mini|Wappen Thüringens 1933–1945 mini|Wappendarstellung ohne Krone Die Zeit des Nationalsozialismus in Thüringen dauerte von der ersten Regierungsbeteiligung der NSDAP im Land Thüringen 1930 bis zum Zusammenbruch des NS-Staates mit der Besetzung Thüringens durch US-amerikanische Truppen im April und Mai 1945. Dieser Zeitraum war, wie überall in Deutschland, geprägt durch die schrittweise Gleichschaltung des Verwaltungswesens, Inhaftierung der politischen Opposition und Andersdenkender, Enteignung der jüdischen Bevölkerung und anschließende Deportierung und Vernichtung sowie die Umstellung des täglichen Lebens auf die Belange der Kriegswirtschaft. Beim Aufbau der NS-Diktatur nahm der spätere Gau Thüringen, bedingt durch die frühe Regierungsbeteiligung der Nationalsozialisten, in einigen Bereichen eine Vorreiterrolle innerhalb des „Dritten Reiches“ ein.
Regierungsbeteiligung und Machtübernahme durch die NSDAP mini|hochkant|Wilhelm Frick (1933)Innenminister des Landes Thüringen 1930–1931
Erste Regierungsbeteiligung im Landtag 1930
Mit der Bildung der „Baum-Frick-Regierung“ Anfang 1930 stellte die NSDAP erstmals in der Weimarer Republik in einer Landesregierung zwei Regierungsposten. Der spätere Reichsinnenminister Wilhelm Frick erhielt das Amt des Innen- und Volksbildungsministers im Land Thüringen. Hinzu kam Willy Marschler als Staatsrat ohne Ressort. Diese erste Regierungsbeteiligung wurde von Adolf Hitler ausdrücklich als großer Erfolg gelobt und als Experimentierfeld bezeichnet.Gräfe, Post, Schneider: Gestapo, S. 2.
Schon in der Anfangsphase wurde unter Berufung auf einen Verfassungsnotstand und den folgenden Erlass von Verordnungen anstelle von Gesetzen die Umwandlung des Landes im nationalsozialistischen Sinne betrieben. So wurde die Verwaltung zentralisiert und durch den damit vollzogenen Stellenabbau wurden vor allem sozialdemokratische Mitarbeiter entfernt. Eine weitere Beamtenverordnung führte zur Entlassung kommunistischer Lehrer und Bürgermeister. Bei der Schaffung einer zentralen Landespolizei wurden durch den Einfluss des Innenministers nationalsozialistisch gesinnte Polizisten bevorzugt.Neliba, Günther: Wilhelm Frick und Thüringen als Experimentierfeld für die vorgezogene nationalsozialistische Machtergreifung. In: Heiden/Mai: Nationalsozialismus in Thüringen, S. 75–98. Weitere Schritte führten zur Berufung des „Kulturrassisten“ Paul Schultze-Naumburg als Leiter der Weimarer Kunsthochschule als Gegenpol zum Bauhaus und des Rassekundlers Hans F. K. Günther an die Universität Jena.Raßloff: Sauckel, S. 56.
Ein Misstrauensvotum gegen beide Minister am 1. April 1931 war erfolgreich und führte zum vorläufigen Ausschluss der NSDAP aus der Landesregierung. Das Wirtschaftsministerium übernahm Baum, Wilhelm Kästner erhielt zusätzlich die Ministerien Inneres und Volksbildung. Unter Duldung durch die SPD konnte die Regierung Baum noch bis 1932 weitergeführt werden. Die personellen Veränderungen in der Verwaltung unter Frick blieben jedoch bestehen, so dass die folgende von der NSDAP geführte Landesregierung über einen Grundstock systemtreuer Polizeibeamter verfügen konnte.
Landtagswahlsieg 1932 mini|Fritz Sauckel, Gauleiter (1927–45), Vorsitzender des Staatsministeriums und Innenminister in Thüringen (1932–33) und Reichsstatthalter für Thüringen (1933–45) Bei den Wahlen zum VI. Thüringer Landtag am 31. Juli 1932 siegte die NSDAP mit 42,5 % der Stimmen. Hierauf wurde eine neue Regierung mit dem Gauleiter im NSDAP-Gau Thüringen Fritz Sauckel als Innenminister und Vorsitzenden Staatsminister gebildet. Die NSDAP führte damit mit fünf Ministern – nach Anhalt, Oldenburg und Mecklenburg-Schwerin – die vierte Landesregierung. Einen weiteren Ministerposten besetzte der Thüringer Landbund mit Erich Mackeldey. Somit war die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Thüringen vorweggenommen.Post, Bernhard: Vorgezogene Machtübernahme 1932: Die Regierung Sauckel, in: Heiden/Mai: Thüringen auf dem Weg ins Dritte Reich, S. 147–181. Sauckel nutzte die gewonnene parlamentarische Macht zur Untergrabung des parlamentarischen Systems. Durch gezielte Störungen wurden Landtagssitzungen behindert und Regierung und Parlament zur Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda rücksichtslos ausgenutzt. So verkündete Sauckel im Landtag: Wir werden selbstverständlich die Macht, die uns das thüringische Volk bei der letzten Wahl gegeben hat, in jeder Beziehung ausnutzen!Raßloff: Sauckel, S. 60.
Am Tag des Reichstagsbrandes, dem 28. Februar 1933, erging aus der Reichsregierung der Befehl zur Auflösung der KPD-Landtagsfraktion. In einem Polizeibericht wird die Durchsuchung, Schließung und Versiegelung der Fraktionsräume beschrieben. Die zehn Abgeordneten der KPD wurden in sogenannte „Schutzhaft“ überführt.Udo Wohlfeld / Falk Burkhardt: das netz. Die Konzentrationslager in Thüringen 1933–1937, = gesucht 2. Die Vergangenheit für die Zukunft retten; Hrsg. Geschichtswerkstatt Weimar-Apolda, Weimar 2000, ISBN 3-935275-01-3, S. 64 ff.
Reichstagswahlsieg 1933
Die achte Wahl zum Deutschen Reichstag am 5. März 1933 fand gut fünf Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler statt. Sie war aufgrund der Auflösung des Reichstags durch den Reichspräsidenten am 1. Februar notwendig geworden. Stärkste Kraft wurde die NSDAP mit 43,9 % der Stimmen und 44,5 % der Reichstagssitze. Durch das erste Gleichschaltungsgesetz vom 31. März 1933 (RGBl. I, S. 153) wurde in der Folge der Thüringer Landtag aufgelöst und anhand der Stimmenverteilung der Reichstagswahl neu gebildet. Die Mandate der KPD waren im Vorfeld für ungültig erklärt worden, so dass hierdurch die absolute Mehrheit der Nationalsozialisten im Landtag gesichert war. Der bisherige Vorsitzende des Staatsministeriums, Sauckel, war in der Regierung nicht mehr vertreten, da er Reichsstatthalter für das Land Thüringen wurde. Ministerpräsident des Landes wurde am 8. Mai 1933 Willy Marschler, der das Amt bis April 1945 innehatte.
Kultur mini|Gauforum Weimar: Aufmarschplatz der NS-Führung und Beispiel nationalsozialistischer Architektur
Die Besetzung des Innen- und Kulturministeriums durch Frick ab 1930 entsprach den Wünschen Hitlers, der in diesem Posten eine Schlüsselposition zur Verwirklichung seiner diktatorischen Pläne sah. Bildungspolitik Bereits kurz nach Amtsantritt verfügte Frick am 16. April 1930 einen Erlass zur Wiedereinführung des Schulgebetes.Amtsblatt des Thüringischen Ministeriums für Volksbildung 9 (1930) S. 39f Die Schüler sollten wieder das Beten „auf deutsche Art“ lernen. Allerdings wurden drei der fünf Gebetstexte am 11. Juli 1930 vom Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich für verfassungswidrig erklärt, da ihr Inhalt nicht mit Art. 148 Abs. 2 der Reichsverfassung in Einklang stünde. Gleichzeitig wurde vom Ministerium die Verwendung des Buches Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque im Schulunterricht untersagt. Parallel hierzu versuchte Frick die nationalsozialistische Rassen- und Kulturideologie umzusetzen. Nachdem das Bauhaus bereits 1925 auf Betreiben der nationalistischen, von der DVP geführten Landesregierung Weimar verlassen musste, ernannte Frick Paul Schultze-Naumburg zum Leiter der Vereinigten Kunstlehranstalten. Diese Institution sollte „richtungsgebend und zu einem Mittelpunkt deutscher Kultur“ werden. Im Oktober 1930 ließ Schultze-Naumburg im Van de Velde-Bau der Kunstlehranstalten die Fresken des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer übertünchen.
Wenig später wurden auf Erlass Fricks 70 Gemälde und Grafiken als „entartete Kunst“ aus dem Weimarer Schlossmuseum entfernt. Betroffen waren unter anderem Werke von Otto Dix, Ernst Barlach und Paul Klee. Zum 1. Oktober 1930 wurde schließlich gegen den Widerstand der Jenaer Professoren der „Lehrstuhl für Rassefragen und Rassenkunde“ unter Leitung Günthers geschaffen. Die Rassenlehre Günthers wurden auch im Schulwesen übernommen. So enthielt eine Empfehlungsliste für Schul- und Lehrerbibliotheken des Thüringer Bildungsministeriums vom Dezember 1930 bereits vier seiner Werke.
Kirchenkampf in Thüringen
Die Thüringer Landeskirche hatte, als einzige in der Weimarer Republik, die Möglichkeit nach Artikel 137 Abs. 5 der Weimarer Reichsverfassung genutzt, sich unter Lösung der bisherigen landesherrschaftlichen Territoriengrenzen zu einer einheitlichen Landeskirche zusammenzuschließen. In der Folge entstand die laut Lautenschläger liberalste Verfassung einer Landeskirche in dieser Zeit.Gabriele Lautenschläger, Kirchenkampf in Thüringen. In: Heiden, Mai: Nationalsozialismus in Thüringen. S. 463 f.
In den Jahren 1927/28 entstand um die Pfarrer Siegfried Leffler (Niederwiera) und Julius Leutheuser (Flemmingen) ein Pfarrer- und Lehrerkreis mit engen Bindungen zur NSDAP. Im Februar 1930 wurde aus diesem Kreis heraus nach einem Besuch Adolf Hitlers die Ortsgruppe Wieratal der Partei gegründet. Ein Jahr später trat die kirchliche Gruppierung bei der Kirchenwahl in Altenburg an und erreichte 5 von 16 Mandaten. 1932 begann der Kreis die Briefe an Deutsche Christen herauszugeben, in denen offen nationalsozialistische Propaganda betrieben wurde.
Bei der Kirchenratswahl am 22. Januar 1933, also noch vor der Machtergreifung Hitlers, erzielten die Deutschen Christen (DC) ein Drittel aller abgegebenen Stimmen. Vom 21. April bis 5. Mai 1933 fand ein Landeskirchentag statt. Die DC versuchten, die liberale Kirchenverfassung in Thüringen auszuhebeln. So wurde auf Antrag der Gruppierung beschlossen: „Wer die marxistische oder eine andere materialistische Weltanschauung vertritt, kann nicht Pfarrer der Thüringer evangelischen Kirche sein.“Lautenschläger: Kirchenkampf in Thüringen. S. 466 Mit einem Zusatzantrag erweiterten die DC dieses Berufsverbot auch auf Angehörige der Religiösen Sozialisten, gegen die Stimmen von deren sieben Delegierten. Nach weiteren Beschlüssen des Kirchentages stellten die Deutschen Christen 4 der 11 Mitglieder des Gesetzgebungsausschusses der Landeskirche. Am 15. Mai gelang es dem Gesetzgebungsausschuss, das Ermächtigungsgesetzvgl. RGBl. T. I. (1933), Nr. 25, S. 141 auch kirchenpolitisch umzusetzen. Nunmehr wurde der erweiterte Landeskirchenrat durch den Landeskirchentag ermächtigt, „an seiner (des Landeskirchentages) Stelle auch über die gesetzliche Zuständigkeit hinaus Maßnahmen zu treffen, die zur Gleichschaltung mit dem nationalen Staat und der christlichen nationalen Erneuerungsbewegung erforderlich sind.“Lautenschläger: Kirchenkampf in Thüringen. S. 466 Pfarrer Leuthäuser wurde neben dem späteren Landesbischof Martin Sasse und den als Gestapo-Spitzel tätigen Paul Lehmann in den evangelischen Landeskirchenrat berufen.
Am 23. Juli 1933 fanden allgemeine Kirchenwahlen statt. Die Reichsregierung unter Hitler rief offen zur Wahl der Deutschen Christen auf, wodurch die DC die absolute Mehrheit erreichen konnte. Ab dem 13. Mai 1934 amtierte Sasse als Landesbischof und betrieb die Gleichschaltung der Kirche mit dem Reich. Die Schaffung einer einheitlichen Reichskirche scheiterte vorerst am Widerstand Leutheusers und Lefflers, welche die Einrichtung einer eigenständigen Nationalkirche für Thüringen anstrebten. 1933 wurde, nach Intervention und auf Anweisung Sauckels, die Thüringer Landeskirche in die Reichskirche eingegliedert. In der Folge traten jedoch die innerprotestantischen konfessionellen Gegensätze immer stärker hervor. Vor allem die lutherischen Kirchen strebten eine Abgrenzung zu Kirche der Altpreußischen Union an. Nach einem Jahr wurde die Eingliederung der Thüringer Landeskirche aus diesen Gründen wieder zurückgenommen. Spätestens im Oktober 1934 können die Pläne zur Schaffung der Reichskirche endgültig als gescheitert angesehen werden. Die Bedeutung der Berliner Gruppe der Deutschen Christen ging stark zurück, während die Organisation der Thüringer DC sich weit über die Landesgrenzen hinaus etablieren konnte.
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