in den Stamm der Ruala und in die Familie von Nuri Shaalan aufgenommen. Diese große Auszeichnung für einen Europäer und Christen (Zitat Raswan: „Meine Religion musste ich bei den Beduinen niemals verleugnen.“) bewegte Raswan dazu, sich fortan Abd al-Aziz Ibn Radhwan, the Ruala zu nennen. Im gleichen Jahr vermittelte Raswan ein Friedensabkommen zwischen 21 Führern rivalisierender Beduinenstämme, was ihm zu hohem Ansehen verhalf. Seine Erlebnisse schilderte Raswan in seinem Buch Der Araber und sein Pferd sowie im Textteil des Buches Arabische Pferde von U. Guttmann.
Einfluss auf die Zucht Arabischer Vollblutpferde in Europa mini|Jasir (1925) von Mabrouk Or. Ar. (1912) aus der Negma Or.Ar. (1906). (Foto von Carl Raswan um 1929)