Musikwissenschaft, auch Musikologie („Musiklehre“), ist eine Wissenschaft, die sich mit allen Aspekten der Musik und des Musizierens befasst. Sie betrachtet die Musik aus der Sicht aller relevanten Disziplinen; dazu gehören kultur-, sozial-, struktur- und naturwissenschaftliche Ansätze.

Gegenstand der Musikwissenschaft sind dabei sämtliche Ausprägungen von Musik, ihre Theorie, ihre Produktion und Rezeption, ihre Funktionen und Wirkungen sowie ihre Erscheinungsweisen vom akustischen Ausgangsmaterial bis zum komplexen musikalischen Einzelwerk.Meyers Taschenlexikon Musik. Band 2, S. 320.

In jüngerer Zeit wird die Musikwissenschaft verstärkt als interdisziplinär vernetztes Forschungsfeld verstanden, das Ansätze aus Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Digital Humanities und Sozialwissenschaften integriert.

Wissenschaftler auf dem Gebiet der Musikwissenschaft werden Musikwissenschaftler oder Musikwissenschafter genannt.

Teildisziplinen mini|Guido Adler (1855–1941), ein österreichischer Musikwissenschaftler, der das Fach Musikwissenschaft systematisch durchdachte und die Wiener Musikwissenschaft begründete

Die Musikwissenschaft erfuhr nach 1945 eine Ausdifferenzierung, die eine Gliederung in Teildisziplinen notwendig machte. Glen HaydonGlen Haydon: Introduction to Musicology: a survey of the fields, systematic & historical, of musical knowledge & research. 1941, ISBN 0-313-20429-2. (1896–1966) und Friedrich Blume (1893–1975) befürworteten eine Dreigliederung: Historische Musikwissenschaft, auch Musikgeschichte; Systematische Musikwissenschaft; Musikethnologie, auch Ethnomusikologie, heute vorzugsweise Vergleichende Musikwissenschaft genannt.

Diese Dreigliederung löste die von Guido Adler (1855–1941) geprägte Zweiteilung in Historische und Systematische Musikwissenschaft ab. Musikethnologie zählte Adler zum Bereich der Systematischen Musikwissenschaft. Weitere Einteilungen waren die fünfgliedrige Einteilung (Historische, Systematische, Musikethnologische, Musiksoziologische und Angewandte Musikwissenschaft) von Hans-Heinz Dräger (1909–1968) sowie die viergliedrige Einteilung (Systematische Musikwissenschaft, Musikgeschichte, Musikalische Volks- und Völkerkunde sowie Landes- und Gesellschaftskundliche Musikforschung) von Walter Wiora (1907–1997).

Historische Musikwissenschaft Der Gegenstandsbereich der historischen Musikwissenschaft ist Musik und Geschichte. Man verwendet die Quellenforschung, Notenkunde und Notentextanalyse, um Sachverhalte der Vergangenheit aufzudecken. Die historische Musikwissenschaft will Quellen verfügbar machen, durch Musikphilologie erschließen, durch hermeneutische Prozesse verstehen und sie interpretieren.

Erst seit den 1960er Jahren wendet man sich der Musik des 20. Jahrhunderts zu. Vor allem die Geschichte der Europäischen Musik (Kunstmusik) hat sie zum Inhalt. In neueren Ansätzen wird diese eurozentrische Fokussierung kritischer reflektiert und durch inter- und transkulturelle sowie globalgeschichtliche Perspektiven erweitert.

Sie hat verschiedene Teilgebiete:

Die Musikphilologie beschäftigt sich mit Quellenforschung, Textkritik und wissenschaftlicher Edition von Musik. Musikphilologische Methoden schließen zunehmend digitale Methoden ein, vor allem in Bezug auf Modellierung und Musikkodierung sowie auf die Datenvisualisierung. Hauptgegenstand der Musikphilologie ist seit ihrer Begründung im 19. Jahrhundert die notenschriftliche Überlieferung. Analoge und digitale Klangdokumente, aber auch beispielsweise Klavierrollen geraten zunehmend in den Blick der Musikphilologie als Grundlagenforschung. Die Instrumentenkunde behandelt unter historischen Aspekten Bau, Akustik, Klang, Verwendung und Spielweise von Musikinstrumenten. Sie unternimmt Versuche zur Klassifikation der Musikinstrumente und liefert Hinweise zur Aufführungspraxis. Die Ikonografie wertet musikbezogene Bilddarstellungen als Quellen aus, um Erkenntnisse über Musikausübung und -anschauung, Instrumente, über Personen und soziale Zusammenhänge zu gewinnen. Die Aufführungspraxis versucht, die jeweilige Realisierung von Notentexten im räumlich-akustischen, klanglichen, besetzungs- und spieltechnischen Kontext zu erschließen. Sie schafft die Grundlagen für die historische Aufführungspraxis, die eine werk- oder epochengetreue Wiedergabe anstrebt. Die Interpretationsforschung fragt nach den Prozessen des Vermittelns und Deutens musikalischer Werke, sowohl in sprachlicher (hermeneutischer) als auch musikalischer (performativer) Form. Die Notationskunde erforscht die Aufzeichnung von Musik, wobei im Zentrum ihres Interesses die Übertragung von Werken in eine zeitgenössische Notationsform steht. Die Quellenkunde erschließt mit Hilfe philologischer, ikonografischer und diplomatischer Verfahren Primär- und Sekundärquellen zur Musikgeschichte. Die Biografik, im 19. Jahrhundert eines der hauptsächlichen Forschungsfelder in den Kulturwissenschaften, beschreibt das Leben von Personen, deren Schaffen bedeutsam für die Musikgeschichte ist. Die Satzkunde analysiert musikalische Strukturmerkmale wie z. B. Harmonik, Rhythmik, Kontrapunkt, Form oder Melodik. Ihre kompositionsgeschichtliche Forschung ergibt Aussagen über die geschichtliche Entwicklung der Musiktheorie. Die Terminologie deutet und definiert Fachbegriffe, die der Beschreibung von Musik und der Kommunikation über sie dienen. Sie zielt auf die sachliche Klärung und trägt zur allgemeinen Verständigung über Fragen der Musik bei. Die Stilkunde untersucht analog zu anderen Kulturwissenschaften Merkmale von Musik, die über einzelne Werke hinaus Gültigkeit besitzen, um epochen- und genrespezifische Eigenheiten herauszuarbeiten bzw. einen Personal-, Gruppen-, Gattungs-, Regional- oder Nationalstil zu charakterisieren.

Wichtige Hilfsdisziplinen sind: Altertumskunde und Frühgeschichte Musikarchäologie

Systematische Musikwissenschaft Aus dem ursprünglichen Konzept von Adler (1885) (Stichwort: „Gesetzesmäßigkeiten“) sowie der heutigen internationalen Wissenschaftspraxis geht hervor, dass Gegenstand der systematischen Musikwissenschaft nicht in erster Linie spezifische Erscheinungsformen der Musik wie Stücke, Werke, Aufführungen, Traditionen, Gattungen, Komponisten, Stile, Perioden usw., sondern eher die Musik an sich und musikalische Phänomene im Allgemeinen sind.

Um abstrakte, allgemeine Aussagen über Musik zu ermöglichen, ist eine „systematische“ Vorgehensweise nötig (Beispiele: Erkenntnistheorie, Logik, Klassifikation, Messung, Empirik, statistische Analyse, Modellierung, Vorhersage). Im 21. Jahrhundert gewinnen digitale Methoden an Bedeutung, etwa computergestützte Korpusanalyse, algorithmische Modellierung sowie Anwendungen aus dem Bereich der Digital Musicology.

Die Systematische Musikwissenschaft ist in folgende Einzeldisziplinen gegliedert: Die musikalische Akustik untersucht die physikalischen Grundlagen des Schalls, der von Klangerzeugern ausgehend und unter raumakustischen Bedingungen unterschiedlich wahrgenommen wird.Donald E. Hall: Musikalische Akustik: Ein Handbuch. Schott-Verlag, Mainz 2008. ISBN 978-3-7957-8737-0 Die Musikphysiologie beschäftigt sich einerseits als Stimm- und Gehörphysiologie mit den physiologischen Gegebenheiten von Bau und Funktion des menschlichen Stimm- bzw. Hörapparates (Ohr, Hörnerv, Cortex), andererseits untersucht sie als Physiologie des Instrumentalspiels Muskelaufbau und Motorik bei der musikalischen Tätigkeit sowie die psychophysiologischen Vorgänge beim Musizieren. Ihre Ergebnisse fließen gleichermaßen in Musiktherapie wie in musikpädagogische Lehre ein.Wolfgang Ellermeier, Jürgen Hellbrück, Josef Schlittenlach: Physiologische und psychoakustische Grundlagen des Hörens. In: Stefan Weinzierl (Hrsg.): Akustische Grundlagen der Musik (= Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft. Band 5). Laaber, Laaber 2014, ISBN 978-3-89007-699-7, S. 31–78. Die Ton- oder Hörpsychologie befasst sich als eigenständiges Teilgebiet der allgemeinen Musikpsychologie mit psychologischen Vorgängen der auditiven Wahrnehmung, psychoakustischen Erscheinungen und den Bedingungen, unter denen Reize aufgenommen, verarbeitet und beantwortet werden. Die Musikpsychologie beschäftigt sich mit den Grundlagen, Bedingungen und Folgen der Musikwahrnehmung in gestalt- und in kognitionspsychologischer Hinsicht. Sie untersucht sowohl Reaktionen auf elementare Parameter (Tonhöhe, Lautstärke usw.) als auch komplexe Erscheinungen wie Musikalität und die daraus entstehenden Folgen für die Musikwahrnehmung. Dazu bedient sie sich u. a. statistischer und informatischer Arbeitstechniken.Helga de la Motte-Haber: Musikpsychologie. Eine Einführung (= Musik-Taschenbücher. Band 14). 3. Auflage. Laaber-Verlag, 1984, ISBN 3-89007-010-8. Die Musiktherapie untersucht die Möglichkeiten der Nutzung der Musik zur Verbesserung der Gesundheit und zur Heilung von Krankheiten.Rosemarie Tüpker: Die therapeutische Nutzung von Musik: Musiktherapie. In: Helga de la Motte-Haber, Günther Rötter (Hrsg.): Musikpsychologie (= Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft. Band 3). Laaber-Verlag, Laaber 2005, ISBN 3-89007-564-9, S. 339–356. Die Musiksoziologie untersucht mit Hilfe soziologischer Methoden die Beziehungen zwischen Musik und Gesellschaft sowie den in ihr vorhandenen Institutionen, um kausale Zusammenhänge der wechselseitigen Beeinflussung zu erkennen. Gegenstände dieser Teildisziplin sind das musikalische Schaffen und seine Rezeption, die mit den Mitteln der Sozialwissenschaft analysiert werden. Die häufige Überschneidung mit anderen Wissenschaften ergibt eine Verflechtung zu anderen Teildisziplinen, z. B. zur Musikpsychologie bei sozialpsychologischen Fragestellungen oder zur Ethnosoziologie bei Gegenständen außerhalb des westlich-europäischen Kulturraums.Helga de la Motte-Haber, Hans Neuhoff (Hrsg.): Musiksoziologie (= Handbuch der systematischen Musikwissenschaft. Band 4). Laaber-Verlag, Laaber 2007, ISBN 978-3-89007-565-5. Die Musikphilosophie als Element der Systematik und bestimmend für ihre geisteswissenschaftliche Ausrichtung untersucht die Frage nach dem Wesen der Musik. Neben ontologischen und ästhetischen Aspekten der anderen musikwissenschaftlichen Teilbereiche reflektiert sie Form, Sinn, Bedeutung und kommunikative Strukturen der Musik zunehmend mit semiotischen Mitteln.Richard Kleine: Musikphilosophie zur Einführung. Junius, Hamburg 2019. ISBN 978-3-88506-087-1. Die Musikästhetik beschäftigt sich mit den Grundlagen der sinnlichen Erkenntnis der Musik, des Schönen in der Musik sowie dem Verstehen und Bewerten von Musik vor dem Hintergrund ihres jeweiligen historischen Kontextes. Ursprünglich ein Teilgebiet der Philosophie, etablierte sich die Musikästhetik mit Theodor W. Adorno auch als Teilgebiet auch innerhalb der Musikwissenschaft.Helga de la Motte-Haber (Hrsg.): Musikästhetik (= Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft. Band 1). Laaber-Verlag, Laaber 2003, ISBN 978-3-89007-562-4.